Wein-Panscherei in Österreich Ein Prosit auf das Frostschutzmittel

Tote Fische in den Kanälen, Straßensperren, Hysterie in den Medien: Mitte der Achtzigerjahre wurde in österreichischen Weinen Frostschutzmittel gefunden und ein echter Krimi entspann sich. Dem Wein hat der Skandal gut getan.

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Die Welschriesling Beerenauslese, Jahrgang 1981, schimmerte goldgelb im Glas des Inspektors. Sie hatte herrliche Noten von Honig und Met und jenen schweren öligen Schimmer, der einen edlen Wein auszeichnet. Doch als der Weininspektor aus Österreich das Prüfergebnis der Beerenlese vom 25. Juli 1985 erhielt, stockte ihm der Atem. Der Süßwein aus dem Hause Sautner aus Gols wies den höchsten Anteil des Frostschutzmittels Diethylenglycol aus, der je gemessen worden war: 48 Gramm pro Liter - genug, um ein Trinkerleben zu gefährden.

Als Glykolwein-Skandal brachten die 1985 aufgedeckten Weinverfälschungen österreichischer Winzer eine ganze Branche in Verruf. Die juristischen Kämpfe um den von der "Welt" zur "Mutter aller Panschereien" erhobenen Skandal sollten noch Jahre andauern.

Ein Unbekannter wie im Krimi

Erste Ungereimtheiten waren bereits im November 1984 zutage getreten. Im Finanzamt Eisenstadt, einer beschaulichen Stadt am Fuße des Leithagebirges in Österreich, saß ein Beamter über der Steuererklärung des Winzers Siegfried Tschieda aus Seewinkel. Tschieda wollte darin große Mengen an Frostschutzmittel absetzen. Aber warum nur? Der Beamte informierte seinen Chef. Trotzdem blieb es nur bei einem vagen Verdacht.

Es dauerte bis zum 21. Dezember 1984, bis dieser sich erhärtete - in einer Szene wie aus einem Kriminalroman: An jenem Tag tauchte ein geheimnisvoller Mann in der landwirtschaftlich-chemischen Bundesanstalt im zweiten Wiener Gemeindebezirk auf. Er stellte ein Fläschchen auf den Labortisch der Lebensmittelprüfer. Darin leuchtete eine helle Flüssigkeit, dick wie Sirup. Der Mann raunte mit deutschem Akzent: "Das verwendet die österreichische Weinfälscherszene." Er weigerte sich, seinen Namen zu nennen und verschwand, ohne sich weiter zu erklären oder die Substanz zu benennen.

Doch die Chemiker hatten den Stoff bald analysiert: Es war Diethylenglycol, ein Frostschutzmittel, das viele Winzer offenbar nicht nur zu seinem ursprünglichen Zweck verwendeten. Sie hatten ihre Produkte mit der Frostschutzchemikalie versetzt, um mehr süffige Süße hinein zu zaubern. Aus gewöhnlichem Tafelwein wurde so im Handumdrehen ein süßer und öliger Prädikatswein, der sich teurer verkaufen ließ. Fieberhaft machten sich die Lebensmittelprüfer daran, im Labor ein Verfahren für den Nachweis der Substanz zu entwickeln.

Aale schwammen tot im Kanal

Als sie schließlich begannen, den Panschern mit Weinanalysen nachzustellen, streckten die Winzer den Wein großzügiger - oder kippten ihn gleich in die Kanäle um das malerische Gols, in denen bald Aale obenauf schwammen. Der Kanal Richtung Neusiedlersee stank und schäumte erbärmlich. Ein Winzer versteckte seine Restbestände sogar in einem ehemaligen Wehrmachtstollen.

Ein halbes Jahr, nachdem der Unbekannte im Wiener Labor aufgekreuzt war, es war der 9. Juli 1985, trat Bundesgesundheitsminister Heiner Geißler ins Fernsehen und warnte die deutschen Verbraucher vor dem österreichischen Wein. Erst lachte man in Deutschland noch über Österreichs Winzer und ihren Frostschutzwein. Im Fernsehen kippten Journalisten ironisch Eiswein in den Autokühler, um an das Frostschutzmittel zu erinnern.

Doch nicht nur österreichische Winzer waren in den Skandal verstrickt, sondern auch Großabfüller aus Deutschland. Glykol war auch in deutschen Weinen gefunden worden, auffallend oft in Proben der Pieroths, der Familie des Berliner-Wirtschaftssenators Elmar Pieroth von der CDU. Es stellte sich heraus, dass deutsche Weine unerlaubterweise mit österreichischen Weinen verschnitten worden waren - und auf diesem Weg auch mit Frostschutzmittel.

Die Pieroths, damals Marktführer in Deutschland, waren im Juli 1985 gerade auf dem Weg in ihren Türkei-Urlaub, als sie Geißler im Autoradio hörten. Man habe den Campingbus gewendet und den Rest des Sommers damit verbracht, österreichische Weine, die sie importierten, bei den Kunden einzusammeln, erinnerte sich Andreas Pieroth, damals noch Teenager, in der "Welt". Nach diesem Sommer waren 90 Prozent des Pierothschen Betriebskapitals vernichtet.

Keller-Razzien und Omas Eiswein

Das Pieroth-Imperium hatte mehr als 2000 Weinberater. Tauchten die nun beim Kunden auf, bei Professoren, Ärzten, Beamten und Weinliebhabern, schlugen ihnen Misstrauen und bohrende Fragen entgegen. Die deutsche Staatsanwaltschaft begann, gegen das Haus Pieroth und andere zu ermitteln. Nach mehreren Instanzen wurde das Verfahren gegen Pieroths Führungskräfte 1996 gegen ein Bußgeld von einer Million D-Mark eingestellt, da keine individuelle Schuld nachgewiesen werden konnte.

