Legendäre Konzerte Hässliche neue Welt

Legendäre Konzerte: Hässliche neue Welt Fotos
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Ein Wechselbad der Gefühle: 1990 erlebte Mehmet Gürcan Daimagüler das legendäre Pink-Floyd-Konzert in Berlin und blickte einem geeinten Deutschland entgegen. Bald erschütterten Hoyerswerda, Rostock und Solingen das Land - und Daimagüler wurde selbst zur Zielscheibe des Hasses. Von

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Als der eiserne Vorhang fiel, startete ich mit voller Kraft ins Leben. Ich begann Jura zu studieren und arbeitete als Hilfsassistent im Deutschen Bundestag. Es war eine aufregende Zeit damals, im Politischen wie im Privaten, eine Zeit des Aufbruchs und der Zuversicht - in jeder Hinsicht. Es gab keine Mauer mehr, der kalte Krieg war endlich vorbei. Ich hatte unerschütterliches Vertrauen in meine Zukunft in Deutschland, nicht zuletzt, weil ich endlich meinen deutschen Pass in Händen hielt. Ich wurde als Kind türkischer Gastarbeiter in Deutschland geboren. Jetzt endlich gehörte ich auch auf dem Papier dazu.

Ein unvergessenes Ereignis dieser Zeit, das symbolträchtig für das Zusammenwachsen einer jahrzehntelang geteilten Welt stand, war das Konzert der legendären Gruppe Pink Floyd im ehemaligen Todesstreifen auf dem Potsdamer Platz. Im Juli 1990 fuhr ich mit Freunden per Anhalter nach Berlin, um den Aufbruch mitzufeiern. Was machte es schon, dass wir keine Tickets und keinen Pfennig Geld bei uns hatten? Damals schien alles möglich zu sein.

Das Konzert hatte astronomische Ausmaße: 200.000 Karten waren verkauft worden. Menschen aus Ost und West waren zusammengekommen, um ihre Hoffnung auf eine große Zukunft zu feiern. Viele von ihnen, so auch wir, warteten vor dem Konzertgelände, und so als wären unsere Wünsche erhört worden, öffneten sich die Sicherheitsabsperrungen auch für uns. In jener Nacht hatten wir keine Sorgen. Die Wucht des gigantischen Konzerts ließen uns keinen einzigen Gedanken daran verschwenden, dass es die größten Hoffnungen sind, die am bittersten enttäuscht werden.

"Aus der schönen neuen Welt wurde nichts"

Wir waren so glücklich, dass wir alles Düstere an jenem Abend ignorierten. Weder die depressiven Klänge der Musik und das dumpfe Klopfen der Hubschrauber über unseren Köpfen, die nicht etwa das riesengroße Konzertgelände überwachen sollten, sondern Teil der Show waren, beunruhigten uns, noch die DDR-Grenzer, die uns nach dem Ende des Konzerts nur teilnahmslos anstarrten, so als wären sie ihrer scharfen Sinne beraubt worden, obwohl wir widerrechtlich die Grenze zur DDR übertreten hatten.

In jener Nacht war ich überzeugt, dass alle Bürger Deutschlands zueinander finden würden in einem geeinten Deutschland und einem geeinten Europa; West und Ost würden sich rasch annähern; Ausländer würden, gewissermaßen einem Naturgesetz folgend, als Bürger anerkannt und problemlos in die Gesellschaft integriert. Aber aus der schönen neuen Welt, wie wir sie uns vorstellten, wurde nichts.

Eine seltsam entrückte Stimmung war das in dieser Nacht; entlang der Mauer mitten im ehemaligen Todesstreifen auf der Brache des damaligen Potsdamer Platzes brannten überall Lagerfeuer, und Flammen schlugen aus Tonnen. Ein unheimliches Bild, das mich an die apokalyptischen Szenarien der Mad-Max-Filme denken ließ. Im Rückblick scheint es, als hätten diese beunruhigenden Bilder vorausgedeutet auf das, was erst kommen sollte.

Fremdenfeindliche Pogrome

Was kam, erschütterte mich maßlos: Wenige Wochen nach dem verheißungsvollen Hochgefühl verschlug es mich nach Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern. Zum ersten Mal erlebte ich, wie man mich offen anfeindete. "Kanake" war noch eines der netteren Worte, das ich zu hören bekam. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ich war davon ausgegangen, dass die ehemalige DDR "international" war und Ausländer willkommen. In Greifswald sagte jemand zu mir: "Hau ab, du nimmst uns unsere Jobs und Wohnungen." Die Logik dahinter erschloss sich mir nicht.

