Kriegsberichterstatterin Lee Miller Die Frau in Hitlers Badewanne

Top-Model, Partylöwin, Meisterfotografin: Lee Miller hatte alles erreicht. Und langweilte sich schrecklich. 1944 zog sie als Kriegskorrespondentin in den Zweiten Weltkrieg. Mit einem Bad sollte sie weltberühmt werden.

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Lee Miller Archives, England

Die Frau legte ihre Kleider ab. Hemd, Hose und die schlammbespritzten Stiefel. Achtlos hatte sie bereits den blütenweißen Badvorleger verdreckt. Kurzerhand warf Lee Miller die Sachen auf einen Stuhl neben der Badewanne. Dann stieg die Schönheit in das Wasser - und wusch sich Schweiß, Schmutz und Horror herunter.

Erst vor wenigen Stunden hatte Miller Berge von Leichen gesehen. Der Matsch an ihren Schuhen stammte aus dem Konzentrationslager Dachau, das sie am Vormittag des 30. Aprils 1945 besichtigt hatte. Jetzt, am Nachmittag, nahm die US-Kriegsberichterstatterin symbolisch Rache an dem Mann, der dieses Leid verursacht hatte: Adolf Hitler. Ihm gehörte die Badewanne, in der sich die Amerikanerin von ihrem Kollegen David E. Scherman fotografieren ließ. Kurz zuvor hatten GIs Hitlers Münchener Privatwohnung besetzt. Am Rand der Wanne hatte Miller ein Foto des "Führers" arrangiert.

Hitler ahnte nicht, was in seiner Wohnung am Prinzregentenplatz 16 vor sich ging. Ungefähr zur selben Zeit schoss sich der deutsche Diktator im unterirdischen "Führerbunker" in Berlin in den Kopf. Während sich Hitler jeder Verantwortung für seine Taten entzog, sollten Lee Miller die schrecklichen Bilder aus dem Krieg für den Rest ihres Lebens verfolgen - der in Alkohol und Depressionen versank.

"Ein harmloser alter Bock"

Als Miller sich in Hitlers Badewanne reinigte, blickte die Amerikanerin bereits auf eine lange Karriere zurück: erst als gefragtes Model, später als Fotografin und Journalistin. Mit ihrer Schönheit, vor allem aber ihrer Intelligenz, hatte sich Miller einen Platz in dieser männerdominierten Welt erobert. Auch unter den Kriegsberichterstattern, von denen es nur wenige Frauen gab, wie Margaret Bourke-White oder Martha Gellhorn. "Ich sah aus wie ein Engel, aber innerlich war ich ein Teufel", beschrieb Miller einmal ihr Erfolgsrezept.

Geboren wurde Elizabeth "Lee" Miller 1907 in Poughkeepsie im US-Bundesstaat New York als Tochter eines Ingenieurs. Die wohlbehütete Kindheit endete allerdings schon 1914. Ein Freund der Familie vergewaltigte das siebenjährige Mädchen. Für den Rest ihres Lebens sollte sie unter dem Verbrechen leiden: Sie sei "beschädigte Ware" notierte sie in ihrem Tagebuch. Als Miller acht wurde, ging ihr Vater dazu über, sie als Aktmodell für seine Amateurfotografie zu missbrauchen. Eine Rolle, die sie bis zu ihrem 23. Geburtstag für ihn spielte.

Das junge Mädchen reagierte mit Trotz und Rastlosigkeit. Mehrfach wurde Miller von Schulen verwiesen. Zu ihrem Beruf als Model verhalf ihr der Legende nach der Zufall. 1927 wurde sie in New York beinahe von einem Auto überrollt. In letzter Sekunde zog sie ein älterer Herr von der Straße. Der Mann hieß Condé Nast und verlegte die Modezeitschriften "Vogue" und "Vanity Fair".