Merkwürdigerweise wurden sogar in einem Deputatwein der Weinhändlerfamilie aus den eigenen Pieroth-Reben aus dem Anbaugebiet Rümmelsheim-Burg Layen Glykolreste gefunden. Der Wein war nur für die Geschäftsleitung selbst bestimmt gewesen und nicht zum Verkauf - weshalb ein Panschen aus Kostengründen hier gar keinen Sinn gemacht hätte. Ein junger Kellermeister, der mit der Süße des Weines habe imponieren wollen, wurde zur Verantwortung gezogen und gefeuert. Die Geschäftsführung, so beteuerte das Unternehmen, habe nichts gewusst.

Die Pieroth-Firmengruppe hatte zahlreiche Unterfirmen, von der Sektkellerei bis zum Weingut in Baden oder im Rheingau, was dazu führte, dass die Glykolweine flächendeckend in der ganzen Bundesrepublik auftauchten. Sogar Landespolitiker schienen in den Panschskandal verstrickt zu sein - so wurden etwa der Mainzer Wein-Staatssekretär Ferdinand Stark und zwei seiner ranghöchsten Ministerialbeamten infolge des Skandals zwangsversetzt.

Unter den Giftpanschern in Deutschland waren pikanterweise auch solche, deren Beerenlesen jüngst noch Preise gewonnen hatten. Die Folge: Die ganze Winzer-Branche geriet in Verruf. Bald demonstrierten ehrliche Winzer gegen die "Gly-Kohl-Regierung" und die Pieroths.

Das Weinwunder nach der Weinkrise

In Österreich artete der Skandal derweil vollends zum Krimi aus: Immer mehr Wein-Inspektoren spürten den Winzern hinterher. Bei Keller-Razzien wurden doppelte Tanks in Kellern entdeckt, vorne der saubere Wein, hinten die Pansch-Fässer. Kontrollen in den Weinanbaugebieten muteten mit ihren Straßensperren an wie Szenen aus Polizeiserien. Bereits in Weinjahrgängen von 1973 stellten die Inspektoren nun Glykol fest - die chemischen Tricks waren also schon lange eingesetzt worden. Sogar die "New York Times" hob den Wein-Skandal auf ihre Titelseite. Mit Hysterie wurden plötzlich auch alte Todesfälle beleuchtet: Woran war Oma wirklich gestorben? War es nicht vielleicht dieser verdammt süße Eiswein gewesen? War Frostschutzmittel darin gewesen?

Todesfälle infolge des Konsums gepanschter Weine konnten nicht nachgewiesen werden. Doch der wirtschaftliche Schaden belief sich auf 18 Millionen D-Mark. Und da war noch ein anderes Problem: Wohin mit dem Rebensaft? Vier Millionen Liter Wein wurden insgesamt beschlagnahmt und mussten entsorgt werden. In den Kanal konnte man den gepanschten Wein nicht kippen, das hatten die Aale gezeigt. Schließlich erklärte sich eine Zementfabrik bereit, ihre Brennöfen mit dem Frostschutz-Wein zu kühlen.

Österreich allerdings legte infolge des Skandals eines der strengsten Weingesetze der Welt auf. Heute nennen die österreichischen Winzer die Krise ihr "Weinwunder", denn seitdem habe man eine sagenhafte Wein-Qualität. Und viele Winzer, die damals in den Knast wanderten, sind heute wieder hoch angesehen im Geschäft.




insgesamt 19 Beiträge
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Anders Rom, 08.07.2015
1. Also, es hat sich viel getan bei den A-Winzern,
manche einzelne sind ja schon ok, aber die grosse Masse baut auf Technik und Chemie um das Fehlende auszugleichen......Kationentauscher und alles Moegliche.....also nicht mehr toedlich - wenigstens. Ansonsten kann man in A gut Skifahrenen, warum dann auch noch ausgerechnet Wein machen? Servus und Prost, der Sepl
Volker Kraus, 08.07.2015
2. Ja, so war's...
Gelungener Rueckblick - ich kann mich noch recht gut an die Schlagzeilen damals erinnern. Ich war damals ein junger Teenager und hoerte zum ersten Mal von Glykol - nichtsahnend, dass mich diese Substanz noch jahrzehntelang indirekt begleiten wuerde im spaeteren Studium und Beruf als Chemiker. Selbst jetzt sind Glykolderivate noch wichtige Komponenten in meinem aktuellen Beruf - nur mit Wein hat das gluecklicherweise nichts zu tun dabei.
Manuel Lisa, 08.07.2015
3. das zeigt einmal mehr...
....der Mensch ist hemmungslos, wenn es ums liebe Geld geht.
Wolfram Schulz, 08.07.2015
4. Schade, nichts gelernt
Welche Alternativen werden heute angewandt und was wird gepanscht? Das Etikett hat genug Platz alle Inhaltsstoffe aufzuführen.
Peter Lurz, 08.07.2015
5. Ein zeitgenössischer Witz dazu:
Ein alter Pfälzer Winzer liegt im Sterben und will seinen Söhnen noch ein letztes Geheimnis anvertrauen. Sie lauschen gespannt und hören ihn murmeln: "Wein kann man auch nur mit Trauben machen!"
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