Legendäre Verbrechen Blei statt Blumen

Legendäre Verbrechen: Blei statt Blumen Fotos
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Tödlicher Gruß: Beim "Valentine's Day Massacre" vor 80 Jahren durchsiebten Mafiosi in Chicago gleich sieben Rivalen eines konkurrierenden Syndikats. Ganz Amerika vermutete Unterweltlegende Al Capone hinter der Tat, bewiesen wurde es nie. Trotzdem war der Shoot-out für den Gansterboss der Anfang vom Ende. Von Wolfgang Kerler

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Es ist Donnerstag, der 14. Februar 1929, 10:30 Uhr. Durch ein leichtes Schneegestöber gleitet fast lautlos ein schwarzer Cadillac und hält vor einem unscheinbaren Lagerhaus mit der Hausnummer 2122 in der North Clark Street in Chicago. Vor dem Nebeneingang stoppt eine weitere dunkle Limousine - beide Wagen sehen den Fahrzeugen der Chicagoer Kriminalpolizei zum Verwechseln ähnlich.

Als ein Lastwagen durch das seitliche Tor ins Haus fährt, schlüpfen zwei Gestalten aus einem der Autos unbemerkt mit in die Lagerhalle - sie sind in Polizeiuniformen gekleidet. Im Inneren überraschen sie sieben Männer, die sich ohne Widerstand von den vermeintlichen Polizisten entwaffnen lassen. Der Reihe nach stellen sie sich mit dem Gesicht zur Wand auf. Durch die Vordertür kommen zwei weitere Männer - sie waren mit der anderen Limousine vorgefahren.

1300 Meilen südöstlich von Chicago, in Miami, Florida, nimmt Al Capone derweil ein kurzes Bad im Schwimmbecken seines Hotels. Im schwarzen Badeanzug wird Capones Übergewicht besonders deutlich. Sein runder Kopf mit den braunen Haaren sitzt auf dem bulligen Oberkörper, ein Hals scheint nicht vorhanden. Über die linke Gesichtshälfte ziehen sich drei Narben aus Teenagerzeiten. Von ihnen rührt Capones verhasster Spitzname: "Scarface" - Narbengesicht. Der Gangsterboss aus Chicago ist gerade dreißig geworden.

Blutbad mit Maschinengewehren

Ein, zwei Minuten erschallt über die North Clark Street der Lärm der Maschinengewehre. Wie ein Presslufthammer klingt es, als die vier Killer ihre sieben Opfer hinrichten. Sie gehen dabei systematisch vor, von links nach rechts und wieder zurück: Erst schießen sie den Männern in den Hinterkopf, dann auf die Höhe der Brust, schließlich auf Bauchhöhe. Die von Kugeln durchlöcherten Körper sinken auf den Boden. Mit vorgehaltenen Waffen verlassen die zwei "Polizisten" das Gebäude, ihre Komplizen laufen mit erhobenen Händen vor ihnen her. Schnell verteilt sich die Gruppe über die zwei Autos und verschwindet.

Capone ist zur gleichen Zeit auf dem Weg in die Innenstadt von Miami, wo er zu einem polizeilichen Verhör muss - die Steuerbehörden sind ihm auf den Fersen. Ihnen ist zu Ohren gekommen, dass Capone mit seinem Verbrechersyndikat "Chicago Outfit" jährlich hunderte Millionen Dollar scheffeln soll - durch Alkoholschmuggel, Glücksspiel, Bordelle, Schutzgeld und andere krumme Geschäfte. Sie wollen wissen, wo diese Einnahmen abgeblieben sind. Doch Capone streitet alles ab. "Ich habe noch nie irgendeinen Alkohol geschmuggelt", sagt er trotzig. Zur Zeit der Prohibition, von 1920 bis 1933, war in den USA Herstellung, Verkauf und Vertrieb von alkoholischen Getränken strengstens verboten.

Als Capone am selben Abend eine Party gibt, verbreiten Abendzeitungen und Radio bereits die Nachricht vom Blutbad in Chicago. Die Gäste tuscheln zwar, doch keiner wagt es, "Scarface" Capone auf das Ereignis anzusprechen. Schon jetzt wird gemunkelt, er habe bei dem Verbrechen die Strippen gezogen - handelt es sich bei den Opfern des "Valentinstags-Massakers" doch um sieben Mitglieder der "North Side Gang", jenes Verbrecherrings, der seit Jahren mit Capones "Chicago Outfit" um die Vorherrschaft in der Unterwelt von Amerikas zweitgrößter Stadt kämpft. Der Anführer der "North Side Gang", Bugs Moran, entging nur deshalb seiner Ermordung, weil er nicht - wie mit seinen Handlangern vereinbart - um halb elf im Lagerhaus der Bande in der North Clark Street erschien.

Bandenkriege wüten in Chicago

"Jeden Tag gab es Schießereien in Chicago, wenn sich die Verbrecherbanden bekämpften", sagt Mario Gomes, Capone-Historiker und Betreiber des Onlinemuseum "MyAlCaponeMuseum.com". "Die Leute waren daran gewöhnt, jeden Tag irgendeinen toten Gangster zu sehen." Doch das Massaker am Valentinstag ging zu weit. "Da die Polizei korrupt war, sammelten die Geschäftsleute der Stadt Geld, um die Aufklärung des Verbrechens selbst vorantreiben zu können. Sie fürchteten, dass vor lauter Angst niemand mehr nach Chicago kommen würde, um Geschäfte zu machen."

