Legendärer Weltkriegs-Slogan Wer zur Hölle ist Kilroy?

Wo auch immer US-Soldaten ankamen - Kilroy war schon da. Der ominöse Schriftzug "Kilroy was here" wurde im Zweiten Weltkrieg zum Phänomen, das die Truppen erheiterte und Generäle ratlos machte. Erst später fand sich die erstaunliche Geschichte hinter dem legendären Phantom.

Von

Corbis

Als die erste Welle der 4. US-Infanteriedivision am 6. Juni 1944 an der französischen Atlantikküste an Land ging, machten einige der GIs eine merkwürdige Entdeckung. Offenbar waren sie dort nicht die ersten Amerikaner. Jemand musste vor ihnen dagewesen sein - und hatte ihnen an einem deutschen Bunker ein Zeichen hinterlassen. An einer der grauen Wände stand: "Kilroy". Mehr als 15 Kilometer entfernt machten Soldaten der 1. US-Infanteriedivision etwa zur selben Zeit eine ganz ähnliche Entdeckung. Auch dort hatte ein "Kilroy" seinen Namen hinterlassen.

Niemand wusste, woher der Soldat kam, welcher Einheit er angehörte oder welche Mission er hatte. Bevor man ihn fragen konnte, war das Phantom verschwunden. Auf den Einsatz in der Normandie hatte der Unbekannte scheinbar keinerlei Einfluss. Trotzdem wurde der Fall bald mysteriös: Kilroy hatte seine Spuren offenbar noch in ganz anderen Teilen Europas hinterlassen.

Der Texaner Joe Sitton war mit den US-Truppen im Februar 1944 in Süditalien gelandet. Als sie nach Taranto kamen, so berichtete Sitton nach dem Krieg, habe er zum ersten Mal an einer Wand gelesen "Kilroy was here". Sie seien dann weiter nach Altamura, Bari, Gravina, Spinazzola, Trani, Foggia, Neapel, Caserta und Rom - und in jedem dieser Orte hätten sie an Gebäuden, Zäunen oder Mauern die gleichen drei Worte gefunden. "Wir amüsierten uns darüber", erinnert sich Sitton, "dass er überall dort aufgetaucht war, wohin wir kamen."

"Kilroy hat dein Benzin geklaut"

Nicht immer war der Schriftzug identisch. Einige GIs berichteten von einer Zeichnung, die "Kilroy" dazugesetzt hatte: Ein Kopf mit großen runden Augen, dessen Nase über eine mit einem Strich angedeutete Mauer ragte, während rechts und links des Kopfes jeweils die Finger seiner Hände die imaginäre Mauer umklammerten - so als spähe er über den Wall hinweg. Entdeckt wurde die mysteriöse Botschaft schließlich auch in Deutschland, in Belgisch-Kongo und sogar auf einer Insel des Bikini-Atolls - überall dort, wo auch US-Truppen anzutreffen waren.

Die Vermutung lag nahe, dass es sich um einen Amerikaner handeln musste. Als der Krieg beendet und die Soldaten heimgekehrt waren, war das Rätsel noch immer nicht gelöst. Bald beschäftigte das Phänomen eine ganze Nation. Viele US-Bürger schrieben an die Armeeverwaltung, in ihren Briefen schilderten sie, wo ihnen der "Kilroy"-Schriftzug begegnet war, und baten um Aufklärung, was oder wer sich hinter diesem Namen verbarg.

In Pittsburgh tauchte eines Tages eine seltsame Zeitungsmeldung auf: Ein Geschäftsinhaber vermisste eine größere Menge Werkzeug. Statt der Arbeitsgeräte habe er einen Zettel vorgefunden, auf dem ein gewisser Kilroy sich dazu bekannte, sie genommen zu haben. Ein ähnlicher Hinweis fand sich auch am Firmenfahrzeug: "Kilroy war hier und hat dein Benzin geklaut." Nachdem der Eigentümer den Wagen neu betankt hatte und starten wollte, so berichtete die Lokalzeitung, sei das Fahrzeug jedoch nicht angesprungen. Unter der Motorhaube fand man ein weiteres Schild: "Kilroy hat auch den Vergaser mitgenommen." Ähnlich skurrile Meldungen verlauteten aus New York, Baltimore, San Francisco und vielen anderen Orten der USA. Längst war klar, dass sich hier Spaßvögel einen Scherz erlaubt hatten.

