Legendäre Reportage Undercover ins Irrenhaus

Legendäre Reportage: Undercover ins Irrenhaus Fotos

Wahnsinn! 1887 ließ sich die 23-jährige Reporterin Nellie Bly in eine berüchtigte New Yorker Psychiatrie einweisen. Ihr Erfahrungsbericht über den menschenverachtenden Umgang mit den Insassinnen sorgte für einen Skandal - und begründete eine neue Art von Journalismus. Von

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Der Chefredakteur sah die 23-Jährige ernst an. Ein wenig besorgt sei er wegen ihres chronischen Lächelns, sagte er. "Ich werde nicht mehr lächeln", versprach die junge Frau mit den wachen Augen in ihrem hübschen Gesicht. Wie recht sie hatte. Doch in diesem Moment war der Reporterin egal, wie beschwerlich der Auftrag werden würde: Im Jahr 1887 hatte Nellie Bly ihren ersten großen Job für die "New York World", der Tageszeitung des Verlegers Joseph Pulitzer, in der Tasche.

Eigentlich hatte Bly dem Blatt eine andere Geschichte angeboten. Mit den Ärmsten der Armen wollte sie auf einem Schiff von Europa nach New York übersetzen. Sie wollte über die Zustände während der Überfahrt und das Schicksal der Einwanderer berichten. Stattdessen schickte der Chefredakteur sie auf einen Trip, der sie nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause wegführen würde. Auch für ihn würde sie ein Boot besteigen müssen. Aber obwohl diese Überfahrt statt einiger Wochen nur wenige Minuten dauern sollte, würde diese Reportage nicht weniger Entbehrungen von ihr verlangen. Denn sie sollte nach Blackwell's Island übersetzen. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts war diese Insel nicht weniger als das düstere Herz von New York.

Der Fetzen Land, nur drei Kilometer lang und 250 Meter breit, liegt mitten im East River zwischen Queens und Manhattan. Heute heißt die Insel Roosevelt Island, auf ihr werden Luxuswohnungen mit Tennisplätzen vor der Haustür und Blick auf die Skyline von New York angeboten. Ende des 19. Jahrhunderts war es eine Insel der Unerwünschten. Auf ihr standen ein Gefängnis, ein Hospital für Pockenkranke und das "New York City Lunatic Asylum".

Wie spielt man verrückt?

Die psychiatrische Anstalt auf der Insel war gefürchtet und berüchtigt. Schaurige Geschichten kursierten über das Irrenhaus. Die Stationen seien hoffnungslos überbelegt, das Essen so schlecht, dass viele der Insassen an Skorbut erkrankten, als Aufseher würden oft Verbrecher aus den Gefängnissen rekrutiert. Und Nellie Bly, die junge Frau mit den leuchtenden Augen und dem freundlichen Dauerlächeln, sollte nun verrückt spielen. Ihr Auftrag: sich undercover für zehn Tage in die Einrichtung einliefern lassen, um New Yorks Bürgern mit den Augen einer Patientin zu berichten, wie es dort wirklich zugeht.

Nellie Blys Bericht aus dem Irrenhaus machte sie quasi über Nacht zur Starreporterin der "New York World". Zuerst brachte Pulitzer den Skandalartikel als Zweiteiler und sorgte damit für so großes Aufsehen, dass Blys Erlebnisse noch im selben Jahr unter dem Titel "Ten Days In A Mad-House" als Buch erschienen. Nun ist das eindrucksvolle Zeitdokument beim Aviva-Verlag erstmals in deutscher Übersetzung erschienen. Und noch heute nimmt die einfache, undramatische Sprache, in der Bly ihre zum Teil schockierenden Erlebnisse schildert, den Leser gefangen.

