Erfindung der Leica Klein, sieht aber alles

1914 erfand ein Amateurfotograf die Kamera im Miniformat. Mit der Leica lichteten seither unzählige Fotografen das Zeitgeschehen ab. einestages zeigt einige der eindrucksvollsten Bilder, die je mit einer solchen Kamera geschossen wurden.

Alfred Eisenstaedt/ Leica Camera AG

Der junge Mann auf dem Bürgersteig blickt irritiert. Gekleidet ist er mit Sakko und Fliege, seinen Hut hält er fest in der rechten Hand. Hinter ihm schrauben sich die New Yorker Wolkenkratzer in den Himmel, während auf der Straße neben ihm ein Pferdefuhrwerk vorüberzieht.

Wahrscheinlich ahnte der Spaziergänger gar nicht, dass er gerade fotografiert wird. Die Kamera, die sich der Fotograf Ernst Leitz II. in diesem Augenblick vors Gesicht hält, ist klein. Sehr klein. Nur 128 Millimeter breit, 53 Millimeter hoch und 28 Millimeter tief. Bei dem schwarzlackierten Fotoapparat im Taschenformat handelt es sich um die Ur-Leica.

Im Frühjahr 1914 hatte der Unternehmer Leitz aus dem deutschen Wetzlar die werksintern "Liliputanerin" genannte Kamera zu einer Geschäftsreise mit nach New York genommen. Hier in den Häuserschluchten Manhattans stellte er sie ausgiebig auf die Probe.

"Mikro Liliputkamera mit Kinofilm fertig"

Leitz' Angestellter Oskar Barnack hatte ihm diesen wertvollen Prototyp anvertraut. Mit 31 Jahren hatte Barnack 1911 bei den Optischen Werken Leitz angefangen. Das Unternehmen produzierte vor allem Mikroskope und Ferngläser. Der Feinmechaniker galt als Perfektionist, dem seine Kollegen nachsagten, dass er ein Hundertstel Millimeter Abweichung mit den bloßen Fingerspitzen ertasten könne. In seiner Freizeit war Barnack Wanderer und Hobbyfotograf. Sein Asthma hinderte ihn allerdings daran, so oft zum Fotografieren rauszugehen, wie er gerne wollte. Zu schwer, zu groß und zu unhandlich waren die bis dahin gebräuchlichen Platten- und Rollfilmkameras.

Oskar Barnack wollte hingegen eine leichte, kleine Kamera entwickeln, die die Motive auf einen handlichen 35-Millimeter-Kinofilm bannen konnte. Bislang waren andere Entwickler an diesem Vorhaben gescheitert. Das Negativ lieferte in der Vergrößerung Bilder von zu schlechter Qualität. Barnack ließ dieses Problem keine Ruhe, bis er die Lösung gefunden hatte: "Mikro Liliputkamera mit Kinofilm fertig", notierte er im März 1914.

Barnack hatte einen einfachen Trick angewandt: In seiner Liliput-Kamera bewegte sich der Film horizontal. In den gebräuchlichen Kinokameras wurde der Film stattdessen senkrecht geführt. Auf diese Weise vergrößerte Barnack das Negativformat auf 24 mal 36 Millimeter - und konnte damit qualitativ befriedigende Fotos im Format 2:3 erstellen. Zum ausführlichen Test gab der Tüftler seinem Arbeitgeber Ernst Leitz II. ein zweites Exemplar seines Prototyps mit auf die Reise über den Atlantik.

Der Unternehmer Leitz traute dem Winzling nach seiner Rückkehr durchaus Potenzial zu. "Im Auge behalten", ermunterte er Barnack, sich weiter mit der Kamera zu beschäftigen.

"Es gibt mehr Gründe für als gegen diese Kamera"

Aber erst zehn Jahre später sollte Leitz endgültig über das Schicksal der Kleinbildkamera entscheiden. Der Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 hatte die weitere Entwicklung gestoppt. Im Juni 1924 rief der Unternehmer seine wichtigsten Mitarbeiter zusammen. Es ging um die Markteinführung der weiter entwickelten Liliput-Kamera. Über Stunden diskutierten Leitz, Barnack und die anderen hitzig. Ob die kleine, aber mit 290 Mark recht teure Kleinbildkamera ausreichend Käufer finden konnte, war die Frage. Schließlich setzte der Patriarch einen Schlussstrich: "Es gibt mehr Gründe für als gegen diese Kamera", sagte Leitz, "Ich habe mich entschieden." Der Name "Liliput" war zu diesem Zeitpunkt zwar bereits an ein Konkurrenzprodukt vergeben, doch auch ein neuer Name war bald gefunden: Leica, eine Zusammensetzung aus Leitz und Camera.