Kilroy blieb ein Phantom. Die Recherchen der Armeeverwaltung in Washington waren ergebnislos verlaufen. Nach Durchkämmen der Akten von rund zehn Millionen Ex-GIs erklärte ein Armeesprecher am 27. September 1946 gegenüber der Nachrichtenagentur AP, dass man absolut nichts über diesen Kilroy wisse. "Soweit es uns betrifft", schloss der Major, "hat dieser Kilroy einfach nicht existiert."

Ein Brief von Mr. Kilroy

Die Spekulationen um den mysteriösen Unbekannten waren damit nicht beendet. Eine amerikanische Rundfunkgesellschaft übernahm die Fahndung nach dem echten Kilroy und lobte einen Preis für die überzeugendste Erklärung des Phänomens aus. Es gingen Dutzende Zuschriften ein. Eine besonders bemerkenswerte kam aus Halifax, Massachusetts, von einem gewissen James J. Kilroy.

Dieser James Kilroy berichtete, dass er am 5. Dezember 1941 einen Job auf der Schiffswerft in Quincy, Massachusetts, angetreten habe. Seine Aufgabe sei es gewesen, als Inspektor die Fertigung von Schiffsteilen zu überwachen. Er habe seinen neuen Job sehr enthusiastisch begonnen, schilderte Mr. Kilroy, seine Vorgesetzten hätten jedoch mehrfach Zweifel an seiner Sorgfalt bekundet. Immer und immer wieder ließen sie ihn erneut in die Tanks kriechen. "Ich wurde schon krank davon, dass man mir vorwarf, meinen Job nicht ordentlich zu machen", schrieb Kilroy. "Eines Tages, als ich durch die Einstiegsluke eines Kessels kam, den ich gerade inspiziert hatte, schrieb ich deshalb ärgerlich mit gelber Kreide auf den Kesseldeckel 'Kilroy was here'". Am nächsten Tag habe der Chef gelächelt und sei zufrieden gewesen.

Einen Beweis für diese Episode gab es nicht, doch nachdem James Kilroys Geschichte unter anderem in der "New York Times" veröffentlicht worden war, meldeten sich Vertreter der Werft und ehemalige Arbeiter, die bestätigten, James Kilroy und sein markantes Prüfzeichen zu kennen.

Der Schiffsinspektor hatte dieses später auf alles gesetzt, was seiner Kontrolle standhielt. Auch, als er etwa die Nieten der Schiffsrümpfe begutachtete. Weil Nieter nach Leistung bezahlt wurden, so berichtete Kilroys Tochter Margaret später in einem Interview, hätten einige versucht, die Kontrolleure auszutricksen, indem sie deren Häkchen wegwischten und die gleiche Arbeit ein weiteres Mal vorzeigten, um doppelt zu kassieren. Kilroys Schriftzug mit gelber Zimmermannskreide aber sei unauslöschlich gewesen.

Kriegseintritt der USA

Zwei Tage nachdem der Nieten-Inspektor James J. Kilroy seinen neuen Job angetreten hatte, griffen japanische Streitkräfte im Dezember 1941 die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor an - der Auslöser für den Kriegseintritt der USA. Große Frachtschiffe, wie sie die Werft in Quincy baute, wurden nun in kürzester Zeit und großer Stückzahl gebraucht. Sie sollten Seeleute und Soldaten samt Ausrüstung in alle Welt bringen.

Als sich die Reisenden in Uniform auf den eilig zusammengezimmerten Schiffen umsahen, Laderäume betraten oder Verkleidungen entfernten, um Reparaturen durchzuführen, stießen sie auf etwas Seltsames. In noch so verborgenen Ecken lasen sie: "Kilroy was here."

Die rätselhafte Botschaft wurde Gesprächsstoff auf der langen Fahrt. Erklären ließ sie sich nicht, und wohl gerade deshalb entwickelte sie sich zum Running Gag. Nachdem die Schiffe ihren Bestimmungshafen erreicht hatten, kritzelte manch einer selbst den mysteriösen Schriftzug an eine Hauswand und behauptete, er sei schon da gewesen. So ging Kilroy um die Welt - während James J. Kilroy Massachusetts laut Aussagen seiner Kinder zeitlebens nie verließ.

Kilroy schon 1937 in Fort Knox?

