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Legendäre Hippiekommune Farm im Vollrausch

Legendäre Hippiekommune: Farm im Vollrausch Fotos
Noelle Olompali Barton

Während in Vietnam US-Soldaten starben, bauten sie in Kalifornien am Paradies - die Hippies der Olompali-Ranch. Noelle Barton war 1967 eines der Gründungsmitglieder der kalifornischen Kommune. Auf einestages schildert sie deren Alltag: Perlen fädeln, tanzen, Sex.

Es war Mitte der sechziger Jahre, und die Welt geriet immer mehr aus den Fugen. Der Vietnam-Krieg war im vollen Gange, immer mehr Leute wurden eingezogen. Dazu wollten wir eine Gegenwelt schaffen, eine Oase. Wir, das waren meine Mum (Sandra Barton), Don (McCoy, der offizielle Gründer und Geldgeber der Kommune), Sheela (Don's spätere Frau) und natürlich wir, die Kinder. Olompali war die perfekte Oase. Die Ranch hatte einen riesigen Swimmingpool und 280 Hektar Land, auf dem wir Pferde halten und uns vollkommen frei bewegen konnten. Außerdem hatten vor uns Grateful Dead auf der Ranch gewohnt. Meine Mum, Sheela und Don waren hellauf begeistert und beschlossen sofort, dort zusammenzuziehen.

Geld für so ein Projekt war genug da. Don hatte als Unternehmer gearbeitet und zudem noch geerbt, er war reich, deswegen zahlte er die Miete. Anfangs waren wir lediglich 12 bis 15 Leute auf Olompali, nur der engste Freundeskreis. Dann kamen die Freunde der Freunde, und so wurden wir immer mehr. Aber das war gar kein Problem, Platz gab es genug.

Was dann passierte, nenne ich immer "Aufstieg und Fall einer utopischen Familie". Ich sehe mich selber als unsere Chronistin, schreibe alles auf und verwahre alles, halte alle zusammen. Man muss die Wahrheit über unser Leben in Olompali erzählen, sonst brennt die Phantasie mit den Leuten durch. Die ersten neun oder zehn Monate waren phantastisch, aber dann begann der Abstieg der Utopie.

Abhängen auf Droge mit den Grateful Dead

Als meine Mutter und ich einzogen, war ich gerade mal 17 Jahre alt, ideal für das Leben in der Kommune: Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich war kein Kind mehr und wurde für voll genommen, war aber auch nicht erwachsen und musste noch keine Verantwortung tragen. Die High School hatte ich abgebrochen, das war nichts für mich.

Was ich stattdessen tat? Ich nahm viele Drogen und hing mit den Grateful Dead rum. Auf der Rückseite ihres Albums "Aoxomoxoa" sind die Dead mit einigen von uns unter einem Baum im Park von Olompali zu sehen. Nebenbei entwickelte und organisierte ich Lightshows für Konzerte. Ich tanzte auch dazu: Wochenlang tat ich zum Beispiel nichts anderes, als mit Tanz im Licht der Stroboskope zu experimentieren. Oder ich widmete mich den ganz normalen Tätigkeiten auf Olompali, fädelte Perlen auf, töpferte oder arbeitete in der Küche.

Jeder von uns musste gewisse Aufgaben im Haushalt übernehmen, und mir machte die Arbeit in der Küche Spaß. Zum Frühstück gab es meist French Toast oder Rührei - für bis zu 60 Leute! Da wurden ganze Stiegen Eier in die Pfanne gehauen. Eine Frau von uns war mit einem Offizier der Air Force verheiratet, deshalb hatten wir Zugang zum Supermarkt auf der Air Force Base, in dem es die Waren für Angehörige der Armee billiger gab. Dorthin sind wir dann oft zum Einkaufen marschiert, alle barfuß und mit langen, wehenden Haaren - was für ein Bild.

Erst ein bißchen arbeiten, dann ein bißchen Sex

Natürlich haben wir aber auch eigenes Gemüse angebaut: Mangold, Spinat, Tomaten, wenn wir Glück hatten auch Gurken, Melonen, Salat, Walnüsse, Granatäpfel und Äpfel. Und Kühe hatten wir auch, die, egal wie stoned du warst, in aller Herrgottsfrühe gemolken werden mussten. Wie es sich für eine gute Kommune gehört, haben wir immer versucht, so viel wie möglich selber zu machen, auch unsere Autos selber zu reparieren. Und wenn man sie mit mehreren zusammen erledigt, können Hausarbeiten auch Teil der Party sein.

