Legendäre Clubs Chill-Out auf der Reeperbahn

Legendäre Clubs: Chill-Out auf der Reeperbahn Fotos
Mojo Club

Disco war gestern: Im legendären "Mojo-Club" in Hamburg mixten ab 1989 DJs treibenden Acid Jazz für tanzwütige Szenegänger. Philipp Kohlhöfer erinnert sich an die Geburtstunde der deutschen Club- und Chill-Kultur - und an die Suche nach Adidas-Turnschuhe in Winsen an der Luhe. Von

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Schlangen beim Bäcker machen mich wahnsinnig. Bei Konzerten komme ich lieber, nachdem die Band schon begonnen hat, damit ich nicht anstehen muss. Und wenn ich mit jemanden verabredet bin und der Mensch kommt nur fünf Minuten zu spät, wird er mich nicht mehr antreffen. Ich hasse es, auf irgendetwas zu warten. Allerdings: Niemand ist perfekt, und so habe auch ich mich des Öfteren dabei erwischt, wie ich doch brav anstehe. Beim Warten in der Schlange vor dem Mojo-Club in Hamburg.

Der Mojo-Club war Anfang der neunziger Jahre das Heiligtum der deutschen Clubkultur. Er hat das Wort "Club" eigentlich erst definiert. Mir zumindest war der Begriff, soweit ich mich erinnern kann, vorher nicht bekannt.

Zurück zur Schlange: die war einfach immer da. Egal, um wie viel Uhr man um Einlass begehrte, egal an welchem Tag, egal, wer auflegte oder live spielte. Von außen sah es immer so aus, als wäre der Laden brechend voll. Manchmal stand man also geduldig über eine Stunde in der Kälte vor der Tür, nur um dann festzustellen, dass man die fünfzehn Gäste, die sich in dem dreiviertel leeren Laden rumdrückten, alle schon persönlich beim Warten kennen gelernt hatte.

"Einlass ab 21 Jahre"

Abgesehen von diesem komischen Spleen war die Türpolitik des Mojo-Clubs aber eigentlich sehr in Ordnung. Zwar hing ein Schild am Eingang, das "Einlass ab 21 Jahre" ankündigte, aber rein konnte, wer rein wollte. Die Musik sorgte ohnehin schon für eine Vorauswahl der Besucher.

Im Mojo-Club lief Jazz. Ist das nicht diese Musikform, die nur von Intellektuellen gehört wird, die mehr auf die verrückten Taktwechsel achten als auf die Tanzbarkeit? Die Musikgattung, bei der jeder Instrumentalist ein 27-minütiges Solo pro Song spielen darf?

Schon. Doch diesen Eigenarten des Jazz konnte man allerdings beikommen. Der Trick nannte sich "Dancefloor Jazz" oder "Electric Jazz" und bestand im Wesentlichen aus alten Jazz- und Soul-Stücken, die die DJs mit modernen Beats unterlegten. Herbie Hancock unglaublich treibendes "Watermelon Man" etwa, oder "Moanin'" von Art Blakey. Anders als viele andere Läden ließen sich die Mojo-Macher Leif Nüske und Oliver Korthals dabei nie von kurzfristigen Trends anstecken, sie zogen ihren Stil von der Club-Gründung 1989 bis 2003, dem Ende, nahezu unverändert durch. Was natürlich irgendwann langweilig wird, weswegen ich auch in den letzten Jahren nicht mehr hingegangen bin. Was aber auch zur Folge hatte, das der Club schon kurz nach seiner Entstehung selber zu den Trendsettern gehörte.

Dancefloor im Schwimbad-Keller

Dabei war die Idee, wie eigentlich fast alle Ideen der deutschen Clubkultur, aus London geklaut. Ende der Achtziger war die entsprechende Musik dort populär geworden, und nachdem Nüske und Korthals sie 1989 importierten, stieß Dancefloor Jazz auch hierzulande schnell auf Gegenliebe. Zur Eröffnung ihres ersten Clubs, im Keller des 1912 erbauten Holthusenbads im schnöseligen Hamburg-Eppendorf, kamen 900 Leute.

