Legendäre Bundesliga-Fauxpas Der Tor vor dem Tor

Legendäre Bundesliga-Fauxpas: Der Tor vor dem Tor Fotos
Bongarts/Getty Images

Ballack, Beckenbauer, Piplica: Die Fußballgeschichte ist voll von kuriosen Eigentoren und berühmten Schützen. Manche trafen zweimal innerhalb von drei Minuten, andere aus 25 Metern. einestages blickt auf die spektakulärsten Patzer zurück - und die skandalösesten. Von

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Helmut Winklhofer hat in seiner Karriere vier deutsche Meisterschaften und zweimal den DFB-Pokal gewonnen. Er wurde sogar Weltmeister. Mit dem Nachwuchs des Deutschen Fußball-Bundes zwar, aber immerhin. 1981 holte Winklhofer den Titel, doch während man die meisten seiner Kameraden von damals schon wieder vergessen hat, erinnert man sich immer noch gern an Helmut Winklhofer und sein berühmtestes Tor.

Außer Helmut Winklhofer selbst.

Es ist der 10. August 1985. Zum Auftakt der Bundesliga-Saison empfängt Bayer Uerdingen den FC Bayern München, und es ist wie eigentlich immer: Die Bayern sind der große Favorit. Doch weil Bayer die Bayern im Finale des DFB-Pokals im Mai sensationell besiegt hatte, brennen die Münchner auf eine Revanche. Auch ein Bayern-Profi im Mittelfeld geht motiviert zur Sache - Helmut Winklhofer. Eine halbe Stunde ist gespielt, nichts Dramatisches passiert. Noch nicht.

Auch ein Vierteljahrhundert später kann sich Winklhofer noch genau an die Szene in der 34. Spielminute erinnern, die ihn berühmt machen sollte. "Rund 30 Meter vor unserem Tor hatte sich Uerdingens Lars Gudmundsson den Ball zu weit vorgelegt. Ich wollte die Kugel eigentlich nur leicht anlupfen und wegspitzeln", erzählt Winklhofer. Doch das Timing stimmt nicht, er rechnet mit einem Pressschlag. Und zieht voll durch. "Doch Gudmundsson nahm im letzten Moment seinen Fuß weg. Ich hingegen traf den Ball optimal, mit dem Vollspann. 'Mann, der geht aber weit', dachte ich mir noch." So weit, dass der Bayern-Profi überzeugt ist, dass der Ball auch weit übers Tor fliegen würde. "Doch dann senkte er sich und schlug hinter unserem Torhüter Jean-Marie Pfaff im Kasten ein."

"Hauptsache, wir haben ein Tor geschossen"

Das spektakuläre Eigentor aus fast 30 Metern bleibt der einzige Treffer des Spiels, Bayer besiegt Bayern erneut, und Gästetrainer Udo Lattek nimmt Winklhofer zur Halbzeit vom Feld. Lattek hat zwar ein Spiel verloren, aber nicht seinen Humor. "Er ist jetzt schließlich unser Torschützenkönig, da wollten wir ihn für das nächste Spiel schonen", sagt Lattek nach Spielschluss zu den Journalisten. Kapitän Klaus Augenthaler sekundiert: "Hauptsache, wir haben ein Tor geschossen." Winklhofer selbst ist um schnelles Verdrängen bemüht.

Doch daraus wird nichts. Das Problem sind nicht die Kollegen, auch wenn es im Training an den folgenden Tagen noch ein paarmal heißt: "Achtung, der Helmut kommt, Jean-Marie, geh mal ein paar Meter nach hinten!" Das Problem ist die ARD-Sportschau. Sie nimmt bei der 154. Auflage ihrer Tor-Parade mit Winklhofers Missgeschick erstmals ein Eigentor in die Auswahl auf. Und tatsächlich küren die Zuschauer die Aktion anschließend mit großer Mehrheit zum "Tor des Monats".

