Legendäre Konzerte Zusammenbruch als Zugabe

Legendäre Konzerte: Zusammenbruch als Zugabe Fotos
Jutta Bloemeke/K&K

Es sollte ein glanzvolles Comeback werden und endete im Desaster: 1974 präsentierte Joe Cocker vor kleinem Publikum sein neues Album "I Can Stand A Little Rain". Am Ende wankte er nur besoffen über die Bühne. Rüdiger Bloemeke war dabei - und machte die einzigen Bilder vom Absturz der Legende. Von

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Es sollte ein grandioses Comeback werden: Joe Cocker live im Roxy Theater am Sunset Strip. Ein Comeback aus dem Drogensumpf - mit einer neuen LP im Gepäck. Denn der Star von Woodstock hatte in den Jahren zuvor vor allem durch Exzesse von sich Reden gemacht. Sein letzter Erfolg lag inzwischen vier Jahre zurück: 1970 war das Live-Doppelalbum seiner US-Tournee "Mad Dogs & Englishmen" zum Welthit geworden.

Am Ende der Tour war Cocker allerdings ein Wrack: Der ehemalige Klempner aus dem englischen Sheffield, der sich mit diesen Auftritten auf die Weltbühne katapultiert hatte, konnte dem Stress nicht standhalten. Es folgten Jahre des Frusts, des Versagens, Ausfälle durch Drogen und Alkohol, der Absturz in die Bedeutungslosigkeit.

Jetzt, 1974, war er in Los Angeles für seine Plattenfirma A&M endlich wieder ins Studio gegangen. Eine halbe Million Dollar hatte er für den neuen Vertrag kassiert - und gleich wieder ausgegeben, um sich von seinem Manager loszukaufen.

Knebelvertrag für den Helden von Woodstock

Einen Ausstieg aus dem Showgeschäft würde es für Cocker nicht geben, das war klar. Er hatte sich vertraglich verpflichtet, noch weitere Alben zu produzieren, und solange sich diese verkauften, würde er nicht aus dem Vertrag entlassen werden. Und so stand er an diesem Abend im Mai 1974 im Roxy nicht nur auf der Bühne, um seine neue Platte zu präsentieren, sondern auch, um einen Deal zu erfüllen, den er, so wurde gemunkelt, schon lange bitter bereute.

Eingeladen zu dieser "Special Performance" waren Leute aus der Musikbranche und die Presse. Meine Frau und ich, zu Besuch in Los Angeles, waren als europäische Journalisten willkommen. Joe Cocker hatte, so A&M-Sprecher Bob Garcia, der jetzt den Auftritt im Roxy Theater betreute, selbst darauf gedrungen, mit den Stücken seines neuen Albums "I Can Stand A Little Rain" vor kleinem, handverlesenem Publikum aufzutreten.

Das Roxy, etwa so groß wie Onkel Pö's Carnegie Hall in Hamburg, war kurz vor 22 Uhr zu zwei Dritteln gefüllt, an einem der kleinen Tische saß Joni Mitchell in männlicher Begleitung. Offensichtlich waren keine Fotografen erschienen, wir hatten als einzige eine Kamera dabei. Nach seinen vielen Ausfällen waren die Erwartungen an den Sänger nicht gerade sehr hoch. Für die Platte hatte Produzent Jim Price allerdings erstklassige Musiker engagiert: Jim Horn und Nicky Hopkins, die Creme der damaligen Session-Musiker, die Singer-Songwriter Jimmy Webb und Randy Newman, sowie Jeff Porcaro von Toto, um nur einige zu nennen.

Auftritt mit Bierflasche

22 Uhr. Die Band heizte gleich ein. "Ladies and Gentlemen: Joe Cocker!" Der Star des Abends erschien mit einer Bierflasche in der Hand - als wäre er zu Gast in einem englischen Pub. So hatten die Gigs im heimischen Sheffield immer begonnen, als er noch Frontmann der Band Vance Arnold And The Avengers war, als er noch schlank und drahtig war.

