Legendäre E-Gitarren Die Klampfmaschinen

Legendäre E-Gitarren: Die Klampfmaschinen Fotos
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Kunststoff-Klampfen, Besenstiele mit Saiten und Radios als Verstärker: Als in den Dreißigern die ersten E-Gitarren gebastelt wurden, belächelte man sie als Spielzeuge. Doch sie wurden zur Revolution. einestages erinnert an die frühesten, wichtigsten und schrägsten E-Gitarren der Geschichte. Von Danny Kringiel

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Sie schrie und fauchte wie ein verwundetes Tier, verfiel in ein Wimmern und kreischte erneut auf, als er sie vor seine dröhnenden Lautsprecher hielt. Es sah aus, als versuchte sie, sich ihm zu entwinden, aber immer wieder rang er sie nieder. Was James Marshall "Jimi" Hendrix am 31. März 1967 im Londoner Astoria Theatre mit seiner Gitarre anstellte, war ungeheuerlich, unheimlich, geradezu obszön. Die Zuschauer wussten nicht, wie ihnen geschah: Zwar war Hendrix dafür bekannt, die wildeste Seite der Rockmusik zu zelebrieren - doch die Lärmorgie, die er an jenem Abend nach dem Song "Purple Haze" entfachte, stellte alles in den Schatten, was man zuvor an Gitarrenspiel auf Bühnen erlebt hatte.

Und doch sollte das unfassbare Ende erst noch kommen: Minutenlang ließ Hendrix seine Gitarre wildes Feedback erzeugen, sie wie eine Sirene aufjaulen, hob sie hoch über seinen Kopf, bis er sie schließlich fast ehrfürchtig auf dem Boden niederlegte. Und die Streichhölzer hervorholte. Wie zum Gebet vor seine Gitarre gekniet, verspritzte er Feuerzeugbenzin über sie und zündete das immer noch in schmerzhaften Rückkopplungen fiepende Instrument an. Und während das Publikum mit ungläubigem Staunen mitverfolgte, wie die Flammen vom Gitarrenkorpus emporschlugen, während Drummer Mitch Mitchell weiter auf sein Schlagzeug eindrosch, hob Hendrix seine Hände empor, als wolle er die Flammen beschwören, noch höher zu züngeln.

Etliche Geschichten ranken sich um diesen Abend: etwa, dass die Zerstörungsorgie ein durchdachter PR-Stunt gewesen sei, um das Image des eigentlich schüchternen Hendrix aufzumotzen, der so unsicher gewesen sein soll, dass er bei Plattenaufnahmen das Licht ausschaltete, damit ihn niemand beim Singen sehen konnte. Oder dass der wilde Gitarrenrocker sich bei dem Freudenfeuer gehörig die Finger verbrannte und ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Doch diese Gerüchte taten Hendrix' Ruf keinen Abbruch: Ende der Sechziger war er der Hexenmeister eines Kults. Und der verehrte einen Götzen, der von Menschenhand erschaffen worden war in unscheinbaren Schuppen, Werkstätten und Radioläden der USA, gerade einmal 30 Jahre zuvor: die E-Gitarre.

Ein Besenstiel mit Saiten

Dabei war 30 Jahre zuvor noch wenig zu spüren gewesen von dieser kultischen Verehrung: Das bekam der Country-Gitarrist Eldon Shamblin zu spüren, als er 1937 bei einer Probe seiner Band Bob Wills and his Texas Playboys stolz seine neue Gitarre zeigte: eine "Electro Spanish" der Firma Rickenbacker - eine der ersten E-Gitarren überhaupt. Argwöhnisch beäugte sein Bandleader das Instrument, das mit seinem winzigen Korpus aussah wie eine Spielzeuggitarre für Kinder. Zudem bestand es nicht aus Holz, sondern Bakelit - dem Material, aus dem auch Bowlingkugeln gemacht wurden. Wills fragte: "Was hast du da?" Shamblin: "Eine Gitarre." Wills stellte klar: "Wenn ich einen Gitarristen anheuere, will ich auch, dass er wie ein Gitarrist aussieht." Zähneknirschend musste Shamblin mit seiner alten Akustikgitarre weiterspielen.

Er war nicht der einzige Gitarrist, der in den dreißiger Jahren versuchte, sein Instrument elektrisch zu verstärken und so klanglich in den Vordergrund zu rücken: In den Big Bands war es das traurige Schicksal der Gitarristen, im Hintergrund leise Akkorde vor sich hinzuzupfen, weil sie sich gegen die viel lauteren Bläser nicht durchsetzen konnten. Und in kleineren Bands hatten sie Mühe, gegen den Lärm der Zuschauer in den Bars anzuspielen. Also versuchten viele Gitarristen mit den absonderlichsten Methoden, sich an Lautsprecher anzuschließen: etwa, indem sie Mikrofone in die Schallöcher hängten oder Membranen aus Telefonhörern an den Korpus bauten. Und viele von ihnen fanden damit ähnlich wenig Anklang wie Eldon Shamblin.

