Legendäre WM-Momente Schräge Typen, irre Anekdoten

Ein toter Hund, Elfmeter mit gerissener Hose und Spieler, die den Platz nicht räumen: Fußball-Weltmeisterschaften bieten nicht nur großen Sport. Hier sind die besten WM-Anekdoten seit 1930.

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In der Gruppenbegegnung zwischen Frankreich und Kuwait war die 80. Minute angebrochen, da stürmte Scheich Fahd Al-Ahmad Al-Jaber Al-Sabah auf das Spielfeld. Eben noch hatten die Fernsehkameras sein rot-weiß-gemustertes Kopftuch auf der Ehrentribüne im Stadion von Valladolid eingefangen - jetzt filmten sie den Präsidenten des kuwaitischen Fußballverbandes in einem Rudel aus sonnenbebrillten Polizisten, gestikulierenden Männern in Trainingsanzügen und lamentierenden Spielern.

Mit stechendem Blick redete Fahd auf den sowjetischen Schiedsrichter Miroslav Stupar ein: Das eben durch Frankreichs Mittelfeldgenie Alain Giresse erzielte Tor zum 4:1 müsse annulliert werden, da die Kicker des Ölstaates während des Angriffs durch einen Pfiff von den Zuschauerrängen verwirrt worden seien. Tatsächlich ließ sich Stupar einschüchtern. Als der Scheich den Rasen verließ, stand es wieder 3:1.

Die Niederlage des Underdogs aus Nahost ließ sich trotz der Manipulation nicht abwenden. Maxime Bossis traf in der 89. Minute zum (erneuten) 4:1-Endstand für die "Bleus". Schiedsrichter Stupar wurde anschließend von der Fifa lebenslang gesperrt. Und Scheich Fahd? Den dürfte die Strafe von 25.000 Schweizer Franken weniger geschmerzt haben als das Vorrunden-Aus Kuwaits bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft in Spanien 1982. Zur Wiedergutmachung lud er die französische Nationalmannschaft 1990 immerhin zu einem Freundschaftsspiel in seine Heimat ein.

Sein dreister WM-Auftritt aber blieb unvergessen - und reiht sich nahtlos in die Chronik der vielen skurrilen Momente der Fußball-Historie ein, wie der gerade erschienene Band "Mythos Fußball WM" belegt. L'Équipe-Reporter Bernard Lions unternimmt darin eine bilderreiche Zeitreise durch die 84-jährige Geschichte der Weltmeisterschaft, die immer mehr war als nur ein Fußballturnier. Denn wo dieser kickende Wanderzirkus auch gastierte, bot er neben großem Sport vor allem eins: eine Bühne für feinsinnige Virtuosen wie schräge Typen, für kleine Dramen und irre Anekdoten.

So wie während der Weltmeisterschaft 1938 in Frankreich: Titelverteidiger Italien führte im Halbfinale gegen Brasilien 1:0, als Elfmeter für die "Squadra Azzurra" gepfiffen wurde (60.). Es wurde einer der kuriosesten in der WM-Geschichte: Kapitän und Inter-Mailand-Legende Giuseppe Meazza legte sich den Ball zurecht, lief an - und bemerkte, dass sein Hosenbund gerissen war. Mit einer Hand das rutschende Textil festhaltend, verwandelte Meazza dennoch den Strafstoß. Italien zog ins Finale ein und wurde nach seinem Sieg gegen Ungarn (4:2) erneut Weltmeister.

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Keinen Grund zum Jubeln hatte hingegen Ernst Jean-Joseph während der WM 1974. Der haitianische Mittelfeldspieler steht für eine doppelte Premiere: Er gehörte der einzigen haitianischen Elf an, die sich bislang für eine Weltmeisterschaft qualifizieren konnte. Gleichzeitig schrieb er als erster ertappter Dopingsünder während einer WM unrühmliche Fußballgeschichte.

Nach dem Gruppenspiel gegen Italien (1:3) in München wurde Jean-Joseph positiv auf Ephedrin getestet: Sofortiger Turnierausschluss und Heimreise nach Haiti waren die Konsequenz. Ein Albtraum für Jean-Joseph. Denn der diktatorische Präsident des klammen Karibikstaates, Jean-Claude "Baby Doc" Duvalier, hatte viel Geld in den Fußballverband gesteckt und hohe Erwartungen an seine "Grenadiers". Jean-Josephs Teamkollege Fritz André erinnerte sich an die Stimmung in der Mannschaft vor der Partie gegen Polen (0:7): "Um ehrlich zu sein, haben wir überhaupt nicht an das Spiel gedacht, sondern nur an Ernst." Doch "Baby Doc" blieb gnädig. Jean-Joseph, der erste Dopingfall der WM-Geschichte, spielte nach seiner Sperre wieder Fußball, auch für seine Heimat Haiti.

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