Legendäre Konzerte Rocken, bis der Arzt geht

Wes-ter-laaaaaaand: 1988 lösten sich die "Ärzte" zum ersten Mal auf - und gaben ein furioses Abschiedskonzert auf Sylt. Ex-Bassist Hagen Liebing erinnert sich lebhaft an den Auftritt und zeigt auf SPIEGEL ONLINE Bilder aus seinem Privatarchiv.

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Hagen Liebing

Dieser Text stammt aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv und wurde von Hagen Liebing selbst verfasst. Er erschien erstmals im Juli 2008.

"Hallo Hagen, willst du Popstar werden?"

Eigentlich hatte ich meinen Traum von einer Musikerkarriere längst an den Nagel gehängt, als Dirk Felsenheimer, besser bekannt Bela B. von der Punk-Band "Die Ärzte", mich im Sommer 1986 anrief. Ich kannte Dirk noch aus alten Punk-Tagen Ende der siebziger Jahre in Berlin-Spandau. Als Dirk anrief, lebte ich in einer Zweizimmerwohnung in Schöneberg und hatte gerade geheiratet. Ich studierte Medienberater auf Diplom. Das alles hatte ich eigentlich mit einer anstehenden Gesetztheit verbunden - und dann kam genau das Gegenteil, nämlich der Einstieg ins Popdasein.

Meine erste Amtshandlung als neues Mitglied der Band war dann direkt der Gang ins Studio. Das Album "Die Ärzte" mit Songs wie "Sweet Sweet Gwendoline" und "Ist das alles?" war gerade fertig geworden, für die Single zu "Für immer" fehlte aber noch eine B-Seite, und ich durfte gleich dazu spielen. Noch bevor wir auch nur einmal miteinander geprobt hatten, habe ich auf einer Major-Plattenfirmascheibe den Bass eingespielt. Da war ich ganz schön stolz. Das Stück hieß "Ewige Blumenkraft".

Doch kurz nachdem ich eingestiegen war, stand die Existenz der "Ärzte" auch schon auf der Kippe. Das neue Album wurde wegen des Liedes "Geschwisterliebe" plötzlich indiziert. Die Platte durfte nicht mehr an Leute unter 18 verkauft werden und es konnte auch keine Werbung mehr dafür gemacht werden. Das stellte die ganze Zukunft der "Ärzte" in Frage. Man würde kein Geld mehr verdienen können und vermutlich den Plattenvertrag verlieren. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf gingen wir auf Tournee.

Das Gefühl auf der Stelle zu treten

Es hätte wirklich sein können, dass alles den Bach runtergeht, doch es lief genau umgekehrt. Die Band wurde nach und nach immer erfolgreicher. Es kamen immer mehr Leute, wir spielten in immer größeren Hallen. Und immer wenn wir dachten: "Jetzt kann es nicht mehr besser werden", wurde es noch besser. Das letzte Konzert der Tournee in Kiel war so schnell ausverkauft, dass wir zugestimmt haben, zwei Konzerte zu geben - an einem Abend. Da haben wir einmal um 20 Uhr gespielt und gleich danach noch mal um 22 Uhr.

Trotzdem hatten Jan, also Farin Urlaub, und Dirk das Gefühl, sie würden in dieser Konstellation künstlerisch auf der Stelle treten. Wir konnten uns damals auch gar nicht vorstellen, dass es Bands geben könnte, die zwanzig, dreißig Jahre existieren und immer das Gleiche machen. Das war für uns einfach nicht glaubwürdig.

Es hieß also: Noch eine Platte, aber dann ist wirklich Schluss. Das war eine bewusste Entscheidung von Jan und Dirk. Die waren ja die Köpfe der Band. Als ich dazugekommen bin, habe ich mich ja quasi in ein gemachtes Nest gesetzt. Klingt jetzt sehr bescheiden, aber es war ja wirklich schon alles da, was die Band ausgemacht hat.

Punkerinvasion auf Westerland

Dann kam die letzte Tournee. Die Agentur hatte noch mal alles gebucht, was geht. So waren wir ein Vierteljahr unterwegs. Insgesamt 67 Termine, glaube ich. Ursprünglich waren viel weniger Stationen geplant. Die Tour begann in Unna und sollte eigentlich in Münster enden. Aber von Konzert zu Konzert wurden die Fans immer hysterischer. Die Ankündigung unseres Abschieds hatte die Nachfrage außerordentlich erhöht. Die Konzerte waren konstant ausverkauft, die Leute waren extrem wehmütig ... wir auch. Weil jeder eigentlich bei seinem Konzertbesuch wusste, dass es das letzte Mal sein würde.

Irgendwann beschlossen wir dann, unser allerletztes Konzert in Westerland auf Sylt zu spielen. Im Kursaal. Weil da nur etwa 1.500 Leute reinpassten, wollten wir eigentlich zwei Konzerte spielen, aber das wurde nicht genehmigt. Die Stadtverwaltung hatte Angst, dass es zu einer "Punkerinvasion" käme. Das passierte dann natürlich trotzdem.

