Legendäre Journalistenschule "J-School fraß mein Hirn auf"

Legendäre Journalistenschule: "J-School fraß mein Hirn auf" Fotos
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16.000 Dollar für ein Jahr Reporterhölle: Die renommierteste Journalistenschule der Welt wird 100 Jahre alt. Für ihren Gründer war die Columbia Journalism School ein Demokratie-Garant. Absolvent Marc Pitzke dagegen erinnert sich an Mafiosi, Drag-Queens - und selbstverliebte Professoren. Von

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Am Anfang stand eine Warnung. "Einmal um die falsche Ecke", drohte Stephen Isaacs, "und ihr seid dran." Dazu machte er mit der Handkante eine Geste, als durchschneide er sich die Kehle. An die Wand projiziert war ein Stadtplan, auf dem Isaacs alle Straßen rot markiert hatte, die es nach Einbruch der Dunkelheit zu vermeiden galt. Sie begannen gleich nördlich vom Campus.

New York City war anders damals, im August 1993. Viele von uns waren neu in Manhattan, blauäugig und grünschnäbelig, trotz Berufserfahrung. An jenem Morgen waren wir mit der stinkenden U-Bahn gekommen oder zu Fuß durchs Gewühl des Broadways. Denn Geld für Taxis hatten wir nicht. Das war für die Studiengebühren draufgegangen, rund 16.000 Dollar. Journalismus hatte seinen Preis. Jedenfalls an der Journalism School der Columbia University.

Isaacs - vormals Reporter der "Washington Post", nun Dekan - ließ uns im "World Room" antreten, einem muffigen Saal, benannt nach der Zeitung "New York World" des Verlegers Joseph Pulitzer. Mit dessen Zwei-Millionen-Dollar-Stiftung war die Schule 1912 eröffnet worden, ein Jahr nach seinem Tod.

Es roch nach Staub, Legenden und unserer eigenen Unzulänglichkeit. "By the way", verriet uns Isaacs, "in diesem Saal werden auch die Pulitzerpreise verliehen."

Joey the German

Die "J-School" feiert in diesen Tagen ihr 100-jähriges Bestehen. Und Selbstzweifel waren hier, in der Kaderschmiede der US-Zunft und renommiertesten Journalistenschule der Welt, schon immer fehl am Platz. Allein der Bau, ein klassizistischer Steinklotz, bewacht von einer Statue des US-Verfassungsvaters Thomas Jefferson. In der Lobby prangt ein vollmundiges Zitat Pulitzers, der einst aus Österreich-Ungarn kam und auch "Joey the German" hieß: "Unsere Republik und ihre Presse werden gemeinsam aufstehen oder fallen." Starker Tobak.

Dieser Tobak waberte durch unsere ganzen neun Monate an der J-School. "Class of '94" hießen wir und wurden oft belehrt, wie gut die Schule sei, wie hart, wie wichtig. Die Geister illustrer Alumni spukten über die Flure: Robert Caro, Richard Cohen, Jim Dwyer, Molly Ivins, Joe Lelyveld, Ron Suskind. Namen, die anderen wenig sagten, für uns hatten sie Götterhall.

Natürlich kochte auch die J-School am Ende nur mit Wasser, und das war auch gut so. Doch wir rackerten rund um die Uhr, keine Zeit zum Schlafen - geschweige denn zum Hinterfragen.

Jeder von uns bekam als erstes einen sogenannten "Beat" zugeteilt, ein Viertel, über das wir täglich zu berichten hatten, Redaktionsschluss 18 Uhr. Wir wurden zu Lokalreportern in einer Metropole, deren Komplexität selbst Profis herausforderte, über die aber auch schon alles geschrieben war.

Cops auf Nachtschicht, Stadträte auf Zechtour

Ich erwischte die Lower East Side, wo ich neuen Zugang zu alten Themen finden musste: Drag Queens, DJs, Drogensüchtige, Immigranten, Mafiosi, Armut, Reichtum, Kriminalität. Ich begleitete Cops auf Nachtschicht, Stadträte auf Zechtour, eine Anwältin am Night Court - und einen Bürgermeisterkandidaten namens Rudy Giuliani, der beim letzten Mal verloren hatte.

Der Kurs "International Reporting" dagegen fand an der Uno statt, in der schimmeligen Korrespondentenlounge am East River. Wir mischten uns unter die Diplomaten, mokierten uns über die Bürokratie und mühten uns, die unsäglichen Resolutionspapiere zu verstehen, die die Uno-Druckerei tonnenweise ausspuckte.

Parallel recherchierten wir ein neunmonatiges Dauerprojekt, einen Zwitter aus Reportage und Buch. Dieses Master's Project raubte uns den restlichen Schlaf. In meinem ging es um die Jagd nach einem Aidsmittel. Als ich Aids-Pionier David Ho traf, pfiff er einen Oldie: "What a difference a day makes." Wenig später wurde er als Entdecker der Cocktailtherapie weltberühmt.

Praxis war alles. Auch wenn wir zwischendurch herumsaßen, um Praktikern zu lauschen, die gleichermaßen angetan waren von ihrem Job wie von sich selbst. Watergate-Ikone Carl Bernstein verklärte das investigative Metier, "Time"-Edelfeder Nancy Gibbs schwärmte von der Macht des Wortes, Altmeister Seymour Topping - damals der Chef des Pulitzerpreis-Komitees - amüsierte sich mit Anekdoten aus kalten und heißen Kriegen: Vietnam, China, Sowjetunion, Pakistan, Nahost, Kuba, Berlin.

