Legendäre Autorennen 24 Stunden Vollgas

Legendäre Autorennen: 24 Stunden Vollgas Fotos
Porsche

Spezialreifen? Elektronische Lenkhilfe? Papperlapapp. Die härtesten Rennfahrer der Welt brauchen keinen technischen Firlefanz. Bei den "24 Stunden von Le Mans" riskieren tollkühne Piloten seit 85 Jahren ihre Gesundheit. Von

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Die Startflagge fällt, eine Horde Helmträger in bunten Overalls spurtet über den breiten Asphaltstreifen. Die Männer hechten in ihre potenten Boliden, die gegenüber in diagonaler Reihe aufgestellt sind. Motoren heulen auf, blauer Benzinqualm hüllt die Szene ein. Als die ersten Wagen mit durchdrehenden Reifen schlingernd losrasen, steigt beißend der Geruch verbrannten Gummis auf.

Es ist der Start zu einem der wagemütigsten Autorennen überhaupt: den "24 Stunden von Le Mans". Seit 1923 quälen Rennfahrer ihre Maschinen am zweiten Juniwochenende auf dem legendären Rundkurs im Nordwesten Frankreich einmal rund um die Uhr. Das besondere: Hier siegt nicht, wer zuerst über die Ziellinie rast, sondern wer an einem Tag und einer Nacht die meisten Runden fährt.

Das tödlichste Autorennen der Welt

Längst ist Le Mans eine schweißtriefende, ölverschmierte Legende - vielleicht die letzte im Motorsport. Wer einmal dabei ware, dem klebt das Rennen in der Erinnerung wie Gummi auf dem Asphalt. Autos, die auf der Strecke beeindrucken wollen: Martialische Optik statt filigraner Flügel, mächtige Hecks und breite Reifen anstelle elektronischer Lenkhilfen. Klar, dass solche Kisten nicht von Schwiegersöhnen à la Michael Schuhmacher oder Mika Häkkinen gesteuert werden möchten, sondern von langhaarigen Mackern wie Chris Amon oder Rolf Stommelen, die sich in Le Mans ein brachial-schmutziges Duell unter Männern liefern.

Angefangen hatte das Rennen als Zuverlässigkeitsprüfung für

Automobilhersteller. Lange Zeit durften deshalb während des Rennens nur die Fahrer selbst mit einfachem Bordwerkzeug Reparaturen durchführen. Mittlerweile stehen zwar auch hier eigene Mechaniker in den Boxen, auf der Strecke jedoch ist fremde Hilfe nach wie vor untersagt. Bis in die achtziger Jahre teilten sich zwei Fahrer je Team die Tortur untereinander auf, inzwischen dürfen sich drei Fahrer pro Wagen abwechseln.

Aber Le Mans war immer viel mehr als ein Dauertest unter verschärften Bedingungen. Die "24 Stunden" sind bis heute das tödlichste aller Autorennen - 118 Menschenleben hat der Kurs bisher gefordert, weit mehr als etwa die Strecken im italienischen Monza (72), Indianapolis in den USA (87) oder der Nürburgring (57). In Le Mans erlebte der Motorsport 1955 seine bisher größte Katastrophe, als ein Mercedes 300 SLR nach einer Kollision an der Tribünenbande explodierte. Neben dem Mercedes-Fahrer Pierre Levegh starben weitere 83 Zuschauer durch herumfliegende Wrackteile.

Filmwechsel beim Boxenstopp

Eine weiterer tödlicher Tragödie brachte 1969 das Ende des berühmten Le-Mans-Starts mit seinem kollektiven Fahrersprint über die Piste: In jenem Jahr waren Sicherheitsgurte eingeführt worden; allerdings kostete das Anschnallen der Gurte Zeit, wertvolle Sekunden am Start, weswegen fast alle Fahrer darauf verzichteten. Lieber warteten sie damit bis zur nächsten Geraden oder sogar dem nächsten Boxenstopp.

Die belgische Fahrer Jacky Ickx protestierte durch betonte Lässigkeit gegen das gefährliche Startmanöver. Gemütlich schlenderte er nach dem Startsignal über die Bahn, legte seelenruhig den komplizierten Gurt an, rollte das Feld von hinten auf und gewann schließlich das Rennen. Der nicht angeschnallte Brite John Woolfe verunglückte in der ersten Runde tödlich. Das Reglement wurde geändert, der Le-Mans-Start gestrichen. Seit 1971 beginnen auch die 24 Stunden nach einer Aufwärmrunde mit dem sogenannten fliegenden Start.

Im selben Jahr erhob Hollywood das Rennen endgültig zum Mythos. In dem Kinohit "Le Mans" spielte Steve McQueen, Hollywoods Referenz in PS-Angelegenheiten, einen Rennfahrer, der ein altes Unfalltrauma überwinden muss, um mit seinem Porsche 917 im erbitterten Kampf seinen Erzrivalen im Ferrari 512 niederzuringen. Genüsslich kultiviert der Streifen das Klischee von harten Typen und ihren hochgezüchteten Rennautos, die stoisch Zehntelsekunde um Zehntelsekunde jagen.

