Legendäre Seeschlacht "Enttarnen!" - "Kriegsflagge weht!"

Legendäre Seeschlacht: "Enttarnen!" - "Kriegsflagge weht!" Fotos
The Finding Sydney Foundation

Es war ein Husarenstück: Der umgebaute Frachter "Kormoran" versenkte 1941 einen australischen Kreuzer und sprengte sich selbst. Im März wurden beide Wracks geortet; jetzt melden sich Zeitzeugen - wie Adjutant Heinz Messerschmidt, 93, der das Drama damals auf der Brücke der "Kormoran" erlebte und schließlich den Befehl zur Selbstversenkung ausführte. Von

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Auf den einestages-Artikel über die Versenkung des australischen Kreuzers "Sydney" durch den deutschen Hilfskreuzer "Kormoran" 1941 haben sich bei der Redaktion mehrere Überlebende und Angehörige der "Kormoran"-Besatzung gemeldet.

Im Folgenden schildert Zeitzeuge Heinz Messerschmidt, damals Adjutant des "Kormoran"-Kommandanten, wie er das legendäre Gefecht vor der Haifischbucht erlebte. Von den 397 deutschen Seeleuten der "Kormoran" wurden 317 gerettet und gerieten in Kriegsgefangenschaft. Die "Sydney", der Stolz der australischen Marine, ging mit allen 645 Mann an Bord unter - das größte mit kompletter Besatzung verlorengegangene Kriegsschiff des Zweiten Weltkriegs. Auch Wrackteile wurden nie gefunden.

Das spurlose Verschwinden der "Sydney" hat Australien seither nicht losgelassen; eine eigene Stiftung suchte seit 2001 nach dem Wrack, das Mitte März 2008 rund 110 Seemeilen vor der australischen Westküste geortet wurde - kurz nach Entdeckung der "Kormoran" nur 12 Meilen entfernt. Mitte April fand an beiden Unglücksstellen eine Gedenkzeremonie für die Opfer statt, an der auch der australische Verteidigungsminister und der deutsche Botschafter teilnahmen - d. Red.

Die Versenkung des deutschen Hilfskreuzers "Pinguin" am 8. Mai 1941 durch den britischen Schweren Kreuzer "Cornwall" mit nur wenigen Überlebenden hat unseren Kommandanten Theodor Detmers tief beeindruckt. Fortan hat er sich gedanklich in eine gleiche Lage versetzt. Zum wöchentlichen Gefechtsdienst der Besatzung erschien er nunmehr regelmäßig, um sich vom Leistungsstand der Waffen und der daran eingesetzten Männer zu überzeugen Als er am 22. August 1941 anlässlich seines 39. Geburtstags seiner Besatzung Dank und Anerkennung aussprach, wies er auch auf die Möglichkeit der Begegnung mit einem Schiff der "Grauen Dampfer Compagnie", also einem Kriegsschiff des Gegners, hin. Seine Ahnung sollte genau ein Vierteljahr später zur bitteren Wahrheit werden.

Nach Versorgung durch das Trossschiff "Kulmerland" im östlichen Indischen Ozean stand der Hilfskreuzer "Kormoran" am 24. Oktober 1941 mit vollen Öltanks und ausreichend Proviant für sechs Monate einsatzbereit in See. Die "Kormoran", getarnt als holländischer Frachter "Malakka Straat", nahm Kurs auf Australien um, wenn möglich, die Shark Bay bei Carnarvon an der Westküste zu verminen. Danach war ein Vorstoß nach Norden, vorbei an Java und Sumatra, in den Golf von Bengalen geplant, für eine Minenoperation vor Kalkutta oder anderen indischen Häfen.

Am 19. November 1941 - es war Buß- und Bettag in Deutschland, die Besatzung hatte bis auf die Kriegswache dienstfrei - hatten wir die australische Westküste in Höhe Carnarvon erreicht, als gegen 16 Uhr der Beobachter im Mastkorb in Richtung Nordosten zunächst Masten, dann einen Segler und schließlich ein Schiff mit hohen Aufbauten sichtete, das mit hoher Fahrt auf uns zulief.

