Legendärer Betrüger Franc-reich!

Sie nannten ihn den Leonardo da Vinci der Geldfälscher: 14 Jahre lang bestritt Czeslaw Bojarski seinen Lebensunterhalt mit Blüten. Der Hauptkommissar, der ihm durch halb Frankreich nachspürte, bezeichnete den Kriminellen gar als Genie - doch dann beging der schlaue Betrüger einen Fehler.


Als er am Morgen des 25. Dezember 1950 die kleine Schlachterei in dem Pariser Vorort Montgeron betrat, wurden ihm die Knie weich. Doch nun gab es kein Zurück mehr. Die Weihnachtsgans musste her. So lautete der Auftrag seiner Frau. Also gab Czeslaw Bojarski seine Bestellung auf und schob das Geld über den Tresen. Verstohlen schaute er den kassierenden Schlachter an. Dann machte sein Herz einen kleinen Freudensprung. Der Mann hatte nicht gemerkt, dass er Falschgeld kassiert hatte. Freundlich schob er die Gans über den Tresen und wünschte Bojarski ein frohes Fest.

Bester Stimmung kehrte Bojarski heim. Zwei Jahre hatte er mit verschiedenen Papiersorten, Druckverfahren und Gravuren experimentiert, um perfekte 1000-Francs-Blüten herzustellen. Nun hatten die Scheine aus seiner privaten Geldfabrik ihren ersten Stresstest bestanden. "Das motivierte mich weiterzumachen", erinnerte sich der Geldfälscher viele Jahre später. Anfang 1951 ging er schließlich in Serienproduktion und druckte stapelweise sein eigenes Geld. Als Geschäftsreisender getarnt, brachte er es schrittweise in ganz Frankreich in Umlauf. Mal hier, mal dort zahlte er mit einem seiner 1000-Francs-Scheine. Dabei befolgte er eine goldene Regel: Zahle nie mit mehr als einem gefälschten Schein.

Weil es ihm effizienter erschien, sattelte Bojarski 1953 auf 5000-Francs-Scheine um. Die Herstellung war genauso aufwendig und brachte deutlich mehr Geld. Die Rechnung ging auf. Das Geschäft lief prächtig. Bojarski finanzierte mit seinen Blüten nicht nur den Lebensunterhalt für die gesamte Familie, sondern auch ein neues Auto und ein schickes Haus. Sieben Jahre später drohte die Währungsreform, die den alten Franc ersetzte, seine Falschgeldunternehmung zu ruinieren. Doch Bojarksi zeigte sich flexibel und begann, mit demselben Erfolg die neuen 100-Francs-Scheine zu fälschen - im Volksmund Bonapartes genannt.

Umgerechnet rund 2,5 Millionen sogenannte neue Francs (100 alte Francs = 1 neuer Franc) brachte er zwischen 1950 und 1964 in Umlauf, ohne dass ihm irgendjemand auf die Schliche kam.

Jagd nach einem Phantom

Der Bank von Frankreich fielen 1951 zum ersten Mal die gefälschten 1000-Francs-Scheine auf. Die Geldhüter konnten aber nicht zurückverfolgen, woher sie kamen, weil Bojarski sie so geschickt in Umlauf gebracht hatte. 1958 wurden sie auf die falschen 5000-Francs-Scheine aufmerksam. Doch auch hier verliefen sich alle Spuren. Hauptkommissar Emile Benhamou, staatlich beauftragter Falschgeldjäger, war verzweifelt. So etwas hatte er noch nie erlebt. Reihenweise hatte er Falschmünzer-Banden ausgehoben. Doch in diesem Fall kriegte er über 13 Jahre kein Fuß auf den Boden. Nicht nur die Blüten waren perfekt, sondern auch das Verteilungssystem. Es schien, als jage er ein Phantom.

Als im Winter 1963 die ersten falschen 100-Francs-Noten auftauchten, die ganz offensichtlich wieder aus derselben Werkstatt stammten, wollte er schon fast aufgeben. Doch dann bot sich zum ersten Mal ein Anhaltspunkt. In der Filiale der Banc de France in Levallois bei Paris hatte ein findiger Kassierer die falschen Scheine sofort erkannt - und konnte sich noch genau an den Mann erinnern. "Da gibt es einen, der Devisen und Goldmünzen kauft. Mir ist, als hätte ich die falschen Bonapartes von ihm", sagte er Benhamou.

