Legendäre Spezialeinheit Das geheime Tagebuch des SAS

Legendäre Spezialeinheit: Das geheime Tagebuch des SAS Fotos
SAS Regimental Association

"Wer wagt, gewinnt", lautet das Motto der härtesten Spezialeinheit des britischen Militärs. In einem lange verschollenen Kriegstagebuch beschreiben die ersten Mitglieder des Special Air Service die Geburtsstunde der Kampftruppe 1941 - einen desaströs verlaufenen Fallschirmeinsatz in Afrika. Von

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Die Wettervorhersage war nicht günstig. Sturm war angesagt, der natürliche Feind des Fallschirmspringers. David Stirling wusste, dass viele seiner Männer den Sprung in den Nachthimmel nicht überleben würden. Doch dachte er nicht daran, die Mission abzublasen.

"Die ganze Armee hängt von uns ab", verkündete der britische Captain seinen Soldaten vor dem Start der "Operation Squatter" am 17. November 1941. "Wir müssen reingehen und so viele von diesen Messerschmitt 109 F zerstören wie möglich".

Stirling, ein gutaussehender Zwei-Meter-Hüne von gerade 26 Jahren, hatte gegen großen Widerstand den Befehlshaber der britischen Wüstenarmee davon überzeugt, im Kampf gegen das deutsche Afrika-Korps in Libyen eine neue Taktik zu erproben. Mit kleinen Fallschirmtrupps wollte er hinter die feindlichen Linien springen und Flugzeuge am Boden zerstören. So sollte die Lufthoheit der Deutschen unter Führung des Generals Erwin Rommel gebrochen werden.

"L Detachment, Special Air Service Brigade" hieß Stirlings Truppe damals offiziell. Später sollte sie unter dem Kürzel SAS weltweit bekannt werden - als Vorbild für geheime Kommandotrupps mit einer Handvoll Elitesoldaten.

Stirling fürchtete, dass seine hart erkämpfte neue Einheit gleich wieder aufgelöst würde, wenn schon die erste Mission an widrigem Wetter scheiterte. Also stellte er seine Soldaten vor die Wahl: springen oder gehen. Alle 64 entschieden sich für den Sprung aus den schwankenden Bombern. Nur wenige sollten die Aktion überleben.

Kriegschronik in edlem Ledereinband

Ein gerade veröffentlichtes Tagebuch wirft ein neues Licht auf die Geburtsstunde der sagenumwobenen Spezialeinheit. Auf rund 500 Seiten finden sind Einsatzbefehle, Augenzeugenberichte und Fotos aus den Jahren 1941 bis 1945. Das Original-Tagebuch von 1946 war in einem schweren Ledereinband gebunden, der ironischerweise aus Deutschland stammt. Auf dem Deckel steht "Chronik der Gemeinde Schneeren, Kreis Neustadt am Rübenberge", auf dem Buchrücken ist ein Hakenkreuz eingeprägt. Ein SAS-Mitglied, dessen Name geheim ist, hatte sämtliche Dokumente nach Kriegsende zusammengetragen und binden lassen. Nur eine Handvoll Leute innerhalb des SAS wussten von der vertraulichen Kriegschronik. Nun, zum 70. Jahrestag der "Operation Number One", wurde der große Band erstmals als aufwendige Reproduktion in kleiner Auflage nachgedruckt.

Stirling hatte in jener Novembernacht demnach konkrete Anweisungen aus dem Hauptquartier. "Es ist von höchster Bedeutung, dass der Feind Ihre Landung nicht bemerkt", steht in dem Einsatzbefehl der ersten Mission. Die "primäre Aufgabe" sei es, die Flugfelder in Gazala und Timimi anzugreifen und so viele Flugzeuge wie möglich zu zerstören. Es folgt eine Liste der Flugzeugtypen, die dort möglicherweise stationiert sind, sowie eine genaue Angabe von Prioritäten.

"Die Zerstörung von Jagdflugzeugen ist wichtiger als die von Bombern und DEUTSCHE Flugzeuge wichtiger als ITALIENISCHE", heißt es. Als Top-Ziel wird die Messerschmitt 109 genannt. Nach vollendeter Mission sollen sich die Männer "möglichst in kleinen Gruppen" auf den Weg zum Treffpunkt mit der Unterstützungseinheit Long Range Desert Group machen, die mit Fahrzeugen zur Evakuierung wartet. Für den mehrtägigen Marsch durch die Wüste ordnet der Einsatzbefehl "sechs Flaschen Wasser pro Mann und genug Essen für fünf Tage" an.

