Legendäre Tauchexpedition Tiefenrausch in der ewigen Nacht

Abenteuer elf Kilometer unter dem Meeresspiegel: Nie zuvor war ein Mensch in solche Tiefen getaucht. Im Januar 1960 wagte Jacques Piccard einen Vorstoß zum tiefsten Punkt der Ozeane. 170.000 Tonnen Druck sollte seine Stahlkugel standhalten - doch beim Absinken hörte der Schweizer plötzlich einen Knall.

CORBIS

Fünf Stunden lang war der Mann senkrecht durch Schwärze, Leere und Kälte in die unbekannte Tiefe geglitten, bevor er mit seinem bizarren Gefährt in einer "Wüste von hell-zimtfarbenem Schlick" aufsetzte. Jaques Piccard hatte den Meeresboden des Marianengraben vor der Pazifikinsel Guam erreicht, einer der tiefsten Stellen der Weltmeere - 10.916 Meter unter der Wasseroberfläche. Nie zuvor hatte ein Mensch die tiefste Tiefsee mit eigenen Augen erblickt.

"Trieste" hieß das Unterwassergefährt, mit dem der studierte Historiker und sein Begleiter, der amerikanische Marineleutnant Don Walsh die unglaubliche Pioniertat gelang. Acht Jahre lang hatten Piccard und sein Vater Auguste, ein Luftfahrtpionier, daran herumentwickelt, immer wieder mussten sie um die Finanzierung der "Trieste" kämpfen. Mal waren sie von Belgien unterstützt worden, mal von Frankreich, dann wieder von den Italienern. 1958 schließlich verkaufte Jacques Piccard das Tiefseegefährt an die U.S. Navy, die ihn als Berater anheuerten - und ihn schließlich in elf Kilometer Tiefe schickten.

Die "Trieste" konnte nur in zwei Richtungen fahren: aufwärts und abwärts. Sie bestand aus Manövriertank und einer darunter angebrachten Metallkabine, die Piccard und seinen Partner vor dem ungeheuren Druck in der Tiefsee schützten. Dort lasteten unglaubliche 170.000 Tonnen Gewicht auf dem Gefährt mit den beiden Piloten darin. Piccard allerdings sorgte sich vor allem um den Landeort. Er habe sich einzig und allein davor gefürchtet, auf einem der zahlreichen Wracks gesunkener Kriegsschiffe zu landen, sagte er 2008 der "Neuen Zürcher Zeitung". Die "Trieste", so seine Furcht, "hätte sich an einer alten Kanone oder an einem Geschützturm verhaken können". Dann wären er und Walsh rettungslos verloren gewesen.

In die Tiefe mit 142.000 Liter Benzin

Aber es war ein Blindflug unter Wasser, zu dem die beiden Männer schließlich am Morgen des 23. Januar 1960 aufbrachen. Mehrere Tage lang war die "Trieste" von dem Hochseeschlepper "Wandank" durch hohe See gezogen worden, bis sie schließlich jenen unsichtbare Punkt erreichte, unter dem sich nach den Berechnungen der Ozeanografen das "Challenger-Tief" befinden musste, die tiefste Stelle des Marianengraben.

Das Wetter war schlecht, die Wellen schlugen bis zu sieben Meter hoch. Der Tachometer, mit dem die Tiefseetaucher ihre Sinkgeschwindigkeit der "Trieste" ermitteln konnte, war von den Elementen zerstört - als Ersatz mussten ein Manometer und ein Rechenschieber reichen. Trotzdem wollten Piccard und Walsh den Rekordtauchgang wagen.

Über einen Schacht kletterten die beiden hinab in die Kabine: eine Metallkugel aus Nickel-Chrom-Molybdän-Stahl von gerade einmal zwei Metern Durchmesser. Sie war unterhalb eines etwa 18 Meter langen Ballasttanks angebracht, der das Abtauchen und Aufsteigen ermöglichte. Die Kugel war von den deutschen Krupp-Werken in Essen geschmiedet worden und wog rund 14 Tonnen. Die Wanddicke betrug zwölf Zentimeter, um die Fenster herum sogar 18 Zentimeter. Wegen der zahlreichen Instrumente im Inneren blieben Piccard und Walsh gerade 90 mal 90 Zentimeter Platz, um sich für die rund neunstündige Fahrt einzurichten. Immerhin konnten sie einigermaßen aufrecht stehen.

