Legendäre Spuk-Posse Claudias Geist

Auf Stimmenfang: 1982 jagten Polizei, Parapsychologen und Fernmeldetechniker wochenlang ein vermeintliches Gespenst. Ratlos suchten die Ermittler in einer bayerischen Zahnarztpraxis nach einem mysteriösen Geist namens Chopper - die irdische Erklärung für den Spuk fanden sie erst durch Zufall.

DPA

"Der brunzt sich ja in die Hosen", hallte eine blecherne Stimme aus dem Spucknapf links neben dem Zahnarztstuhl. Neugierig schaute sich SPIEGEL-Redakteur Fritz Rumler an diesem Februartag 1982 im Behandlungsraum um. Doch außer Zahnarzt Kurt Bachseitz, der sich an Rumlers Zähnen zu schaffen machte, und seiner hübschen Assistentin Claudia war niemand zu sehen. Bachseitz bohrte weiter. Plötzlich quäkte es aus demselben Gefäß: "Preußenzipfel" ... "Arschloch" ... "Der Rumler ist ein Dummler".

Das also war Chopper, die Geisterstimme, die seit Monaten in der Zahnarztpraxis im bayrischen Neutraubling ihr Unwesen trieb, wahllos Patienten tyrannisierte und beleidigte. Rumler war zufrieden mit seiner Undercover-Aktion als Patient. Er wollte die Geisterstimme aus der Zahnarztpraxis, von der mittlerweile die ganze Welt redete, live erleben – und wurde nicht enttäuscht. Angesichts der derben Wortwahl war er aber auch ein bisschen "gekränkt", wie wenige Tage später im SPIEGEL zu lesen war.

Rumler hatte den Poltergeist in Bestform erlebt – und glaubte trotzdem an ein abgekartetes Spiel, wie er in einem fingierten Gespräch zwischen Sherlock Holmes und Dr. Watson zum Ausdruck brachte. Ganz im Gegensatz zu den vielen Journalisten, die den Sechziger-Jahre-Bungalow von Bachseitz wochenlang belagerten. Je doller Chopper sein Spiel trieb und je mehr Polizisten, Geisterfahnder und Spukexperten in Neutraubling auftauchten, desto hysterischer wurde die Berichterstattung. Handelte es sich um ein technisches Genie – oder vielleicht doch um einen Geist?

Deutschland steckte im Chopper-Fieber und übersah in seinem okkulten Wahn den offensichtlichen Hinweis für die überaus irdische Lösung des Rätsels.

Eine Soko für den Geist

Wahrscheinlich wäre Chopper niemals derart ins Rampenlicht geraten, wenn sich nicht die Polizei und die Bundespost an ihm monatelang die Zähne ausgebissen hätten. Angefangen hatte der Spuk nämlich schon im Sommer 1981. Damals meldete sich Chopper ausschließlich per Telefon zu Wort und plärrte dazwischen, wenn Claudia oder Bachseitz mit den Patienten sprachen. Schließlich wurde es dem Zahnarzt zu bunt. Er schaltete die Polizei ein, um die Geisterstimme, die er nach eigenen Angaben für reinen Telefonterror hielt, loszuwerden.


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Irgendwann begann Chopper aus sämtlichen fest installierten Schüsseln zu quaken. Monatelang ermittelten die Beamten ergebnislos. "Nun sind wir am Ende unseres Lateins. Allmählich beginne ich, an Geister zu glauben", sagte Kriminalkommissar Erich Tietz vollkommen entnervt dem Reporter des "Hamburger Abendblatts". Selbst die Fernmeldetechniker der Deutschen Bundespost, die dem Quälgeist mit einer Fangschaltung auf die Schliche kommen wollten und schließlich den gesamten Bungalow mit neuen Telefonen und Leitungen ausstatteten, konnten keine Erklärung finden. 60.000 Mark kostete der Einsatz. Chopper machte weiter und plärrte zum Abschied: "Ich habe weiter eine gute Leitung."

Nun übernahm die Kriminalpolizei Regensburg den Fall, die eigens für Chopper die "Soko Geist" ins Leben rief und sich Unterstützung von Technikern des Landeskriminalamtes in München holten. Die Beamten waren sich sicher, den Fall schnell zu lösen. Doch als Kriminalhauptkommissar Norbert Czerny am Rosenmontag 1982 den Tatort zum ersten Mal besuchte, stellte er fest, dass es nicht ganz so einfach werden würde.