Bald zierte die attraktive Miller die Titelblätter seiner Zeitschriften. Gegen den Frauenheld Nast wusste sich die Neuentdeckung durchzusetzen: Er sei nur "ein harmloser alter Bock". Angesichts ihres Aussehens gerieten Fotografen bald ins Schwärmen. "Nur Statuen reichten an die Schönheit ihrer geschwungenen Lippen, ihrer langen, trägen, blassen blauen Augen und ihres Säulenhalses heran", erinnerte sich der Fotograf Cecil Beaton. Doch eine Karriere als hübsches Gesicht vor der Kamera reichte Miller nicht.

"Wenn ich Ratten essen muss"

Zielbewusst hatte sie sich einen Lehrer ausgesucht, der ihr die Fotografie beibringen sollte. Im Mai 1929 reiste sie nach Paris, um den berühmten Fotografen Man Ray zu besuchen. "Mein Name ist Lee Miller, und ich bin ihre neue Studentin", klärte sie den Ahnungslosen auf. Wenig später waren beide Lehrer und Schülerin - und Geliebte. Selbstbewusst und selbstbestimmt arbeitete Miller auch für Rays Rivalen und unterhielt Beziehungen zu anderen Männern, sehr zum Verdruss ihres Mentors.

Von tiefer Rastlosigkeit erfüllt, hielt es Miller nie lange an einem Ort - oder bei einem Menschen. 1932 kehrte sie nach New York zurück und eröffnete ein erfolgreiches Fotostudio. Zwei Jahre später heiratete sie einen zwanzig Jahre älteren Geschäftsmann aus Ägypten und zog nach Kairo. 1937 verliebte sie sich in ihren späteren Ehemann Roland Penrose und begann eine Affäre. 1939 ging Miller endgültig zu ihm nach England. Sie sei "ein krankes Bündel an Unentschlossenheit", warnte sie ihn. Wenige Wochen später entfachte Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg.

Entschlossen blieb Miller bei Penrose in Großbritannien. Einem Lebensmittelhändler schwatzte sie eine gewaltige Menge an Gewürzen ab. Angesichts der bevorstehenden Rationierung meinte sie trotzig: "Wenn ich Ratten essen muss, dann sollen sie gut gewürzt sein." In London arbeitete Miller ab 1940 für die "Vogue". Fast spielerisch setzte die Fotografin in ihren Bildern die Kriegsrealität in Szene: Zum Beispiel auf einer Aufnahme von zwei jungen Frauen, die ihre Gesichter mit schwarzem Augenschutz und Feuermasken verbergen. Eine hält eine Trillerpfeife zur Warnung vor Luftangriffen lässig wie ein modisches Accessoire in der Hand.

"Eine tote, abgerissene Hand"

Nach kurzer Zeit begann sich die unstete Miller allerdings wieder zu langweilen. Schließlich bewarb sie sich als Kriegsberichterstatterin, ab Dezember 1942 trug Miller eine amerikanische Uniform. Ungeduldig fieberte sie der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie entgegen. "Kaum flogen wir über Frankreich, kamen mir fast die Tränen", beginnt Millers erste Reportage für die "Vogue" aus dem Kriegsgebiet. Sie berichtete über die Zustände in den Feldlazaretten nahe der Kesselschlacht von Falaise.

Mit Einfühlungsvermögen und Verständnis erwarb sie sich als Frau den Respekt der Frontsoldaten. "Echte Klasse" attestierte ihr der Sanitätsoffizier Bud Myers - im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, die nur "wenig Interesse" am Schicksal der Verwundeten gezeigt hätten. Anschaulich beschrieb Miller ihren Leserinnen, was sie an der Front sah, roch, schmeckte. Zusätzlich schoss sie unzählige Bilder von GIs, erschöpften Krankenschwestern, zerstörten Städten und deutschen Soldaten. "Ich verkrampfte mich jedes Mal, wenn ich einen Deutschen sah, und verachtete mich dafür, wenn mein Herz beim Anblick deutscher Verwundeter unfreiwillig weich wurde", beschreibt sie ihren Hass auf den Gegner.

Der Hass wuchs, je mehr Miller vom Krieg sah: "Meine Absätze traten auf eine tote, abgerissene Hand, und ich verfluche die Deutschen für die hässliche, elende Zerstörung". Die Freude über die Befreiung von Paris, bei der sie als erste Fotografin vor Ort war, sollte nicht lange währen. Immerhin konnte sie alte Freunde wie Pablo Picasso wiedersehen.