Oft hatte man das Gefühl, dass man mit den Gästen des Mojo eine akademische Diskussion anfangen konnte, der Studentenanteil war wohl überproportional hoch. Nicht, das man das tatsächlich tat; man machte das, was man in Clubs immer tut: Tanzen, trinken, Frauen kennenlernen und auf dem Klo Drogen nehmen. Im Fall des Mojo war das einfach. Das Klo war hinten rechts und die Hälfte der Leute, die sich dort einfand musste nicht, das ist mal sicher.

Ich will hier kein falsches Bild aufbauen: Eine Opiumhöhle, war das Mojo nicht. Allerdings konnte man Joints ungestört auf der Tanzfläche bauen, das hat nie jemanden gestört. An manchen Tagen roch es so stark nach Gras, das es unsinnig war, überhaupt eine eigene Tüte zu bauen, weil das eine Verschwendung des eigenen Materials gewesen wäre. Zwei- Dreimal kräftig einatmen, war da fast schon ausreichend.

Groß, quadratisch, schwarz

Aufgrund der akademischen Atmosphäre und des Hanfgeruchs war die Stimmung im Mojo, das nach dem großen Erfolg im Holthusenbad bald in größere Räume auf der Reeperbahn umgezogen war, immer wahnsinnig entspannt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es jemals Schlägereien oder irgendwelche andere Art von Ärger gab. Aber ich kann mich täuschen, ich wohnte ja nicht im Club.

Die Einrichtung des Mojo spottete eigentlich jedem guten Geschmack, sie war hässlich wie die dunkelste Nacht. Der Raum war groß und quadratisch und komplett schwarz. Es gab eine Bar links neben dem Eingang, ein DJ-Pult genau gegenüber dem Eingang und eine paar konische Sitzgelegenheiten rechts neben dem Eingang - das war alles. Der Club residierte bis zu seiner Schließung in einem Gebäude ganz am Anfang der Reeperbahn, das eine Bowlingbahn und ein Musikgeschäft beherbergt hatte und eigentlich einem Bürohaus weichen sollte. Das Haus steht heute immer noch, soll immer noch abgerissen werden, aber es passiert gar nichts, was wohl daran liegt, dass kein Mensch Büros braucht - zumal auf dem Kiez.

Was dort schon eher hingehört, sind gute Konzerte, und davon gab es im Mojo-Club eine ganze Menge. Um mal kurz Name-Dropping zu betreiben: Im Laufe der Zeit wurde das Mojo beehrt von Größen wie "Massive Attack", "Moloko", den "Propellerheads", "Pizzicato Five", "Roni Size", "Goldie" und den unvermeidlichen "Kruder & Dorfmeister".

Musikalisch untermaltes 'rumhängen

Dabei bestand der Mojo-Club eigentlich nur aus einem Soundsystem und einem Diaprojektor, der Bilder von Musikern und Tänzern aus den Sechzigern an die Wand warf. Das wenige vorhandene Interieur sah von Anbeginn abgewarzt und tausend Jahre alt aus, aber das war gut so, passte es doch zur alten Musik. Außerdem erzeugte es Atmosphäre, was den meisten Clubs ja abgeht. Das Mojo war daher überall beliebt.

Das war einerseits schön, weil man Engländer und Japaner dort traf. Andererseits war es nervig, weil viele Menschen aus dem niedersächsischen Umland Hamburgs den Club an manchen Tagen fluteten wie ein Tsunami. Nichts gegen Niedersachsen, die Mutter meiner Tochter kommt von dort, ich will auch nicht in die stadtübliche Arroganz gegenüber der Landbevölkerung abdriften und man darf ja auch nicht den Fehler machen, sich einzubilden in einer Stadt zu wohnen wäre eine Leistung an sich. Allerdings ist es gewöhnungsbedürftig, wenn eine Busladung Stadener (oder wie heißen Menschen aus Stade?) bis morgens um fünf Uhr laut mitsingend eine Polonaise macht. Da das Mojo meiner Erinnerung nach keine festen Schließzeiten hatte, konnte man allerdings auch noch nach fünf kommen, wenn die Stadener nach Hause gegangen waren. Es kostete dann auch keinen Eintritt mehr.