Okkultes Treiben in "Chopper-Town"

Denn die Medien waren mittlerweile voll auf Chopper angesprungen und berichteten täglich in allen Variationen über den Fall. Die Praxis war überfüllt mit Kamerateams und Journalisten. Selbst aus den USA, Japan und Neuseeland waren sie angereist. Die Journalisten hatten die "Zuckerpuppe", wie Claudia nun vielerorts genannt wurde, für sich entdeckt und umlagerten sie. Sie strahlte mal in die eine, mal in die andere Kamera – und genoss ganz offensichtlich den Rummel.

Die Journalisten ließen sich Chopper von Claudia vorführen und filmten in der Praxis. Gezielt stilisierten sie das Mädchen zum Medium mit vermeintlich übersinnlichen Kräften, weil der Geist sie umgarnte und ihr immer wieder sagte: "Ich liebe dich". Bald war nicht mehr die Rede von der "Geisterstimme in der Zahnarztpraxis" sondern nur noch von "Claudias Geist" – und Neutraubling firmierte bald unter "Chopper-Town". Etliche Zeitschriften sollen dem jungen Mädchen großzügig dotierte Exklusivverträge angeboten haben. Angeblich winkte der "Stern" sogar mit 120.000 Mark.

Befeuert wurde die allgemeine Okkultismus-Hysterie rund um die Zahnarztpraxis von dem Besuch des Leiters des parapsychologischen Instituts der Universität Freiburg, Hans Bender, in "Chopper-Town". Obwohl er unmissverständlich zu verstehen gab, dass er Chopper eher für ein irdisches als für ein übersinnliches Phänomen hielt, interpretierten viele seine Anwesenheit als Bestätigung für die ungewöhnliche Tragweite des Falls.

Irritiert verfolgten die Beamten der Soko das bunte Treiben. Sie fühlten sich wie die Statisten in einer Seifenoper und hatten gerade deshalb den besten Überblick über das okkulte Schauspiel, das sich ihnen jeden Tag aufs Neue bot. Und so entging ihnen auch das Offensichtliche schließlich nicht: Claudia drehte den Menschen im Raum immer den Rücken zu, wenn Chopper sprach. Am 3. März ertappten sie die "Zuckerpuppe" schließlich auf frischer Tat. Während Chopper blökte beobachtete einer der Geisterfahnder, wie Claudia die Lippen bewegte.

Stimmenakrobatik vom Feinsten

Wenig später fanden sich Claudia, Bachseitz und seine Frau auf dem Revier wieder – und packten aus. Claudia gab zu, dass sie den Chopper gemacht habe. Und auch Bachseitz bekannte: "Da mag etwas gewesen sein, was allerdings nur aus meinem Unterbewusstsein gekommen ist." Doch es handelte sich weder um Bauchrednerei, noch kamen Lautsprecher zum Einsatz. Die beiden hatten sich die besondere Akustik der gekachelten Praxis zunutze gemacht und mit reiner Stimmakrobatik die obszönen Laute erzeugt.

"Alles Kokolores", fasste der ermittelnde Staatsanwalt Elmar Fischer das Chopper-Phänomen auf einer Pressekonferenz am nächsten Tag zusammen. Er führte den Journalisten vor, wie sich die eigene Stimme verändern lässt, wenn man in die hohle Hand hinein trötet. Claudia und Bachseitz benutzten nicht nur ihre Hände, sondern alle möglichen Hohlgefäße. Getragen von der Überakustik in der Zahnarztpraxis entstand so die Geisterstimme. Doch wozu hatten die beiden den Chopper gemacht? Das Motiv für den Spuk sei auch ihm nach wie vor rätselhaft, erklärte Fischer.

Bis heute ist die Frage nach dem Warum unbeantwortet geblieben. Wahrscheinlich ist, dass es sich tatsächlich nur um einen Spaß handelte, der vollkommen außer Kontrolle geriet. Dass es im Sommer 1981 des öfteren unangenehme Telefonanrufe gab, die Bachseitz zurecht zur Anzeige brachte, scheint unbestritten. Ob sie aber von zwei ihrer Verehrer kamen, wie Claudia betonte, oder von der Ehefrau des Zahnarztes, die heimlich und aus Langeweile vom Haustelefon aus den Kobold machte, bleibt dahingestellt. Fest steht nur, dass die ersten Anrufe Claudia inspirierten und Bachseitz mitzog.

