Lebenswege Harte Beats und dicke Bücher

Swing-Kid unterm Hakenkreuz, Sowjet-Häftling in Sachsenhausen, Exilant im eigenen Land: Kein Wunder, dass die Autobiographie von Giwi Margwelaschwili sechs Bände umfasst.

Giwi Margwelaschwili

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Drei Dinge gibt es, die Giwi Margwelaschwili davon abhalten, als gramgebeugter Mann durchs Leben zu gehen: Die Schriftstellerei, der Swing und der gute Napfkuchen vom Berliner Bäcker gleich um die Ecke. Eigentlich sei sein Leben gar nicht spannend, raunt der kleine Mann mit dem wirren Schopf zu Beginn der Unterhaltung. Es ist ihm unangenehm, dass er anlässlich seines 80. Geburtstags von sich selbst erzählen soll.

Warum der ganze Zinnober? Lest einfach meine Bücher, da steht mein Leben drin! Das wäre Giwi Margelaschwili am liebsten. Doch die meisten Menschen sind zu denkfaul, um Spaß an seiner diebischen Freude am Strukturieren und Fabulieren zu haben, finden es anstrengend, dass die Buchfiguren Kontakt zu ihnen suchen oder sie komplexen Wortspielen folgen müssen. Kurzum: Das turbulente Leben des Goethe-Medaillen-Trägers und Mitglieds des ehrwürdigen PEN-Clubs ist der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt - weil sich seine Bücher so schwer verkaufen.

Zwei Bände seiner Autobiographie sind bisher in Deutschland erschienen, vier weitere harren in den Schubladen der winzigen Wohnung im Berliner Wedding der Veröffentlichung. Hier, im vierten Stock eines grauen Hochhauses, unweit der "Plumpe", der historischen Hertha-BSC-Vereinsgaststätte, lebt der Schriftsteller und schreibt unbeirrt weiter, vom Morgengrauen bis in die Nacht hinein - ob ihn nun einer liest oder nicht. Hätte er sein Leben nicht vielleicht in leichter verdaulichen Stücken aufschreiben sollen, um mehr Leser zu erreichen? Nein, schnaubt er, "ein Buch muss dick sein, anstrengend und schwer zu lesen, alles andere ist Wasser". Und erzählt dann doch aus seinem Leben; der Napfkuchen auf dem Küchentisch und die Erinnerung an die Kindheit im Berlin der Kriegs- und Vorkriegszeit stimmen ihn versöhnlich.

Wunderwaffe Swing

Zwar fielen Bomben und verbrachte die Familie ganze Nächte im Luftschutzkeller. Und natürlich war Hitler, so Margwelaschwili, "ein widerwärtiger Kerl". Trotzdem gehören die Jahre bis 1945 für ihn zu seiner glücklichsten Zeit. Weil er sich zum ersten und einzigen Mal im Leben angenommen fühlte. "Kinder machen keine nationalen Unterschiede", sagt der 1927 in Berlin geborene Mann. Seine Eltern, erklärte Sowjetgegner, waren 1921 aus Georgien nach Deutschland emigriert, um den Todestrupps der Bolschewiken zu entfliehen, die dort politische Gegner reihenweise ermordeten. In Deutschland kümmerte der sperrige Nachname Giwis seine Kinderfreunde nicht, ebenso wenig wie die Tatsache, dass seine Mutter sich 1931 umgebracht hatte, der das Exil in Deutschland unerträglich geworden war.

"Was die Nazis schwatzten, interessierte uns nicht", sagt Margwelaschwili, wohl aber störte die Jungs die "unerträgliche Marschmusik auf den Plätzen". Doch gegen die gab es ja eine Wunderwaffe: den Swing! "Uns Steppkes zogen diese Klänge magisch an", ruft Margwelaschwili und sitzt auf einmal ganz aufrecht da: "Der Beat, das war der Puls des Lebens, primitiv aber wunderbar." So oft es ging, trafen sich Giwi und seine Gang, um die neuesten Platten aufzulegen und zu tanzen. Bei sturmfreier Bude in den Wohnzimmern der Eltern, sonst in den Kneipen, etwa der legendären "Rosita-Bar" am Nürnberger Platz, wo der italienische Musiker Tullio Mobiglia auftrat. "Ein Geschlenker war das Getanze, keinen Regeln mehr unterzogen, ein Symbol der persönlichen Freiheit", erinnert sich Margwelaschwili und bekommt leuchtende Augen.