Bald zog es Miller allerdings wieder an die Front. Im "Reich" erwartete sie der wahre Schrecken: "Zu meiner ganz ausgezeichneten Baedeker-Führung durch Deutschland gehören auch viele Orte wie Buchenwald". Miller schonte sich nicht. Nah und dicht schoss sie Fotos der ausgemergelten Leichen, die zu Dutzenden in den Baracken, Zügen oder im Freien der Konzentrationslager lagen.

"Ich flehe dich an"

Allerdings halfen Miller weder ihr steigender Alkoholkonsum noch das symbolische Bad in Hitlers Badewanne, den erlittenen Schrecken nach Kriegsende zu verdrängen. Zudem war ihr ihre Berufung abhandengekommen: die Kriegsberichterstattung. "Mit dem Ende des Krieges scheine ich meinen Biss oder Enthusiasmus verloren zu haben", schrieb sie verzweifelt an Penrose.

Ein Arzt attestierte ihr Neurosen. Obwohl sie weiterhin beeindruckende Modefotos schoss, litt sie seelisch. Jedes Foto, jeder Text geriet ihr zur Qual. Hinter ihrem Rücken schrieb ihr Mann schließlich an die britische "Vogue"-Herausgeberin: "Ich flehe dich an, bitte Lee nicht mehr, etwas zu schreiben." Ein Foto von 1953 zeigt Miller auf einem Sofa schlafend. Den Kopf auf ein Kissen gebettet, bis auf die Füße von einer Decke eingehüllt - und ungeheuer kraftlos, müde und erschöpft. Lee Miller starb 1977 an Krebs. Nicht ohne zuvor ein neues Hobby gefunden zu haben: das Kochen.

Ihre zahlreichen Fotos sollte erst ihr Sohn Antony nach ihrem Tod wiederentdecken. In achtzehn großen Kisten auf dem Dachboden ihres Hauses von Miller selbst der Vergessenheit anheimgestellt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Marc Leander, 29.04.2015
1.
Eine interessante Geschichte - aber Titel wie "die Schöne und der Krieg", die wie aus der BILD Zeitung übernommen wirken lasst ihr mal lieber. Sie sind euch und eurer Leser unwürdig.
florian ludowigs, 29.04.2015
2. #2
Noch interessanter finde ich, wie man einen Artikel über die Biographie einer Fotografin so zurecht biegen kann, dass sich noch ein USA Bashing ableiten lässt. Und zur Erklärung, warum Mrs. Miller keine Aufnahmen von Hiroshima gemacht hat - das muss mit der Entfernung von Europa nach Japan zusammenhängen...
Peter Kasparides, 29.04.2015
3. Bitte nicht übertreiben
Mit dem Begriff "Meisterfotografin" würde ich etwas sorgsamer umgehen. Gut, sie hat Fotos gemacht, hat bei Man Ray gelernt, aber gleich Meisterfotografin? Zitat: Top-Model, Partylöwin, Meisterfotografin
Kay Meinhold, 29.04.2015
4.
Ja, im Gegensatz zu den Deutschen 1940, setzten die Amis ihre verbesserten Brandbomben auch gegen militärische Ziele ein, die sie bei Tag auch wirklich treffen konnten, nicht wie die deutsche Luftwaffe und die RAF, die sich auf die Bombardierung der Zivilisten bei Nacht spezialisierten. Dass die Dame keine Bilder von Hiroshima gemacht hat, liegt wohl an der Entfernung nach Japan, dafür haben ja andere Amerikaner in Hiroshima fotografiert.
Hans Georg, 29.04.2015
5. Gerne gelesen
Vielen Dank. So mag ich als Leser meine guten Journalisten wie Marc von Lüpke hier. Kurze präzise Sätze ohne verschachtelte Nebensätze. Wie Hemingway. Und die Geschichte war auch interessant. Weiter so und Danke von einem Leser.
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