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Geheime Orte der Popmusik Ach, da stand Bob Dylan!

Geheime Orte der Popmusik: Ach, da stand Bob Dylan! Fotos

Er ist ein Jäger der verlorenen Plätze: Etliche berühmte Plattencovermotive entstanden in New York. Doch wo genau? Seit Jahren fahndet Bob Egan nach den Plätzen, an denen Stars wie Dylan, The Who oder Billy Joel einst posierten. Auf einestages präsentiert er seine verblüffenden Funde. Von

Als Bob Egan seine Suche begann, hatte er nichts in der Hand außer einer Schwarzweißaufnahme. Sie zeigte Billy, einen Mann Mitte dreißig, mit dunklem Lockenkopf, in Jeans und Lederjacke, wie er, ein bisschen steif und den Blick in die Ferne gerichtet, auf einer Treppe saß. 1983 musste das gewesen sein, irgendwo in dieser riesigen Stadt New York. Egan vermutete, dass die Treppe zu einem dieser Backsteinhäuser gehörte, wie sie kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg errichtet worden waren. Solche Gebäude standen im East Village, aber auch in der Upper West und der Lower East Side.

Als Egan genauer hinsah, fielen ihm die eleganten Säulen am Hauseingang auf und das Blumenmuster in der gusseisernen Treppe. Er hatte den Tipp bekommen, dass sich Billy damals möglicherweise in der Nähe seines Elternhauses in der Bronx aufgehalten haben könnte. Egan suchte die Gegend ab, fand jedoch nur schlichte Backsteinhäuser, ohne Treppenaufgänge davor. Wann immer sich Gelegenheit bot, surfte er nun durch Googles Street View. Irgendwann konzentrierte er sich auf das East Village - hier gab es offenbar die meisten hohen Eingangstreppen. Zumeist allerdings aus Stein, nicht Metall. Schließlich verfolgte Egan eine zweite Spur: Der Fotograf der Aufnahme hatte sein Studio in SoHo. Was, wenn der das Bild einfach vor der eigenen Tür geschossen hatte? Ganz so einfach war es nicht. Doch immerhin waren gusseiserne Verzierungen in dem eleganten Stadtteil weit verbreitet.

Wieder setzte sich Egan vor den Computer, diesmal klickte er durch sämtliche Fotos, die ihm bei wechselnden Kombinationen von Suchbegriffen wie Treppe, Backstein oder Metallstufen angezeigt wurden. Und tatsächlich: Zu "Stairs SoHo" spuckte die Fotocommunity Flickr eine hellblaue gusseiserne Treppe mit blumenartigen Ornamenten aus. Wo aber genau war die? Bei dem Foto stand es nicht. Dafür konnte Egan nach einer Vergrößerung die Worte "cocktails" und "oyster" an einer Fensterscheibe neben der Treppe lesen. Die wenigen Stichworte genügten: Ein Restaurant-Portal wies in seiner Trefferliste ein Lokal in SoHo aus.

"Heureka!"

Egan machte sich sofort auf den Weg. Es war bereits dunkel, als er das Haus mit den Stufen fand. Er ging hinauf und setzte sich für einen Moment. In ein paar Tagen würde er noch einmal wiederkommen, um das Haus bei Tageslicht zu sehen und zu fotografieren. Jetzt aber genoss er den Augenblick - und seinen Erfolg: Er stellte sich vor, wie der Mann, dessen Spuren er mit detektivischem Spürsinn durch die ganze Stadt gefolgt war, hier gesessen hatte: Billy Joel, 1983, für das Cover seines neuen Album "An Innocent Man". Er hatte den Platz gefunden.

Er war einer jener Augenblicke, die der 59-jährige New Yorker Egan seine "Heureka-Momente" nennt. Legendäre Orte aufzuspüren und zwar solche, die vor ihm wahrscheinlich noch nie jemand gefunden hat - das ist seine Leidenschaft. Egan kennt sich gut aus in New York. Als er noch in Greenwich Village wohnte, wurde er oft von Leuten gebeten, ihnen die Stadt zu zeigen. Das Viertel ist bekannt dafür, dass dort in den zwanziger und dreißiger Jahren viele Prominente lebten. In fast jedem Reiseführer könne man das nachlesen, sagt Egan. Nicht erwähnt aber werde, wo etwa Bob Dylan, die New York Dolls oder Ramones gelebt hatten. "Wenn ich Besucher durch die Stadt führte, wollten sie aber genau das von mir wissen." Verständlich, findet Egan, "wenn ich nach London fliege, gehe ich auch lieber zur Abbey Road als zur Westminister Abbey."

Ins Gedächtnis gebrannt

Möglichweise ist das für eine Generation, die mit Musikdownloads aufwächst, schwer zu verstehen: Doch wenn er früher eine neue Schallplatte bekommen habe, erzählt Egan, dann sei die Betrachtung des Covermotivs etwas sehr Besonderes gewesen. Bei Alben etwa wie "Sgt. Pepper" und "Tommy" von The Who, oder dem Neuesten von Bob Dylan, Lou Reed oder Neil Young. Er habe dann das Cover zur Hand genommen, und während die Musik lief, habe er "jedes Detail genauestens studiert: die Texte, die Bilder, die Liste der Band-Mitglieder". Diese Bilder hätten sich in sein Gedächtnis gebrannt.