Jetzt wirkte er plump, hatte Fett um die Hüften angesetzt. Das weiße T-Shirt spannte über dem Bauch, er ruderte mit den nackten Armen, seine Locken hingen ihm in die Stirn. Die Musiker legten ein Tempo vor, das er kaum mithalten konnte. Aber: "Why should I worry when I know, you're loving me" sang er - das klang fast wie eine Entschuldigung. Der Beifall war ihm trotzdem sicher, auch wenn er die Nummer glasklar in den Sand gesetzt hatte.

Überhaupt bekamen die neuen Texte an diesem Abend einen tieferen Sinn: "I made it before and I can make it some more" hieß der Refrain des Album-Titels "I Can Stand A Little Rain", den der Chor beharrlich wiederholte. Der Star des Abends besann sich auf seine Hauptrolle und stellte die Musiker vor. Doch was er ins Mikrofon lallte, war kaum verständlich, die Namen gingen im Gemurmel unter.

Nur höflicher Beifall statt brandendem Applaus

Er hatte es doch früher geschafft, warum nicht jetzt hier in Hollywood? Vor fünf Jahren hatten ihn - fast 3000 Meilen entfernt an der Ostküste - die Hippies von Woodstock zum Weltstar erkoren, als er wild gestikulierend Luftgitarre spielte. Der Mann aus der englischen Stahlstadt war damals als schwärzeste weiße Stimme gefeiert worden. Jetzt erntete er nur noch höflichen Beifall.

Joe Cocker rettete sich in eine Ballade, "You Are So Beautiful", sein letzter großer Hit der siebziger Jahre, der Song, der Jahrzehnte später zum Evergreen werden würde. Das Stück machte ihm hörbar Probleme. Im Publikum breitete sich Unruhe aus. Statt zuzuhören, unterhielten sich die Gäste. Cocker fing sich, aber schon beim nächsten Stück grölte er nur noch wie eine Cocker-Parodie.

Die Band spielte die weltberühmten ersten Takte von "With A Little Help From My Friends" an. Es war sein erster großer Hit, es hätte seine Rettung sein können. Aber Cocker wollte nicht mehr, unterbrach die Band. Bei dem Jimmy-Webb-Stück "It's A Sin When You Love Somebody" wußte er schließlich mit dem Text nicht weiter und überließ das Singen den Chor-Girls.

Peinliche Stille, Cocker kaputt

Jimmy Webb setzte sich ans Klavier und stimmte seine Komposition "The Moon Is A Harsh Mistress" an. Es wurde still im Publikum. Am Ende gab es donnernden Applaus - für den Pianisten. Joe Cocker schwankte um das Mikrofon herum, raufte sich die verschwitzten Haare, rutschte langsam am Mikrofon herab zu Boden, wo seine Flasche stand.

"Hey Joe!", klangen die Rufe aus dem Zuschauerraum. Mit glasigen Augen schaute er in die Runde und versuchte, bekannte Gesichter im Publikum auszumachen. Der A&M-Ansager dolmetschte: "Joe möchte wissen, ob hier jemand ist, den er kennt!" Keine Antwort. Er hatte es noch nicht mal geschafft, alle zehn Stücke der LP vorzutragen. Die verpatzten Einsätze hatten die Band, die nun ein Solo nach dem anderen spielte, restlos verärgert. Nach kurzer Abstimmung verließ sie die Bühne.

Auf der abgedunkelten Bühne blieb der Mann aus Sheffield am Boden hocken, wir Zuschauer blieben auch, um ihn nicht allein zu lassen. "Come sing the blues with me", bat er. Schweigen, peinliche Stille. Nichts passiert, er zuckte mit den Schultern und resümierte: "No piano player!" Noch ein lallender Versuch, etwas zu improvisieren, dann wankte auch er davon.