Lange Zeit schien dies die plausibelste Erklärung - bis der US History Channel im Jahr 2007 die Dokumentation "Fort Knox: Secrets Revealed" ausstrahlte. Aufmerksame Zuschauer machten eine überraschende Entdeckung: Der Film berichtete unter anderem von der Räumung des US-Goldreserven-Depots in den siebziger Jahren, wobei erstmals die bloßen Wände zum Vorschein kamen, wie Bauarbeiter sie hinterlassen hatten. Zu sehen war der leere Tresorraum - und in einer Sequenz eine Wand mit der Aufschrift "Kilroy was Here 5/13/37". Das Gold-Depot war 1937 gefüllt und danach verschlossen worden. Die Aufschrift konnte demnach nicht nachträglich angebracht worden sein - und Schiffsinspektor Kilroy demnach eigentlich auch nicht der Urheber.

Der Amerikaner Patrick A. Tillery, der seit vielen Jahren auf seiner Website Geschichten von Kilroy-Sichtungen, Kilroy-Legenden und mögliche Erklärungen des Phänomens aus aller Welt sammelt, ging der Sache nach. Bislang hatte er die Geschichte des James J. Kilroy für unstrittig gehalten. Anders etwa als die Frage, wie es dazu kam, dass Kilroy irgendwann die Gestalt eines über die Mauer lugenden Glatzkopfes annahm und damit der Cartoon-Figur Chad des britischen Zeichners George Edward Chatterton ähnelte.

Tillery war mit Kilroy aufgewachsen. Der gebürtige Texaner war neun, so erzählt er, als die Japaner Pearl Harbor angriffen. "Ich erinnere mich gut, wie wir im Radio Bing Crosby hörten, als die Nachricht kam. Später sah ich, wie mein großer Bruder, der immer mein Vorbild war, in den Krieg ging." Kilroy gehörte zu dieser Zeit dazu. "In den vierziger Jahren war er in jedermanns Raum und an jeder nackten Wand." Der imaginäre Kilroy war eine Identifikationsfigur: immer vorne weg und immer an der Seite der Amerikaner, wohin sie auch kamen.

Doch wer war dessen wahrer Urheber? Tillerys Recherchen führten ihn zum Autor der "Fort Knox"-Dokumentation, Paul Urbahns. Der brachte schließlich Klarheit. "Ich schätze, Hollywood hat Sie in die Irre geführt", antwortete Urbahns. Bei den Bildern in der Dokumentation handle es sich um eine nachgestellte Szene. In dem Golddepot seien gar keine Filmaufnahmen erlaubt gewesen. "Einige der gezeigten Wandbemalungen sind den Erinnerungen früherer Beschäftigter nachempfunden, der Kilroy aber wahrscheinlich nicht." Was der Filmfehler stattdessen zeige: Wie selbstverständlich Kilroy seinen Platz im kollektiven Gedächtnis Amerikas gefunden hat.



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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Kurt Diedrich, 03.12.2013
1.
Der geheimnisvolle Kilroy war mindestens bis zum Ende der Sechziger Jahre sogar in Deutschland aktiv: In meiner Schulzeit war es üblich, dass Gymnasiasten, sobald sie ihre ersten Brocken Englisch schreiben konnnten, diesen Spruch in ihre Schulbank ritzten und auf Wände und Tafeln kritzelten - zusammen mit der beschriebenen Figur (auch ich schließe mich da nicht aus). Die interessanten, im Beitrag erwähnten Hintergünde zu diesem Thema kannte ich bisher allerdings noch nicht.
Gerald Krüger, 03.12.2013
2.
Kilroy hatte einen ebenfalls sehr bekannten Vorgänger, den Joseph Kyselak aus Wien, einem Hofbeamten, der sogar des Kaisers Schreibtisch, als dieser ihm verboten hatte, jemals seinen Namen irgendwohin zu setzen, bereits mit ebendiesem "verziert" hatte. Also gilt: "Kyselak was there before!"
Mathias Völlinger, 03.12.2013
3.
Dieser Kilroy hatte vielleicht österreichische Vorfahren. Über 100 Jahre vorher gabs dort einen Joseph Kyselak: http://de.wikipedia.org/wiki/Kyselak
Torsten Logemann, 03.12.2013
4.
Nette Bildmontage mit den WWII GIs und der M47 Dragon Panzerabwehrlenkwaffe. Scheinbar war nicht nur Kilroy bereits da, sondern auch die Technologie des späten kalten Krieges...
Hanjo Meter, 03.12.2013
5.
Kilroy was here.
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