Legendäre Konzerte Als die Kürbisse den Kiez aufrollten

Den 14. Mai 1998 werden viele Hamburger nicht so schnell vergessen: Maximal 5000 Fans der Smashing Pumpkins wurden zum Konzert der US-Band auf dem Kiez erwartet. Doch dann kam alles ganz anders. Helmut Reich war dabei.

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Die Sensation war Anfang Mai des Jahres 1998 perfekt: Die Smashing Pumpkins, eine umjubelte amerikanische Rockband auf dem Höhepunkt ihres Könnens, sollten nach Hamburg kommen und auf der Reeperbahn spielen - ohne Eintritt. Die Veranstalter erwarteten an die 5000 Fans und täuschten sich mit dieser vorsichtigen Einschätzung gewaltig.

Die Nachricht, dass die Smashing Pumpkins weltweit an verschiedenen außergewöhnlichen Orten spielen wollen und auch in Hamburg, hatte sich in der Stadt schnell herumgesprochen. Bandkopf Billy Corgan hatte die Reeperbahn unter anderem deshalb ausgewählt, weil hier die von ihm verehrten Beatles ihre Karriere begonnen hatten. Der sechsstellige Zuschuss einer Brauerei sicherte den Auftritt, die Reeperbahn wurde Zeuge des Auftakts einer Konzertreise, die später auch in den Tivoli nach Kopenhagen oder in das Guggenheim Museum in Bilbao führen sollte.

Hausdächer besetzt

Am 14. Mai war es in Hamburg soweit: Eine frühlingshafte, fast sommerliche Stimmung lag an diesem Tag in der Luft. Tausende Anhänger der US-Rocker strömten bereits ab dem Nachmittag aus den U- und S-Bahn-Schächten Richtung Spielbudenplatz. Gut eingedeckt mit Bierdosen verwandelten sie den sandigen Platz bis zum Abend in ein riesiges Festivalgelände.

Die Anzahl der Menschen überstieg schnell die erwartete Zahl. Etwa 25.000 Fans warteten auf die Musiker aus Chicago, besetzten dabei auch Bäume, Balkone, Bushaltestellen und Hausdächer. Die Reeperbahn musste wegen des Andrangs sogar für den Straßenverkehr gesperrt werden. Eine Atmosphäre, die schon vor Konzertbeginn Legendäres erwarten ließ.

Als die Smashing Pumpkins dann gegen 19.30 Uhr die in Relation zur Menschenmasse verhältnismäßig kleine Bühne in Höhe Davidstraße betraten, war der Jubel groß, die Erwartungen der Fans gigantisch: Welche der alten Klassiker würden gespielt werden und wie kommen die neuen Songs des erst im Juni erscheinenden Albums "Adore" an?

Corgan in schwarz

Gespannt wartete die Menge auf Billy Corgan. Diesen als charismatisch zu beschreiben, macht es zu einfach. Irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn, Schmerz und Pathos, Exzentrik und Verträumtheit ist er wahrscheinlich am besten einzuordnen. Dazu eine Stimme, die unvergleichlich ist in der Musikwelt - und die den Aufstieg vom Undergroundtipp zum Superstar maßgeblich vorantrieb.

Doch nicht nur der Songschreiber, Gitarrist und Sänger der Band machte den großen Erfolg dieser Musik am Ende des Jahrtausends aus - auch die anderen "Kürbisse", wie die Bandmitglieder von ihren Anhängern liebevoll genannt wurden: Der Keyboarder war zwar zwei Jahre zuvor an seinem Drogenkonsum gestorben, der Drummer daraufhin gefeuert worden, doch die kühl erotische Bassistin D'Acry Wretzky und der geniale Gitarrist James Iha gaben der Musik der Pumpkins einen ebenso unverwechselbaren Klang wie die Stimme Corgans.

Ganz in schwarz betrat dieser die Hamburger Bühne und sang: "To Sheila" - ein langsames Stück, eine Ballade. Doch die Fans waren schon jetzt überwältigt von der Atmosphäre und von dem großartigen Sound, der in diesen Minuten den Stadtteil St. Pauli beschallte. Nach einigen ruhigen Melodien, die den Stilwechsel der Band mit dem neuen Album verkündeten, folgten dann altbekannte Werke wie "Tonight, Tonight", "Bullet With Butterfly Wings" oder "1979", die wie gemacht für diesen Abend schienen - ein wunderbares Gefühl aus Melancholie und Glück war für einige lange Augenblicke greifbar.

"Lehmitz" gestürmt

Die Band spielte druckvoll und wirkte trotzdem manchmal fast abwesend. Das übertrug sich auf das Publikum: Ein Teil tanzte wild und übte sich im Crowdsurfen vor der Bühne, andere standen einfach nur gebannt da, nahezu entrückt. Gefangen genommen war wohl jeder auf seine Art von dieser Musik. Mit dem letzten Song dürfte auch dem kühlsten Musikkritiker endgültig warm ums Herz geworden sein: Die Smashing Pumpkins spielten ein Coverstück - "Transmission" - eine Hommage an die legendäre Band Joy Division und ihren früh gestorbenen Sänger Ian Curtis.

Nach dem etwa 100 Minuten dauernden Konzert stürmten die Fans die Kiezkneipen. Der Andrang war so groß, dass im legendären Rockerladen "Lehmitz" Bier zeitweise nur noch in kompletten Kisten und Schnaps nur noch in vollen Flaschen verkauft wurde. Doch das war an diesem Abend nebensächlich, denn das Gesprächsthema Nummer eins war natürlich der soeben erlebte Auftritt.

Man ahnte bereits damals, ein herausragendes Konzert an einem ungewöhnlichen Ort erlebt zu haben. Doch kommt heute, fast zehn Jahre später, in jenen Kiezkneipen das Gespräch noch einmal auf diesen Abend, dann leuchten die Augen derer, die damals dabei waren. Und man kann sicher sein, der 14. Mai 1998 auf der Hamburger Reeperbahn war etwas ganz Besonderes.



insgesamt 2 Beiträge
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Paul Hochmann, 01.04.2008
1.
Auch ich war an diesem legendären Nachmittag auf der Reeperbahn. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran danke. Mein Bruder und ich hatten VIP-Ausweise, kamen aber leider zu dem Mini-Club-Gig zu spät, der im Vorfeld des Konzerts statt fand. Doch später beim Umherschlendern vor dem Konzert, ging plötzlich die Hintertür eines Hotels auf, an dem wir zufällig vorbei kamen und unvermittelt standen sie plötzlich vor uns: Billy Corgan, D'Acry und James Iha. Total entspannt schlenderten sie zum VW-Bus, der sie zur Bühne bringen sollten. Wir klatschten und jubelten - fast wie Teenager. Aber ein bisschen so hat man sich ja auch gefühlt an diesem wilden Nachmittag.
Hans-Jürgen Frinzel, 01.04.2008
2.
Ein Video habe ich dazu gefunden. http://www.youtube.com/watch?v=Z5l9gOG3Rp8
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