Led-Zeppelin-Musiker Jimmy Page "Ich wollte totale Kontrolle"

Mit Led Zeppelin schrieb Gitarrenmagier Jimmy Page Rockgeschichte. Hier spricht er über Plagiats-Stress mit "Stairway to Heaven", ein Treffen mit Elvis und Ärger mit seinem Nachbarn Robbie Williams.

Getty Images

Ein Interview von


Zur Person
  • Thorsten Dörting
    James Patrick Page, genannt Jimmy, wurde am 9. Januar 1944 in Heston bei London geboren. In den Sechzigerjahren war der Gitarrist zunächst gefragter Sessionmusiker, 1966 spielte er neben Jeff Beck bei den Yardbirds. 1968 gründete er Led Zeppelin, eine der größten Rockbands der Geschichte. Nach dem Tod des Drummers John Bonham löste sich die Gruppe 1980 auf; mit Robert Plant stand Jimmy Page aber noch oft auf der Bühne. Heute ist er Solomusiker und Hüter des Led-Zeppelin-Erbes.

einestages: Mr. Page, soeben haben Sie alte BBC-Aufnahmen von Led Zeppelin remastered. Ihre erste Berührung mit dem Sender hatten Sie bereits 1957 als Schüler.

Page: Mit 13 trat ich mit meinem Song "Mama Don't Allow No Skiffle" bei einer BBC-Talentshow auf.

einestages: Also war Ihr Berufsweg als Musiker vorgezeichnet?

Page: Von wegen! Als nervöser, verängstigter Teenager antwortete ich auf die Frage nach meinen Zukunftsplänen, ich wolle als Biologe ein Heilmittel gegen Krebs entdecken. In meiner bürgerlichen, vollkommen unmusikalischen Familie war Profimusiker keine Option. Ein ordentlicher Beruf musste es sein.

einestages: So kam's nie, Sie eroberten dann mit Led Zeppelin die Musikwelt. Welche Erinnerungen haben Sie an die BBC-Sessions zwischen 1969 und 1971?

Page: Mit Led Zeppelin wollte ich alles anders machen als zuvor bei den Yardbirds. Die letzten Yardbirds-Singles waren keine Erfolge, was zu schlechter Stimmung geführt hatte. Diesem sinnlosen Druck wollte ich mich mit meiner neuen Band nicht aussetzen. Ich wollte Spaß an der Musik, mit Leidenschaft spielen, keine Pop-Hits. Mit den Yardbirds war ich in den Sechzigerjahren durch die USA getourt und hatte das Underground-Radio zu schätzen gelernt.

einestages: War das so anders als in England?

Page: Diese Sender spielten auch unkommerziellen Alternative-Sound, sogar komplette Albumseiten. Im Hit-Radio daheim nudelten Bands nur ihre Zwei-Minuten-Titel durch, packten die Instrumente ein, fuhren nach Hause. Als Studiomusiker, etwa für Tom Jones, kannte ich das auch so. Aber mir fehlte das Herz.

einestages: Ende der Sechzigerjahre wurde Musik in Großbritannien als Kunst ernster genommen...

Page: …...und die BBC wollte uns für Liveaufnahmen im neuen Radioformat "John Peel's Top Gear" gewinnen. So entstanden die Sessions, live im Studio und in Konzertsälen. Für die "Complete BBC Sessions" habe ich in den Archiven verstaubte Bänder mit unveröffentlichten Versionen ausgegraben, alle erstaunlich gut erhalten.

einestages: Led Zeppelin ist Ihr Lebenswerk. Was war Ihre Vision? Revolution des Rock?

Page: Unser erstes Album sollte ein Frontalangriff auf die Ohren werden, mit einem Sound, den man so noch nie gehört hatte: radikal, intensiv und roh. Kurz: Wir wollten einfach Krach machen! (lacht)

einestages: Das Debütalbum - wie auch alle folgenden Platten - produzierten Sie selbst. Warum?

