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Der Herbst '89 Die WG der Rebellen

Peter Wensierski

Die Leipziger Montagsdemo vom 9. Oktober 1989 gilt als entscheidend für die Revolution in der DDR. Der Staat kapitulierte vor der Übermacht der Bürger. Ein besetztes Haus war zentraler Ort des Widerstands. Von

Auf einer SED-Politbüro-Sitzung Ende August 1989 herrschte Ratlosigkeit, wie mit der Krise im Land weiter umgegangen werden soll. Günter Mittag, der Vertreter des kranken Erich Honecker, erregte sich über das West-Fernsehen: "Ich möchte auch manchmal den Fernseher zerschlagen, aber das nützt ja nichts." Da wusste er noch nicht, was als Nächstes kommen sollte.

Wenige Tage später sitzen ein paar junge Leute in ihrem besetzten Haus in der Mariannenstraße 46 in Leipzig zwischen Sonnenblumen und Mülleimern um einen verwitterten Brettertisch zusammen und lassen sich heimlich fürs Westfernsehen filmen. Es sind die damals 20-jährige Kathrin Hattenhauer, die Studentin Cornelia Fromme, 20, der Altenpfleger Uwe Schwabe, 27, und der Student Frank Sellentin, 23. Sie reden offen über ihre Aktionen gegen die Herrschaft der alten SED-Männer. Über eine Umweltdemo entlang des verschmutzten Flusses Pleiße, eine Protestaktion gegen die Pressezensur, ein verbotenes Straßenmusikfestival, eine Demonstration gegen das Massaker auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens.

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Herbst 1989: Das Widerstandsnest "Marianne 46"
Die Bewohner der Mariannenstraße 46 und ihre Freunde aus dem Leipziger Osten sind stets in den ersten Reihen der Demonstrationen und Aktionen zu finden, die sie schon seit dem Sommer 1988 organisieren.

Auch die Friedensgebete in der Nikolaikirche haben sie immer frecher und politischer mitgestaltet. Und jetzt im September, nach der Sommerpause, hoffen sie, deren Teilnehmer aus der Nikolaikirche hinaus in die Stadt zur Demonstration zu bringen.

Die Mariannenstraße 46 ist eine Wiege des Widerstands in Leipzig, eines Widerstands, den die Bewohner und das Netzwerk ihrer Freunde stetig schüren, dem sich immer mehr anschließen und der nur vier Wochen später den Staat in die Knie zwingen wird.

Wo wurde in Leipzig demonstriert? (Klicken Sie auf den Slider)

14. März 1988: Demo mit 120 Personen nach dem Friedensgebet von der Nikolaikirche über den Markt zur Thomaskirche

5. Juni 1988: Umweltdemo der Basisgruppen mit 1000 Teilnehmern entlang der Pleiße bis ins Stadtzentrum. Die Volkspolizei sieht zu

9. November 1988: Ein Flugblatt der Basisgruppen zum Gedenken an die Pogrome der Nazi-Zeit übt zugleich Kritik an der DDR. Am Gedenkstein für die ehemalige Synagoge versammeln sich knapp 100 Demonstranten

15. November 1988: Protestdemo mit beschrifteten Luftballons gegen die Presse-Zensur auf den Leipziger Dokumentarfilmtagen

15. Januar 1989: Nach der offiziellen SED-Demonstration zum Gedenken an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gelingt eine eigenständige Demonstration für das Recht auf freie Meinungsäußerung, Versammlungs-, Vereinigungs- und Pressefreiheit in der DDR, obwohl nach der Verteilung von 7000 Aufrufen zwölf ersonen festgenommen worden waren. Zunächst hören underte Leipziger die Ansprache eines Mitglieds der Basisgruppen auf dem zentralen Marktplatz, dann ziehen 800 Demonstranten durch die Innenstadt. 53 weitere Festnahmen. Doch alle kommen nach DDR-weiten und internationalen Protesten am 19. Januar wieder frei

13. März 1989: 600 Personen, darunter viele Ausreisewillige, demonstrieren nach dem Friedensgebet Richtung Markt und rufen "Stasi raus". Es ist Frühjahrsmesse, Westmedien und viele Besucher sind in der Stadt. Das MfS greift nicht ein

1. Mai 1989: Für das Recht auf Ausreise demonstrieren 200 Personen zwischen Nikolai- und Thomaskirche

8. Mai 1989: In der Leipziger Innenstadt demonstrieren 550 Personen im Anschluss an das Friedensgebet gegen die Wahlfälschungen in der DDR

