Legendärer Kriegsreporter "Der Tod kam wie am Fließband"

Legendärer Kriegsreporter: "Der Tod kam wie am Fließband" Fotos
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Er sah das Grauen des Kriegs und schrieb darüber wie kein Zweiter: An der Seite einfacher Soldaten berichtete der amerikanische Journalist Ernie Pyle im Zweiten Weltkrieg von vorderster Front. Das Ende der Gefechte erlebte er nicht mehr - geschrieben hat er trotzdem darüber. Von Hans-Jörg Michaelsen

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In Zeiten des Kriegs muss man auf alles vorbereitet sein. Auch auf den Frieden. Der amerikanische Journalist und Kriegsreporter Ernie Pyle wusste das. Auf einem knittrigen Blatt Papier hatte er, umtost von den Gefechten, die sich die Amerikaner mit den Japanern um die Insel Okinawa lieferten, im April 1945 geschrieben: "Nun ist es also vorbei. Der Tag, mit dem niemand mehr gerechnet hat, ist endlich gekommen!" Pyle feierte das Kriegsende, bevor es überhaupt soweit war. Er wollte vorbereitet sein.

Jahrelang hatte Pyle über den Kriegsverlauf in Europa berichtet. Nach der Befreiung von Paris durch die Alliierten legte er eine Pause ein. Er kehrte für einige Monate zurück zu seiner Frau nach New Mexico. Doch schon bald wurde er nach Asien geschickt, um von den Kämpfen um Okinawa zu berichten. Nach heftigen Gefechten im Februar 1945 hissten US-Soldaten auf dem höchsten Berg des Eilands das Sternenbanner. Die Insel, auf der sich Pyle aufhielt, war erobert. Sicher war sie deshalb aber noch lange nicht.

Pyles Karriere als Kriegsberichterstatter hatte mit dem Angriff auf Pearl Harbour und dem Eintritt der Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg begonnen. Der ehemalige Reporter mehrerer kleiner Provinzzeitungen hatte als Überseereporter für die "Washington Daily News" gearbeitet, für die er zuvor mehrere Jahre durch die USA gereist war. Für eine große Verlagsgruppe, die seine Artikel in zahllosen Zeitungen veröffentlichte, begleitete er schließlich US-Einheiten nach Nordafrika, Sizilien, Italien - und schließlich auch in die Normandie. Er erlebte die Schrecken des Kriegs aus nächster Nähe und entkam ihnen immer wieder. Seinen Artikel über das Ende des Grauens, das noch nicht eingetreten war, und seine mahnenden Worte an die Lebenden sollte er nicht mehr vollenden.

"Ihr Leben war Krieg und nichts als Krieg"

Pyle lieferte in seinen Texten schonungslose Einblicke in den Alltag des Krieges. Millionen amerikanische Leser erfuhren durch ihn, was Soldaten an den Fronten erleiden mussten. Zu Pyles Bekanntheit trug vor allen Dingen die Rigorosität seines journalistischen Credos bei: Der Krieg, das waren für Pyle die Schützengräben und das Schlachtfeld. Krieg war, was man inmitten des Chaos zu sehen bekam. Strategieanalysen, patriotische Hymnen und rhetorischen Bombast verschmähte er. Pyle gab unprätentiös wieder, was er sah: "Ihr Leben war Krieg und nichts als Krieg. Denn nie waren sie etwas anderes gewesen als Kämpfer an vorderster Front. Gewiss, sie überlebten, weil das Schicksal ihnen wohlgesonnen war - aber auch deshalb, weil ihr Selbsterhaltungstrieb sie so widerstandsfähig und gerissen wie Tiere gemacht hatte."

Hochrangigen Militärs begegnete Pyle mit Skepsis, ihre Hauptquartiere mied er. Stattdessen blieb er an der Seite der Infanterie, hockte in Schützengräben und im Schatten getarnter Fahrzeuge. Seine Reportagen wurden nicht nur in der Heimat, sondern auch in den vordersten Kampflinien gelesen. Sie erreichten die Soldaten per Feldpost aus der Heimat. Smarte Generäle sucht man in seinen Berichten vergebens. Stattdessen erwähnte Pyle die Namen und Heimatorte der einfachen Soldaten, für deren Eltern und Nachbarn war das eine Sensation. Man sprach wochenlang davon. Schon während des Kriegs erreichte Pyle Kultstatus. Seine Texte erschienen gesammelt in Büchern. 1944 wurde der Journalist mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Unermüdlich berichtete er über Männer, die tagaus tagein ihre Morgenwäsche mit Wasser aus dem Stahlhelm erledigten, an einsamen Stränden landeten, gebückt durch den Dschungel krochen, über endlose Straßen marschierten, in Schützenlöchern schliefen und unter Büschen Unterschlupf fanden. Männer, die Hunger, Sorgen und Heimweh hatten: nach New Orleans und Key West, Charleston und Chicago. Männer, die sich nach ihren Müttern, Ehefrauen und Girlfriends sehnten - oder einfach nur nach den Pin-up-Göttinnen an der Spindwand: Männer, die in Sanitätszelten lagen, notdürftig zusammengeflickt, und an Wundfieber starben. Pyle verklärte weder Soldaten zu Helden noch den Krieg zu einem riesengroßen Abenteuerspielplatz. Er erlebte das Grauen, und er gab es so verständlich wie möglich wieder.