"Zeigen Sie Ihr Geheimsignal"

Der Kommandant befahl "Alarm - alle Mann auf Gefechtsstation" und ließ auf Gegenkurs und Höchstfahrt gehen, doch der Gegner kam schnell auf. Da meldete der Leitende Ingenieur (L.I.) den Ausfall eines der vier Motoren, unsere Geschwindigkeit fiel auf 14 Knoten zurück, ein Entkommen war aussichtslos. Unser Verfolger erwies sich als ein australischer Kreuzer der "Perth"-Klasse, doppelt so schnell wie wir. Er schloss bis auf etwa 5000 Meter hinter unserem Heck auf und zeigte uns damit sein schmalstes, für uns im Gefecht ungünstigstes Profil.

Wir erwarteten eine Aufforderung zum Stoppen oder zum Beizudrehen, da wurde das Bordflugzeug des Kreuzers klar gemacht. Eine fatale Situation für uns. Kapitän Detmers wartet ab, überlässt dem Gegner die weitere Initiative. Da blieb der Propeller stehen. überraschend wird das Startkatapult zurückgeschwenkt. Inzwischen kam der Kreuzer immer weiter an unserer Steuerbordseite auf, die beide vorderen Doppeltürme mit Artillerie vom Kaliber 15 Zentimeter und eine Torpedobatterie mit vier Rohren auf unser Schiff gerichtet.

Mit Morsescheinwerfer wurde nach unserem Schiffsnamen und unserer Nationalität, nach dem Wohin, Woher und Art der Ladung gefragt. Signalmaat Ahlbach gab die Antworten langsam und umständlich mit Signalflaggen, um Zeit zu gewinnen. Kapitän Detmers wies die Funktelegrafie (FT) an, ein Funksignal abzusetzen: "QQQ Straat Malakka - unbekannter Kreuzer". Perth Radio bestätigte das Funksignal und fragte nach Position. Unsere FT überwachte den Funk des Kreuzers. Sollte er funken, hätte unser Marconi-Löschsender wirksam gestört. Der Abstand zum Gegner betrug inzwischen weniger als 1000 Meter, beide Schiffe liefen jetzt parallel mit kaum noch Fahrt. Unsere Tarnung war perfekt, wir schienen unverdächtig, der Kommandant erwartete nur noch das Signal "Gute Reise".

Da kam die Aufforderung des Kreuzers: "Zeigen Sie Ihr Geheimsignal". Schlagartig hatte sich unsere Lage geändert. Es war jetzt 17.30 Uhr Ortszeit. Der Kommandant gab den Befehl: "Enttarnen!" Die holländische Flagge wird eingeholt. Signalmaat Ahlbach setzt die deutsche Kriegsflagge und meldet "Kriegsflagge weht!" Jetzt zeigte sich der Erfolg des monatelangen Gefechtsdienstes. Innerhalb von sechs Sekunden fiel der erste Schuss, zwei Sekunden später folgen Salven aus allen vier 15-cm-Geschützen. Kurz darauf ging eine volle Salve des Gegners über die "Kormoran" hinweg - zu hoch und zu weit.

Vier Torpedos knapp vorbei

Der Abstand von weniger als 1000 Metern ermöglichte wirkungsvolle Treffer unserer 3,7-cm-Flak gegen Brücke und Waffenleitstand des Australiers, die 2-cm-MG verhinderten einen Torpedoangriff. Die 15-cm-Bodenzünder-Granaten durchschlugen die Panzerung des Kreuzers, explodierten im Schiffsinneren und mussten schwere Schäden verursacht haben. Inzwischen traf einer von zwei Torpedos das Vorschiff des Australiers zwischen beiden Geschütztürmen und setzte diese außer Gefecht. Die zentrale Feuerleitung des Gegners fiel aus, dessen achtere Türme schossen jetzt unabhängig voneinander im Einzelfeuer.