22. Mai 1989: Die Volkspolizei riegelt die Straßen rund um die Nikolaikirche nach dem Friedensgebet erstmals mit Sperrketten ab. Wahllos werden zahlreiche Menschen festgenommen, die dagegen protestieren und Richtung Markt streben

29. Mai 1989: Nach dem Friedensgebet bildet die Volkspolizei erneut einen Kessel um die Demonstranten vor der Nikolaikirche

4. Juni 1989: Trotz Verbots machen 1000 Teilnehmer eine Umweltdemo mitten durch die Stadt entlang dem Lauf der meist zubetonierten Pleiße

10. Juni 1989: Das Straßenmusikfestival – organisiert von Mitglieder der Basisgruppen – findet ohne Genehmigung des Staates mitten in Leipzig statt. Mehr als 100 verschiedene Musik- und Theatergruppen aus der ganzen DDR werden von vielen tausend Leipziger Bürgern herzlich gefeiert. Am frühen Nachmittag werden bei einem brutalen Polizeieinsatz viele Musiker und Zuschauer verhaftet. Es kommt zu spontanen Solidarisierungsaktionen der Leipziger und der Belagerung eines Polizeireviers. Alle Festgenommenen kommen in den nächsten Tagen frei

12. Juni 1989: Seit Anfang Juni heißt das Friedens- nun Montagsgebet. Der Protest verlagert sich von nun an regelmäßig nach dessen Ende gegen 18 Uhr immer mehr in die Straßen rund um die Nikolaikirche. Ein Teil der 1000 Teilnehmer kommt an diesem Tag bis zum Markt

19. Juni 1989: Erneut gelingt ein Schweigemarsch Richtung Markt, der dort erst gewaltsam aufgelöst wird

26. Juni 1989: An diesem Montag stoppt ein Polizeikessel die Demonstranten

3. Juli 1989: Letztes Friedensgebet vor der Sommerpause. Danach kommt es vor der Kirche zu polizeilichen Übergriffen auf die Teilnehmer

9. Juli 1989: Nach der Abschlussversammlung des Leipziger Kirchentags ziehen rund 1000 Menschen vom Messegelände mit der Forderung nach mehr Demokratie Richtung Innenstadt und kommen wegen der Polizeiketten bis zur Peterskirche. Vorher wird ihnen von Stasileuten das Transparent "Demokratie" entrissen. Etliche Demonstranten blockieren daraufhin eine Straßenbahn, in der die Stasi-Mitarbeiter geflüchtet sind

4. September 1989: Katrin Hattenhauer und Gesine Oltmanns entfalten nach dem Montagsgebet ihr Transparent "Für ein offenes Land mit freien Menschen", um den Protest wieder auf die Straße zu tragen. Andere demonstrieren mit "Reisefreiheit statt Massenflucht". Die Stasi reißt die Losungen herunter

11. September 1989: Am Montagsgebet in der Leipziger Nikolaikirche nehmen rund 1300 Menschen teil. Beim Verlassen der Kirche werden 89 von ihnen festgenommen, darunter Kathrin Hattenhauer, die erst am 13.Oktober wieder frei kommt

18. September 1989: An diesem Montag strömen rund 3000 Menschen auf den Platz vor der Nikolaikirche und singen "We shall overcome"

25. September 1989: Nach dem Montagsgebet werden Polizeiketten durchbrochen, rund 8000 Menschen demonstrieren unbehelligt vom Nikolaikirchhof bis zum Hauptbahnhof. Sie rufen "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" sowie "Neues Forum zulassen!" Die erste, in sich geschlossene Montagsdemonstration löst sich weit vor der Stasizentrale am Ring friedlich auf

2. Oktober 1989: Die Teilnehmerzahl des Montagsgebetes steigt auf mehr als 2500 Teilnehmern in zwei Kirchen. Die anschließende Demonstration mit 20.000 Menschen kommt ungestört bis zum Ring, vorbei an Hauptbahnhof und Stasizentrale bis zur Thomaskirche. Gerufen wird auch "Wir sind das Volk"

7. Oktober 1989: 4000 Menschen demonstrieren vor der Nikolaikirche, 2000 ziehen zum Bahnhof

9. Oktober 1989: Der Durchbruch gelingt. Nach dem Friedensgebet in vier Kirchen strömen 70.000 bis 100.000 Demonstranten auf den Ring, vorbei an Hauptbahnhof und Stasi. Ihnen gegenüber stehen kaum mehr als 3000 Sicherheitskräfte, die noch während der Demonstration zurückgezogen werden

17. Oktober 1989: Das SED-Politbüro setzt Staats- und Parteichef Erich Honecker ab

Noch lauert dieser Staat misstrauisch vor ihrer Tür. Dort ist ein fester Beobachtungspunkt der Staatssicherheit. Wenn die Bewohner etwas Wichtiges besprechen, dann schreiben sie es auf Zettel, reichen diese herum und verbrennen sie anschließend. Wenn sie aus dem Haus gehen, heften sich oft mehrere Bewacher an ihre Fersen.