Und Olompali war eine einzige Party. Du konntest von Raum zu Raum gehen, und in jedem Raum wartete ein neues Abenteuer. Du hast dich hingesetzt und Perlen aufgefädelt, bis zu keine Lust mehr hattest. Dann bist zu eine Runde im Pool geschwommen, hast auf dem Weg zurück ins Haus jemanden getroffen, bist mit ihm aufs Zimmer gegangen und hattest Sex. Dann bist du ins nächste Zimmer, und hast da mit Leuten über Philosophie geredet, dann vielleicht ein Mittagsschläfchen gehalten und so bist du den ganzen Tag durchs Haus mäandert.

Am schönsten waren die Ausflüge nach San Francisco, zum Beispiel zu Konzerten. Manchmal hat Don auch alle Kinder zusammen in seinen Truck geladen, und dann sind wir mit 25 Mann zu Baskin Robins zum Eisessen gefahren. Kinder brauchen Eiscreme. Ich war in meinem Element.

Mit acht den ersten Joint

Nicht allen Kindern ging es so. Gerade die jüngeren hätten etwas mehr Sicherheit vertragen - und die gab es in Olompali kaum. An jedem Wochenanfang zogen alle Erwachsenen einen Namen von dem Kind, für das sie dann in dieser Woche zuständig waren. So mussten sich die Kinder jede Woche an jemand anderen gewöhnen, der ihnen die Gute-Nacht-Geschichte vorliest und hatten keine Bezugsperson mehr.

Überhaupt war das Leben für kleinere Kinder auf Olompali nicht ganz einfach. Siobhan McKendrick, die jüngste Tochter von Sheela, hat sich mal in einem Zeitungsartikel darüber beschwert, dass ihre Eltern sie mit acht Jahren haben Pot rauchen lassen. Das ist natürlich heftig, aber ich sehe es so: Ich bin in einem Zirkus aufgewachsen, und manchmal nenne ich mich eine "Überlebende".

Es ging zum Beispiel auch keines von uns Kindern in eine Schule. Warum auch? Wir hatten schließlich unsere "Nicht-Schule". Zuständig dafür war Garnet, eine ehemalige Schulleiterin einer staatlichen Schule. 1966 hatte sie öffentlich zugegeben, dass sie Pot raucht, um nach der Arbeit wieder runterzukommen. So wie andere Leute nach Hause kommen und sich erst mal einen Martini eingießen. Aber Garnet war dafür gefeuert worden und gab nun die Lehrerin auf Olompali. Manchmal half ihr Sister Mary, eine Nonne, die uns mal besucht hatte und der es bei uns so gut gefiel, dass sie gleich da blieb. Mit der "Nicht-Schule" hat es trotzdem nicht immer funktioniert. Da niemand die Kinder zum Lernen gezwungen hat, erschienen sie ziemlich selten zum Unterricht.

Probleme wie im Spießerhaushalt

So wie mit der Schule haben wir in vielen Dingen versucht, uns von der Gesellschaft abzugrenzen. Ganz haben wir das natürlich nie geschafft. Wir haben zwar unser Brot gebacken, aber die Butter dafür mussten wir kaufen. Es war ein Leben neben der Gesellschaft, aber ganz vom Netz waren wir nie. Es hat funktioniert, weil Don Geld hatte. Wenn einer sagte: "Don, ich brauche eine neue Drehscheibe für die Töpferwerkstatt", dann hat Don die beste gekauft, die er finden konnte. Oder wenn wir gesagt haben: "Don, wir brauchen besseres Equipment für unsere Lightshows", dann hat Don es besorgt.

Natürlich hatten wir auch so unsere Probleme, wie jede Kommune. Wir haben einmal die Woche eine Sitzung gehabt, in der wir die nächste Woche geplant und Probleme besprochen haben. Bei jeder Sitzung drehte es sich eigentlich immer wieder um die drei gleichen Fragen: Wer hat die Türen aufgelassen, so dass die Tiere ins Haus kamen? Wer hat den Abwasch nicht gemacht? Wer hat das Licht angelassen? Aber es gab keine Sanktionen. Wir wollten ja keine Spießer sein. Und uns vor allem nicht streiten. Streit war total verpönt. Hey, es war der Sommer der Liebe, da war Streit ein Tabu.

Trotzdem war es selten pure Harmonie. Mit einigen Leuten versteht man sich gut, mit anderen nicht, so ist das Leben, auch in der Kommune. Richtigen Ärger gab es aber nur, wenn die Egos der Männer aufeinanderprallten. Das war wie bei den Tieren auf einer Ranch.