Ihre Geschosse richteten auch in unserem Maschinenraum schwere Schäden an. Ein Treffer im Schornstein setzte das vorgewärmte Öl in Brand und verursachte ein Großfeuer im Maschinenraum, welches die Umformer und Strom erzeugenden Dynamos vernichtete. Der Strom für Marschmotoren und die gesamte Feuerlöschanlage fiel aus. Der Leitende Ingenieur, der E-Ingenieur die meisten Männer im Maschinenraum verbrannten oder erstickten. Inzwischen war der Kreuzer zurückgefallen und versuchte unsere Backbordseite anzugreifen. Seine Steuerbord-Torpedobatterie kam zum Schuss gegen unser Heck. Von der Brücke aus beobachtete ich die Laufbahnen des Vierer-Fächers; sie liefen als Fehlschuss am Heck vorbei.

Während unsere Backbord-Geschütze die Steuerbordseite des Gegners weiter unter Feuer hielten, blieben Reaktionen von dort nun aus. Von der Brücke bis achtern schlugen hohe Flammen aus dem Schiff, das langsam in südöstliche Richtung mehr trieb als fuhr. Um 18.30 Uhr ließ Kommandant Detmers das Feuer einstellen. Damit endete das Gefecht, das eine Stunde zuvor begonnen hatte und bereits nach zwanzig Minuten entschieden gewesen war. Der lichterloh brennende Kreuzer kam in der beginnenden Dunkelheit außer Sicht, der Feuerschein war noch bis 21 Uhr am Horizont zu erkennen.

Sprengladung am Ölbunker

Ohne Löschmittel war auch das Feuer auf unserem Schiff nicht einzudämmen. Angesichts der zunehmend bedrohlichen Lage und der Gefahr eines erneuten Angriffs, entschloss sich Kapitän Detmers zur Selbstversenkung. Zuvor wollte er mit den verfügbaren Mitteln soviel Männer wie möglich retten. Vorsorglich ließ er sämtliche Boote und Schlauchboote klar machen. Zwanzig Mitglieder der 400 Mann starken Besatzung waren gefallen. Um die verbliebenen 380 Mann zu retten, reichte das Fassungsvermögen dieser Boote nicht aus. So galt es, die schweren Stahlboote aus der vorderen Luke zu Wasser zu bringen, mangels Strom ohne die elektrischen Winschen. Das war die Stunde unserer Prisenoffiziere aus der Handelsmarine. Mit den Flaschenzügen schwerer Taljen gelang es nach Stunden die 60 Mann fassenden Boote Hand-über-Hand an Deck zu hieven und sicher über Bord zu bringen

Das erste Schlauchboot nahm die Verwundeten und Sanitäter auf - es sollte als einziges durch Kenterung verloren gehen. Diese Gewissheit erhielten wir von zwei Männern, die zum Schiff zurück schwimmen konnten und noch vom letzten Beiboot aufgenommen wurden. Gegen 23 Uhr hatten alle Boote abgelegt. Außer dem Kommandanten blieb ich als sein Adjutant und zugleich Sperrwaffenoffizier zurück. Mit dem Sperrwaffenmechaniker sollte sich eine Sprengladung am Backbord-Ölbunker anbringen.

Danach blieben noch 20 Minuten Zeitverzögerung bis zur Zündung. Der Kommandant ließ die Flagge bergen und verließ als Letzter um Mitternacht sein Schiff. Sofort pullten wir unser Boot querab in Luvrichtung. Innerhalb von zwanzig Minuten explodierte die Sprengladung, kurz darauf gingen mit hoher Stichflamme alle Minen an Bord hoch. Um unser Boot herum prasselnde Sprengstücke nieder. ohne Schaden anzurichten. Rasch sank der Hilfskreuzer "Kormoran" über den Achtersteven, senkrecht zeigte er noch einmal den Bug, bis auch der verschwand und sich die Wellen des Indischen Ozeans über ihm schlossen.


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