142.000 Liter Benzin für den Tauchgang in die tiefste Tiefe

Piccard und Walsh schlossen die Luke zum Eingangsschacht und fluteten einen Teil des riesigen Tanks über sich. Meerwasser schoss durch einen Zulauf in zwei kleine Fluttanks, die "Trieste" begann langsam zu sinken. Der größte Teil der Tankkonstruktion war mit 142.000 Litern Benzin gefüllt. Weil sich das Volumen des Benzins durch den steigenden Druck beim Sinken verringerte, wurde Platz in dem großen Tank frei, schwereres Salzwasser floss nach und die Tauchkapsel sank weiter.

In 731 Metern umgab das Boot "völlige Finsternis", wie Kommandant Piccard im Logbuch festhielt. Um 11.44 Uhr notierte er die Zahl 8860 Meter - "so tief wie der Everest hoch". Um die kleine Kugel herum schien sich in dieser Tief nicht viel zu tun: "Es war eine riesige Leere". Keine Fischschwärme, keine Seeungeheuer; insgesamt "ein recht bescheidenes Geschehen", vermerkte Piccard mit ein wenig Enttäuschung zwischen den Zeilen.

Das blieb so, bis die "Trieste" 9875 Meter erreichte. Um 12.06 Uhr schraken die beiden Männer zusammen: "Plötzlich ein Krach! Eine heftige Erschütterung, ein dumpfer Schlag." Was genau passiert war ließ sich nicht feststellen - Piccard entschied, den Weg in die Tiefe fortzusetzen. Genau eine Stunde später setzte die "Trieste" auf "einem hübschen flachen Boden" auf, keines der befürchteten Wracks war in Sicht. Dafür starrten Piccard zwei große Augen aus dem Schlick an. Ein Plattfisch lag halb in den Sand eingegraben, etwa 30 Zentimeter lang und 15 Zentimeter breit, die Augen "auf ein und derselben Kopfseite". Beim Anblick des Tiefseemobils glitt er davon. Eine "schöne rote Garnele" schwebte zudem an Piccard vorbei. Damit war bewiesen, was bis zu diesem Zeitpunkt umstritten gewesen war: Es gab auch in der tiefsten Tiefsee Leben.

Schreiattacke auf dem Meeresgrund

Dann gellte ein kurzer Schrei durch die Stille auf mehr als 10.000 Metern Tiefe. Walsh hatte die Ursache für den Knall beim Abstieg entdeckt: Feine Risse durchzogen das Glas des Lukendeckels, der zum Einstiegsschacht gehörte. Das Leben der zwei Forscher war zwar nicht unmittelbar in Gefahr, denn die Kugel selbst war unbeschädigt. Doch sollte das Glas der Luke bersten, wäre der Weg in den Schacht versperrt, über den die Männer an die Oberseite des Schwimmkörpers und damit ins Freie klettern konnten. Piccard und Walsh wären auch nach dem Auftauchen wenige Meter unter der Wasseroberfläche gefangen.

Für den Moment aber konnten die Männer sich darüber keine Gedanken machen. Nach nur 20 Minuten am Boden des Marianengraben, so tief wie noch nie ein Mensch getaucht war, mussten Piccard und Walsh den Wiederaufstieg einleiten. Die Methode war alles andere als Hightech: In zwei Silos der "Trieste" lagerten 16 Tonnen Eisenschrot als Ballast, zusammengehalten von einem Elektromagneten. Nun unterbrach Piccard den Stromfluss, die magnetische Wirkung setzte aus und die Eisenschrot sank durch eine Öffnung am Boden der Behälter auf den Meeresgrund - die dergestalt erleichterte "Trieste" begann zu steigen. Dann griff wieder der Trick mit dem Benzin und dem Salzwasser: Je höher sie kam, desto mehr dehnte sich das Leichtöl in den Tanks aus und verdrängte das schwerere Meerwasser - die Tieftauchkugel stieg weiter.

Nach rund dreieinhalb Stunden durchbrach die "Trieste" wieder die Wasseroberfläche. Das Fenster des Einstiegschachtes hatte standgehalten, als gefeierte Helden konnten Piccard und Walsh ihrem Gefährt ohne Probleme entsteigen.

Die letzte Grenze

Bis heute sind der Tüftler aus dem Alpenland, der 2008 im Alter von 86 Jahren starb, und der amerikanische Marineoffizier die einzigen Menschen, die je in solcher Tiefe waren. Die Tauchfahrt der "Trieste" war ein Triumph für die Wissenschaft. Piccard und Walsh hatten den wortwörtlich an der Oberfläche herumsuchenden Ozeanforschern bewiesen, dass auch in den extremen Druckverhältnissen der Tiefsee Lebewesen existieren können. Und wie alle Erfolge, die während des Kalten Krieges im Namen des Fortschritts gelangen, wurde auch die Tiefenfahrt der "Trieste" als kleiner Sieg über den angeblich so fortschrittlichen Kommunismus verbucht.