Vor der Kamera in ihrem Hinterhof sprechen sie nun aber offen, sie haben den ewigen Eiertanz satt. Sie sagen, dass sie keine Zukunft mehr für den von greisen Männern geführten Staat sehen und die Zeit reif zum Handeln ist: "40 Jahre Stalinismus sind genug", sagt Uwe Schwabe.

Genau überlegt, was er sagt

Die Aufnahmen, die an diesem Sonntag nur wenige Minuten vom Stadtzentrum entfernt entstehen, sind ziemlich riskant. Sie werden nicht von akkreditierten West-Korrespondenten gemacht, dafür hätten diese vom DDR-Außenministerium niemals eine Genehmigung bekommen. Es sind Siegbert Schefke und Aram Radomski, zwei Ost-Berliner Oppositionelle, die mit Luftmatratzen zum Übernachten und einer Amateurvideokamera im geliehenen Trabi nach Leipzig gereist sind.

Nach einer halben Stunde Dreh im Hinterhof fragen sie noch einmal nach, ob wirklich alle Aussagen im Westfernsehen gesendet werden können. Schwabe antwortet knapp, er habe sich vorher genau überlegt, was er sagen wolle. Beim Protest gegen die Zustände in der DDR, sagt er, dürfe man nicht länger drumherum reden. Einige Ausschnitte der Originalaufnahme sind erstmals hier zu sehen:

Peter Wensierski
Später ziehen Schefke und Radomski, die schon seit Längerem für die Opposition heimlich Aufnahmen in der ganzen DDR machen, mit der Kamera weiter durch die Stadt. Ernst Demele, ein Leipziger Oppositioneller, zeigt ihnen verfallene, eigentlich unbewohnbare Wohnhäuser. An einem offenen Fenster ermuntert sie eine junge Frau mit Kind, die zerbröckelnde Fassade zu filmen. Es gehöre doch in die Zeitung, ruft sie, "wie die Menschen hier wohnen und leben müssen".

Der 49-jährige Demele, angestellt bei der Reichsbahn, ist verantwortlich für die Statik von Bahnbrücken. Der marode Zustand sämtlicher Brücken, die einstürzenden Altbauten, die katastrophalen Umweltverschmutzungen rund um Leipzig haben ihn aufgebracht. Er wohnt gleich um die Ecke, in der Meißner Straße, dort ist bei einem Haus über Nacht eine ganze Außenwand herabgestürzt. Die bisherigen Wohnzimmer sind nun von der Straße aus zu sehen. Der ganze Leipziger Osten steht, wie viele DDR-Altbauviertel, kurz vor dem Zusammenbruch.

"Frust und Verfall in Leipzig"

Uwe Schwabe jobbt morgens ab sechs Uhr im Albert-Schweitzer-Haus, einem Altersheim der Inneren Mission. Unter seinen Arbeitskollegen hat er für die Untergrundfilmer ein halbes Dutzend Interviewpartner gefunden, die den Zustand Leipzigs und die Politik der SED offen kritisieren und Veränderungen fordern. Keiner von ihnen scheut sich dabei, sein Gesicht im Westfernsehen zu zeigen. Der Heizer Frank Bartusch nicht, der Koch Rainer Schladebach und auch seine Frau Rosemarie Reschke nicht. Die Pflegerin Kerstin Huhn, die lässig an einem Trabi lehnt, äußert sich fassungslos über den Plan der SED, Leipzig solle sich bewerben, um die Olympischen Spiele auszutragen: "Hier bricht doch alles zusammen, aber das zeigen sie nicht."

Die Kassetten mit den Aufnahmen bringt letztlich der damalige SPIEGEL-Korrespondent Ulrich Schwarz nach West-Berlin zum Verfasser dieser Zeilen, der damals in der ARD-Fernsehredaktion "Kontraste" als Redakteur arbeitete. Dort entsteht daraus ein Film über "Frust und Verfall in Leipzig", den Millionen Zuschauer im Westen und vor allem in der DDR sehen.

