Legendäre TV-Show Als Disco nach Deutschland kam

Legendäre TV-Show: Als Disco nach Deutschland kam Fotos
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"Licht aus! Whoom! Spot an!" Wenn ZDF-Moderator Ilja Richter in den siebziger Jahren seine Kultsendung "Disco" ankündigte, freuten sich Millionen Teenager auf Supertramp, Sweet oder Suzie Quatro. Die Show prägte den Musikgeschmack einer Generation - trotz der dämlichen Sketche. Von Wiebke Brauer

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Am Anfang ist das Wort. In orange und grün zieht es sich über den Bildschirm. Die Musik setzt ein, kein Keyboard, keine E-Gitarre, sondern altmodisches Salongeklimper. Es ist Samstagabend halb acht, Anfang der siebziger Jahre, und im Zweiten Deutschen Fernsehen beginnt die Sendung "Disco". Der milchgesichtige Moderator begrüßt das Publikum, er trägt wie meist einen schmal geschnittenen Anzug, der seine Schlaksigkeit noch unterstreicht, dazu eine Fliege. Wie ein Wesen aus einer anderen Zeit stakst er durch das Studio. Sein Name lautet Ilja Richter.

Zur Begrüßung steht er auf einer Art Kanzel, der Körper mittig leicht eingeknickt, den Kopf schräg gelegt. Seine Stimme kiekst, als er sagt: "Einen wunderschönen guten Abend, meine Damen und Herren." Dann fährt er die dünnen Arme aus wie Antennen und dreht sich zum Studiopublikum herum. Sein legendärer Ruf erschallt: "Hallo Freunde!" Zwanzig Millionen Menschen sitzen vor dem Fernseher und rufen zurück: "Hallo Ilja!" Ilja Richter, ein Teenager im adrett gestreiften Sonntagsanzug, bringt einen neuen Zeitgeist in die gute Stube.

Übergroß hängen die Buchstaben "Disco" unter der Studiodecke, meist von pinkfarbenen Scheinwerfern angestrahlt. 133 Mal wird die Sendung zwischen 1971 und 1982 vom ZDF ausgestrahlt, 45 Minuten dauert der Spaß. Unter dem Schriftzug betreten kleine und große Namen die runde Bühne: 1976 steigt Tina Charles über dünne schwarze Kabel, die sich am Boden schlängeln. Sie schwingt ihren langen roten Rock und singt "I love to love" in ein Mikrophon, das aussieht wie die Nase von Ernie aus der Sesamstraße.

Um Charles herum sitzen betont locker gruppiert junge Menschen mit seitlichen Scheiteln im länglich klebrigen Haar. Die Autogramm-Adresse wird in weißer Schreibmaschinenschrift eingeblendet. Das Publikum klatscht jeden Rhythmus mit, ob zu Carl Douglas, den Les Humphries Singers oder Andrea Jürgens. Zwischendurch werden Band-Auftritte oder aber Sketche vom Band eingespielt: Mit Glück haucht Mick Jagger "Angie", mit Pech kommt einer der gefürchteten Sketche.

Dufte Nummer mit Uschi Glas

Ilja Richter, der Störfaktor zwischen den heißen Hits, dessen operettenhafte Einlagen ein Odeur von Rentnerhumor verströmen: Richter verkleidet sich als Nana Mouskouri, er singt auf einem Surfbrett stehend auf dem Canale Grande in Venedig "Heiße Chosen aus Athen". Kein Witz scheint zu flach, kein Kalauer zu brachial. In der Praxis von Dr. Sigmund Freudlos wird "Hokus Pokus Ödipus" gezaubert. Eine Frau kreischt, Ilja Richter ruft: "Vorsicht Glas", und aus einem zerberstenden Glaskasten entsteigt - die Uschi Glas. Spießiger geht es kaum. Obwohl: Nach jeder musikalischen Einlage sagt er "Bravo" oder "Dufte Nummer".

Als besonderes Highlight der Sendung gilt das Disco-Quiz: Hierfür wird ein Ausschnitt aus einer vorhergehenden Sendung gezeigt, die Zuschauer müssen den Interpreten erraten und eine Karte schreiben. Die Preise lassen die Gewinner durchaus bei Verstand: Als dritter Preis lockt ein Kofferradio, als zweiter ein Plattenspieler. Der Gewinner des ersten Preises darf als Gast an der Sendung teilnehmen und erhält dort ein oftmals selbst gebasteltes, aber garantiert geschmackloses Geschenk vom Moderator persönlich überreicht. Die Studiobeleuchtung wird komplett ausgeschaltet, dann ein einzelner weißer Scheinwerfer aufgeblendet auf den Gast gerichtet. Der Schlachtruf erklingt. Richter: "Licht aus!" Publikum: "Whomm!" Richter: "Spot an!" Publikum: "Jaaa!" Und schon steht ein hyperventilierender Teenager mit engem Pullunder und übergroßer Brille wie ein Reh auf der Landstraße im gleißenden Scheinwerferlicht. Und das mit Vollgas herannahende Fahrzeug heißt Ilja Richter.

