Legendärer Kampfjet Die fliegende Kalaschnikow

Legendärer Kampfjet: Die fliegende Kalaschnikow Fotos
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1990 endete im deutschen Luftraum die Ära einer geflügelten Legende: Die letzten MiG-21 wurden außer Dienst gestellt. Der größte russische Exportschlager des Kalten Krieges hatte mit der Wiedervereinigung ausgedient. Doch noch heute ist das Kampfflugzeug der Stolz mancher Luftwaffe - beim ehemaligen Feind. Von Eike Frenzel

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Während Uwe Beyreuther seine MiG-21 zur zweieinhalb Kilometer langen Startbahn des Militärflugplatzes Preschen rollen lässt, überkommen ihn im Cockpit einen Moment lang die Erinnerungen: Zehn Jahre hatte er als Pilot im Jagdfliegergeschwader 3 "Wladimir Komarow" auf der Basis im südlichen Brandenburg gedient. Zehn Jahre, in denen der 32-Jährige eine militärische Karriere hingelegt hatte. In allen drei Staffeln des Geschwaders war er geflogen, zuletzt im Rang eines Majors der NVA - und das alles auf der MiG-21: mehr als 1300 Flüge mit etwa 840 Flugstunden. Damit ist es an diesem 14. Dezember 1990 endgültig vorbei.

Der 32-Jährige blickt noch einmal aus der Kanzel: Die in der Vergangenheit mit Kampfjets dicht geparkten Abstellflächen und Betondeckungen sind mittlerweile leergefegt, der Flugplatz wirkt wie ausgestorben. Beyreuther löst die Bremsen und die MiG jagt im Sprint mit eingeschaltetem Nachbrenner über die Piste. Während das Flugzeug Sekunden später seine Nase hebt, nimmt Beyreuther doch noch eine Person entlang der Startbahn wahr: Es ist der Kommodore des Geschwaders, der in militärischer Haltung die letzte MiG-21 seiner Einheit in den trüben Dezemberhimmel verabschiedet. "Also hatte doch noch jemand bemerkt, dass hier und heute eine Ära zu Ende geht", erinnert sich Beyreuther an die ungewöhnliche Geste.

Mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 wurde die Armee der DDR nach 34 Jahren schrittweise abgewickelt. Und während ein Teil der ehemaligen NVA-Soldaten noch auf eine Weiterverwendung in gesamtdeutschen Diensten hoffte, wurde ihr Gerät bereits von der Bundeswehr übernommen, entsorgt oder verschenkt. Damit endete in Deutschland auch die Zeit einer fliegenden Legende: Denn mit den außer Dienst gestellten MiG-21 verschwand das meistverbreitete Kampfflugzeug der Geschichte aus dem Luftraum zwischen Elbe und Oder.

Demontage für 50.000 D-Mark

Ihre Außerdienststellung verläuft meist zügig und unspektakulär: Ganze 29 Minuten dauert Beyreuthers letzter Flug. Er endet in Rothenburg an der Neiße, einer zentralen Sammelstelle für die Flotte des ehemaligen Kommando Luftstreitkräfte/Luftverteidigung der NVA. Von hier aus werden bald Lkw die ausgemusterten Maschinen zu den Elbe-Flugzeugwerken nach Dresden transportieren, wo sie demontiert werden, für 50.000 D-Mark pro Stück. Auch Pilot Beyreuther tritt seine Rückreise auf dem Landweg an: im Bus.

Dreißig Jahre zuvor war die markante Silhouette der MiG-21 erstmals am Himmel über der DDR zu sehen. Am Boden ahnte damals niemand, dass der populären sowjetischen Flugzeugschmiede Mikojan-Gurewitsch mit dem neuen, einstrahligen Deltaflügler ein großer Wurf gelungen war. Schon 1953, als das Wettrüsten der Super-Mächte bereits im vollen Gang war, hatten die MiG-Ingenieure an einem neuartigen Jagdflugzeug getüftelt: Wendig sollte es sein und mit doppelter Schallgeschwindigkeit durch die Wolken fliegen können.

Vier Jahre Entwicklungszeit benötigten die Konstrukteure, während der sie mit verschiedenen Flügelformen und Konfigurationen experimentierten. Dann rollte eine Vorserie von zehn Maschinen aus der Fertigungshalle des staatlichen Flugzeugwerks Nummer 31 in Tiflis. Das ursprünglich als "Je-5" bezeichnete Muster mit den dreieckigen Tragflächen und dem schlanken Rumpf erhielt noch 1957 den Namen, unter dem es schon bald zur fliegenden Grundausstattung jeder Armee des Ostblocks werden sollte: "MiG-21".