Page: Weil ich totale Kontrolle wollte. Ahmet Ertegun, Boss des Labels Atlantic, gab sie mir. Er kannte mich als zuverlässigen Studiomusiker. Die Studiokosten habe ich selbst getragen. Alle gaben ihr Bestes, es war eine Explosion der Kreativität. Besonders Robert Plants Performance war atemberaubend, so wild, so rau. Seine Stimme hat unglaublich viele Farben.

einestages: Und keiner der Led-Zeppelin-Songs hört sich jemals gleich an.

Page: Darauf habe ich immer Wert gelegt. Egal, ob "Whole Lotta Love", "Stairway To Heaven" oder "Kashmir" - auf jedem Konzert klang das anders. Das ist musikalische Freiheit: Ich will auf der Bühne improvisieren, mich ausleben, nie nach Schema F spielen. Bei Led Zeppelin gibt es alle Stilrichtungen. Unser größter Einfluss ist der Blues. Wir gelten als Wegbereiter des Heavy Metal, haben im Repertoire aber auch Folk und selbst Weltmusik, wie etwa "Black Mountain Side". Wichtig ist nicht, wie man die Musik nennt, sondern dass sie dynamisch ist, vielschichtig und Energien freisetzt.

einestages: Es heißt, der Bandname Led Zeppelin ging auf das Konto von Keith Moon, Drummer von The Who.

Page: Würde ich so nicht sagen. Aber Keith war in der Runde dabei, als wir über die von mir geplante Band sprachen. Irgendeiner meinte ironisch, das Projekt klinge kompliziert und würde etwa so abheben wie ein mit Blei (englisch: lead) gefüllter Zeppelin. Mir gefiel das: Lead Zeppelin! Damit es keine Verwechslungen mit dem Wort "lead" (deutsch: führen) gab, strichen wir das "a". Led Zeppelin war geboren - und hob ab.

einestages: Aber Nachkommen des Grafen von Zeppelin hatten was dagegen.

Page: Eine entrüstete Dame namens Eva von Zeppelin, dänische Baronin und Enkelin von Ferdinand von Zeppelin, wollte uns sogar juristisch belangen. Als sie das Albumcover mit der brennenden "Hindenburg" zu sehen bekam, ist sie explodiert (grinst). Ich verstand gar nicht, was die Frau von uns wollte. Sie drohte ernsthaft, einen Auftritt in Kopenhagen verbieten zu lassen. Na ja, unser Manager hat ausnahmsweise nachgegeben, an jenem Abend traten wir als "The Nobs" auf.

einestages: Apropos Klagen - Ihnen wurde vorgeworfen, Ihren berühmtesten Song "Stairway to Heaven" 1968 bei "Taurus" von der Band Spirit abgekupfert zu haben. Sind Sie erleichtert, dass Sie den Plagiatsprozess kürzlich gewonnen haben?

Jimmy Page: Klar. Das alles hat unnötig Zeit und Nerven gekostet. Ich bin froh über die Entscheidung in unserem Sinne. Und ich danke unseren Fans für ihre loyale Unterstützung.

einestages: Die Fans, besonders in den USA, verehrten Sie von Beginn an. Die Medien weniger.

Page: Sie hassten uns, wir bekamen durch die Bank schlechte Kritiken in den USA. Einer schrieb: Plant singt Töne, so schrill, dass sie nur für Hunde hörbar sind. Für uns war das hart. Trotzdem haben wir unbeirrt an unserem Kurs festgehalten.

einestages: Statt mit Hits sorgten Sie eher mit Drogen- und Groupie-Eskapaden für Furore.