Es dauerte nicht lange, bis bei fremdenfeindlichen Pogromen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen meine deutschen Landsleute die Arme zum Hitlergruß in die Luft reckten, auf wehrlose Asylbewerber losgingen und, wenn sie sich nicht direkt beteiligten, ihrem Zuspruch und ihrem Einverständnis mit kräftigem Applaus Ausdruck verliehen. Häuser in Mölln und Solingen wurden von Neonazis in Brand gesetzt. Acht Menschen kamen dabei ums Leben. Zum ersten Mal in meinem Leben demonstrierte ich und nahm an einer Lichterkette teil.

"Wie glücklich ich war, wie viel Hoffnung ich hatte"

Seitdem ist vieles geschehen. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die Welt verändert. Kriege wurden seitdem geführt und Unschuldige ihrer Herkunft oder ihres Glaubens wegen zu Unrecht verdächtigt und inhaftiert. In Deutschland wird das Leben derer, die als Ausländer bezeichnet werden, weiter erschwert, ganz gleich, wie sehr sie, und sei es durch Geburt, mit diesem Land verbunden sind. Insbesondere als Moslem sehe ich mich immer wieder mit Anfeindungen konfrontiert. Die gleichen Menschen, die mich früher "Scheißausländer" beschimpften, nennen mich heute "Scheißmusel". Heute jedoch scheint die Akzeptanz größer zu sein. Die Menschen können sich offenbar darauf einigen, dass Moslems und ihr Glaube per se gefährlich sind. Der Islam scheint zu einem Synonym für den Terrorismus geworden zu sein.

Wenn ich heute an die verheißungsvolle Zeit damals zurückdenke, an Pink Floyd in Berlin, dann erinnere ich mich daran, wie glücklich ich war, wie viel Hoffnung ich hatte und wie unerschütterlich optimistisch ich in die Zukunft blickte. Heute dagegen verspüre ich meistens nur noch Wut darüber, dass alles anders gekommen ist. Ich frage mich, wie es möglich war, dass ich mich so sehr irrte.

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1.
Andreas Rudnick 22.03.2009
Nur mal so: 1990 - gab es am Potsdamer Platz alles mögliche, aber kein Konzert von Pink Floyd. Ein gewisser Roger Waters - seines Zeichens EX-Bassist von Pink Floyd führte seine Rockoper "The Wall" unter zu Hilfnahme von diversen Gastmusikern auf. Pink Floyd führen 1990 The Wall in Berlin auf, wenn Gilmour das wüsste.
2.
Christian Vollrath 20.07.2009
Ich war damals auch bei dem Konzert... und fand es persönlich grottenschlecht. Sie haben sich damals nicht geirrt, Sie waren nur grenzenlos naiv und haben sich von den damaligen Ereignissen einlullen lassen. Schauen Sie in die Geschichtsbücher, auch die der neueren Zeit. Da geht es immer(noch) um die niedersten menschlichen Instinkte und deren Folgen. Überall auf der Welt, in allen bekannten Kulturen. Warum sollte sich das auf einmal ändern, nur weil die Mauer in Berlin weg ist? Wei kamen aie auf die wahnwitzige Idee? Die Kunst ist es, sich damit zu arrangieren und sich nicht der Frustration hinzugeben. Denn so betrachtet war jede Epoche der Menschheitsgeschichte für einen großen Teil der Menschen düster. Die Lichterketten wurden damals größtenteils von Deutschen durchgeführt, richtig? Ich bin im Ausland auch schon mit allen möglichen Bezeichnungen versehen worden, nur weil ich Deutscher, weiß oder vermeintlicher Christ bin. Dumme Menschen gibt es überall, auf allen Seiten. Und das wird sich niemals ändern...
3.
Julia Möller 18.10.2011
Pathetischer geht es nicht, oder? Ich hätte vom Spiegel wirklich mehr erwartet. Aber auch das neue Buch von Daimagüler wird im aktuellen Spiegel, vom 17.10.2011, so durch Allgemeinplätze beschrieben, dass man nur sagen: "Den Artikel hätten Sie sich wirklich sparen können".
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