Um inkognito aus einer psychiatrischen Einrichtung zu berichten, musste Bly allerdings erst einmal dafür sorgen, dass man sie einwies. Die junge Reporterin musste verrücktspielen. Für ihre Entlassung nach zehn Tagen sei gesorgt, versprach der Chefredakteur. Doch wie sollte sie eine Geistesgestörte spielen? Wie sollte sie ausgebildeten Ärzten, Spezialisten der Psyche, weismachen, dass sie irre sei? Keine einfache Aufgabe. Oder doch? Bly sollte bald herausfinden, dass es weit leichter war, fälschlicherweise für verrückt erklärt zu werden, als in der Irrenanstalt ihre geistige Gesundheit unter Beweis zu stellen.

Wenige Tage nachdem sie im Büro des Chefredakteurs gesessen hatte, quartierte sie sich in das Behelfsheim für Frauen in der Second Avenue ein, einem Asyl, in dem arme Arbeiterinnen für wenige Pennys unterkommen und essen konnten. Am Leib verschlissene Kleider, in ihren Taschen etwas Kleingeld, einen Bleistift und ein Notizbuch, in dass sie ihre Beobachtungen notieren wollte. Um mit ihrem journalistischen Handwerkszeug keine Aufmerksamkeit zu erregen, hatte sie das Büchlein zuvor seitenweise mit unzusammenhängenden Phrasen und paranoiden Behauptungen wie "Jay Gould (damals ein bekannter Industrieller - d. Red.) schickt Leute nach Sibirien" vollgeschrieben.

"Ein Ort für Irre, von dem du niemals wegkommst"

Dann begann die Vorstellung, mit der sie ihre Mitbewohnerinnen in Angst und Schrecken versetzte: Bly behauptete, sich nicht erinnern zu können, wie sie nach New York gekommen sei, sagte, dass sie ihre Koffer vermisse. Am meisten Eindruck machte aber vermutlich, wie sie wieder und wieder mit leerem Blick wiederholte, dass alle in diesem Haus verrückt aussähen. "Noch bevor es morgen wird, wird sie uns alle umbringen", klagte eine Frau. Nachdem Bly sich dann noch weigerte, schlafen zu gehen, und stattdessen die Nacht vor sich hinstarrend auf ihrer Bettkante verbrachte, wurde am nächsten Morgen die Polizei gerufen.

Einen Gerichtstermin, einige Gespräche mit Medizinern und eine Nacht in einem Krankenhaus später hatte sie es geschafft. "Ich war von vier Fachärzten für geisteskrank erklärt worden und war nun hinter den unbarmherzigen Stäben und Gittern eines Irrenhauses eingesperrt!" Der Empfang war alles andere als herzlich: "Was ist das hier für ein Ort?", fragte sie einen Aufseher. "Blackwell's Island", lautete seine Antwort, "ein Ort für Irre, von dem du niemals wieder wegkommen wirst."

1600 Insassen befanden sich laut Auskunft eines Arztes damals im Irrenhaus auf Blackwell's Island, doppelt so viele, wie die Einrichtung eigentlich fasste. Auf Nellie Blys Station waren 45 Patientinnen untergebracht. Die Episoden, die sie schildert, erlauben einen erschreckenden Einblick in die Behandlung der Patienten. Das Essen bestand die meisten Tage aus verschimmeltem Brot mit ranziger Butter, zähen, kalten Fleischbrocken, wässriger Suppe oder verdorbenen Früchten, so dass Bly nur selten etwas herunterbrachte. Die hygienischen Zustände waren nicht weniger bestürzend: "Einmal wöchentlich", schrieb Bly in ihrem Artikel, "werden die Patientinnen gebadet, und das ist das einzige Mal, dass sie Seife sehen. […] Am Badetag wird die Wanne mit Wasser gefüllt, und die Patientinnen werden gewaschen, eine nach der anderen, ohne dass das Wasser gewechselt wird. […] Alle Frauen benutzen dieselben Handtücher - die mit Hautausschlägen wie die ohne."