"Kalaschnikow der Lüfte"

Als im Herbst 1959 die Serienproduktion der neuen Abfangjäger begann, die bis in eine Höhe von etwa 18.000 Metern steigen konnten, stellte ein Prototyp zugleich einen Geschwindigkeitsrekord von beeindruckenden 2388 Kilometer pro Stunde auf: Die ursprüngliche Idee der sowjetischen Flugzeugbauer, eine leistungsfähige Maschine zu bauen, die gleichzeitig leicht zu handhaben ist, ging voll auf. Innerhalb von zwei Jahren legte sich jede Luftstreitkraft des Warschauer Pakts das Jagdflugzeug mit dem auffälligen Lufteinlaufkegel im Bug zu. Finnland, Jugoslawien, Ägypten, Indien, Indonesien, Irak und Kuba folgten. Die wendige und robuste MiG-21, die sogar von Wiesen aus starten können sollte, entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zum sowjetischen Exportschlager. "Kalaschnikow der Lüfte" nannte man sie in Anlehnung an das legendäre Sturmgewehr russische Sturmgewehr AK-47.

Dabei nahm die DDR unter den weltweiten Abnehmern eine Sonderstellung ein, wie der MiG-21-Kenner und Betreiber des Internetportals www.mig-21.de, Holger Müller, weiß: Der westlichste Staat des Warschauer Pakts war das erste Land außerhalb der UdSSR, in dem die neuen Abfangjäger stationiert wurden - im Dienst der sowjetischen Luftstreitkräfte in der DDR. "Die hier stationierte 16. Luftarmee war die Speerspitze der sowjetischen Fliegerkräfte und erhielt deshalb bevorzugt neue Technik" sagt Müller, der vor zwanzig Jahren als Flugzeugtechniker eben einer MiG-21 seinen Wehrdienst in der NVA ableistete und sich seitdem intensiv mit dem populären Kampfjet befasst.

Die Chance, als Flugzeugenthusiast in der DDR an der MiG-21 vorbei zu kommen, war ohnehin denkbar gering: Bis Mitte der siebziger Jahre wuchs deren Arsenal in Ostdeutschland auf etwa 400 Maschinen an. Hinzu kamen noch rund 500 Exemplare der Roten Armee. "So viele MiG-21 auf so engem Raum waren zu keiner Zeit irgendwo sonst auf der Welt konzentriert", so Müller.

Die Militärstrategen im Westen waren alarmiert

Für die Luftflotten der NATO-Staaten stellte der ultra-schnelle Jäger, der binnen weniger Jahre über Osteuropa, Karibik und Mittelmeer flog, eine potentielle Bedrohung dar. Erstmals entdeckt hatten westliche Beobachter die MiG-21 schon während einer Luftparade 1961 in Tuschino, nördlich von Moskau. "Fishbed" lautete daraufhin ihr Nato-Codename - über die Leistungsfähigkeit der MiG-21 konnten die Westmilitärs indes nur spekulieren.

Das änderte sich mit dem Vietnamkrieg: Über dem asiatischen Dschungel bekamen es US-Kampfflieger 1966 erstmals mit den einsitzigen sowjetischen Kampfflugzeug zu tun. Jack Broughton, Pilot einer amerikanischen F-105 Thunderchief, beschrieb später seine Begegnung mit einer nordvietnamesischen MiG-21 so: "Er näherte sich mir so schnell, dass ich dachte, meine Maschine hat den Geist aufgegeben und ich muss aussteigen." Ein Luftkampf entbrannte, in dessen Verlauf es Broughton gelang, sich in Schussposition hinter die MiG zu bringen. Doch dann sei diese ebenso schnell verschwunden, wie sie Minuten zuvor aufgetaucht war. Broughton notierte daraufhin verbittert: "Ich konnte nicht an ihm dran bleiben - er war einfach weg."

Die Militärstrategen jenseits des Eisernen Vorhangs waren alarmiert: Offenbar schoss da ein feindlicher Kampfjet durch die Lüfte, der den eigenen Maschinen überlegen war. Und der zu allem Überfluss auch noch derart günstig zu produzieren schien, dass er gleich in sämtlichen Krisengebieten des Kalten Krieges eingesetzt wurde: Über Kuba, dem Nahen Osten und Südostasien. Eine entsprechende Rechnung machte das US-Magazin "Popular Mechanics" 1978 am Beispiel der zweisitzigen amerikanischen F-4 Phantom auf, die ebenfalls im Vietnamkrieg eingesetzt wurde: "Für jeden Piloten und jedes Eine-Million-Dollar-Flugzeug, das der Feind verliert, verlieren wir zwei Piloten und ein Flugzeug, das viermal so viel kostet."