"PCs mit Flimmerschrift"

Vieles geriet zur Parodie. Unser Hauptlehrbuch war ein 700-Seiten-Schmöker von Melvin Mencher, einem Ex-UPI-Mann, der die J-School 1947 abgeschlossen hatte und als eine Art Schutzheiliger verehrt wurde. Darin fanden sich Hinweise wie: "Berichte über Unfälle und Desaster müssen die Namen und Adressen der Toten und Verletzten beinhalten." (S. 375.)

Die Professoren ließen uns mal ohne Adjektive schreiben und mal ohne alle Formen von "to be". Sie traktierten uns mit der bizarren Struktur amerikanischer Artikel, die so ganz anders ist - und, so fand ich, unlogischer - als die deutsche.

Wir hackten auf PCs mit Flimmerschrift herum. Internet-Zugang gab es noch keinen, Google erst recht nicht. Recherchen fanden zu Fuß statt oder über die teure Datenbank LexisNexis.

Das hat sich geändert: Heute ist die J-School technologisch hochgerüstet, besitzt TV-Studios und ein Center for Digital Journalism und hofft, innovativ zu bleiben in einer Zeit, in der jeder glaubt, Journalist sein zu können, doch keiner mehr für Journalismus bezahlen will. Nach einer aktuellen Umfrage gilt der Journalistenberuf in den USA als einer der zehn schlechtesten überhaupt - neben Tellerwäschern, Metzgern, Holzfällern, Soldaten und Ölbohrarbeitern.

Schule fürs Leben

Nur Wahnwitzige peilen diese Karriere an. Das war schon damals so. "J-School fraß mein Hirn auf", betitelte der Erfolgsautor Michael Lewis ein ätzendes Essay - einen Monat, bevor wir ankamen. Er nannte die Kurse "irrelevantes Geplapper" und zitierte den Ex-Schüler Joseph Nocera, heute Kolumnist für die "New York Times": "Nichts bereue ich mehr." Dass Nocera 2007 ein Finalist für den Pulitzerpreis war, macht die Kritik im Nachhinein umso amüsanter.

Dran war etwas. Nicht mal die Hälfte unserer Klasse fand anschließend eine Stelle, trotz des Hypes um die J-School. Einer meiner Kommilitonen ist heute Chefreporter beim "New York Times Magazine". Ein anderer Immobilienmakler in New Jersey.

Mir blieben ein blumiges Abgangszeugnis, ein Reisestipendium und Abertausende Dollar an Schulden. Und doch war es das wert. Wegen der Nachtschicht-Cops, wegen David Ho, wegen New York, das mich nie wieder losließ. Und weil mich erst der Dampfdrucktopf der J-School auf spätere Momente vorbereitete, in denen sich zeigte, wie wichtig es ist, sein Handwerk ernst zu nehmen, aber nicht sich selbst - 9/11, "Katrina", das US-Wahldrama von 2008.

850 neue Wahnwitzige bewarben sich voriges Jahr. 258 wurden angenommen. Ihre Studiengebühren haben sich fast verdreifacht seit 1993, auf mehr als 47.000 Dollar. Mit Lebenshaltungskosten (24.050 Dollar) und anderen Gebühren (5633 Dollar) sind das exakt 76.759 Dollar. Journalismus hat immer noch seinen Preis. Ich würde bis heute nichts lieber machen wollen.

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1.
Josefine Bode 07.05.2012
"Götterhall" - ist das ein kreative Wortschöpfung, etwas was man an der J-School lernt?
2.
hans treffer 07.05.2012
Ist der Artikel Legendenbildung? Um das zu lernen braucht man nur ein paar Jahre studieren (z.B. Journalistik, Geschichte, SOWI etc.) und nebenbei arbeiten zu gehen. Und was die Gebühren angeht, das ist einfach nur unverschämt und dem fehlenden amerikanischen Engagement für Bildungschancen geschuldet. Damit sage ich nicht, dass es bei uns immer besser ist, aber solche Gebühren sind nichts als eine Frechheit.
3.
Heiko Deutsch 07.05.2012
Mir ist der Journalismus zu einseitig. Das merkt man z.B. bei der Atomdebatte, alles was mit Kerntechnik zu tun hat, wird generell nur negativ dargestellt. Fanatische Demonstranten, die sich festketten, werden als total normal dargestellt - klarer kann ein Journalist seine Zustimmung zu den militanten Demonstranten und damit seine Einseitigkeit nicht darstellen. Es wäre besser, generell Pro - und Kontra darzustellen, weil diese Art der Berichterstattung sehr viel neutraler ist. Damit würde auch die Qualität des Journalismus steigen.
4.
Louis Luges 07.05.2012
Wenn man die Gleichschaltung Medien+Regierung betrachtet, wobei der normale Buerger als Depp Irregefuehrt wird, ja den Reportern haben sie das Gehirn verfluessigt.
5.
Volker Altmann 07.05.2012
Eigentlich sind wir jetzt weg vom Thema, Herr Deutsch. Aber Sie wissen schon, dass es über Jahrzehnte so war, dass Milliarden in die Kernenergie gesteckt wurden, die alternative Energie dagegen als Stiefkind behandelt wurde? Wir könnten so viel weiter sein, wenn sich nicht die Energiekonzerne eine goldene Nase mit der Atomkraft verdient hätten. Jetzt den Journalisten die Schuld am Nein zur Atomenergie zu geben, finde ich etwas seltsam. Haben Sie Tschernobyl und Fukushima verschlafen? Ist es nicht so, dass bis heute keiner den Atommüll haben will? So funktioniert es nun mal nicht. Sich die Taschen vollstopfen mit Fördergeldern - und wenn es um die Frage geht, was mit dem Abfall passieren soll, den Kopf in den Sand stecken. Die Menschen haben einfach die Nase voll von einer "strahlenden Zukunft".
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