Mishandlungen im "Rückzugsort"

Viele Stationsschwestern ließen keine Gelegenheit aus, die Patientinnen zu gängeln. Das gelangweilte Pflegepersonal beleidigte, verspottete und misshandelte die Frauen nach Belieben. Wer nicht spurte oder sich über die Behandlung beschwerte, wurde im schlimmsten Fall ins "Retreat" verlegt. Dieser sogenannte Rückzugsort war eine Abteilung, in die gewalttätige Insassinnen abgeschoben wurden. Zu den eindrucksvollsten Stellen in Nellie Blys Reportage zählen die Berichte zweier Mitpatientinnen aus dieser Station. Die eine erzählt, wie sie dort von Pflegerinnen gefesselt, mit einem Besenstiel verprügelt und wie ihr die Haare in Büscheln ausgerissen wurden. Die andere klagt, man habe sie gewürgt und getreten, und einmal hätten die Schwestern ihren Kopf so lange unter Wasser gedrückt, bis sie zu ertrinken glaubte. Bei einer anderen Züchtigung hätten sich mehrere Pflegerinnen auf sie gestürzt und ihr dabei zwei Rippen gebrochen.

Versuche, die Ärzte von diesem Vorgehen zu unterrichten, führten nur zu noch brutaleren Züchtigungen. Denn die Mediziner hielten die drastischen Berichte für Wahnvorstellungen der Kranken, erkundigten sich bei den Schwestern, ob so etwas möglich sei - und sorgen so dafür, dass die Frau, die beim Arzt geplaudert hatte, noch übler misshandelt wurde.

Eine Behandlung durch die Ärzte fand praktisch nicht statt. Nur wenige erkundigten sich überhaupt nach dem Befinden der Patienten. Dies bewies auch Nellie Blys Selbstexperiment. Denn die Reporterin hatte beschlossen, sich ab dem Moment, in dem sie in der Psychiatrie gelandet war, völlig normal zu verhalten. Schnell merkte sie, dass dies keineswegs zu einer umgehenden Entlassung führte - ganz im Gegenteil: "Je vernünftiger ich redete und handelte, für desto verrückter hielt man mich."

Bly fand auch heraus, dass einige der Patientinnen gar nicht geisteskrank waren. Allein auf ihrer Station waren mehrere Einwanderer, die ganz und gar nicht verrückt waren, sondern sich lediglich nicht verständlich machen konnten. Eine andere litt an einer Nervenschwäche und dachte eigentlich, dass sie von ihrer Familie in ein Sanatorium geschickt worden wäre. Wieder andere waren einfach zu arm, um sich selbst zu versorgen. Diese Beobachtungen versuchte sie, einem Arzt mitzuteilen. "Sie haben nicht das Recht, gesunde Menschen einzusperren", erklärte sie diesem sogar. "Ich bin geistig gesund", fuhr sie dann fort, "und bin es immer gewesen. Ich muss auf einer gründlichen Untersuchung bestehen oder entlassen werden."

Wegsperren statt heilen

Die Antwort des Arztes schien die boshafte Prophezeiung des Aufsehers bei ihrer Ankunft zu bestätigen. Blackwell's Island entpuppte sich als Ort, den die meisten der Frauen - egal wie krank oder gesund - nicht lebend verlassen würden. "Sie sind geisteskrank", stellte der Doktor ungerührt fest, "und leiden unter Wahnvorstellungen." In der vollkommen überfüllten Psychiatrie schien es nicht um Heilung zu gehen, sondern darum, Menschen wegzusperren, die durch das Raster der Gesellschaft gefallen waren.

Bei Nellie Bly sorgte nach zehn Tagen ein Anwalt für ihre Entlassung. Ihre Reportage in der "New York World" machte nicht nur Eindruck bei den New Yorker Bürgern, sondern auch bei den Behörden. Nur Tage nach Erscheinen des Artikels wurde eine Kommission eingesetzt, die die Zustände in der Einrichtung kontrollieren sollte. Tatsächlich sorgte Blys Reportage dafür, dass sich die Zustände in New Yorks Anstalten für Geisteskranke verbesserten. Einrichtungen wurden modernisiert, mehr Geld für Essen und Personal wurde aufgebracht.

