Led Zeppelin Die Götter kehren zurück

Früher lasen Opas ihren Enkeln vor. Heute zwängen sie sich in enge Hosen und kreischen vor ihren Enkeln anstößige Lieder: Im Dezember 2007 gab die Band Led Zeppelin in London ihr erstes großes Konzert seit fast 30 Jahren. Stefan Krulle kennt das Erfolgsgeheimnis der Hardrock-Veteranen.

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Meine erste Begegnung mit Jimmy Page fiel in den Frühling 1977, sie fand im Wohnzimmer meiner Eltern statt, die an diesem Abend glücklicherweise nicht zugegen waren. Im dritten (und damals letzten) Programm lief Michelangelo Antonionis Film "Blow Up", und der Schauspieler David Hemmings im Film sah gerade ungefähr so staunenden Gesichtes wie ich vor dem Fernseher einer Band beim Explodieren zu, in der jener Page eine von zwei Gitarren spielte. Am nächsten Tag fuhr ich nach Hamburg und kaufte mir eine Platte der Gruppe. Es war mein siebtes Album und stand nun neben Status Quo, Uriah Heep, Janis Joplin, Santana, Creedence Clearwater Revival und Jimi Hendrix. Irgendwie war ich wohl zu spät geboren worden. Und aus irgendeinem Grund schon damals allen Trends abhold, sonst hätte ich mir doch lieber eine Sicherheitsnadel durch die Haut gestochen, einen Irokesen rasiert und wäre bis zu meiner Läuterung als Punk durch die Welt gewandelt. Aber zwei Akkorde waren mir da leider schon zu wenig, ich sah mir lieber im Kino "Woodstock" an und trommelte mir zu Sly Stones Eskapaden blaue Flecken auf die Oberschenkel.

Dem gelinden Fehlkauf "Five Live Yardbirds", auf dem nämlich weder Page noch Jeff Beck an der Gitarre standen, sondern noch Eric "Slowhand" Clapton, der niemals zu meinen Göttern zählte, ließ ich Hunderte weiterer Alben folgen und verlor dabei den Namen Jimmy Page nie aus den Augen. Bizarr genug, dass es einem gefährlich weinseligen Schulfest 1979 zu schulden ist, dem Yardbirds-Album fortan die Plastikschutzhülle zu versagen und sie einer anderen Platte überzuziehen. Verliebt und ohnedies pubertär verwirrt riss mich ein Lied aus allen Engtanzträumen und ließ mich Promille-belastet als Freistiltänzer delirierend dilettieren. Am nächsten Tag schwänzte ich die Schule und wurde bei meinem Hamburger Plattendealer vorstellig. "Led Zeppelin II" war für 12 Mark 90 vorrätig und enthielt besagten Song, "Whole Lotta Love".

Unrettbar verloren an die Musik

Zwei Jahre später schwappte die Neue Deutsche Welle übers Land und durchnässte auch mir die Schuhe. Seltsamerweise war auf dem Lande, wo ich lebte, das Späthippietum noch immer sehr lebendig und existierte neben den neuen, eher simplen Klängen in friedlicher Nachbarschaft. Im "Auenland" weit vor den Toren Hamburgs, wohin ich jedes Wochenende trampte, spielten mal Trio, dann Ton Steine Scherben, mal Embryo, dann die Erste Allgemeine Verunsicherung. Alte Teppiche, Sperrmüllmöbel, KifKif in der Teestube und Schmalzstullen in der Kneipe davor, in dieser Umgebung ging ich unrettbar verloren an die Musik. Vor dem Konzert irgendeiner finnischen Band lief in der umgebauten Bauernscheune "Dazed And Confused", und ich rannte zum DJ. Der lachte nur und meinte, den Song an sich gebe es schon zu kaufen, diese Version hier allerdings stamme von einem ultrararen Bootleg. Ich habe dieses nie bekommen, obwohl ich damals keine Plattenbörse ausließ.

Es folgten Jahre, die ich musikalisch mit Reggae und alten Liedern überstehen musste. Die furchtbaren Achtziger. Als messianische Figuren wie Bono und Robert Smith groß wurden und mein geliebter Rock 'n' Roll von hedonistischem Pop ersetzt zu werden drohte. Manchmal saß ich damals desillusioniert zu Hause, hörte zweimal Pink Floyds "Echoes" hintereinander und danach "Moby Dick" und "The Ocean" von Led Zeppelin und vielleicht noch ein bisschen Jimi Hendrix. Ich kaufte mir meinen ersten Video-Recorder und das Woodstock-Konzert auf VHS dazu. Im Kino lief sowas ja längst nicht mehr, und das TV war schon privat geworden und hatte sich johlend auf Talfahrt begeben. Sogar zu Eric Clapton fand ich damals zurück, ich hörte jene Epen, die er noch als ein Drittel von Cream verzapft hatte.

Begegnung mit Robert Plant

Dann begann ich, mich mit Musik beruflich zu befassen. Seltsamerweise führte mich das weg von meinen alten Helden, nicht aber von den alten Idealen. 1994 weilte ich zum ersten Mal in New York City, lief mir stundenlang die Hacken auf dem Broadway ab und fuhr abends ausgerechnet nach New Jersey. Dort spielten Page & Plant mit ägyptischen Musikanten und einem britischen Drehleier-Spieler zusammen ein Konzert, und nach bloß zehn Minuten war ich zurück in der guten, alten Zeit.