Die "Leica I" ging in die Produktion. Im Gegensatz zu den schwergewichtigen herkömmlichen Kameras brachte sie zahlreiche Vorteile mit sich: Mit ihrem kleinen Format und einem Gewicht von etwas über 400 Gramm passte sie bequem in die Tasche. Zudem ließen sich mit ihr aufgrund der kurzen Verschlusszeit spontan Fotos aus jeder Perspektive machen. 36 Bilder passten auf einen Film. Mit der Einführung der Kleinbildkamera wurde Fotografieren auch erschwinglicher: Film war preisgünstig, und so konnten Profis und Amateure mit der Leica experimentieren.

Fotostrecke

30  Bilder
Fotografie: Legendäre Leica-Momente

Mit Slogans wie "Die Leica ist jeder Aufgabe gewachsen!" pries das Unternehmen seine Apparate an. Immer mehr Interessierte nutzten die Kleinbildkameras von Leitz. 900 Stück produzierten Barnack und seine Kollegen im ersten Jahr, im zweiten waren es bereits 1600.

"Augen auf!"

Mithilfe der Leica und ihrer Nachfolgemodelle entstanden seither einige der berühmtesten Aufnahmen der Fotografie-Geschichte. Jewgenij Chaldej fotografierte 1945 damit zwei Rotarmisten beim Hissen der sowjetischen Flagge auf dem Berliner Reichstag. Jenseits des Atlantiks drückte Monate später der Fotoreporter Alfred Eisenstaedt ebenfalls im richtigen Augenblick auf den Auslöser - als Japan gerade kapituliert hatte und ein amerikanischer Matrose in New York herzhaft eine Krankenschwester küsste. Bekannt wurden auch: der Revolutionär Che Guevera, das vom Napalm verbrannte Mädchen Phan Th Kim Phúc im Vietnamkrieg und unzählige Aufnahmen aus der Welt des Alltags und der Mode. Kleinbildkameras von Leica und die bald auf dem Markt erscheinenden Konkurrenzprodukte revolutionierten die Fotografie durch ihre vielfältigen Einsatzmöglichkeiten.

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Zum hundertsten Geburtstag der Ur-Leica zeigten die Hamburger Deichtorhallen in der Ausstellung "Augen auf! 100 Jahre Leica" die Entwicklung der Kleinbildfotografie. Die rund 500 Aufnahmen stammen allerdings nicht nur von bekannten Fotografen, sondern auch Unbekannte oder Vergessene sind darunter. Begleitend erschien im Kehrer Verlag ein gleichnamiger Band, der genau das Gegenteil einer Leica ist - weder leicht noch klein: Auf über 500 Seiten mit 1200 Fotos erzählt der schwergewichtige Band die Geschichte der Kleinbildfotografie.

einestages präsentiert Ihnen einige der eindrucksvollsten Bilder, die je mit einer Leica geschossen wurden.



