Legendäre Konzerte Big Time in Bremen

Gegen ihn war Phil Collins nur ein netter Junge: Mit einer fulminanten Bühnenshow rockte Peter Gabriel vor über 20 Jahren die Bremer Stadthalle. Axel Nerger war dabei - und riskierte für einmalige Fotos Kopf und Kragen.

Axel Nerger

Während seine ehemaligen Kollegen von Genesis Anfang der achtziger Jahre klar gesagt hatten: "Kunst ist okay, aber Kohle ist besser", und die vordersten Plätze der Hitlisten in Beschlag nahmen, blickte Peter Gabriel seit Anbeginn seiner Solokarriere über den Tellerrand hinaus in die Welt und experimentierte. Die ersten Alben nach der Trennung 1975 hatten dem Sänger und Songschreiber bisher nur Lob in Kennerkreisen eingebracht. Stücke wie "Solsbury Hill" und "Games Without Frontiers" erreichten dann die Top Ten und liefen regelmäßig im Radio.

Seinen Platz in der Liga der Superstars eroberte er sich 1986 mit dem Album "So", einer gelungenen Mischung aus tanzbaren und für ihn ungewohnt souligen Rhythmen. Die Single-Auskopplungen "Sledgehammer" und "Big Time" katapultierten ihn auf die ersten Plätze der Hitlisten. In seiner Heimat England verdrängte er mit dem Album sogar seine drei Ex-Kollegen ("Invisible Touch") vom ersten Platz. Bemerkenswert auch die im Duett mit Kate Bush gesungenen Ballade "Don't give up".

Am 21. Juni 1987 machte Peter Gabriel im Rahmen seiner "So"-Tour Station in Bremen. In der Bremer Stadthalle herrschte absolutes Fotografierverbot. Und mein erklärtes Ziel war es, dennoch Fotos von diesem einmaligen Gig mitzunehmen. Seinerzeit war es ziemlich hip, mit Cowboystiefeln herumzulaufen, bevorzugt verziert mit Metallkappen und ähnlichem Gedöns. Ich nutzte sie zu meinem Vorteil: In den Schaft steckte ich ein Teleobjektiv, den Body meiner Canon A-1 bekam ich mit Gaffa-Tape auf den Rücken geklebt (danke noch einmal an Skipper!). Einen Winder und Ersatzfilme hatte ich da verstaut, wo eine Sicherheitskraft männliche Besucher nur in den seltensten Fällen untersucht. Da ich nicht gleich nach zehn Minuten von Ordnern aus der Halle geprügelt werden wollte, postierte ich mich etwa zehn Meter vor der Bühne, also nicht direkt im Blickfeld der Security im Graben.

Abgelenkt von der packenden Show

Mein größtes Hindernis war das Konzert selbst: Die Musik haute mich schlichtweg um. Peter Gabriels Bühnendarbietung war einfach grandios. Der Spannungsbogen reichte von scheinbar bewegungslosen Momenten am Piano mit Falsettgesang bis hin zu raumgreifenden Sprüngen über die Bühne und dröhnenden Bläsersätzen nach "You could have a steam train ...". Aber da waren auch David Rhodes an der Gitarre und der Bassist Tony Levin, die mich als Hobby-Gitarristen am meisten von meinem ursprünglichen Vorhaben ablenkten.

Sicher, mit David Sancious hatte Peter Gabriel einen der besten Keyboarder dabei, und natürlich trieb der Drummer Manu Katché mit seinem Groove die Menge in den Wahnsinn - aber alles zusammen war weit mehr als nur die Summe aller Teile. Hinzu kam - in der für ihre schlechte Akustik berüchtigten Bremer Stadthalle - der mit Abstand beste Live-Sound, den ich je bei einem Konzert jener Zeit erlebt habe.

Ich bekam es immerhin trotzdem geregelt, etwa 30 Aufnahmen zu machen und sicherheitshalber einen neuen Film einzulegen. "Red Rain" brachte eine irrsinnige Lightshow, und dann packte Tony Levin seinen Chapman-Stick, im Grunde nur der Hals mit den Saiten, ohne den Gitarrenkorpus, aus. Spätestens jetzt wurde jedem klar, warum Phil Collins bloß ein netter Kerl und Peter Gabriel ein Rockstar war.

Der Schock kurz vor Ende

Ich drängte mich ein paar Meter weiter nach vorne. Prima Aussicht - mit dem 200-Millimeter-Teleobjektiv hatte ich Peter Gabriel formatfüllend im Sucher. "Shock the Monkey" ... Mir gelang eine Serie, bei der ich nur noch auf den charismatischen Sänger, aber nicht mehr auf meine Umgebung achtete. Und dann starrte ER direkt in mein Objektiv - mir gelang ein Schuss, der heute wirkt wie gestellt.

Peter Gabriel musste das auch so gesehen haben, denn er drehte sich ein wenig um, schien ein Zeichen zu geben. Ich kann es nicht mehr so genau sagen. Jedenfalls bewegten sich im Graben vor der Bühne auf einmal zwei Ordner von der Seite in den Innenraum, Zuschauer wurden an die Seite gestoßen.

Automatisch verbarg ich meine Kamera unter der Jacke und rempelte mich halb gebückt in Richtung Mischpult, wo die Menge am dichtesten stand. Irgendwo auf diesem Weg müssen mich die beiden Sicherheitskräfte aus den Augen verloren haben; jedenfalls schaffte ich es, mit der Kamera und den belichteten Filmen unversehrt aus der Stadthalle zu entkommen. Verpasst habe ich lediglich das letzte Stück und die Zugabe, ich glaube, es war "Biko", und die ganze Halle sang mit.

Der ganze Abend war voller Momente, in denen sich die Nackenhaare aufrichteten, aber wenn ich heute die Bilder durchsehe, dann weiß ich, dass es das Risiko wert war.



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Gaston Dahm, 10.08.2008
1.
Peter Gabriel live on stage - das ist immer ein Rockereignis der unvergesslichen Art. Ich habe Anfang der neunziger Jahre eines seiner Konzerte der "Us"-Tournee (Amnéville, Frankreich) miterlebt, und es ist bis heute das allerbeste Konzert geblieben das ich jemals erlebet habe. Die Bühnenshow mit versenkbaren Plattformen, gigantischem Flatscreeen der sich um die eigenen Achse drehen konnte und anderen diversen Effekten, hat mich damals regelrecht umgehauen und ist regelrecht in mein Gedächtnis eingebrannt. Die Musik selbst war natürlich auch vom allerfeinsten : Tony Levin am Bass, Manu Katché an den drums, Shankar an der elektrischen Violine, Paula Cole als Backgroundsängerin... Gott sei Dank sind mittlerweile einige sehr gute Konzert-DVD's von Peter Gabriel auf dem Markt, die kann ich bedingungslos empfehlen, besonders die zwei letzten von der "Up"-Tournee.
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