Peter Wensierski
Auch die Leute aus dem Hinterhof der "Marianne" schauen zu und feiern den Coup mit anderen Freunden aus den Basisgruppen der Stadt. Überaschenderweise berichtet die "Leipziger Volkszeitung" über den Film im Westfernsehen, hält die Kritik jedoch für überflüssig. Eine Reaktion der Stasi bleibt aus. Friedrich Schorlemmer, ein politisch aktiver Pfarrer aus Wittenberg, sagt später zu Schwabe: "Jetzt verstehe ich euch in Leipzig mit eurem Aktionismus. Die Bilder vom Verfall der Stadt haben mir die Augen geöffnet."

Genscher sprach über die Verhaftungen

Die Aktivisten aus der "Mariannen 46" sind noch sehr jung. Sie haben Beschattungen, Hausdurchsuchungen, Vorladungen, Ordnungsstrafen und immer wieder "Zuführungen" der Stasi mit langen Verhören hinter sich. All dies ist Teil ihres Lebens geworden. Doch die Machtmittel des Staats schrecken sie längst nicht mehr ab. Vor einem Jahr noch hatten sie den Aufruf zur Demonstration entlang der Pleiße vorsichtig als "Gedenkumzug" getarnt. Da überwog noch der Respekt vor dem Sicherheitsapparat. In den Texten von Vaclav Havel lasen sie, dass die Angst im Kopf der Menschen das wichtigste Instrument einer Diktatur sei. Und die wurde mit jeder gelungenen Aktion immer geringer.

Bei einer Gegendemonstration zum SED-Gedenken an Rosa Luxemburg im Januar hatten sie die Erfahrung gemacht, dass sie durch den Schutz der West-Öffentlichkeit und Solidaritätsaktionen in vielen DDR-Städten nach wenigen Tagen Haft wieder freigelassen werden mussten. Sie hatten Flugblätter verteilt und zur Demonstration im Stadtzentrum aufgerufen - ganz bewusst während einer KSZE-Tagung in Wien. Dort hatte Außenminister Hans-Dietrich Genscher seinen DDR-Kollegen auf die verhafteten Leipziger angesprochen. Erich Honecker wollte sich keine Menschenrechtsverletzungen vorwerfen lassen und ordnete persönlich die Einstellung der Ermittlungsverfahren an.

Keine halben Sachen

Sie hatten den Staat herausgefordert und gewonnen. Seitdem leben sie in der Hoffnung: Wir können es schaffen, wir sind Teil einer Bewegung im ganzen Land, die wächst, und wenn wir etwas riskieren, können wir alles verändern. Dieses Gefühl teilen sie mit einer wachsenden Zahl von Leipzigern, alle spüren, wie die staatliche Autorität zerfällt.

Noch am Abend nach den heimlichen Filmaufnahmen im Hinterhof der "Marianne" wird die nächste Aktion vorbereitet. Ein paar weiße Bettlaken werden zerrissen. In roten und schwarzen Lettern beginnen Katrin Hattenhauer, Gesine Oltmanns und Uwe Schwabe Transparente zu bemalen. Am nächsten Tag, dem 4. September, müssen sie sich mit der Fertigstellung beeilen, denn um 17 Uhr beginnt in der Nikolaikirche das erste Montagsgebet nach der Sommerpause.

Es sollen Forderungen sein, mit denen sich jeder der Passanten sofort identifizieren kann. "Reisefreiheit statt Massenflucht", "Vereinigungsfreiheit" und "Versammlungsfreiheit". Keine halben Sachen, nichts Kompliziertes. In der Eile verschreiben sie sich bei ihrem wichtigsten Transparent ein wenig: "Für ein offnes Land mit freien Menschen."

Sonnenblumen gegen die Tristesse

Viele Fäden der Leipziger Revolution vom 9. Oktober laufen in Orten wie der Mariannenstraße 46 zusammen, wo sich seit 1988 rebellische 18- bis 25-Jährige treffen. Auch der Leipziger Stasi-Chef Manfred Hummitzsch attestiert dem Haus in internen Berichten, dass hier ein "zentraler Ausgangspunkt öffentlichkeitswirksamer Aktionen" ist.

Die damals 17-jährige Kathrin Walther gehörte zu den Ersten, die im Sommer 1988 mit IGL-Gründer Reinhard Müller und Michaela Ziegs in die heruntergekommene Marianne eingezogen waren. Sie ziehen andere nach, die das oberste Stockwerk erobern. Die Toiletten sind auf halber Treppe, immerhin gibt es fließend Kaltwasser, und im Winter sorgen Braunkohlebriketts ab und zu für Wärme. Auf dem Dach wachsen Birken neben umgeknickten Antennen. Eine trostlose und manchmal deprimierende Welt. Katrin Hattenhauer hat immer Sonnenblumenkörner dabei, verstreut sie überall in der Stadt, auf den Trümmergrundstücken, vor den Häusern mit leeren Fensterhöhlen, im eigenen Hinterhof.