Im Mojo wurde auch das "Chillen" erfunden. Von einem französischen DJ namens Raphael Marionneau keine Lust auf Tanzen hatte, Tee servierte, Sofas in den Laden räumte, Klassik mit modernen Sounds mischte und an jedem ersten Mittwoch im Monat sein "Café Abstrait" abhielt - und so das musikalisch untermalte Rumhängen und Heißgetränke schlürfen einem größeren Publikum näherbrachte.

Adidas überall

Es war die Zeit, in der wirklich jeder Mensch den ich kannte, alte Adidas-Turnschuhe trug oder Trainingsjacken von Altona 93. Eine urban legend erzählte damals, das es einen alten Schuhladen gäbe, in Winsen an der Luhe, dessen Besitzer Ende der Siebziger aus Versehen so viele Turnschuhe bestellt habe, dass es sie bis weit in die Neunziger noch verkaufen konnte - nicht mehr zum alten Preis, aber immerhin viel billiger als in der großen Stadt. Als ich mit einem Freund nach Winsen fuhr, war von dem Laden allerdings nichts zu sehen. Zum Glück hatte mein Freund einen Verwandten in Winsen, der allerdings schon lange verstorben war. Aber wo wir schon mal da waren, konnten wir gleich ein wenig Grabpflege betreiben.

Ich weiß nicht mehr, ob wir auf der Fahrt nach Winsen die Mojo-Sampler hörten, es könnte durchaus sein. Der erste Sampler war so erfolgreich, dass er eine Serie startete, die mittlerweile auf zwölf Ausgaben angewachsen ist. Wahrscheinlich haben die Mojo-CDs dazu beigetragen, dass einfach irgendwann der Punkt erreicht war, an dem man dachte: "Es reicht". Die Musik, die das Mojo groß gemacht hatte, so tanzbar und nett sie war, war ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr zu ertragen.

Es tut mir leid, das sagen zu müssen, weil mir der Mojo-Club immer gefiel, aber irgendwann war Dancefloor-Jazz so nervig wie die Musik, die in Fußgängerzonen zum Besten gegeben wird, wenn ein Dutzend Nachfahren südamerikanischer Mayas mit traditionellen Schlaginstrumenten und Panflöten den ganzen Tag lang stimmungsvolle Volksweisen interpretieren.

Mojo 2.0

Als der Club im April 2003 dichtmachte, war das trotzdem traurig, schließlich wurde Hamburg dadurch wieder ein Stückchen provinzieller. Es muss einfach mal gesagt werden, dass das Clubleben in der Hansestadt immer mehr ausdünnt und dass alles, was eine Szene-Identität stiften könnte, durch familienfreundliche Hotelneubauten oder Discountmärkte ersetzt wird. Das Mojo stand insofern für eine Clubkultur, die den Namen auch verdiente.

Wie auch immer: Ich vermisse den Mojo-Club überhaupt nicht, alleine schon wegen der Schlange am Eingang. Außerdem gibt es das Mojo eigentlich immer noch, auch wenn es jetzt anders heißt. Das an gleicher Stelle gelegene Mandarin-Kasino ist, um mal in einer modernen Sprache zu reden, die auch Jugendliche verstehen, das Mojo 2.0 - auch wenn das alle Beteiligten abstreiten (die übrigens die selben sind wie im Mojo). Die Musik ist vielseitiger geworden, aber das war es auch schon. An jedem dritten Samstag im Monat gibt es sogar wieder regelmäßig stattfindende Mojo-Club-Abende.

Ich war dort noch nie, aber ich bin auch schon lange nicht mehr bei den Mayas in der Fußgängerzone stehen geblieben.

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1.
Lars Kratz, 25.02.2008
Hallo lieber Autor mein bestes Konzert im Mojo und vielleicht auch überhaupt war von MC 900Ft Jesus. Gibts den überhaupt noch?
2.
K. Delvendahl, 01.08.2008
"...Nachfahren südamerikanischer Mayas mit traditionellen Schlaginstrumenten und Panflöten"...naja
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