Weil es das letzte Konzert war, kamen viele Freunde und Weggefährten auf die Insel. Rocko Schamoni und die Goldenen Zitronen, Rod Gonzales, der jetzt bei den "Ärzten" mein Nachfolger am Bass ist, Lanrue von Ton Steine Scherben. Außerdem kamen Tourleute, Crew-Mitglieder, Roadies, alte Freunde aus dem Berliner Punkumfeld und ganz viele Fans, die uns immer hinterhergereist sind. Mit denen haben wir dann nachmittags die Strandkörbe unsicher gemacht.

Wir wollten gar nicht mehr aufhören

Abends war es dann so weit. Wir saßen backstage kurz vor dem Auftritt. Jan hat Gesangsübungen gemacht. Ich nicht. Bei mir war das fruchtlos, und Dirk hat auch keine gemacht. Dann sind wir auf die Bühne gegangen wie bei jedem anderen Konzert.

Wir gingen rauf, es war dunkel und als alle an ihren Instrumenten waren, ging es mit einem Wumms los - Licht an, Musik ab! Ab da war es praktisch nur noch ein einziges Brüllen von den Fans. Unten waren die normalen Konzertbesucher, unsere Freunde standen oben auf einer Galerie, die einmal rundherum ging. Man hat von der Bühne aus jeden gesehen. Alle Leute, die ich kannte, habe ich ständig im Blick gehabt. Und als die alle so gerührt geguckt haben, da wurde einem schon klar, dass das eben doch kein normales Konzert war. Jeder war sich wirklich dieser einzigartigen Situation bewusst: Das ist jetzt wirklich das letzte Konzert.

Witzig war es natürlich trotzdem. Ein "Ärzte"-Konzert ist immer witzig. Aber das war wie süß-sauer - man hatte beides intus. Irgendwann waren wir dann mit unserem Standard-Set durch. Erst da merkten wir, dass wir gar nicht mehr aufhören wollten. Wir spielten die Zugaben ... und dann noch mehr Zugaben. Irgendwann merkten wir: Mist, jetzt müsste eigentlich mal Schluss sein - und dann haben wir noch mehr Zugaben gespielt. Es ging wirklich sehr, sehr lange. Am Ende verbeugten wir uns, verabschiedeten uns von den Leuten. Dann sind wir von der Bühne gegangen. Vom Band lief Musik, die Jan extra aufgenommen hatte. Ich weiß gar nicht mehr, was es zum Anfang des Konzertes war. Aber am Ende lief "Non, je ne regrette rien" von Edith Piaf.

Das Ende einer Ära - oder etwas in der Preisklasse

Für die Party nach dem Konzert hatten wir eine Disco gemietet. Ein echt schräger Schuppen ... zwei Etagen, ich weiß gar nicht mehr, wie der hieß. Das war so ein Laden, wo wir normalerweise wahrscheinlich gar nicht reingekommen wären. Später in der Nacht sind wir dann an den Strand und haben gebadet. Das ging dann bis früh morgens und endete in unseren Suiten in dem Nobelhotel mit Meerblick, in dem wir untergebracht waren. Die waren voll mit Leuten, die zum Konzert gekommen waren, aber keinen Platz zum Schlafen hatten. Es war wie ein riesiges Klassentreffen. Die Hotelangestellten waren ziemlich pikiert.

Der Moment, der mich an diesem Abend am meisten beeindruckte, war, als ich nach dem Auftritt Fabsi hinter der Bühne sah. Claus Fabian ist der Sänger der Mimmi's und war früher Schlagzeuger von ZK, der Vorgängerband der Toten Hosen. Der war so eine Großer-Bruder-Figur in diesem ganzen Fun-Punk-Zirkel gewesen und eigentlich ist der so eine richtige rheinische Frohnatur. Aber an diesem Abend stand Fabsi halt da und hat richtig geheult.

Er meinte, dass mit dem Ende der "Ärzte" eine wichtige Phase zu Ende gegangen sei. Er hat es noch anders ausgedrückt. "Das Ende einer Ära" klingt jetzt ein bisschen hoch gegriffen, aber etwas in der Preisklasse hat er schon gemeint. Das ist mir in Erinnerung geblieben, weil er damit ja die Gefühlslage des Abends exakt getroffen hat. Hinten haben wirklich alle geweint. Oder hatten zumindest feuchte Augen.

Aufgezeichnet von Benjamin Maack



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Johannes Gitthardt, 25.09.2016
1. Danke, Hagen!
Du hast mir meine Jugend versüßt. Auf Dich warten jetzt 2000 Mädchen. Ruf sie an!!!
Volker Müller, 25.09.2016
2. Der Laden in Westerland
mit 2 Etagen heißt (oder hieß) "downstairs". Farewell, Hagen.
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