Ein Trip nach Indien als Anfang vom Ende

Im Winter 67/68 lief dann trotzdem langsam alles aus dem Ruder. Don und einige andere waren nach Indien gegangen, und als sie wiederkamen, war alles anders als vorher. Sie waren da auf einen ganz komischen Trip gekommen, die östliche Philosophie hat sie ziemlich beeinflusst. "Die Erde gehört nur Gott", sagten sie, kein Mensch sollte etwas besitzen dürfen, und Olompali gehörte plötzlich auch niemandem mehr. Ich und einige andere fanden das nicht so prickelnd. Jetzt konnte jeder kommen und gehen, wie er wollte, Verantwortung übernahm niemand mehr. Ich wollte keine Fremden einfach so auf Olompali haben, egal ob die Ranch Gott gehörte oder sonst wem.

Irgendwann war auch Dons Geld alle. Oder zumindest floss es nicht mehr so in Strömen wie am Anfang. Außerdem kam im Januar 1969 das Drogendepartment zweimal kurz hintereinander auf Razzien vorbei. Darüber wurde umfassend in den Medien berichtet, unter anderem wurde auch die berühmte Geschichte geschrieben, wie ein Officer Don fragte, wem das viele gefundene Dope gehört, und er antwortete: "Es gehört Gott. Ich rauche es nur."

Tatsächlich hatte uns das Dope kurz vorher ein Informant untergejubelt. Der Kerl hatte es sich bei uns gemütlich gemacht, war mit einer Frau aus der Kommune zusammen. Und dann, zu Weihnachten, hat er jedem von uns eine große Tüte voll Dope geschenkt. Das war der Stoff, den die Drogenleute dann gefunden haben. Fünf oder sechs Monate später war der Typ aber tot, einfach so gestorben. Der konnte schon nicht mehr vor Gericht aussagen.

Abgebrannt - in jeder Hinsicht

Na, und dann kam das Feuer. An jenem Abend hatte ich eine Lightshow bei einem Konzert gemacht, ich war also nicht zu Hause. Wir kamen wieder, und da war alles voller Feuerwehr - die Farm war abgebrannt. Wir sind nach dem Feuer in verschiedene Richtungen weitergezogen. Einige von uns sind in anderen Kommunen untergekommen, andere haben ein bürgerliches Leben angefangen. Aber wir sehen uns immer noch sehr oft und sind immer noch sehr gute Freunde - zumindest die, die noch leben.

Ich bin jetzt 58 und arbeite als Pokerdealerin. Früher habe ich selber gespielt, aber heute deale ich nur noch. Das ist nicht gerade gut fürs Karma, denn am Tisch sitzen manchmal alte Freunde, die immer noch Spieler sind. Das ist so, als ob du als Bartender deinen Freunden Alkohol ausschenkst, obwohl du weißt, dass sie Alkoholiker sind. 20 Jahre lang habe ich als Oben-ohne-Tänzerin gearbeitet. Aber das mache ich jetzt nicht mehr. Ich hatte einen Deal mit mir geschlossen: Wenn mein Sohn so alt ist, dass er in den Laden, in dem ich tanze, kommt, um mit seinen Kumpels Pool zu spielen, höre ich auf. Daran habe ich mich gehalten.

Für mich war die Zeit in Olompali sehr prägend. Ich habe schon vor vielen Jahren offiziell meinen Namen ändern lassen. Seit dem trage ich den meiner Mutter und den der Ranch. Ich bin Noelle Barton Olompali.

Aufgezeichnet von Angelika Franz

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1.
Andreas Goerke, 13.02.2009
Ganz nette Story über die bunte Hippie-Culture! Das damals die Kinder mit 8 ihren ersten Joint rauchten, kann ich mir nur schwer vorstellen. Aber Du hast es scheinbar so erlebt. War das bei den vielen, anderen Hippie-Communities der West Coast auch so? Einen gesunden Spirit hatte doch eher die Mehrzahl der Blumenkinder. Die Zeit hat dich sehr geprägt, schreibst Du. In Richtung negativer oder positiver LIFE-Style für dich ganz persönlich? Sehr schöne Fotos begleiten deine Sicht der Dinge! Stay tuned & take care!!!
2.
wolfgang Sukowsky, 01.08.2011
Hier treffen die Worte des Apostels Paulus zu, "man kann alles machen aber nicht alles ist gut!" Doch auch diese Erlebnisse sollten so sein damit wir daraus lernen können! Danke für den Beitrag.
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