Acht Jahre danach saß ich in einer Hamburger Hotel-Suite, nippte am lauwarmen Kaffee und durfte dann ihm die Hand geben. Robert Plant. Wow! Kurz davor hatte er eine Tour absolviert im Vorprogramm von Lenny Kravitz, dem prominentesten Strauchdieb auf Beutezug in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern, dessen Repertoire ohne Led Zeppelin, Sly & The Family Stone und Consorten gar nicht denkbar wäre. Plant machte gute Mine zum bösen Spiel und bot den erwarteten Hit-Reigen an. Jetzt saß er da, trank ebenfalls lauwarmen Kaffee und ereiferte sich.

Schuld an allem, lamentierte Plant, sei sowieso nur Phil Collins. Led Zeppelin hatten zu ihren besten Zeiten möglichst niemandem Interviews gegeben, "aber Phil hat irgendwann das Gerücht verbreitet und dann auch noch selbst lächelnd untermauert, ein Rockstar könne ein netter Kerl sein. Das ist natürlich kompletter Quatsch, wird aber seither von allen möglichen Leuten für bare Münze genommen". Plant promotete damals sein bislang bestes Solo-Album "Dreamland", vier Jahre später veröffentlichte er mit "Mighty Rearranger" ein noch besseres. Niemand musste nach diesen Genie-Streichen auf Neuigkeiten von Led Zeppelin hoffen, es wäre in Ordnung gewesen, die alte Band in Frieden ruhen zu lassen.

Musiker verlieren sich in ihrer eigenen Schöpfung

Trotzdem ist mein Name jetzt im Internet notiert. Als die Wiedervereinigung von Led Zeppelin für ein angeblich einziges Konzert in London bekannt gegeben wurde, ließ ich mich für einen Billigflug vormerken und bewarb mich virtuell für Eintrittskarten. Leider mit gut 20 Millionen Anderen, und Losglück war mir noch nie beschieden. Aber ich kenne jemanden, der hinfährt, und den werde ich dann später löchern. Erst mal habe ich mir eine neue Nadel für meinen Plattenspieler gekauft und lasse dort gerade meine Bootlegs kreisen. Total fahrige Konzertaufnahmen, auf denen Vierminüter plötzlich eine halbe Stunde dauern und Musiker sich in ihrer eigenen Schöpfung verlieren. Der Sound ist medioker, mich aber stört das nicht. Ich finde also langsam zum MP3-Standard, dem ich mich so lang verweigert hatte.

Überall grinsen einem jetzt Page und Plant, John Paul Jones und Jason Bonham, der seinen 1980 verstorbenen Vater John am Schlagzeug ersetzen wird, entgegen. Das Konzert am kommenden Montag, von dem niemand wissen kann, ob es den Besuch lohnen wird, handelt man als Rock-Ereignis: die Wiedervereinigung der Götter nach 27 Jahren. Auf den ersten Blick ist das so, als hätte jemand mitten in der Beatlemania plötzlich einen späten Auftritt Duke Ellingtons zum Event verklären wollen. Aber natürlich ist es anders: Mit Led Zeppelin kehren die Stichwortgeber dreier Rock-Generationen auf die Bildfläche zurück, und weil sie leider kaum wohl geratene Kinder und Enkel haben, bemerkt man sie sofort. Das ist ihr Geheimnis.

Früher hat uns Opa sonntags vorgelesen und mit Sahnekaramell versorgt, jetzt zieht er sich enge Hosen an und singt uns anstößige Lieder zum Phon-Gewitter. Wenn das nicht tolle Zeiten sind, dann weiß ich auch nicht.



insgesamt 2 Beiträge
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Wolfgang Reiß, 08.12.2007
1.
Als ich 2005 Robert Plant hier in der muffigen Columbiahalle sah und wie er dann nach mehreren Spülungen zur Hochform auflief,dachte ich mir.............."Tritt Plant &Co als Ursprungskapelle noch einmal auf,seh ich und hör ich mir das Grüppchen noch einmal an. Morgen mach ich mich auf den Weg zu einem Tarif,da lege ich mal den Mantel des *schreibialen*Schweigens drüber....;-)
Frank Alvermann, 08.12.2007
2.
Angesichts des Hypes, der um das Konzert gemacht wird, befürchte ist, daß die Enttäuschung auf dem Fuße folgen wird. Ich bin wahrlich auch ein großer Fan der Band und wie der Autor knapp an deren aktiver Zeit vorbeigeschrammt, da ich erstmals 1978 "Rock`n`Roll" hörte und der Band dann verfiel. Schon die Auftritte der Restband bei Liveaid (1985?) waren eher enttäuschend und jetzt werden sie wohl wieder nur einige wenige Songs spielen und kein ganzes Konzert. Sicher, ich würde auch den linken Arm meiner Frau für ein Ticket hergeben, aber eher konnte man zuletzt 43 Millionen gewinnen als ein Ticket für dieses Konzert. Aber wie gesagt, ich befürchte eine erhebliche Ernüchterung. Die siebziger Jahre sind definitiv vorbei. Die Musik mag ich noch gerne hören, aber die Zeiten sind andere. Das Feeling eines Led Zep-Konzertes aus jener Zeit lässt sich heute nicht mehr erzeugen. Ich habe ein Konzert (das ich nie gesehen habe) in Buchform verarbeitet. So was macht Spaß. Aber Zurückholen lässt sich die Zeit nicht. Trotzdem wäre ich gerne zum Konzert geflogen...
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