Einer von ihnen war der Jazzgitarrist Lester Polsfuss, besser bekannt unter dem Künstlernamen "Les Paul". Schon seit 1928 hatte er in seiner Werkstatt mit der Elektrifizierung von Gitarren experimentiert. Zunächst waren das noch unbeholfene Basteleien - so hatte er etwa die Nadel aus dem Plattenspieler seiner Mutter als Tonabnehmer in seine Gitarre eingebaut und als Verstärker das Radio seiner Eltern benutzt. Aber in den Vierzigern konstruierte Polsfuss schließlich seine erste richtige E-Gitarre - auch wenn die äußerlich kaum noch wie eine Gitarre aussah, sondern wie ein Holzbalken mit Saiten, einem magnetischen Tonabnehmer und Stimmmechaniken. Er taufte sie prosaisch "The Log" - "Der Holzklotz".

Polsfuss war sich sicher, eine Erfindung gemacht zu haben, die die Gitarristenwelt weiterbringen würde. Denn anders als die umgerüsteten Akustikgitarren mit Tonabnehmern, die mittlerweile auf dem Markt aufgetaucht waren, war seine Holzklotz-Gitarre nicht anfällig für schrille Rückkopplungen, wenn man sie laut spielte. 1949 brachte er seine Erfindung zu Maurice Berlin, Chef der Mutterfirma des Gitarrenherstellers Gibson, der mit der "ES-150" eine der ersten elektrisch verstärkten Akustikgitarren herausgebracht hatte. Doch für eine rein elektrische Gitarre hatte Berlin herzlich wenig über, wie Polsfuss sich in der Gitarren-Historie "The Electric Guitar" erinnert - er sagte einfach: "Vergiss es!" und nannte sie einen "Besenstiel". Eine Entscheidung, die er noch bitter bereuen sollte.

Ein Brett, das die Welt verändert

Denn im kalifornischen Fullerton werkelte zur gleichen Zeit ein Mann an einer Erfindung, die die Gitarrenwelt von Grund auf ändern würde. Ein Mann, der die Herstellung von Gitarren radikal vereinfachen und damit eine Art "Volksgitarre" für alle schaffen würde: Leo Fender. Fender, ein Radiotechniker, der nach der Wirtschaftskrise der Dreißiger eine neue Existenz damit aufgebaut hatte, Lautsprecher für Musiker und Tonabnehmer für Akustikgitarren zu bauen, hatte zwar nicht die geringste Ahnung vom Zupfinstrumentenbau - aber genau das sollte sein Erfolgsgeheimnis werden.

1950 präsentierte Fender eine Revolution - die "Esquire"-Gitarre. Sie war schamlos geklaut - von einer Brettgitarre, die sein Kumpel, der Motorradmechaniker Paul Bigsby, 1947 für den Countrygitarristen Merle Travis gebaut hatte. Hinter dem klangvollen Namen verbarg sich ein plumpes Brett mit Tonabnehmer, daran ein Hals, der nur von vier Schrauben gehalten wurde, und ein Steg, der aussah wie ein Aschenbecher aus Blech. Jeder Idiot mit einer Säge konnte so etwas bauen. Es war genial.

Fender war es gelungen, die erste für Massenproduktion optimierte E-Gitarre der Welt zu bauen - und er überrumpelte damit die Konkurrenz: Gibson musste mit ansehen, wie dem Radiotechniker seine Bretter aus den Händen gerissen wurden. Und schwenkte um: Maurice Berlin, der Les Pauls Holzklotz-Gitarre so brüsk abgewiesen hatte, rief einen seiner Mitarbeiter zu sich. Und wies ihn an: "Finde den Jungen mit dem Besenstiel. Stell ihn ein."

Gitarrensoli auf dem Esstisch

Schon wenig später war Fender nicht mehr allein auf dem Markt der massiv gebauten "Solidbody"-E-Gitarren. Schon ein Jahr später brachte Gibson die "Les Paul"-Gitarre auf den Markt, Firmen wie Rickenbacker und Gretsch rückten mit eigenen Modellen nach. Gemeinsam traten sie eine Revolution los, die die Gitarristen aus der Statistenrolle wieder in den Vordergrund rückte, den Siegeszug der Rockmusik mit ihren verzerrten Gitarrenriffs und jaulenden Soli erst ermöglichte und die E-Gitarre selbst bald zum Kultobjekt erhöhte, um das sich zahllose Anekdoten der Rockgeschichte spinnen sollten.

Etwa die des Bluesmusikers B.B. King, der einst unter Lebensgefahr in eine brennende Konzerthalle zurückrannte, nur um seine Gitarre zu retten, die gerade einmal 30 Dollar wert war. Als er erfuhr, dass das Feuer versehentlich ausgelöst worden war, als zwei Männer sich um eine Frau namens "Lucille" geprügelt hatten, beschloss er, fortan jede seiner Gitarren auf diesen Namen zu taufen. Oder die des Queen-Gitarristen Brian May, der sich seine eigene E-Gitarre "Red Special" als 15-Jähriger selbst baute - aus einem alten Eichenesstisch, der Holzverkleidung eines Kamins und Motorradteilen.

