Legendäre Skateboardhelden Das Brett im Kopf

Sprünge, Tricks und Knochenbrüche: Seit jeher war das Skateboardfahren der Sport der Draufgänger und Anarchisten. Dabei prägte niemand den Sport dramatischer als ein schüchterner Junge aus Florida, der allein in seiner Garage fuhr - und dabei die Grenzen des Möglichen sprengte.

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Der kleine Junge sah aus, als wollte er einfach nur allein sein, als er sich am 16. August 1980 seinen Weg durch die Zuschauer im Oasis-Skatepark bahnte. Die besten Profis der USA hatten sich hier, in San Diego, versammelt: kiffende Surfertypen mit wehenden Mähnen, die die Wände des Pools ritten wie Steinwellen. Kunstturner in Gymnastikanzügen, die Handstand auf ihren Brettern machten. Oder aggressive Anarchos wie Steve Rocco, der umherpreschte und die Tricks nur so aus seinem Brett herausprügelte. Wie Rodney Mullen - so der Name des Jungen - fuhr Rocco "Freestyle", wo wie beim Eiskunstlauf auf ebener Erde Küren zu Musik gefahren wurden. Wie ein Eiskunstläufer wirkte Rocco nicht gerade. Aber er war einer der besten Freestyler der Welt - und Rodneys größtes Vorbild.

Zwischen diesen wilden Gestalten wirkte Rodney völlig verloren: Ein dürrer 14-Jähriger, der aussah wie neun. Obwohl Freestyle viel ungefährlicher war als die anderen Disziplinen - etwa das Fahren in einem leeren Pool oder in einer meterhohen u-förmigen "Halfpipe" - trug Rodney die volle Schutzmontur. Klobige Schoner hingen wie geschwollene Gelenke an seinen Gliedmaßen. Seinen riesigen Helm zog er oft aus Schüchternheit bis über die Augen ins Gesicht. Um sein Zuhause in Florida gab es meilenweit nur Kühe, die meiste Zeit war Rodney allein, in der Garage. Mit seinem Skateboard. Endlich wurde sein Name ausgerufen: "Nächster Fahrer: Johnny Rodney Mullen".

Und dann begann eine neue Zeitrechnung. In nur zwei Minuten deklassierte der schüchterne Junge die versammelten Skateboardprofis. Er stand einen Trick nach dem anderen - das Spektakuläre dabei: kaum einen davon hatte je ein Fahrer zuvor gesehen. Die einmalige Kür war das Ergebnis eines Missverständnisses. Der unerfahrene Mullen war davon ausgegangen, dass man nur mit neuen Tricks eine Chance auf einem Contest hatte - und hatte in seiner Garage deswegen verbissen an neuen Trick-Kreationen gearbeitet. Umso erstaunter war er, als er im Oasis-Skatepark auflief: "Fast alle machten genau die gleichen Tricks wie im letzten Jahr", erinnert sich Mullen in seiner Autobiografie "The Mutt". Kein Wunder also, dass der Dreikäsehoch auf seinem allerersten Profi-Wettbewerb sofort den ersten Platz holte - und sein Idol Steve Rocco vom Thron stieß.

Skateboard-Visionär mit Fahrverbot

2002, gut zwei Jahrzehnte nach Mullens überraschendem ersten Sieg als Profi-Skateboarder, befragte das Skateboardmagazin "ON Video" einige der renommiertesten Skateboarder der Welt nach der Bedeutung Mullens für ihren Sport. Skateboard-Superstar Tony Hawk ließ keinen Zweifel an Mullens Stellenwert: "Er macht Sachen, an die noch nie jemand gedacht hat. Und die niemand schaffen würde, wenn er es versuchte. Es war ihm egal, ob irgendjemand anderes sie auch machte, es war ihm egal, ob jemand sie cool fand - er wollte einfach herausfinden, was möglich war."

Dabei schien es nach seinem ersten Sieg, als sei für Rodney gar nichts mehr möglich: Sein strenger Vater verbot ihm, weiterzufahren. Immer schon war ihm das Hobby seines Sohnes zuwider gewesen. Doch bald hatten die Skate-Magazine Rodneys Telefonnummer herausgefunden, und fingen an, in Florida anzurufen. Als sein Vater Anfragen nach Interviews mit seinem Sohn bekam, als er erfuhr, dass Stacy Peralta, Teammanager der größten Skateboardfirma der Welt, ihn in seinem Spitzenteam haben wollte, knickte er schließlich ein: "Wenn all diese Leute Geld in dich investieren, solltest du vielleicht weiterfahren." Aber er erklärte auch, dass das nur temporär sei. Er ahnte nicht, dass dieser Satz seinen Sohn mehr als alles andere anstacheln würde.

Jedi-Tricks

Wenn sein Vater ihm jederzeit sein Privileg wieder entziehen könnte, schloss Rodney nämlich, müsse er jede Sekunde auf seinem Skateboard nutzen, als wäre es die letzte. Fanatischer als je zuvor trainierte er Tricks - in der heimischen Garage, wo er mit seiner Casio-Stoppuhr auf die Minute genau das Einhalten seines Trainingsplans überwachte, Notizen über Fußstellungen machte, Tricks erfand und bereits gelernte Tricks zu Ketten verband, die er immer und immer wiederholte, bis er sie im Schlaf beherrschte. Er fuhr oft so lange in die Nacht hinein, bis die Müdigkeit ihn übermannte - und wachte morgens in seinem Bett immer noch mit Helm und Schutzmontur bekleidet auf.