Mit der bayerischen Gelassenheit ist es schlagartig vorbei. Als Kunstschütze Winklhofer und Torwart Pfaff ins ARD-Studio eingeladen werden, platzt den Vereinsoberen der Kragen. Manager Uli Hoeneß nennt die Aktion "eine bodenlose Frechheit" und untersagt den TV-Auftritt. Helmut Winklhofer holt seine Siegermedaille nicht ab, seine Begründung klingt einleuchtend: "Verarschen kann ich mich alleine!"

Pahls Pirouette und Pannen-Olli

Drei Jahre zuvor hatten sich die Fußballfans in Deutschland schon einmal über ein Eigentor des FC Bayern amüsiert. Auch damals, zum Start der Spielzeit 1982/83, war Torwart Jean-Marie Pfaff maßgeblich beteiligt. Bis heute ist legendär, wie der lockenköpfige Belgier in seinem allerersten Bundesliga-Spiel eine eigentlich harmlose Standardsituation in den spielentscheidenden Treffer verwandelte - für den Gegner. Pfaff pritschte sich einen Einwurf des Bremer Stürmers Uwe Reinders selbst in den Kasten.

Überhaupt sind es vor allem Torhüter, die man mit den spektakulärsten Missgeschicken der Bundesliga in Verbindung bringt. Torhüter wie Olver Reck.

Sein Auftritt Ende 1991 in München ist der Anfang von allem. Als Bayern-Stürmer Mazinho auf sein Tor köpft, sieht Reck scheinbar verträumt dem Ball hinterher, der erst an den Pfosten prallt, dann an Recks Kopf und von dort ins Tor. Anschließend geht der Bremer Keeper zu Boden wie ein Boxer beim K.o. Bremen gewinnt zwar trotzdem 4:3, doch das ist nur ein schwacher Trost für Oliver Reck.

Vlado Kasalos merkwürdige Treffer

Ihn nennt man fortan "Pannen-Olli". Der Sarkasmus ("Das war mein erstes Kopfballtor") kurz nach dem Spiel wird irgendwann abgelöst von einem tiefen Blick in die Seele eines Torhüters: "Bei solchen Szenen hat man die Lacher auf seiner Seite. Das nervt. Aber das war einfach Pech. Sicher, ich ziehe kuriose Szenen irgendwie an, und die bleiben haften. Meine guten Aktionen sind vergessen."

Wie wahr! Oder woran denken Sie, wenn Sie den Namen Tomislav Piplica hören? An die vielen Punkte, die der Bosnier Energie Cottbus zwischen 1998 und 2009 mit seinen starken Paraden rettete? Oder vielleicht doch eher an jene Slapstick-Einlage vom 6. April 2002, als ihm kurz vor Abpfiff des Spiels gegen Mönchengladbach ein Ball aus großer Höhe wie ein Komet direkt auf den Kopf und von dort ins Netz fiel?

Stürmer Marcel Witeczek, dessen abgefälschter Schuss Piplica erst zum Deppen machte, unkte unmittelbar danach: "Das ist wohl eine Geschichte für den Stefan Raab." Tatsächlich zeigte der Entertainer den Ausschnitt mit Piplicas seltsamem Kopfball anschließend in seiner Klamauksendung "TV Total" und zeichnete den Pechvogel mit einem Spottpreis aus. Der Torwart bewies Humor und holte sich den Preis persönlich ab.

Doch es war nicht immer nur lustig, wenn ein Bundesliga-Profi das gegnerische mit dem eigenen Tor verwechselte. 1991 interessierte sich sogar die Polizei für zwei Eigentore, die ein Profi des 1. FC Nürnberg an zwei Spieltagen hintereinander fabriziert hatte. Mitten im Abstiegskampfs traf der Abwehrspieler Vlado Kasalo zunächst beim 0:1 gegen den VfB Stuttgart per Kopf am falschen Ende des Platzes. Noch dachte sich keiner etwas dabei, zumal das Fachmagazin "Kicker" den Kroaten trotz seines Fehlers als besten Spieler und "Herrn der Lüfte" feierte.