Nellie Bly stieg indessen zu einer wichtigen Stimme ihrer Zeit auf. In den nächsten Jahren machte sich die frischgebackene Starreporterin mit aufsehenerregenden Storys einen Namen. Sie umrundete den Globus im Stile von "In 80 Tagen um die Welt" - und war acht Tage schneller als der Romanheld Phileas Fog. Sie versuchte sich als Elefantendompteurin oder ließ sich am Central Park in die Kutsche eines Zuhälters locken, um dessen Methoden zu erforschen. Sie schrieb über die Schicksale von New Yorker Dienstmädchen und Frauen in Papierfabriken. So inspirierte sie eine ganze Generation junger Journalistinnen, die sogenannten Stunt-Girls, in der männerdominierten Pressewelt mit halsbrecherischen Reportagen Missstände aufzudecken.

Ihren Mitinsassinnen konnte Bly dennoch weniger helfen, als ihr lieb gewesen wäre. Als die Jungreporterin zwei Wochen nach ihrer Entlassung mit einigen Gutachtern nach Blackwell's Island zurückkam, waren alle Frauen, die sie in ihrem Bericht als geistig gesund beschrieben hatte, angeblich in andere Psychiatrien verlegt oder entlassen worden. Von einer Frau behaupteten Ärzte und Pflegepersonal gar, dass sie nie existiert habe. Auch die Verbesserungen der Verhältnisse durch Blys Reportage verschafften den Insassinnen offenbar nur eine kurze Verschnaufpause. Bereits 1894 kam es erneut zu Ermittlungen im New York City Lunatic Asylum, die schließlich dazu führten, dass die Institution für immer geschlossen wurde.

Zum Weiterlesen:

Nellie Bly: "Zehn Tage im Irrenhaus - Undercover in der Psychiatrie". Aviva Verlag, Berlin 2011, 192 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Nada Alleen 29.09.2011
so einen Test sollte man in heutigen Psychiatrien machen. mit versteckter Kamera. Oder gibt es solches Videomaterial schon?
2.
Rainer Schuetz 29.09.2011
Hi, ich glaube Anfang der 80er hat sich ein Frankfurter Journalist einweisen lassen. Er hatte mit seiner Frau/Freundin diese Story vereinbart. Alles was er tat war daß er sich auf einer Sylvester-Party in einer Wohnung im Klo eingeschlossen hat. Sonst nix. Er hat nicht geschrien oder getobt. Hat sich nur eingeschlossen und den Mund gehalten. Irgendwann kam die Polente und die Zwangseinweisung !!!! Das Problem war ihn wieder aus der Klapse herauszuholen da ein Psycho-Doktor natürlich schon ein unumstößliches, in Stein gemeiseltes Attest geschrieben hat ... Also: Schön aufpassen.
3.
Andreas Haumer 30.09.2011
Was für ein schönes Foto auf Seite 1. Allerdings dürfte dieses doch stark vom Original abweichen. Im Internet findet sich ein fast identisches Foto - dieses dürfte der eigentlichen Nellie Bligh eher entsprechen. Wer weiß mehr?
4.
Gabriele Amann 07.10.2011
Herr Haumer, meinen Sie das Foto hier: http://www.worldwidewords.org/articles/nellie.htm Es scheint auch mir sehr viel realistischer als das geglättete und wohl auch schlanker skalierte Foto, das von wikipedia und spiegel.de verwendet wird. Eigentlich eine Schande, sollten sogar historische Figuren mittlerweile der Sucht nach "Modelgesichtern" unterworfen werden.
5.
Hugo Henke 11.02.2013
1969 hat Günther Wallraff eine Reportage aus einer deutschen Psychiatrie geschrieben, hier im Volltext: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-02/wallraff-reportage-goddelau
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