Den sonderbarsten Teil seines Trainings absolvierte er im Skatepark "Sensation Basin". Barry Zaritsky, ein Skateshop-Besitzer, hatte ihn unter seine Fittiche genommen und unterzog ihn dort einem speziellen Training, das Mullen als "Karate-Kid-Skateboardschule" bezeichnete. Zaritsky begnügte sich nicht damit, Rodney nur Tricks üben und seine Kondition trainieren zu lassen. Er wollte auch seinen Geist stärken. Wie ein Jedi in "Star Wars" lehrte er seinen Schüler, sich nicht auf die Augen zu verlassen: Rodney musste komplette Küren fahren, ohne auf seine Füße zu blicken. Teil des Trainings war sogar, unterbewusste "Vibrations" an Punkterichter auszusenden, um ihr Urteil zu beeinflussen.

Tatsächlich wurde Mullen bald zu einer Art Skateboard-Jedi: Wo er auftauchte, gaben seine Tricks dem Publikum Rätsel auf. Etwa, als er Anfang der Achtziger mit dem Brett hochsprang und es in der Luft so mit dem Fuß antippte, dass es sich einmal um die Längsachse drehte. Das ging so schnell, dass niemand verstand, wie er das Brett drehte. Es schien wie Zauberei - also nannte man den Trick "Magic Flip". Oder mit einem Sprung, bei dem Mullen das Brett um seinen hinteren Fuß rotieren ließ - und der ehrfürchtig "Impossible" getauft wurde. Bis heute wächst diese lange Liste weiter. Längst sind Mullens Tricks so kompliziert geworden, dass sich nur noch im DVD-Einzelbildvorlauf ergründen lässt, was da eigentlich vor sich geht.

Und doch war es ein Basistrick, mit dem Mullen Skateboarding neu erfinden sollte: Anfang der Achtziger kannte niemand eine Möglichkeit, mit einem Skateboard ohne Hilfe der Hände hochzuspringen. Zwar war es Alan Gelfand gelungen, aus einer Halfpipe zu fliegen, ohne sein Brett festzuhalten - ein Manöver, das nach seinem Spitznamen "Ollie" getauft wurde - doch auf ebener Erde ging das nicht. Als Mullen jedoch im Sommer 1982 auf dem "Rusty Harris Contest" fuhr, geschah das Unglaubliche: Er trat sein Brett hinten runter, so dass es sich senkrecht stellte, zog es mit dem vorderen Fuß wieder in die Waagerechte, und schwebte in der Luft. Wenige Monate später war er mit dem Trick auf dem Cover von "Thrasher", Amerikas größtem Skateboardmagazin.

Plan B

Skateboard-Veteran Mike Vallely erklärt: "Auch wenn das der einzige Trick gewesen wäre, den er jemals erfunden hätte, wäre er immer noch an der Spitze der wichtigsten Menschen der Skateboardwelt." Der "Ollie Prop-Pop", wie der Trick zunächst hieß, änderte alles: Plötzlich konnten Skater ohne Rampen auf Bürgersteige springen, oder über Hindernisse hinweg. Plötzlich konnten sie auf Geländer hüpfen, um sie mit "Boardslides" hinabzurutschen, oder auf Parkbänke, um mit ihren Achsen über sie zu "grinden". Durch Mullens Erfindung entstand das heutige "Streetskating", bei dem Tricks an urbaner Architektur gemacht werden. Schnell entwickelte es sich zur dominanten Disziplin. Das Problem war: Mullen war kein Streetskater.

Ende der Achtziger starb seine Disziplin, der Freestyle, aus: Kids wollten über Hydranten springen und Treppen hinabfliegen - und nicht wie eine Ballerina eine Kür fahren. Doch Mike Ternasky, Chef der Skateboardfirma Plan B, schaffte es, Mullen zu überreden, die Disziplin zu wechseln und noch einmal bei null anzufangen: als Streetskater. Voll Selbstdisziplin trainierte er - und schaffte das Unglaubliche: Bis 1992 konnte er seine komplizierten Tricks an Kantsteinen machen. 1995 über Mülltonnen und Treppen. 1997 bot er im Video "Rodney Mullen vs. Daewon Song" bereits einem der besten Streetskater der Welt Paroli. 2002 hatte er schließlich mit seinen Trickkreationen das Streetskaten ebenso tiefgreifend verändert wie einst den Freestyle - und wurde mit für die Szene biblischen 35 Jahren zum "Skater of the Year" gewählt.

Dabei war Mullen immer ein Sonderling in der Skateboardwelt gewesen: Während andere Skater die Freizeit mit wilden Partys und derben Späßen à la "Jackass" verbrachten, studierte Mullen an der Universität Mathematik und las Bücher über Astrophysik. Unterlegten andere Profis ihre Video-Parts mit HipHop und Punk, fuhr Mullen lieber zu klassischen Streichern oder einem Vortrag von Stephen Hawking. Und doch wurde er nie ausgegrenzt, sondern verehrt. Weil jeder begriff, was Tony Hawk 2009 im Interview mit shredordie.com so auf den Punkt brachte: "Jemanden wie ihn wird es nie wieder geben."

Aber auch, wenn es in der Welt des Skateboardfahrens niemand anderen wie Rodney Mullen gibt, ist sie doch voll von anderen skurrilen, faszinierenden und einzigartigen Persönlichkeiten: Stuntmen, die mit ihren Brettern über die Chinesische Mauer sprangen. Weltklasse-Skater, die das Rollbrett aufgaben, um Karriere in Hollywood zu machen. Oder Exzentriker, die in Clownsverkleidung auf rollenden Dartscheiben aus Rampen flogen. einestages präsentiert die Bildergalerie der legendärsten Skateboardhelden aller Zeiten.

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