Die Prominenz der Eigentorschützen

Als Kasalo jedoch im folgenden Auswärtsspiel in Karlsruhe erneut einen Ball vehement ins eigene Netz köpfte und auch diese Partie deshalb verlorenging, regte sich Misstrauen. Die Polizei begann, wegen des Verdachts auf Wettbetrug zu ermitteln.

Schnell stellte sich heraus, dass Kasalo Stammgast in Nürnberger Spielcasinos war und ihn hohe Schulden plagten. Der Verein beurlaubte seinen Spieler und schaffte ohne ihn knapp den Klassenerhalt. Ob Kasalo seine Eigentore wirklich mit Absicht erzielte, um Gewinne auf dem schwarzen Wettmarkt einzustreichen, konnte nie geklärt werden.

Exakt 841-Mal – so die offizielle Statistik – führte der Weg des Balls in 47 Bundesliga-Jahren bislang ins falsche Tor. Durchschnittlich fallen damit etwa 18 Selbsttore pro Saison. Der Spitzenwert datiert aus der Serie 2001/02, als die Torhüter sagenhafte 33-Mal von ihren Mitspielern bezwungen wurden.

In der langen Liste der aktuell 623 verschiedenen Fehlschützen findet man reichlich Prominenz: Das erste Eigentor der Bundesliga-Geschichte erzielte gleich am zweiten Spieltag 1963 der spätere 66-fache Nationalspieler Willi Schulz.

Ballack verschießt die Meisterschaft

Alleiniger Rekordhalter ist HSV-Legende Manfred Kaltz, der sich in seinen 581 Bundesliga-Spielen allein sechsmal in der Richtung irrte. Brandgefährlich agierte auch Franz Beckenbauer, der es auf vier unabsichtliche Torerfolge brachte. Anfang 1975 traf der "Kaiser" sogar in zwei aufeinanderfolgenden Bundesliga-Partien ins eigene Netz, woraufhin sein Torwart Sepp Maier bei der Taktikbesprechung vor dem nächsten Spiel bei Trainer Dettmar Cramer nachfragte: "Und wer deckt eigentlich den Franz?"

Das sportlich wohl relevanteste und deshalb auch tragischste Eigentor unterlief jedoch Michael Ballack. Am letzten Spieltag der Saison 1999/00 hätte ihm und seinem damaligen Team Bayer Leverkusen beim krassen Außenseiter SpVgg Unterhaching ein Unentschieden genügt, um erstmals die Meisterschaft zu gewinnen. Doch Ballack grätschte unbedrängt eine Flanke an Adam Matysek vorbei ins eigene Tor. Leverkusen verlor das Spiel und den schon sicher geglaubten Titel.

Zehn Jahre später ist Ballack nach Leverkusen zurückgekehrt und von den Fans begeistert empfangen worden. An sein Eigentor von damals denkt bei Bayer niemand mehr. Und auch die Kollegen sind nicht nachtragend. Der Finne Pentti Kekkola hatte da weniger Glück. Der bekam 1986 nach seinem fünften Eigentor der Saison von seinen Mitspielern einen Kompass geschenkt.

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1.
Lennart Dahmen, 20.08.2010
Wie kann ein solcher Artikel ohne Stefan Emmerling auskommen? http://www.bundesliga.de/de/liga/news/2006/index.php?f=45567.php
2. Wie
N. G., 04.04.2014
kann ein solcher Artikel ohne Video auskommen....
3. Noveski von Mainz 05 nicht vergessen
Peter Henz, 04.04.2014
Er schoß auch 6 Eigentore, in einem Spiel gegen Frankfurt (Endstand 2:2)sogar zwei. Da er noch einige Zeit spielen wird, könnte er alleiniger Torschützenkönig werden.
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