Ab in die Nervenklinik

Die Boulevardpresse vermutete, dass Geld und Eifersucht ein mögliches Motiv sein könnte. Die Frau des Zahnarztes hätte den Telefon-Chopper gegeben, weil sie eifersüchtig auf Claudia gewesen sei. Gleichzeitig hätte Bachseitz mit dem Spuk Werbung für seine Praxis machen wollen. Doch erhärtete sich keiner dieser Verdachtsmomente.

Am Ende entpuppte sich das Geisterspiel für alle Beteiligten als extrem teurer Spaß. Claudia wurde zu einer Geldstrafe von 1500 Mark verurteilt. Bachseitz und seine Frau bekamen eine Geldstrafe im fünfstelligen Bereich und mussten zudem die Bundespost mit 35.000 Mark für ihren Aufwand entschädigen.

Der weitere Verlauf des Geisterdramas mutet fast tragisch an. Bachseitz und seine Frau hielten den öffentlichen Druck nicht mehr aus und ließen sich freiwillig in eine Nervenklinik einweisen. Claudia wurde gefeuert und zog sich nach dem Gerichtsverfahren vollkommen zurück. Später nahm sie sogar eine neue Identität an. Im Frühjahr 1983 wurde die Akte Chopper mit den Urteilen endgültig geschlossen.



insgesamt 9 Beiträge
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Volker Altmann, 04.03.2012
1.
Gespenstisch ? da hat ein Geisterwesen offenbar auch die et-Redaktion heimgesucht. Im Verlauf des Berichts wandelt sich Neutraubling mysteriöserweise zu Neutraublingen. Im Fall Chopper steckte nur ein, wenn auch teurer, Spaß dahinter. Wesentlich dramatischer kann es ausgehen, wenn die Kirche Dämonen bekämpft. Angewandter Exorzismus kann das Leben kosten.
bugme not, 05.03.2012
2.
>Wesentlich dramatischer kann es ausgehen, wenn die Kirche Dämonen bekämpft. Angewandter Exorzismus kann das Leben kosten. Halb so schlimm, Neutraubling kennt eh niemand mehr. Und: Was hat das bitte mit Exorzismus zu tun? Thema verfehlt.
Achim Weiss, 05.03.2012
3.
Auch der Journalistenchopper hat wieder zugeschlagen, der stets bei Wortwiederholungen losheult und nach neuen Wörtern verlangt. Im vorliegenden Fall hat er vom Autor verlangt, daß er nach richtiger Verwendung der Berufsbezeichnung "Zahnarzt" den alten Beruf des "Dentisten" aus der Schublade holen sollte (Die Dentistenausbildung wurde in Deutschland Mitte der 50er Jahre eingestellt, seither nur noch Zahnärzte.). Auch für die junge Frau wurde statt (damals) korrekt "Zahnarzthelferin" ein ganzer Strauß ähnlicher Bezeichungen ausgepackt. Der durchschnittliche Journalist wacht vermutlich diesbezüglich erst auf, wenn man ihn selbst als Zeitungsjungen bezeichnet.
Ralf Bülow, 05.03.2012
4.
Ah - Chopper ! Die goldenen Achtziger ! Aber den Rosenheimer Spuk von 1967 kann man nicht so einfach verschwinden lassen, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Spuk_von_Rosenheim
Volker Altmann, 05.03.2012
5.
Sehr geehrter Herr Schleifer, wenn Sie mich noch darüber aufklären würden, wie das Thema Ihrer Meinung nach lautet? Über den Chopper-Vorfall ist durch den Bericht doch eigentlich alles gesagt. Ein Scherz. Mir kam bei diesem Bericht die Kirche in den Sinn, weil, meiner bescheidenen Meinung nach, Exorzismus durchaus in die gleiche Richtung läuft. Übersinnliches wird heraufbeschworen, mit aller Ernsthaftigkeit wird nach Dämonen geforscht - nur, leider ist die Tragweite in diesen Fällen weitaus größer.
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