Legendäre Clubs Drogenwahn auf der Dauerbaustelle

Legendäre Clubs: Drogenwahn auf der Dauerbaustelle Fotos
Torsten Reitler/Moritzbastei-Archiv

Angela Merkel als Trümmerfrau: Vor 35 Jahren starteten Studenten in Leipzig ein spektakuläres Bauprojekt - aus einem verschütteten Teil der Stadtbefestigung entstand der legendäre Studentenklub Moritzbastei. Am größten Schwarzbau der DDR schippte auch die spätere Bundeskanzlerin mit. Von

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Jedes Jahr zur Leipziger Buchmesse strömen alle in die Moritzbastei, direkt am legendären Gewandhaus: junge Literaten und ihre Lektoren, Verleger und Agenten. Über 1000 Menschen lockt die "Lange Leipziger Lesenacht" dann in die Ziegelgewölbe, romantische Nischen und verwinkelten Kellergängen eines der ungewöhnlichsten Veranstaltungsorte Deutschlands. Die Historie dieser alten Bastion der ursprünglichen Leipziger Stadtbefestigung reicht über 450 Jahre zurück - das eindruckvollste Kapitel ist jedoch die Geschichte ihrer unerwarteten Wiederauferstehung vor 35 Jahren.

Bei einem Spaziergang im Frühjahr 1973 hatte Werner Teichmann eine Idee: Er kroch durch Geröll und Gebüsch in die Trümmer der alten Moritzbastei gleich neben dem neuen Campus der Uni Leipzig - und war begeistert. Böten die alten Gewölbe nicht ein hervorragendes Ambiente für einen Studentenklub? Als Mitglied der FDJ-Kreisleitung suchte er nach einem solchen Ort, möglichst ähnlich spektakulär wie die der Nachbaruni in Halle ihn im nordöstlichen Turm der dortigen Moritzburg wenige Jahre zuvor eingerichtet hatte.

Beim Bau der neuen Leipziger Universität Ende der sechziger Jahre war zwar reichlich Platz zum Studieren geschaffen worden. Doch die Studenten des Arbeiter- und Bauernstaates wollten nach Seminar und Vorlesung auch ihre Freizeit genießen. Der Vorschlag Teichmanns und seiner Kollegen, die alte Bastion aus ihrem Trümmerhügel zu befreien und zum Kulturtempel für die Studierenden zu machen, fand Anfangs wenig Gegenliebe.

Der größte Schwarzbau der DDR

Der Universitätsleitung jedenfalls waren Kosten und Aufwand zu wenig kalkulierbar. Seit dreißig Jahren schlummerte das 1553 errichtete Gemäuer unter Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Außerdem sah die Universität sich nicht als Denkmalschutzverein - was die Leipziger Rektoren mit der Sprengung der alten Universitätskirche und des alten klassizistischen Hörsaalgebäudes 1968 so eindrucksvoll wie geschichtsvergessen demonstriert hatten.

Also suchten Teichmann und seine Mitstreiter andere Verbündete und fanden sie in den Genossen der Staatspartei. Im Rückblick war der Weg der Studenten zur Leipziger SED-Stadtführung das perfekte Alibi für die nun folgenden acht Jahre, in denen sie mitten in Leipzig de facto eine Schwarzbaustelle betrieben. Auf der wuchs aus einem Trümmerhaufen das heute wichtigste Leipziger Kulturzentrum entstehen sollte.

Großprojekte dieser Art waren im DDR-System entweder Teil des Wirtschaftsplans - oder schlicht unmöglich. Aber durch "sanften Druck und vollendete Tatsachen", erinnert sich Peter Kunz, in den achtziger Jahren Leiter der Moritzbastei, wurde die Universitätsleitung zum Handeln gedrängt. Im Mai 1973, zur Eröffnung der Studententage der Universität, kam es zu einem inoffiziellen ersten Spatenstich; zur gleichen Zeit übergaben die Leipziger Stadtoberen das "Objekt Moritzbastei" zum Ausbau an die FDJ-Kreisleitung. Eigentlich unumgängliche juristische Fragen "wie der Wechsel der Rechtsträgerschaft von der Stadt auf die Universität", beschreibt Kunz die Schweijkiade der Studenten, "blieben vorerst ungeklärt", ebenso die Finanzierung

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40.000 Kubikmeter Trümmerschutt

Von nun an schufen die Studenten Fakten, und im Frühjahr 1974 gab Rektor Winkler, widerwillig und gedrängt von der SED-Stadtleitung, sein Einverständnis zum "Jugendobjekt Moritzbastei". Die FDJ-Kreisleitung organisierte postwendend die ersten der legendären Arbeitseinsätze auf dem Schutthügel am Augustusplatz. Am 30. März 1974 wurde das Wäldchen auf der alten Wehranlage gerodet und die provisorischen Einstiege in die unterirdischen Gewölbe gesichert. Mit Schippen und Eimern wurden Trümmer und Dreck aus den Kellern transportiert, nicht selten an Wochenenden, in den Semesterferien und bis tief in die Nacht hinein - über 40.000 Kubikmeter Schutt waren abzuräumen

Bis zur Fertigstellung 1982 kamen so mehr als 150.000 "Aufbaustunden" von Studenten zusammen. Die Listen des Universitätsarchivs Leipzig weisen die Namen von mehr als 30.000 Helfern in acht Jahren aus, darunter auch den der Physikstudentin Angela Kasner, die 1977 den Ehenamen Merkel annahm und heute Bundeskanzlerin des wiedervereinigten Deutschland ist.