Die eigentliche Bedeutung der Mission aber beschrieb Piccard rückblickend so: Seit er und Walsh am Boden der Tiefsee gelandet waren, "gab es von den höchsten Bergen bis zu den eisigen Polen keinen Ort mehr, zu dem den Menschen der Zutritt verwehrt blieb".

Die letzte Grenze war endgültig gefallen - jetzt blieb dem Menschen nur noch die Eroberung der Sterne. Aber das ist eine andere Geschichte.



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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Elisabeth Eberherr, 22.01.2010
1.
Liebe Redaktion, sie schreiben kritische Artikel über das Bildungsniveau in Deutschland, bitte stellen sie doch in ihren eigenen Artikeln sicher, dass - zumindest physikalisch - alles richtig ist. 170.000 Tonnen Druck...pro was??? Auf welche Fläche wirkt das?? Auf den Quadratmeter? Auf einen Quadratkilometer?? Auf einen Quadratzentimeter????
Joachim Buch, 22.01.2010
2.
Am Schluss steht sinngemäß, es bleibe jetzt nur noch die Erforschung der Sterne. Ist es da Zufall dass der Captain der TV-Serie "Raumschiff Enterprise - The Next Generation" auch Picard heißt?
Markus Wenzel, 22.01.2010
3.
Im Artikel steht: "Der größte Teil der Tankkonstruktion war mit 142.000 Litern Benzin gefüllt. Weil sich das Volumen des Benzins durch den steigenden Druck beim Sinken verringerte, wurde Platz in dem großen Tank frei, schwereres Salzwasser floss nach und die Tauchkapsel sank weiter. " Das verstehe ich nicht. Ich habe mal gelernt, daß Flüssigkeiten nicht komprimierbar sind. Kann mir das mal jemand erklären, der Fehler liegt sicher bei mir. Danke, hmw
Torsten Müller, 22.01.2010
4.
Bei Zahlen mit vielen Nullen ist in Medien immer Vorsicht geboten. 1100bar entsprechen 110000t pro Quadratmeter, d.h. 11t pro Quadratzentimeter.
Arthur Erhardt, 22.01.2010
5.
>Im Artikel steht: "Der größte Teil der Tankkonstruktion war mit 142.000 Litern Benzin gefüllt. Weil sich das Volumen des Benzins durch den steigenden Druck beim Sinken verringerte, wurde Platz in dem großen Tank frei, schwereres Salzwasser floss nach und die Tauchkapsel sank weiter. " > >Das verstehe ich nicht. Ich habe mal gelernt, daß Flüssigkeiten nicht komprimierbar sind. Kann mir das mal jemand erklären, der Fehler liegt sicher bei mir. Nein, die Autorin liegt da auch falsch was die Funktionsweise des mitgeführten Benzins angeht. Die Trieste hat, im Rahmen Ihrer Spezifikation ein praktisch konstantes Volumen und aufgrund der Bauweise eine Dichte, die deutlich über der von Seewasser liegt. So würde das Boot sehr schnell abtauchen, unten heftig aufprallen und anschließend keine Möglichkeit zum wieder Auftauchen haben. Um dieses Problem zu lösen muß das Gesamtsystem Trieste so austariert werden, daß es nahe der Dichte von Meerwasser ist, mit der Option knapp darunter oder darüber zu liegen, je nachdem ob es sinken oder aufsteigen soll. Benzin hat eine Dichte von ca. 0.75 Gramm pro Kubikzentimeter, ist also deutlich weniger Dicht als Wasser (Meerwasser: 1.02 bis 1.03 Gramm pro Kubikzentimeter). Nimmt man nun genug Benzin an Bord, so kann man die Dichte der Trieste damit bis in die Nähe der Dichte von Meerwasser senken. Gerade die Eigenschaft der Inkompressibilität (nicht exakt, aber doch sehr nahe daran) macht, neben der geringen Dichte Benzin dafür brauchbar. Es gibt sicher viele andere Flüssigkeiten die sich für diese Anwendung eignen, aber mit der Handhabung von Benzintanks hatte die Menschheit auch 1960 schon sehr lange Erfahrung und die Substanz war vermutlich eine der billigsten Lösungen. Dabei ist zu bemerken, daß der Tank keinen höheren mechanischen Belastungen unterliegt als an der Oberfläche, da innen und außen stets der gleiche Druck herrscht.
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