Patrouille in den Tod

Als Pyle die USA gen Asien verließ, war sein Pflichtbewusstsein stärker als es seine Bedenken und Todesahnungen waren. "Der Krieg geht weiter, und ich bin ein Teil von ihm", schrieb er. Anfang April 1945 schiffte er sich mit Kurs auf die Inselgruppe Okinawa ein, um über die Kämpfe auf le Shima zu berichten. Die japanischen Soldaten hatten sich in den Höhlen der aus schwarzem Vulkangestein bestehenden Insel verschanzt. Ihr Auftrag lautete: kämpfen bis zum letzten Mann.

Am 18. April kurz nach 10 Uhr war Pyle mit drei anderen Infanteristen auf Patrouille. Als sie auf einem Feldweg langsamer fahren mussten, wurden sie von einem japanischen Scharfschützen beschossen. Die Männer sprangen aus dem Jeep und gingen in Deckung. In einer Feuerpause hob Ernie Pyle den Kopf, um nach seinem Nebenmann zu sehen. In diesem Moment traf ihn ein tödlicher Schuss. Seine letzten Worte lauteten: "Are you alright?" Sie hatten seinem Nebenmann gegolten.

In Pyles Tasche fand man den Entwurf zu einem Artikel, der gedruckt werden sollte, sobald der Krieg in Europa endgültig zu Ende sein würde. Aus den illusionslosen, aufrichtigen und mahnenden Worten spricht weniger die Vorfreude über ein nahendes Ende des Kriegs in Europa. Sondern vielmehr der Schmerz eines Menschen, der die Unmenschlichkeit des Kriegs aus nächster Nähe miterlebt habt:

[...] Noch immer schlägt mein Herz in Europa. Deshalb schreibe ich diese Worte. Sie gelten den Burschen, die lange Zeit meine Freunde waren. Das einzige, was ich im Zusammenhang mit diesem Krieg bedauere, ist, dass ich nicht bei ihnen sein konnte, als er sein Ende fand. Denn zweieinhalb Jahre Kameradschaft in Tod und Elend sind wie eine Ehefrau, die keine Scheidung duldet. Solche Kameradschaft geht ein in die Seele und bleibt unauslöschlich. [...]

Letzten Sommer schrieb ich über meine Hoffnung, das Kriegsende möge uns erleichtern, nicht jedoch in Jubel ausbrechen lassen. In ausgelassener Freude würde es uns zu leicht fallen, die Toten zu vergessen. Zwar würden jene, die von uns gegangen sind, nicht wollen, dass unsere Herzen von Schwermut erdrückt werden. Vielen von uns Lebenden aber hat sich der unnatürliche Anblick der über Hügel und in Schützengräben verstreut liegenden Toten in aller Welt tief ins Hirn gebrannt. Der Tod kam wie am Fließband, in einem Land nach dem anderen, Monat für Monat und Jahr für Jahr. Tote im Winter, Tote im Sommer. Tote, so vertraut und beliebig, dass es einem geradezu eintönig wurde. Tote in so ungeheuerlicher Vielzahl, dass man sie fast zu hassen begann.

Es gibt keinen Grund für euch daheim, auch nur zu versuchen, diese Dinge zu begreifen. Für euch daheim bleiben die Toten Statistik oder geliebte Menschen, die von euch gegangen und einfach nicht zurückgekehrt sind. Ihr habt nicht gesehen, wie der Soldat mit fratzenhaftem Gesicht und zerschmettert dalag, am Rand einer Schotterpiste in Frankreich.

Wir haben ihn gesehen, mehrtausendfach haben wir ihn gesehen. Das ist der Unterschied ...

Die Soldaten, die Ernie Pyle am Tage seines Todes begleitet hatten, errichteten eine hölzerne Gedenktafel, auf der zu lesen ist: "An dieser Stelle hat die 77. Infanterie-Division einen Kumpel verloren, Ernie Pyle. 18. April 1945."

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1.
Rupert Kalkofen 08.05.2010
Bestimmte stilistische Werte einer Sprache in der Übersetzung zu treffen kann schwierig sein. Das ist es fast immer, wenn es um amerikanischen Slang geht, der als Stil keine Entsprechung im Deutschen hat. Diesmal trifft es den Begriff 'buddy'. Er wird hier mit 'Kumpel' übersetzt, was dem emotionalen Gehalt durchaus gerecht wird. Im Rahmen einer öffentlichen und schliesslich sogar offiziellen Äusserung, einer Inschrift, die einem Toten gilt, ist 'Kumpel' aber, zumindest meinem Empfinden nach, unangemessen, weil nicht respektvoll genug. Im Sinne einer idiomatischen Übersetzung sehe ich daher keine andere Möglichkeit, als hier 'Kamerad' einzusetzen. Insgesamt würde ich daher übersetzen: "An dieser Stelle verlor die 77. Infanterie-Division einen Kameraden. Ernie Pyle. 18. April 1945."
2.
Florian Geier 13.05.2010
"Nach heftigen Gefechten im Februar 1945 hissten US-Soldaten auf dem höchsten Berg des Eilands das Sternenbanner." Nur handelte es sich dabei nicht-wie im Artikel zu lesen- um Okinawa, denn dort begannen die Kämpfe erst im April 1945, sondern vermutlich um Iwo Jima.
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