Bojarski hatte dieses Mal einen kapitalen Fehler begangen: Er hatte einen Partner ins Boot geholt, seinen alten Kriegskameraden Antoine Dowgierd, der wie er ursprünglich aus Polen stammte und dringend Geld brauchte. Bojarski verkaufte Dowgierd für 70 Francs pro Stück seine gefälschten 100-Francs-Scheine. Dowgierd wiederum weihte seinen Schwager Alexis Chouvaloff ein, der die Scheine in Umlauf brachte. War es Leichtsinn? War es der Wunsch nach Anerkennung? Oder wollte er einfach nur helfen? Warum sich Bojarski auf Dowgierd einließ, ist unklar. Fest steht nur, dass der neue Partner sich nicht an die Regeln hielt. Chouvaloff kaufte mit Bündeln von Bojarski-Scheinen Schatzanweisungen und flog dabei auf.

"Respekt vor der künstlerischen Leistung"

Benhamou legte sich in Levallois auf die Lauer und ertappte Chouvaloff schließlich im Januar 1964 auf frischer Tat. Wenig später schnappte sich die Polizei Dowgierd - und zu guter Letzt Bojarski. Plötzlich hatte das Phantom ein Gesicht: Fahl, ausgemergelt, mit kleiner Drahtbrille stand der 54-jährige Profi-Fälscher vor Benhamou. Er war gerade mal 1,58 Meter groß und schmächtig. Benhamou traute seinen Augen kaum. Dieser Mann sah nicht aus wie ein kaltschnäuziger Krimineller, sondern eher wie ein Künstler oder Intellektueller.

Die Polizei stellte Bojarskis kleine bescheidene Villa auf den Kopf. Doch die Beamten fanden nichts. Kein Falschgeld, keine Druckerpresse, keine Farben. Für einen Moment schien es, als hätte Bojarski das perfekte Verbrechen begangen. Dann aber triumphierte die Polizei. Durch Zufall entdeckte einer der Beamten eine Falltür. Er war gestolpert und stützte sich an der Wand ab. Dabei muss er aus Versehen den Knopf gedrückt haben, der die Falltür öffnete. Es surrte, und der Boden öffnete sich. Eine steile Stiege führte in einen winzigen Kellerraum und gab Bojarskis Geldfabrik frei. Zwischen Druckerpressen und Wannen, in denen der Brei für die Papierherstellung schwamm, hingen Hunderte von Bonapartes zum Trocknen.

Nach etlichen Verhören und einer genauen Inspektion des Labors begann Benhamou zu glauben, was er bisher nicht wahrhaben wollte: Bojarksi war tatsächlich ein Einzelkämpfer. Der Kommissar war davon ausgegangen, dass mindestens sieben ausgebildete Techniker am Werk gewesen sein mussten. Nun zog er den Hut vor dem kleinen, unscheinbaren Mann. "Respekt vor seinen künstlerischen Leistungen. Ich habe in 20 Jahren nie so gutes Falschgeld gesehen. Bojarski ist ein Genie", sagt Benhamou zwei Jahre später vor Gericht. Zehn Stunden lang hatte das Fälschergenie täglich in dem gerade einmal drei Quadratmeter großen Kabuff gewerkelt. Seine Frau hatte stets geglaubt, er arbeite an einem seiner Forschungsprojekte, und hielt Störenfriede konsequent fern. Währenddessen lief die Druckerpresse.

Genie mit gescheiterte Vita

Zwei Jahre später kam es schließlich zum Prozess. Auch der Richter konnte den Unterschied zwischen den falschen und echten Scheinen nicht feststellen. Auch er hielt einen Bojarski-Schein für echt, der ihm vor die Nase gehalten wurde, was im Gerichtssaal einiges Gelächter hervorrief. Bojarski sorgte für etliche Schlagzeilen. Als "König der Geldfälscher" wurde er bekannt. Das US-Magazin "Time" kürte ihn schließlich zum "Leonardo da Vinci der Geldfälscher", was etliche Medien aufgriffen. Analog wurde sein Schaffen in drei künstlerische Phasen eingeteilt. Die "blaue" Periode (1000-Francs-Scheine), die "Land und Meer"-Periode (5000-Francs-Scheine, auf denen Henri IV. wahlweise vor Land- oder Wasserpanorama zu sehen ist) und die "napoleonische" Periode.

Im Gegensatz zu Benhamou hatte der Richter wenig Sympathie für Bojarski. Er sah in ihm nicht das Genie mit der gescheiterten Vita, sondern einfach einen Kriminellen. Bojarski, 1912 in Polen geboren, hatte in Danzig Ingenieurswissenschaften und Architektur studiert. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Er kämpfte als Offizier in der polnischen Armee, floh vor den Deutschen nach Frankreich und blieb dort hängen. Als der Krieg vorbei war, war er 33 Jahre alt und mit einer Französin aus gutbürgerlichem Haus verheiratet. Obwohl sein Französisch mies war, blieb er in Frankreich. Er glaubte fest daran, dass ein Mann mit seiner Ausbildung auch in Frankreich eine Chance haben würde.