Es sind legendäre Bilder, deren Entstehungsort kaum jemand kennt. Und nach denen man selbst die, die bei den Aufnahmen dabei waren, bald nicht mehr wird fragen können. Für die großen, aber fast unbekannten Orte der Popkultur hat Egan deshalb eine Website angelegt. Auf www.popspotsnyc.com dokumentiert der Hobbydetektiv seine unermüdlichen Recherchen, die sich bisweilen wie ein Krimi lesen.

Seine größte Herausforderung, erzählt Egan, sei bislang der Aufnahmeort eines Dylan-Fotos gewesen, das 1966 auf dem Titel der amerikanischen "Saturday Evening Post" erschien. Es zeigte den Musiker irgendwo in einem heruntergekommenen Viertel, allein auf einer verlassenen Straße. Erkennbar immerhin ist, dass diese Straße eine Biegung machte - für Manhattan ungewöhnlich. "Die meisten der 15 gebogenen Straßen hatte ich aufgesucht, für den Rest musste ich mir alte Fotos besorgen, weil die Straßenzüge bereits abgerissen worden waren. Eines Nachts stöberte ich gerade in der New York Public Library durch 75 Jahre alte Bilder - und plötzlich blickte ich in die exakt gleiche Szene wie auf dem Foto!" Die kurze Straße nahe der Brooklyn Bridge war bereits 1968, nur zwei Jahre nach der Aufnahme, weggerissen worden.

Gegen die Zeit

Es gibt Orte, die sind einfach irgendwann verschwunden. Egans Hobby ist daher oft auch ein Wettrennen gegen die Zeit: "New York verändert sich so schnell - deshalb will ich die Plätze fotografieren, bevor sie von Bulldozern plattgemacht werden." Wenn er durch die Stadt streift, hat Egan deshalb immer eine Kamera in der Tasche. Rund 50 Bilder mache er am Tag in New York.

Idealerweise passt das ganz gut zu seinem Job. Der New Yorker arbeitet in der Immobilienbranche. Für seine Kunden sucht er nach leerstehenden Ladenlokalen, die sich für Restaurants eignen. Einschlägige Software und Internetdienste wie Street View sind seine täglichen Arbeitswerkzeuge, das ihm auch bei seinem Hobby hilft. So gut, dass er erst gar nicht versucht, die Beteiligten von damals zu fragen: "Es kostet weniger Zeit, Sherlock Holmes zu spielen und die Hinweise, die man bekommt, zusammenzubringen, als zu versuchen, zunächst dem Fotografen auf die Spur zu kommen. Und es macht mehr Spaß." In Zukunft will Egan seine Ermittlungen sogar noch ausweiten - auf Filmszenen und impressionistische Gemälde.

Offenes Rätsel

Ein Fall aber lässt ihm keine Ruhe: Es ist wieder Dylan, diesmal auf dem Cover "Blonde on Blonde" von 1966. Es zeigt nicht viel mehr als ein formatfüllendes Porträt des Musikers, der an einer Backsteinmauer lehnt. Neben ihm ist ein vergittertes Fenster zu erkennen, wie es typisch für Fabrikgebäude war. Möglicherweise entstand die Aufnahme also in einem Industriegebiet. Im Internet las Egan die Vermutung, dass es in einem Fleischmarkt von Chelsea aufgenommen sein könnte, gemeint sei aber wohl der Meetpacking District.

Der für Fleischfabriken und Nachtclubs bekannte Stadtteil hatte sich in den neunziger Jahren zu einem angesagten Szeneviertel entwickelt, in dem verschiedene Designer ansässig wurden. Egan vermutete daher, dass das alte Fabrikgebäude längst abgerissen worden war. Doch er wollte nichts unversucht lassen und fragte in der Feuerwache nach. Vielleicht würde sich einer der alten Feuerwehrmänner an das Gebäude erinnern. Dort allerdings traf er nur auf junge Leute. Sie hatten trotzdem einen wichtigen Hinweis für ihn: Metallstreben vor den Fenstern - wie auf diesem Bild - seien heute ohnehin nicht mehr zulässig. Er würde sie nirgends finden.

Da entschloss sich Egan, der Mann, der lieber selber suchte, als die Beteiligten zu fragen, etwas ganz gegen seine Überzeugung zu tun: Er hatte gehört, dass Jerry Schatzberg, Dylans Fotograf, für die Vorstellung seines Dylan-Bildbandes in Manhattan eine Signierstunde gab. Egan ging hin. Als sich die Menschentraube lichtete, die den inzwischen berühmten Regisseur umringt hatte, ging er auf Schatzberg zu, stellte sich vor - und fragte nach dem Ort des Shootings. Die Antwort war ernüchternd: Schatzberg konnte sich nicht erinnern.

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1.
Torsten Upholt, 20.08.2012
Faszinierende Spurensuche. Mehr davon.
2.
Margaret Elise Horst, 21.08.2012
Schön, wenn man sonst nichts zu tun hat... :-)
3.
Klaus hiltscher, 22.08.2012
Der ältere Herr, links von Dylan, der in den Mülltonnen stöbert ist der legendäre Allan Ginsberg !
4.
Ergie Weggedorn, 25.09.2014
Sicher, eher sinnlos - aber mir würd's auch Spaß machen.
5. Etwas fehlt....
Michael Seibold, 17.02.2015
Nämlich die wohl berühmteste Tür der Rockgeschichte: Hamburg, Jäger-Passage, Wohlwillstr. 22
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