Schon bevor die ganze Welt über Zeitung und Radio die schwierigen Ermittlungen im Fall "Valentinstags-Massaker" verfolgen konnten, war Al Capone ein Medienstar. Anstatt die Presse zu meiden - wie es die die anderen Unterweltgrößen taten - umgab er sich gern mit Journalisten, gab Geld für wohltätige Zwecke und verteilte großzügig seine Visitenkarten: Al Capone, Antiquitätenhändler. Dass ihm die Boulevardpresse sehr wohl Verbindungen zur Chicagoer Mafia anschrieb, gab Capone eine faszinierende Aura, durch die er - zum Ärger der Polizei - bei der Bevölkerung nur noch beliebter wurde.

Capone, als Sohn eines italienischen Einwanderers 1899 in New York geboren, kam mit Anfang zwanzig nach Chicago. Dort schlug er sich als Rausschmeißer und Schutzgeldeintreiber durch, brachte es aber, - vor allem wegen seiner uneingeschränkten Loyalität - binnen weniger Jahre zur rechten Hand des Gangsterbosses Johnny Torrio. Als dieser sich 1925 nach einem Mordanschlag aus dem Syndikat zurückzog, übernahm Capone die Leitung über das Netzwerk aus Schnapsbrennereien, Schmugglern, illegalen Clubs und Bordellen.

"Mir gehört die Polizei"

Mit 26 kontrollierte er den Süden Chicagos. Einflussreicher als alle anderen Gangsterbosse der Stadt, verfügte er mit dem "Chicago Outfit" über 700 bis 1000 Schläger und Gauner, die für ihn die Drecksarbeit erledigten. Capone bezog Hauptquartier in einem Luxushotel, ließ Geldsäcke in seiner Hotelsuite herumliegen und hüllte sich in maßgeschneiderte Kleidung und Diamanten. "Seine Erscheinung, sein Narbengesicht, seine Statur und sein griffiger Name machten ihn einfach zum perfekten König der Unterwelt", sagt Mario Gomes. "Er wurde zum Vorbild für alle Gangster, die nach ihm kamen."

Bald war Capones Macht über die Stadt so groß, dass Capone-Biograf John Kobler als Antwort auf die Frage, wer in Chicago eigentlich für Ruhe sorgen konnte, zu folgendem Schluss kommt: "Nicht der Gouverneur des Staates, der Geld veruntreute und Straftäter schützte. Nicht der groteske Bürgermeister von Chicago. Nicht die Staatsanwaltschaft, die noch keinen einzigen Gangster erfolgreich überführt hatte. Und erst Recht nicht die Polizei, über die Capone einmal sagte: 'Mir gehört die Polizei'". Wer sonst also konnte für Ordnung sorgen, wenn nicht Capone selbst?

Angesichts dieser Beziehungen ist es für Capone-Experten wie Mario Gomes nicht verwunderlich, dass dem "Scarface" von der Polizei nie eine Verbindung zum "Valentinstags-Massaker" nachgewiesen werden konnte, bei dem sein größter Widersacher, "North Side Gang"-Anführer Bugs Maron, hätte umgebracht werden sollen. Die Polizei fand nicht einmal die Killer selbst, da alle festgenommenen Verdächtigen Alibis vorweisen konnten. Und so wird das "Valentinstags-Massaker" wohl nie ganz geklärt werden können. Auch der oben geschilderte Ablauf des Blutbades ist nur eine - wenngleich die häufigste - Version, die in Capone-Biografien und Filmen dargestellt wird.

Capones Ruf in der Bevölkerung war nach dem Massaker dennoch ramponiert. Und auch seine Karriere überschritt ihren Zenit: Nach mehreren kürzeren Inhaftierungen, unter anderem wegen Waffenbesitzes, wanderte der Ur-Gangster 1931 für fast acht Jahre als Steuerhinterzieher hinter Gitter. Acht Jahre nach seiner Entlassung, am 25. Januar 1947, starb er in Florida an einer Lungenentzündung. Für die von ihm verübten und veranlassten Morde wurde er nie angeklagt oder verurteilt.


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1.
Werner von Schleiden 15.02.2009
Man sollte nicht unerwähnt lassen, dass wir diesem "Valentins-Massaker" eine der schönsten Komödien der Filmgeschichte verdanken: Billy Wilders legendären "Some Like It Hot". Die Musiker Jack Lemon und Tony Curtis werden unfreiwillige Zeugen des Massakers, müssen fliehen und schlüpfen in Frauenkleidern bei einer Damenkapelle unter. Und deren Sängerin "Sugar" ist niemand anders als Marilyn Monroe ...
2.
Ralf Bülow 15.02.2009
Was das Valentinstag-Massaker nicht auch die Inspiration für die Billy-Wilder-Komödie "Manche mögen's heiß" ?
3.
Ralf Bülow 16.02.2009
Autsch, Dublette! Deshalb noch schnell der Hinweis, dass der Gangsterfilm-Klassiker "Scarface" (1932), Regie Howard Hawks, Financier Howard Hughes, entfernt auf Al Capones Leben zurückgeht. Dieser soll den Streifen sehr gemocht haben.
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