Benny Goodman, Glenn Miller, Duke Ellington gehörten zu den Ikonen seiner Jugend, vor allem aber Artie Shaw. "Was, Sie kennen Artie Shaw nicht?" Umständlich kramt der Schriftsteller eine CD hervor, legt den Song "Deep Purple" auf und beginnt versonnen hin- und herzuwippen. Die Nierenprobleme, die nachlassende Sehkraft, die Last des jahrzehntelangen Exils, die undankbaren, Bestseller-weichgespülten Leser, mit einem mal scheint alles wie fortgeblasen. Der Beat regiert, alles andere steht still, sogar die S-Bahn, die unablässig draußen unter seinem Balkon vorbeirattert.

Mit Jazzplatten in die Kinderlandverschickung

"Meine Plattensammlung war mir heilig", sagt Margwelaschwili. So heilig, dass der Teenager sie, als seine Schulklasse wegen der Luftangriffe aus Berlin raus muss, mit ins Lager der Kinderlandverschickung nimmt - obwohl die Nazis längst aktiv gegen die Swing-Kids vorgingen. "Der Swing war ein Lebensgefühl, das Sauerstoffkissen, in dem wir unsere Wut austanzten", sagt Margwelaschwili.

Von den Schergen Hitlers blieb er - im Gegensatz zu zahlreichen anderen Swing-Kids - unbehelligt. Erst nach Kriegsende endet seine bis dahin unbeschwerte Jugend jäh - in den Kellerverließen der sowjetischen Militärkommandantur. Ein vom sowjetischen Geheimdienst NKWD geköderter Freund der Familie aus Georgien war es, der Vater und Sohn Margwelaschwili im Februar 1946 aus der Wilmersdorfer Wohnung nach Ostberlin lockte. Eine schwarze Limousine holte die beiden ab und fuhr durch das Brandenburger Tor direkt nach Weißensee. Bei dem georgischen Freund kamen die beiden nie an, und den Vater sollte Giwi nicht wiedersehen. Der Professor und erklärte Gegner der Zwangssowjetisierung seiner Heimat wurde nach Moskau deportiert und dort erschossen. Der Sohn blieb am Leben und wurde "kaltgestellt", wie Margwelaschwili es ausdrückt: "Ich musste der stumme Zeuge bleiben, der ich war."

Nachdem die Sowjets ihn einen Monat lang in die Kellerbunker der Kommandantur gesperrt hatten, verlegten sie ihn im April 1946in ein Zwischenlager in Hohenschönhausen und von dort aus weiter ins ehemalige NS-Konzentrationslager Sachsenhausen, in dem nun die Sowjets ihre Gegner einpferchten "Die Sowjets haben uns nicht ermordet, sondern dem Tod überlassen", sagt Margwelaschwili und lacht heiser, wie immer, wenn die Schilderung besonders bedrückend wird, "das war der einzige Unterschied zu den Nazis."

Der junge Mann hatte Glück im Unglück. Im Herbst 1947, nach eineinhalb Jahren Lager, als er vor Unterernährung schon längst Wasser in den Beinen hatte und Sachsenhausen seiner Auflösung entgegenging, expediert der Geheimdienst den Waisen nach Georgien zu einer Tante in Tiflis. Das Exil in der Heimat der Eltern begann - und mit ihm das Gefühl des Fremdseins, das Margwelaschwili bis heute nicht ganz verlassen mag.