Doch alle Versuche, beruflich Fuß zu fassen, scheiterten. Erst versuchte er, eine Anstellung zu finden. Wegen seiner mäßigen Sprachkenntnisse wollte ihn aber niemand einstellen. Bojarski geriet innerhalb der Familie mächtig unter Druck. "Ich wollte vor meinen Schwiegereltern und vor meiner Familie bestehen. Deshalb konnte ich nicht Straßen kehren", erklärte er dem Richter. Also verschanzte er sich hinter seiner selbständigen Forschertätigkeit: Er stellte Schuhe her, entwickelte einen elektrischen Rasierer und andere technischen Spielereien. Doch nichts funktionierte. Immer größer wurde seine Angst, dass ihm seine hübsche junge Frau weglaufen könnte, weil er nicht genug Geld nach Hause brachte.

Zwanzig Jahre Haft

In dieser Notsituation kam ihm die Idee, still und heimlich Banknoten zu fälschen. "Ich wusste, dass es schrecklich schwer ist. Aber ich sagte mir: Wenn man all seinen Willen und all seine Intelligenz darauf verwendet, ein Problem zu lösen, dann schafft man das auch." Der Schlüssel zum Erfolg lag in dem richtigen Papier. Das war Bojarski von Anfang an klar. Also las er jedes Buch, das es über die Papierherstellung zu kaufen gab. Es dauerte Monate, bis er die richtige Rezeptur gefunden hatte: eine Mischung aus Holzfasern, Regenwasser und Zigaretten- und Transparentpapier.

Dann machte er sich an die Gravur und den Druck und erfand schließlich noch eine Maschine, mit der er die Scheine innerhalb weniger Minuten altern lassen konnte. Nur an vier winzigen Details ließen sich die Bojarski-Bonapartes von den echten unterscheiden: Erstens wirkt Napoleons Haarlocke in der Bojarksi-Version etwas strenger. Zweitens fehlt in einem der Sterne oben links auf der Banknote eine Linie. Drittens hat die Umrandung eines der vielen Blätter eine Lücke, und viertens steht die Zahl 100 etwas weniger als einen halben Millimeter höher als im Original.

Den Richter beeindruckte das alles wenig. Er ließ sich auch von Bojarski nicht erweichen, als dieser bat: "Ich weiß, welche Strafe ich verdiene. Aber lassen Sie mir die Hoffnung, meinen Kindern ihr Lächeln zu erhalten." Nach zwei Tagen Verhandlung verurteilte er den "Leonardo da Vinci der Fälscher" zu 20 Jahren Haft. Nicht ganz geklärt ist, was mit Bojarski anschließend geschah. Einige Zeitungen berichteten, dass er noch im Sommer 1966 an Knochenkrebs starb. Andere Quellen hingegen gehen davon aus, dass er nach 13 Jahren wegen guter Führung entlassen wurde. Wann und ob er gestorben ist, lassen sie allerdings offen. Fest steht nur: Bojarski ist in Vergessenheit geraten. Erneut hat sich jede Spur von ihm verloren.

Zum Weiterlesen:

Dominique Raymond Poirier: "Bojarski: King of the Banknote Counterfeiters". 2000, 52 Seiten.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mathias Schröter, 29.05.2012
1.
Wieso weiss man nicht, wo der Mann abgeblieben ist ?? Das dürfte sich doch bei einem in den 60ern Verurteilten über die frz. Justiz zweifelsfrei feststellen lassen ! ???
Bjoern Nadrowski, 28.05.2012
2.
Netter Artikel, Hier eine Quelle: http://www.fayette-edition.com/article_8.php Diese Quelle behauptet allerdings, dass es 6 Unterschiede zwischen Original und Faelschung der Bonapartes gab. Die 4 im Artikel erwaehnten, und zusaetzlich: filigrane plus large et légèrement flou (Wasserzeichen etwas groesser und ein bisschen unscharf) les fleurs et fruits de la frise du haut sont hachurés moins finement (Die Blumen und Fruechte des oberen Randes sind etwas weniger fein schraffiert) Ausserdem scheint dem Stern oben links nicht eine Linie zu finden, sonder ein ganzer Arm (il manque une branche à la première étoile orange située en haut à gauche). Zusaetzlich ist der Beamte wohl nicht gestolpert und stuetzte sich an der Wand ab, sondern es wurde versehentlich eine Fluessigkei von einem Inspektor auf dem Boden verschuettet. Die Fluessigkeit haette eigentlich auf dem Linoleumboden eine Pfuetze bilden sollen, doch verschwand sie sofort, woraufhin die Polizisten die Fugen der Falltuer entdeckten und nach weiterer Suche den Oeffnungsmechanismus. Diese Quelle behauptet auch, dass Bojarski nach 13 Jahren wegen guter Fuehrung entlassen wurde - weiteres Schicksal unbekannt. Allerdings gibt sie keine Quellen dafuer an.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.