Page: Natürlich haben wir über die Stränge geschlagen - in allem. Wir waren jung, hungrig nach Abenteuern - und den Medien konnten es eh nicht recht machen. Erst, als wir immer größere Konzerte spielten, wurde den Schreibern klar, dass hinter dem Hype auch eine gewisse Substanz stecken musste.

einestages: Im Mai 1973 brachen Sie in Tampa (Florida) einen Rekord: 56.000 Fans kamen zu Ihrem Stadionkonzert - 3000 mehr als bei den Beatles acht Jahre zuvor in New York.

Page: Sensationell. Wir konnten es selbst nicht fassen. Unser Erfolg nahm neue Dimensionen an. Und dann trafen wir am 11. Mai 1974 in Los Angeles sogar Elvis Presley, ein unvergessliches Erlebnis, denn sein Hit "Baby Let's Play House" war meine Initialzündung zum Rock'n'Roll.

einestages: Erzählen Sie von Elvis!

Page: Robert Plant, John Bonham, unser Manager Peter Grant und ich, wir sahen uns zunächst sein Konzert im L.A. Forum an, in der ersten Reihe. Elvis begrüßte uns von der Bühne aus: "Heute sind viele Freunde gekommen, da sitzen Led Zeppelin!" Schon das war ein Highlight. Danach ging's ins Hotel, er hatte ein komplettes Stockwerk gemietet. In einer Riesensuite warteten seine Freundin und einige Gäste. Elvis öffnete eine Seitentür, schielte in den Raum, begrüßte die Leute - eine echte Erscheinung. Wir waren total nervös. Da fing John Bonham an, mit Elvis über Sportwagen zu fachsimpeln, das Eis war gebrochen.

einestages: Hat Robert Plant in der Suite Elvis tatsächlich vorgesungen?

Page: So war es. Robert erzählte, er wärme seine Stimme vor Konzerten oft mit langsamen Elvis-Songs auf. Und begann zu singen: "Treat me like a fool, treat me mean and cruel, buuut looove me.…" Der King musterte Robert kritisch, uns blieb fast das Herz stehen - dann grinste er breit. Er hatte Sinn für Humor. Ein Jahr später durften wir Elvis noch einmal besuchen, in seiner Privatvilla in Bel Air. An diesem Abend wurde viel gelacht, besonders über Gags von Monty Python. Elvis war großer Fan der britischen Comedytruppe, wir waren überrascht, dass er sie kannte.

einestages: Zu dieser Zeit trugen Sie auf der Bühne reichverzierte Anzüge mit Drachen-Designs - inspiriert durch Elvis' berühmte Jumpsuits?

Page: Das lässt sich schwer leugnen. Mir haben seine Bühnenanzüge der Siebziger gut gefallen. Heute käme ich mir darin albern vor.

einestages: 1970 kauften Sie am Loch Ness das sagenumwobene Boleskine-Haus, im dem einst der berüchtigte Satanist Aleister Crowley lebte. Lag's an Ihrem Hang zum Okkultismus?

Page: Möglicherweise. Dort drehten wir auch Fantasy-Szenen für unseren Film "The Song Remains The Same". Im Boleskine-Haus habe ich selbst aber nicht lange gewohnt und zog 1972 ins altehrwürdige Tower House in London-Kensington...

einestages: …...wo Sie mit Ihrem neuen Nachbarn Robbie Williams im Clinch liegen?

Page: Die Sache wurde aufgebauscht. Tatsache ist, dass ich ein ruhiges Leben bevorzuge und er seit einiger Zeit Renovierungen und Umbauten durchführen lässt. Ich will nur meine Ruhe. Alles andere interessiert mich nicht.

einestages: Was verbinden Sie mit Deutschland?

Page: In München haben wir Mitte der Siebziger das Album "Presence" aufgenommen, mit Songs, die wir zuvor in Malibu geschrieben hatten. Nach einem schweren Unfall musste Robert Plant im Rollstuhl singen. Ich wollte das Album in nur drei Wochen einspielen und ging sehr konzentriert zur Sache. Als Robert, John und John Paul mit ihren Parts fertig waren, spielte ich meine ein und mischte die Scheibe ab. Morgens war ich immer der Erste im Studio. Der Toningenieur hat mich verflucht. (grinst)

einestages: Ritchie Blackmore von Deep Purple sagte im SPIEGEL-ONLINE-Interview, dass er Sie mit 17 bei Neil Christian & The Crusaders auf der Bühne sah und beeindruckt war von Ihrem Selbstvertrauen. Hatten Sie nie Lampenfieber?