Lebende Löwenbräu-Löwen und Candida-Zigarettendamen

Die Tante, die ihren Neffen noch nie gesehen hatte, verlangte Papiere zum Beweis, und erst eine Vorladung bei der Polizei überzeugte sie von der Echtheit der verwandtschaftlichen Bande. Ohne ein Wort Georgisch zu sprechen, schlüpfte Giwi bei ihr unter. Erst allmählich legte der damals 20-Jährige seine Trotzhaltung ab, fügte sich seinem Schicksal, hinter dem Eisernen Vorhang eingesperrt zu sein. Er beginnt zu studieren, Germanistik natürlich. Einmal nach Berlin zurückkehren: Diesen Wunschtraum gab er niemals auf. "Die Freiheit wächst leise wie Gras", las der Student bei "Doktor Schiwago", dem verbotenen Roman Boris Pasternaks, und klammerte sich daran: "Ich wusste, dass der Riese Sowjetunion eines Tages platzen würde, weil er sich überfressen hat."

Ähnlich lebenserhaltend: die Lektüre des "Spiegel". Achtlos fortgeworfen von westdeutschen Touristen, die seit der Chruschtschow-Ära auch an der georgischen Riviera Urlaub machten, avancierten besonders die Reklamefotos zum Lebenselixier: ein Fenster zum Westen, das zum Träumen einlud. Eine Erfahrung, die er später literarisch verarbeitete - im Band IV des "Kapitän Wakusch" springen die Löwenbräu-Löwen und Candida-Zigarettendamen aus dem "Spiegel"-Werbefoto in die Realität hinab und werden von der georgischen Jugend enthusiastisch gefeiert. Der Literat Heinrich Böll jedenfalls war beeindruckt vom Giwis Spiel mit den "Buchpersonen" als er Margwelaschwili 1967 in Tiflis besuchte.

"Ich bin gedoppelt"

Seinerseits suchte Margwelaschwili nach jeder Möglichkeit, ins ersehnte Deutschland zu reisen. Dreimal gelang es ihm, dann handelte er sich ein Ausreiseverbot ein: Unerlaubterweise hatte er in Berlin den Liedermacher Wolf Biermann zu Hause in der Chausseestraße 131 besucht; der gibt ihm "ein Privatkonzert", wie Giwi sagt, aber der Preis ist sehr hoch. Erst 1990, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, durfte Margwelaschwili wieder an seinen Geburtsort zurückkehren - mit im Gepäck: anderthalb Regalmeter unveröffentlichte Manuskripte. Ein Freund, der Ost-Berliner Publizist Ekkehard Maaß, half, einen Teil zu veröffentlichen.

Maaß war es auch, der sich mit anderen Prominenten wie Wolf Biermann oder dem Schauspieler Armin Müller-Stahl dafür einsetzte, dass Margwelaschwili nicht erneut nach Georgien abgeschoben wurde. 1994 erhielt Giwi auf Betreiben des Bundespräsidenten Roman Herzog sogar die deutsche Staatsbürgerschaft. Dennoch, er spürt, dass er auch hier nicht ganz dazugehört, immer wieder als Fremder wahrgenommen wird. In der U-Bahn pöbelte ihn unlängst ein Mann an, am anderen Tag riss jemand seinen langen Nachnamen vom Briefkasten im Erdgeschoss.

"Ich bin gedoppelt", schließt er seinen Bericht über sich selbst. Der Napfkuchen ist fast alle, leise dudelt "Take Five" von Dave Brubeck im Hintergrund. Er bleibt in Berlin an seinem Geburtstag, nach Georgien zu seiner Tochter Anna und den zwei Enkeln reist er nicht, zu teuer der Flug. Er lebt "wie ein Student, auf kleiner Gasflamme", wie er sagt. Doch er lebt, endlich wieder in Berlin, endlich wieder zu Hause. Den Pennern und Fremdenhassern zum Trotz. Freundlich komplimentiert er die neugierige Besucherin hinaus. Weil er weiterschreiben muss. "Mein Computer wartet auf mich", sagt er väterlich und schließt die Tür.

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