Doch die Studenten vergaßen über der Plackerei keinen Augenblick lang, wofür sie sich in ihrer Freizeit abmühten. Kaum waren die ersten Gewölbe provisorisch geräumt und gesichert, stiegen bereits die ersten "Baukonzerte": Jazzbands, Literaten, Theatermacher gastierten auf der Baustelle; mehr als ein paar Stühle, Scheinwerfer und ein Notstromaggregat waren dafür nicht notwendig. Die Speisekarte wies Fettbrote und Bier aus, die Lesereihe "Der durstige Pegasus" machte sich diese kulinarische Übersichtlichkeit 1976 zum Markenzeichen und führt sie bis heute fort.

DDR-Konzert in Drogenwahn

Das Baustellenkonzert Nr. 5 gab im November 1974 die Rockgruppe "Renft", nur wenige Monate, bevor die Musiker wegen ihrer kritischen Texte mit Auftrittsverbot belegt wurden. Der Schriftsteller Jurek Becker las, der Schauspieler Eberhard Esche rezitierte, der griechische Musiker Mikis Theodorakis stellte sich in der Moritzbastei Studentenfragen. Ein besonderer Coup war 1977 das Konzert der Jazz-Legende James C. Booker, der ein Konzert zwischen Pianogenie und Drogenwahn ablieferte. Ein solches für damalige DDR-Verhältnisse spektakuläres Programm entschädigte nicht nur für die Schwielen an den Händen, es war auch die beste Werbung unter den Studenten, mit anzupacken. Schließlich gab es für fünfzig Arbeitsstunden eine "Erbauerkarte", die zum bevorzugten Besuch der Veranstaltungen berechtigte.

Allein, nur mit Begeisterung und Einsatz lässt sich die Umwandlung von 1400 Quadratmetern mittelalterlicher Stadtbefestigung in ein modernes Veranstaltungszentrum nicht stemmen. Das wurde nach der anfänglichen Euphorie allen Beteiligten bewusst, zumal die Kosten explodierten. Die Universitätsleitung bekam kalte Füße, und auch innerhalb der studentischen Bauleitung kam es zu Zerwürfnissen über den weiteren Verlauf der Rekonstruktion. Je weiter der Ausbau der Moritzbastei voranschritt, desto wichtiger wurde eine professionelle Baustellenplanung. Schuttmassen konnten die Studenten in Masseneinsätzen selbst wegräumen, für Installationsarbeiten und technische Belange brauchte es Fachwissen, Spezialgerät und vor allem: Material - alles Dinge, die im Bauwesen der DDR entweder Mangelware oder überhaupt nicht vorhanden waren.

Würde die SED-Stadtleitung weiter ihre schützende Hand über das einzigartige Projekt halten? Praktisch bedeutete das, Arbeitskräfte und Ressourcen auf kreative Weise für die in keiner Planung aufgeführte Moritzbastei abzuzweigen. Es bedeutete auch, die auflaufenden Rechnungen zu bezahlen. Denn statt der anfänglich geschätzten 300.000 Mark der DDR hatte die Baustelle längst Millionen verschlungen.

Das SED-Zentralkomitee greift ein

So übernahm ab 1978 schließlich ein Staatsbetrieb namens "Investcommerz" die Bauleitung. Auch wenn es der Name nicht vermuten ließ, so unterstand Investcommerz doch direkt dem Zentralkomitee der SED in Ost-Berlin - das Graswurzelprojekt Moritzbastei war in der DDR gewissermaßen zur Chefsache geworden. Lokale Befindlichkeiten zwischen Universität, Partei und Stadtverwaltung rückten nun in den Hintergrund. Die Studenten konnten die Schippen größtenteils aus den Händen legen und sich damit befassen, die Moritzbastei mit Leben zu erfüllen.

Am 1. Dezember 1982 konnte die Moritzbastei als Studentenklub endlich ganz offiziell eröffnet werden. Der Traum von Werner Teichmann und seinen Mitstreitern hatte sich erfüllt - wenngleich sie selbst längst keine Studenten mehr waren und inzwischen in der ganzen DDR verstreut lebten. Die Baustelle Moritzbastei allerdings hatte ihr Leben, wie das vieler anderer Leipziger Studenten, geprägt - so sehr, dass sie sich bis heute jährlich in den alten Gewölben hinter dem Neuen Gewandhaus treffen und in den alten Zeiten schwelgen.

So auch dieses Jahr: Am 9. April 2009 feiern sie in Leipzig den 35. Jahrestag des ersten Spatenstichs zum Wiederaufbau "ihrer" Moritzbastei. Eingeladen zur großen Party sind alle, die einst mithalfen, diesen einmaligen Ort wieder zum Leben zu erwecken und mit Leben zu erfüllen. Wer weiß - vielleicht hat die ehemalige Physikstudentin Angela Kasner, verheiratete Merkel, ja Zeit für einen kurzen Besuch.

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1.
ralf bauer 06.04.2009
... und dann wurde die moritzbastei privatisiert via treuhand. da fuehlten sich dann alle wiedervereinigt und befreit :)
2.
Torsten Reitler 08.04.2009
>... und dann wurde die moritzbastei privatisiert via treuhand. da fuehlten sich dann alle wiedervereinigt und befreit :) Gefühle sind so eine Sache... Der Betrieb wurde 1993 aus der Universität ausgegliedert und in die Hände einer universitären Stiftung übergeben. In deren Auftrag arbeitet heute die Moritzbastei Betriebs GmbH. Zweck der Stiftung sind Erhalt des Baudenkmals und Pflege des akademischen und studentischen kulturellen Lebens der Stadt Leipzig. Mit der Treuhand hatte das alles nichts zu tun.
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