Page: Ist ja witzig, hat er mir nie erzählt. Nein, vor Konzerten spüre ich nur den Adrenalinpegel langsam steigen. Man hat sich gut vorbereitet und geht raus. Aber, halt, einmal war ich nervös: 1970, beim ersten Zeppelin-Konzert in der Royal Albert Hall - weil unsere Familien alle im Publikum saßen (lacht). Da durfte nichts schiefgehen.

einestages: Und heute? Sie scheinen viel mehr hinter Led Zeppelin zu stehen als Robert Plant, der seine eigenen Projekte verfolgt.

Page: Dazu kann ich nur sagen: Seit Tag eins habe ich mich Led Zeppelin gegenüber verpflichtet, qualitativ hochwertiges Material zu veröffentlichen. Das ist meine Aufgabe, der habe ich mich verschrieben. Und jetzt, wo all unsere Werke remastered sind, werde ich wohl mal meine Gitarre abstauben.

einestages: Sind Sie jemals mit einem Zeppelin geflogen?

Page: Nie. Ich habe immer nur fasziniert Zeppelin-Dokus im Fernsehen verfolgt. Aber das wäre was: Einmal in einem Zeppelin um die Welt und dabei die Pyramiden überqueren - ein Traum.

insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Victor Knox, 17.10.2016
1.
Die erfolgreichste Coverband der Welt. Auf YouTube kursiert ein Video, das viele, also mehr als nur STH, Plagiate Led Zeppelins in Musik und Text zusammenfasst. Und sie erhielten im Verfahren bzgl. STH sogar recht? Unglaublich. Pharell muss an Marvin-Gay-Erben zahlen, obwohl kein Mensch Plagiate erkennt und LZ bleiben reich...
Dietmar Boehm, 17.10.2016
2. Toll
dass es Typen wie Gernandt gibt. Auf unterhaltsame Art einem die Musiker der eigenen Jugend näherzubringen, Danke
Thorsten Munder, 17.10.2016
3. In der DDR
Es war so um 1977 hatte ein Klassenkamerad von mir Aufnahmen von LedZep auf Kassette und ein Poster von Robert Plant ein Lebensgroßes. Ich war schon vom Poster Buff ganz zu schweigen von der Musik , Kashmir ging mir Wochenlang nicht aus dem Kopf was hätten wir darum gegeben diese Band Live zu sehen!
jürgen spath, 17.10.2016
4. Live in der Berliner Eissporthalle ...
habe ich mit Freunden Led Zeppelin in den 70ern gesehen. Da waren Wir noch ganz kleine Burschen, die mächtig stolz waren ihre Lieblingsband einmal zu erleben. Etwa zwei Jahre zuvor schon wurde unsere Leidenschaft mit dem Kinofilm - the Song remains the same - angeheizt. Was im Kino noch viel zu leise war - versetzte uns am Berliner Messegelände dann später in Vollextase. Zur Verwunderung der vielen "Erwachsenen" um uns herum. Unvergesslich - und da nach einem halben Menschenlben...
Stephan Bender, 17.10.2016
5. Erinnerungen werden wach...
Einmal in "den Osten" geschmuggelt, wurde jeder dieser Led Zeppelin-Platten tausendfach auf Kassetten gespielt und dann auf improvisierten Partys nächtelang bei Kerzenschein und Rotwein "abgehört". Und es musste dann immer jemand dabei sein, der "gut englisch konnte", um die wichtigsten Zeilen zu übersetzen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.