So weit der Plan.

Doch am Tag X ging alles schief. Die "Operation Number One" wurde zum Desaster. Am Vorabend gab es noch ein besonderes Essen für die Teilnehmer der Aktion. Sie seien "wie die Könige" von einem Offizier bewirtet worden, schreibt SAS-Mann Bob Bennett in einem Augenzeugenbericht, der im Tagebuch abgedruckt ist. "Es war so wie der letzte Wunsch, bevor man zum Galgen geht."

Verlorener Sprengstoff, zurückgelassene Verwundete

In der Nacht vom 17. auf den 18. November 1941 sprangen Stirlings Männer dann in mehreren kleinen Gruppen in der libyschen Küstenregion ab. Die mondlose Nacht war dunkel und eiskalt, der Wind blies mit einer Geschwindigkeit von über 50 Stundenkilometern.

"Als ich auf dem Boden aufsetzte, wurde ich sofort vom Wind weggeschleift, ich konnte nicht anhalten. Ich versuchte, meinen Fallschirmgurt zu lösen, aber das war mehr ein Job für Houdini", schreibt Bennett. Wie ein "menschlicher Bulldozer" habe er sich gefühlt.

Eins der fünf Transportflugzeuge wurde mitsamt 15 Mann an Bord abgeschossen, der Rest der SAS-Leute weit verstreut. Auch die Container mit dem Sprengstoff, der für das Sprengen der feindlichen Flieger nötig war, gingen verloren oder explodierten beim Aufprall auf dem Boden. Bennett fand im Dunkel einige Kameraden. Zwei waren verwundet und blieben mit drei Flaschen Wasser in der Wüste zurück. "Wir schüttelten ihnen die Hände, wünschten alles Gute und machten uns auf den Weg zu unserem Ziel", beschreibt Bennett die schwere Entscheidung nüchtern.

Am nächsten Abend, sie ruhten gerade in einem ausgetrockneten Flussbett aus, kam das nächste Unwetter: "Es regnete, wie ich es noch nie gesehen hatte", schreibt Bennett. Nach einem 36-stündigen Fußmarsch erreichte die Gruppe schließlich den Treffpunkt mit der Long Range Desert Group.

Ganze 22 der ursprünglich 65 SAS-Männer kehrten von der Operation zurück. Der Rest wurde getötet oder landete in italienischer Kriegsgefangenschaft. Stirling war unter den Überlebenden. Er begann sogleich, die nächste Operation zu planen, um die Scharte auszuwetzen. Allerdings änderte er die Strategie: Seine Männer sollten nicht mehr mit dem Fallschirm in Reichweite ihres Sabotage-Ziels gelangen, sondern per Jeep.

Der Kurswechsel zahlte sich aus, "Operation Number Two" war erfolgreicher: Sechs SAS-Männer rückten im Schutz der Nacht auf das Flugfeld Tamet nahe der libyschen Hafenstadt Sirt vor - und setzten insgesamt 24 Flugzeuge außer Gefecht.

Zum Weiterlesen:

"SAS War Diary - 1941-1945". Extraordinary Editions, London 2011.

Mehr Informationen zur neu erschienenen Reproduktion des Tagebuchs finden Sie hier.

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1.
Thomas Glöckner 17.11.2011
Eine kurze Frage hätte ich zu dem interessanten Artikel: Wieso war das geheime Dokument in deutsches Leder gebunden, und warum trug es die Aufschrift: "Chronik..." ? Aus Geheimhaltungsgründen ? Grüße Thomas Glöckner
2.
Marcus Pauli 17.11.2011
Am überwiegenden Teil der Rezension ist nichts Neues zu finden. Das lässt sich alles bei Wikipedia nachschlagen. Gut, es hat geregnet und deutsche Technik ist wichtiger als italienische. Aber im Ernst: Ihr bekommt ein Buch, dass gut 1000 Euro und aufwärts kostet in die Hand und holt *das* dabei heraus? Stirling ein Haudegen? Mehr nicht?
3.
Nicola Rowe 18.11.2011
Kuriosum: Das Motto der SAS, "Who dares, wins" wurde umgehend von den Mitgliedern der Einheit in "Who cares who wins?" umgemünzt. Der typisch britische Humor zu Kriegszeiten eben.
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