Hinter vielen berühmten Gitarren verbergen sich die absurdesten Geschichten: zum Beispiel die des Metalgitarristen Michael Angelo Batio, dem es nicht mehr reichte, mit nur einer Greifhand seine lichtschnellen Soli zu spielen. Also lernte er, auch seitenverkehrt Gitarre zu spielen, und ließ sich eine X-förmige Monstergitarre mit vier Hälsen bauen, auf der er seine Licks gleichzeitig mit der linken und der rechten Hand spielen konnte. Oder die Geschichte von Daniel Boucher, jenem Mann, der im September 2008 bei einer Auktion in London für über 350.000 Euro ein verkohltes Stück Holz ersteigerte. Ein Stück Holz, das einst Rockgeschichte geschrieben hatte. In den Händen von Jimi Hendrix.

einestages präsentiert die Bildergalerie der größten Gitarrenlegenden, legendärsten Gitarren - und ihre Geschichten. Klicken Sie zum Starten einfach in das erste Bild über dem Text.

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insgesamt 19 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Marco Damp 04.08.2010
Wäre unter anderem noch die Gibson Harp Guitar zu nennen. Diese wird unter anderem von Jeff Martin, dem ehemaligen Frontman von The Tea Party, gespielt. http://www.minermusic.com/cc/charliebrown.htm
2.
Jan Hecker-Stampehl 04.08.2010
Unbedingt erwähnt werden muss hier auch die ungewöhnliche Doppelhalsgitarre, die der Genesis-Bassist und -Gitarrist Mike Rutherford in verschiedenen Versionen gespielt hat, nämliche eine Kombination aus 12-saitiger Gitarre und einer Bassgitarre. Siehe etwa hier: http://www.philmages.com/08%20Classic%20Rock%20Concerts/Genesis/GEN16%20Mike%20Rutherford%20Monochrome.jpg oder hier http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/13/MikeRutherfordGenesis.jpg und selbst auf der letzten Genesis-Tournee 2007 spielte er eine solche Doppelhalsgitarre: http://www.guitarmasterclass.net/wiki/images/8/88/Mike_rutherford1.jpg Alle diese Gitarren sind Sonderanfertigungen gewesen. Eine davon wurde von der britischen Firma Shergold hergestellt und die beiden Teilgitarren konnten sowohl einzeln gespielt werden als auch zu der Doubleneck zusammengesetzt werden: http://www.shergold.co.uk/images/farm/clipsapart.jpg
3.
Jan Hecker-Stampehl 04.08.2010
Nachtrag zu Mike Rutherford: In dem Musik-Video zur 1987er Hit-Single "Land Of Confusion", das vom Team der britischen Satire-Sendung "Spitting Image" produziert wurde, war Rutherford nicht nur physiognomisch als Karikatur seiner selbst zu sehen - auch seine Doppelhalsgitarren-Vorliebe wurde mit einer vierhälsigen Gitarre auf's Korn genommen. http://www.multinet.no/~jonarne/Hjemmesia/Favorittartister/Genesis/land_of_confusion_2.jpg Kurioserweise hält sich das Gerücht, Rutherford habe tatsächlich eine vierhälsige Gitarre gespielt, als urbaner Mythos, wie der Gitarrenhersteller Shergold auf seiner Homepage vermerkt: "All stories of Mike having a four neck ambidextrous guitar (Shergold or otherwise) are untrue(...), despite those people who maintain that they saw the flight cases etc, it is an urban myth." http://www.shergold.co.uk/mikes.html Hier handelt es sich wohl um einen Wandermythos und die Multineck-Gitarre von Michael Angelo Batio, die in dem Artikel hier auch erwähnt wird, wurde dann zwischenzeitlich Rutherford zugeschrieben!
4.
Joachim Holstein 05.08.2010
Manche Gitarre ist auch besungen worden. In "Medias negras" des Spaniers Joaquín Sabina über die flüchtige Begegnung mit einer jungen Unbekannten wird das böse Erwachen am Morgen so geschildert: Lo malo no es que huyera con mi cartera y mi Gibson-Les Paul, peor es que se fuera robándome además el corazón. Zu deutsch: Das Schlimme ist nicht, dass sie mit meiner Brieftasche und meiner Gibson-Les Paul abgehauen ist, schlimmer ist, dass sie beim Davonmachen auch noch mein Herz gestohlen hat.
5.
nicolas stephani 05.08.2010
Den Namen slowhand hat Clapton von früher, weil es bei ihm ewig dauerte, bis er (on stage) eine gerissene Saite neu aufgezogen hatte. (Steht so in seinem Buch).
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