Technisch unterlegen, wirtschaftlich überlegen

Um endlich detaillierte Kenntnisse über die omnipräsente MiG-21 zu erhalten, versuchte die CIA schließlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, eine Maschine zu beschaffen - in der DDR. Der in die Bundesrepublik geflüchtete Günther Laudahn reiste 1966 im Auftrag des Geheimdienstes nach Ostberlin, wo er einen NVA-Kampfpiloten samt seiner MiG-21 zur Flucht in den westdeutschen Luftraum überreden sollte. Allerdings bekam die Stasi Wind von dem Plan. Laudahn wurde festgenommen, zu lebenslanger Haft verurteilt und später in den Westen abgeschoben.

Auch wenn es den Amerikanern in den nächsten Jahren doch gelang, einer der begehrten MiG-21 habhaft zu werden und ausgiebig in der Wüste Nevadas zu testen, ließ sich ihr weltweiter Siegeszug nicht mehr aufhalten. Die MiG-21 flog in den Lufträumen über dem Nordpolarmeer und den Savannen Südostafrikas. Ihr Erfolgsgeheimnis: Eine hohe Zuverlässigkeit, gepaart mit einer ebenso simplen wie leistungsfähigen aerodynamischen Auslegung. "Für viele Dritte-Welt-Staaten stellte die einfache und robuste Technik der MiG-21 das beherrschbare Maximum dar", erklärt MiG-Spezialist Müller. In China rollte der Jäger mittlerweile in eigenen Produktionsstätten vom Band - die MiG-21 wurde Ende der sechziger Jahre endgültig zum fliegenden Global Player.

Daran änderte sich selbst dann nichts, als 1985 nach etwa 10.000 produzierten Maschinen die Serienfertigung des Kampfflugzeuges in der UdSSR endete. Rund 20 verschiedene Versionen des wendigen Düsenjägers waren im Einsatz: Als Ein- oder Zweisitzer, als Abfangjäger, Jagdbomber oder Aufklärer - mehrere Varianten der MiG-21 konnten sogar mit Kernwaffen bestückt werden. Zwar waren diese Maschinen den modernen westlichen Kampfjets wie F-15 oder F-16 technisch unterlegen - wirtschaftlich aber war die MiG-21 weiterhin ein Überflieger.

Angekommen im Westen

Als 1991 der Warschauer Pakt zerfiel, blieben die MiG-21 in den meisten ehemaligen Ostblock-Armeen im Dienst. Die vergleichsweise niedrigen Wartungs- und Betriebskosten aber auch die gute Verfügbarkeit von Ersatzteilen ließen die MiG-21 mit Überschallgeschwindigkeit vom Sozialismus in die Marktwirtschaft fliegen. Die inzwischen unter dem Namen "Russische Luftfahrtvereinigung MiG" firmierende Jet-Schmiede Mikojan und Gurewitsch erkannte das Potential ihres Vielfliegers und brachte Anfang der Neunziger ein umfassendes Upgrade mit moderner Bewaffnung und Bordelektronik für das über 30 Jahre alte Flugzeug auf den Markt.

Und während mit der zeitlebens umstrittenen F-104 Starfighter einer der potentiellen Gegner der MiG-21 auf westlicher Seite längst ausgemustert worden ist, wird ihre eigene Erfolgsgeschichte fortgeschrieben. Ironischer Weise auch in der Nato - jener Militärallianz, gegen deren Kampfjets die MiG-21 einst in den Himmel aufgestiegen war. Mit Tschechien, Ungarn, Polen, Bulgarien, Rumänien und Kroatien sind dem westlichen Bündnis inzwischen sechs Nationen beigetreten, deren Luftstreitkräfte auf die MiG-21 setzten und sie zum Teil noch immer fliegen.

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1.
Florian Geier 18.10.2010
"Ceske Budejovice" dürfte den meisten Lesern, wenn überhaupt, unter dem deutschen Namen Böhmisch Budweis bekannt sein.
2.
Uwe Schwarz 18.10.2010
Da dürften Sie sich irren.
3.
Jens Wehner 19.10.2010
Ich kenn es nur als Ceske Budejovice.
4.
Holger Müller 04.11.2012
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