Am nächsten Morgen rief ich bei A&M an, um zu erfahren, was die Plattenfirma zu dem PR-Desaster sagen würde. Sprecher Garcia beschönigte gar nichts, für ihn war völlig klar: Sein Star hatte sich durch den Suff ruiniert - über Drogen schwieg er. Die siebziger Jahre hindurch hing Cocker tatsächlich mehr an der Flasche und der Nadel, als dass er auf der Bühne stand. Platten hat er tatsächlich auch aufgenommen, wie es von ihm verlangt wurde. Bis zum echten Cocker-Comeback vergingen aber acht Jahre. Wieder ist es ein symbolträchtiger Titel: "Up Where We Belong". Der mit Jennifer Warnes gemeinsam gesungene Filmsong aus "Ein Offizier und ein Gentleman" wurde 1983 in Hollywood mit dem Oscar ausgezeichnet.

Eins der beeindruckendsten Lieder, die Joe Cocker auf der im Roxy vorgestellten Platte gesungen hatte, ist "Guilty", eine Trinkerballade. Auf Cockers Website wird sie heute neben "You Are So Beautiful" und "The Moon Is A Harsh Mistress" als "Cocker-Klassiker" hervorgehoben - mit dem Zusatz "aus seiner schwärzesten Zeit".

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insgesamt 4 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Wolfgang Conrad 01.03.2009
Überflüssig, dieser Artikel. Warum eine Serie von Bildern, von den eins wie das andere ist? Warum die Vergleiche in Vorher-Nachher-Manier, Woodstock und heute? Warum sich über einen Alkoholiker lustig machen? Der zusammenfassend Dreizeiler und eventuell _ein_ Bild hätten genügt.
2.
Thomas von Oepen 01.03.2009
Unmöglich- Herr Redakteur ! ! Tut das Not, diese olle Kamelle wieder hervorzuholen, ich finde, es spricht für Sensationshascherei, hier einen trockenen Alkoholiker, der seit etlichen Jahren sauber ist und ordentliche Musik abgibt, mit den historischen Taten eines Bühnen-besäufnisses wieder im Zusammenhang zu bringen. Aufmerksamkeit auf Ihre Serie kann man auch anders erreichen, diese Art von Journalismus hat der Spiegel nicht verdient.
3.
Albert Aczél 01.03.2009
Also ehrlich: ich werde nie verstehen, warum Joe Cocker immer dermaßen überbewertet wurde und wird. Wenn das Nachgröhlen irgendwelcher bekannten Titel zu gepflegter Begleitung ein Alleinstellungsmerkmal sein sollte, na gut, dann paßt es wieder. Musikalische Kreativität ist m. E. etwas Anderes. In den 60ern und 70ern wurde ja auch immer die Mär von dem armen Klempner aus Sheffield bemührt, den die böse Musikindustrie über den Tisch gezogen hatte. Wenn es denn so war, hatte sie wahrscheinlich ein leichtes Spiel, denn wie ein erwachsener Mensch trat Mr. Cocker damals gerade nicht auf.
4.
Alexander Lorani 02.03.2009
1979 hatte ich ein identisches Erlebnis bei einem Mini-Festival "10 Jahre Woodstock" auf der Open Air Bühne in Bad Seegeberg. Blues Legende Alexis Korner, der natürlich eigentlich kein Woodstocker war, musste sich als Moderator schliesslich auf die Bühne mit der geliehenen Gitarre von Ritchie Havens setzen. Er spielte eine Stunde, dann kam endlich Joe Cocker, sturzbetrunken fuchtelte er für 45 Minuten herum, der Gesangspart wurde fast aussschliesslich von seinen Hintergrunddamen bestritten. Es hat 5 Jahre bis "Sheffield Steel" gedauert, bis ich wieder eine Platte von Joe Cocker gekauft hatte. In der 70er Kult-Musikzeitschrift Sounds gab es mal eine Kurzkritik zu einem Cocker-Livealbum aus dieser Phase "Halbtot in LA". Sehr passend. Aber irgendwie eine charmante Zeit, als Rockstars noch Rockstars waren und nicht halbe Heilige.
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