Vom Kinderstar zum Discohasen

Dass der durchgeknallte Discohase die Musik hasst, die er präsentiert, macht es nicht besser. Eigentlich steht Richter auf Swing und Jazz, aber er hat keine Wahl, er muss diesen Job machen. Ob die Kneipe in Köln oder die Pension in Berlin - sämtliche Unternehmungen seiner kriegstraumatisierten Eltern waren gescheitert. Seine jüdische Mutter gab sich im "Dritten Reich" als Arierin aus und arbeitete als Schauspielerin, nun stieß sie den schlaksigen Ilja in die eigenen Fußstapfen. Nach dem Krieg triezte Richters Mutter den gelehrigen Jungen zum Status des Kinderstars. So ernährte der Teenager seine Eltern und die drei Geschwister.

Nach dem Hörfunk folgte Theater und Fernsehen, mit zehn Jahren konnte Ilja Richter auf etwa 30 Hörspiele zurückblicken. Richter spielte sich durch unsägliche Filme ("Tante Trude aus Buxtehude") rund um den Wörthersee, gern auch an der Seite von Rudi Carrell. Mit "Disco" schafft Ilja Richter es auf der Karriereleiter bis ganz nach oben. Auch dank seiner Mutter - für die Sendung denkt Ilja Richter sich die Sketche zusammen mit ihr aus. Im Ohrensessel, wie es heißt.

Immerhin: In einer Zeit, in der sich die Prilblumen wie Unkraut auf den Küchenkacheln vermehren und die deutsche Fernsehlandschaft von Peter Frankenfeld und Theo Lingen bestimmt wird, vereinigt der Klassenclown Richter die Generationen und ihre unterschiedlichen musikalischen Geschmäcker. Schlager, Rock und Pop werden durcheinander gespielt, die Sendung "Disco" eint auf der Bühne den Schlagersänger Bernd Clüver mit der Glam-Rock-Gruppe Sweet und die Oma auf dem Cordsofa mit ihrem Enkel. "Disco" heißt in den Siebzigern die Brücke über die Generation-Gap.

Miniröcke und Brust-Toupets

Denn die Sendung erreicht Millionen. Unerwartet, denn Anfangs geht es dem ZDF nur darum, nicht den Anschluss an die Konkurrenz zu verlieren: 1969 hatte der Sender dem 16-jährigen Ilja Richter zusammen mit Suzanne Doucet die Co-Moderation der Musiksendung "4-3-2-1 Hot & Sweet" übertragen, zwei Jahre später wird daraus "Disco". Das ZDF braucht eine Antwort auf den "Beat-Club" in der ARD, der von Uschi Nerke moderiert wird. Stilistisch liegen Welten zwischen den beiden Sendungen: Uschi trägt Mini-Röcke, Manfred Sexauer Haare auf der Brust. Vor der Sendung warnt Wilhelm Wieben vor der Livesendung mit tanzendem Jungvolk und lauter Musik und bittet um Verständnis für die Jugend.

Der Beat-Club ist cool. Go-Go-Girls treten auf, Menschen werfen ihre Haare durch die Luft und schlackern mit dem Schlag ihrer Hosen. Ilja Richter ist nicht cool. Er kleidet sich in deutlichem Kontrast zur angesagten Mode, tollt in Sakko mit Krawatte und Stoffhose durch das Studio. So verkörpert er die Jugendlichkeit, wie sie sich das Zweite Deutsche Fernsehen vorstellte. Samt Bildungsauftrag, kleinen Karos und Familiensinn. Dass der Jüngling in seiner androgynen Flatterhaftigkeit als Schwulenikone gilt, bleibt stets unausgesprochen.

Die Programmmacher sind über den großfamiliären Erfolg erstaunt, hatte man doch eigentlich damit gerechnet, eine Sendung für Teenies zu machen. Der anfängliche Untertitel "Musik für junge Leute" wird ab 1973 gestrichen, ältere Zuschauer sogar gezielt ins Studio eingeladen.

Am Ende war "Disco" aber viel mehr als eine Familiensendung. Sie war im Prinzip der Prototyp für alle weiteren Unterhaltungssendungen des ZDF: Ein zwanghafter Rahmen mit streckenweise guter Musik, besseren Promis und schlechten Witzen. Das lässt sich ja so auch heute über die Sendung "Wetten, dass..?" sagen.


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