Die Dialoge beschränken sich auf philosophische Erkenntnisse wie: "Rennfahren ist Leben, die Zeit zwischen den Rennen ist Warten." Überhaupt wird in den ersten 38 Minuten dieses Streifens kein Wort gesprochen, Hauptdarsteller sind ohnehin die Autos. Dafür gibt es lebensgefährliche Überholmanöver und eine gewaltige Portion ohrenbetäubenden Lärm vom Feinsten.

Offene Münder in der Spielhallenszene

Autonarr McQueen, der 1968 in "Bullit" bereits die bis dahin längste Verfolgungsjagd der Filmgeschichte stilecht in Szene gesetzt hatte, war von Le Mans so fasziniert, dass er selbst mit einem Porsche 917 an dem Rennen teilnehmen wollte. Als ihm das mangels Fahrerlizenzen verwehrt wurde, entstand dieser eitle Plan einer dokumentarischen Selbstinszenierung.

Für die Rennszenen ließ Produzent und Hauptdarsteller McQueen beim 24-Stunden-Rennen von 1970 einen offiziell gemeldeten Porsche 908 mit gleich drei Kameras bestücken. Durch die langwierigen Filmrollenwechsel bei den Boxenstopps verlor das Team zwar so viel Zeit, dass es aus der Wertung fiel, aber immerhin gehörte der Kamera-Porsche zu den wenigen Fahrzeugen, die überhaupt die 24 Stunden durchhielten. Trotz magerer Dialoge und der spärlicher Handlung wurde "Le Mans" zu einem Meilenstein der Filmgeschichte.

Auch im digitalen Zeitalter erlebte die benzingeschwängerte Legende von Le Mans eine erstaunliche Transformation. Das Autorennen am Ufer der Sarthe wurde zum Vorbild für diverse Rennsimulationen und machte den motorenlärmenden Mythos so auch für die Computergeneration erfahrbar.

Das Videospiel "WEC Le Mans 24" brachte das Rennen ab 1986 in die Spielhallen jeder Kleinstadt, wo es bei männlichen Heranwachsenden für offene Münder und leere Geldbeutel sorgte. Das Spiel bestand aus dem klobigen Nachbau eines Fahrzeugcockpits mit einem Monitor hinter dem Lenkrad, auf dem die Fahrstrecke simuliert wurde.

Ein GT 40 in der digitalen Kinderzimmergarage

Lange blieb der bessere Daddelautomat die einzige Möglichkeit für ambitionierte Schulschwänzer, den Nervenkitzel des 24-Stunden-Rennens virtuell nachzuerleben. Heute braucht für diese Erfahrung niemand mehr aus dem Haus zu gehen, dank der rasanten Entwicklung von Spielkonsolen parkt der Ford GT 40 in der klassisch hellblau-orangenen Lackierung längst in jeder digitalen Kinderzimmergarage.

Das Videospiel "Gran Turismo 4" warb 2004 höchst erfolgreich mit dem Rennwagenklassiker auf dem Cover - auch wenn jeder Daddelkönig bald einsehen musste, dass der Rundenrekord von 3,184 Minuten mit so einer alten Heckschleuder kaum zu knacken ist.

Aufgestellt wurde der Rekord 1971 in einem Porsche 917 Langheck von Jackie Oliver, in der Realität. Der Brite erreichte auf der damals 13,5 km langen Strecke eine Durchnitts-geschwindigkeit von 244 Stundenkilometern. Dass diese Marke bis heute Bestand hat, liegt allerdings nicht daran, dass die Motoren schwächer oder die Fahrer ängstlicher geworden wären. Nach schweren Unfällen auf der fünf Kilometer langen "Mulsanne" wurde die legendäre Gerade mit Schikanen versehen, um die Piloten zwischendurch zum Bremsen zwingen. Zuvor zitterten die Tachonadeln dort gerne mal jenseits der 400-Stundenkilometermarke.

So zählt auch in Le Mans inzwischen nicht mehr nur reine PS-Huberei. Elektronik und sensibles Feintuning haben auch hier längst Einzug gehalten.

Angesichts von Alltagsserien-modellen mit den Unmengen

eingebauter elektronischer Helfer eine Entwicklung, die sich mit dem Ursprungsgedanken des Rennens durchaus verträgt. 2006 gewann erstmals ein Fahrzeug mit Dieselaggregat die 24 Stunden.

Steve McQueen musste das nicht mehr miterleben.

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1.
Jürgen Schulze 14.06.2008
Schwiegersohn Michael Schumacher in Le Mans 1991, Fünfter Platz mit Mercedes http://www.formula2.net/1991.htm
2.
peer biller 17.06.2008
Spannend geschrieben, interessante Hintergründe, wunderschöne Bilder und tolle Filme! Ist es irgendwie möglich das Material in einer höheren Auflösung zu bekommen bzw zu kaufen? Kompliment an die Redaktion, Peer Biller
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