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insgesamt 27 Beiträge
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Hans Ulrich Süss, 24.10.2014
1. Ergänzt werden muss:
Der Erfolg der Leica war in hohem Mass der Qualität der Objektive geschuldet! Das 50 mm Elmar hatte eine für seine Zeit ungewöhnlich gute Abbildequalität über die gesamte Bildfläche. Erst dies macht Vergrössern möglich! (Nicht die Fläche des Negatives.)
Jürgen Timm, 24.10.2014
2. Leitz war damals das was heute Apple ist...
und ich freue mich sowohl Leica als auch Apple Produkte heute verwenden zu können...
Bernie59, 24.10.2014
3. Happy Birthday!!
Leider ist LEICA zu einer Schicki Micki Mode Fuzzi Firma verkommen, die sich nicht um die Belange von Fotografen sondern nur um Leute mit Geld schert. Den Herzblutfotografen schiebt LEICA mit einer unverschämten, gutsherrnartigen Preispolitik einen Riegel vor. Kaum einer kann und möchte sich eine Kamera ohne Sucher für fast 3.000€ kaufen oder leisten. Es ist kein fotografischen Qualitätsmerkmal ob ein Stück Metall 45 Minuten mit der Hand geschliffen wurde, oder ein Stück KUNSTLEDER (ein paar qcm)in den französischen Farben gleich 650€ mehr wert sein soll. Mir kann auch keiner erzählen das dies die Lohnkosten in Deutschland sein sollen. LEICA ist nur SNOB. Als Fotograf achtet man ja gerne darauf, welche Kamera die anderen so haben. Von gefühlten 1000 Anwendern kam eine LEICA und die war von Panasonic. Ohne Frage kann LEICA wie keine andere Firma den Fotografen inspirieren , man denke nur an eine Kamera die "Farbenblind" ist. aber reicht das? Ohne Japaner, reiche Scheichs oder sonstige Geldgeber und Liebhaber, gäbe es diese Firma schon lange nicht mehr. Wenn man es genau nimmt ist diese Art der Firmenaussendarstellung einer "deutschen" Firma nur noch peinlich und nicht würdig. Sorry für die harten Worte zum Geburtstag. Aber dieses Jahr kaufe ich mir eine LEICA und erfülle mir einen fast 40 jährigen andauernden Traum. Eine LEICA ist eben eine LEICA. Ohne Wenn und Aber. Happy Birthday, LEICA.
Jürgen Kuhfuß, 24.10.2014
4.
Die Leica war bis in die 70er Jahre nie ein sogenanntes "Lifestyleprodukt" wie sie z.B. Apple heute in Massen auf dem Markt wirft. Die Klientel, die heute ihre Leica spazieren führt, past schon eher in diese Kategorie, wenn auch mit Appleprodukten nicht vergleichbar, da diese eine völlig andere Zielgruppe haben. Heute besteht die Leicaklientel hauptsächlich aus reichen alten Männern, die ihr völlig überteuertes Nobelprodukt spazieren führen. Profifotografen benutzen heute hauptsächlich Nikon, Canon, Sony(Minolta), weil dort das Preis-/Leistungsverhältnis stimmt und absolute Spitzenqualität geboten wird.
Olaf Nyksund, 24.10.2014
5. @ Jürgen Timm:
Stimmt, beide wären sogar um ein Haar aus ähnlichen Gründen Bankrott gegangen. Sowohl Apple als auch Leica wähnten sich allzu lange in ihrer Überlegenheit. Beide wären beinah durch die qualitativ konstant schlechteren, jedoch immer billigeren Mitbewerber aus der Welt geschaffen. Beide wurden eine Zeit lang künstlich am Leben erhalten. Beide funktionieren heute… Alleine, Apple ist zum Anbieter von Massenwaren geworden, während Leica in höheren Sphären den Einfluss zu behalten sucht. Apple gibt mit Innovationen den Ton auf dem Markt an –*Leica bedient eher den konservativen Teil der Klientel. Welche Strategie das Überleben mittelfristig sichert? Für meinen Part bin ich jedenfalls froh, Apple-Produkte weiterhin verwenden zu können. An der Foto-Seite kann ich auf eine Leica dagegen verzichten. Da gibt es, zum Glück, genug exzellente Alternativen. Und die grossartigen Optiken von Leica lassen sich heutzutage ohne Weiteres mit vielen Kameras verwenden, etwa mit den mFT-Systemen. Die Verdienste des Duos Barnack/Leitz sind historisch einmalig, keine Frage. Aber es ist nun mal genau das: Geschichte. Leica hat in dieser ihren festen Platz. Schön. Die neuere Geschichte der Marke ist hingegen von Pech und Pannen gezeichnet. Man denke nur an die "Filtergate"-Geschichte. P.S. Den EVF von Leica gibt es auch – baugleich – von Olympus für das halbe Geld. Eines der vielen Beispiele für die teuer verpackte, an sich hervorragende, japanische Technik unter dem "Made in Germany"-Label.
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