Es ist ein offenes Haus, nicht nur weil die Türen unverschlossen bleiben. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen von Besuchern aus der ganzen DDR. So tauscht man sich aus mit den Gruppen im ganzen Land.

Kathrin Walther engagiert sich intensiv bei der Herstellung von Untergrundschriften und Flugblättern. Oft tippt sie denselben Text im Rekordtempo immer wieder auf neue Matrizen, da jede einzelne nur ein paar Hundert Abzüge erlaubt. Ihre Mitstreiter verbreiten die Aufrufe nachts in der ganzen Stadt. Die Leipziger finden sie dann in ihren Hausbriefkästen, in Telefonzellen oder auf den Sitzen der Straßenbahnen.

Walther, die Anfang '89 mit ihrem Freund Thomas Rudolph in eine Nachbarstraße der "Marianne" zieht, ist Aktivistin im "Arbeitskreis Gerechtigkeit", der mit der "Initiativgruppe Leben" und der "Arbeitsgruppe Menschenrechte" eng kooperiert. Damit gehört sie zum engeren Kreis um den evangelischen Pfarrer Christoph Wonneberger. Der 47-Jährige ist Mentor, Motor und Mitstreiter der aufbegehrenden Jugendlichen. Er ist wie sie ein Freund klarer Worte und möglichst strategisch durchdachter Aktionen.

Für die Leipziger Stasi ist Wonneberger eine wichtige Figur des "politischen Untergrundes". Der Pfarrer steht deswegen ständig unter dem disziplinierenden Druck der Kirchenleitung, die seinetwegen fast wöchentlich vor die örtliche SED-Spitze zitiert wird. Im Herbst 1988 hatte es ein monatelanges dramatisches Tauziehen um die Beteiligung der Gruppen am Friedensgebet gegeben. Wonneberger und sein Kollege Rolf-Michael Turek von der Markuskirche stellen sogar ihre Telefone zur Verfügung, die für die Revolutionäre zur wichtigsten Verbindung zu anderen Oppositionsgruppen und Westjournalisten werden.

Wenn es am 9. Oktober zu einer friedlichen Revolution kommt, dann haben die Revolutionäre Adressen wie die der "Marianne 46" und ein paar andere Orte in der Stadt. Hier finden sich auch Antworten auf die Frage, warum ausgerechnet in Leipzig im Herbst ´89 der entscheidende Durchbruch gelingen konnte.

Denn von den Leuten um die "Marianne 46" gibt es viele Querverbindungen zu anderen Widerstandskreisen in der Stadt. Treffpunkte wie die illegale Bar in der Henricistraße 5c von Fred Kowasch oder das Hinterhaus des Zahnmedizinstudenten Michael Arnold in der Zweinaundorfer Str. 20a. Dort existieren seine offene Wohnung und ein selbstorganisiertes Nachtcafé - obwohl die Stasi gegenüber eigens ein Ladenlokal zur Beobachtung angemietet hat. Die Wände im Eingang und Treppenhaus sind zugeklebt mit Infozetteln und Artikeln aus Publikationen der Opposition. Die "Hauswandzeitung" wird mehrfach von Volkspolizisten inspiziert, entfernt und wieder neu angebracht.

Es sind Orte, an denen Pläne geschmiedet oder Aktionen nachbesprochen werden. Manchmal wird auch getanzt. In Kowaschs Bar sind Wände von oben bis unten mit dem Strafgesetzbuch der DDR tapeziert. Als Zielscheibe für Wurfpfeile dient das Bild eines Volkspolizisten, und im größten Raum ist die Berliner Mauer realistisch auf die Wand gemalt, mit Wachtürmen und Scheinwerfern, zum Tanzraum führt ein Mauerdurchbruch.

In den Hinterhöfen und -häusern der verfallenen Leipziger Altbauten trifft sich eine andere Generation als die, die von der Erinnerung an den 17. Juni 1953 und den Aufmarsch russischer Panzer traumatisiert ist. Die jungen Aktivisten müssen auch Angst überwinden, aber sie wollen heraus aus der Nikolaikirche. Diese benutzen sie in erster Linie als geschützten Veranstaltungsort und Ausgangspunkt von Aktionen. Das hat zum Dauerstreit zwischen Staat und Kirche geführt. Es brauchte einige Zeit, bis SED und Stasi in Leipzig begriffen, dass weder Landesbischof Johannes Hempel noch Superintendent Friedrich Magirius noch Nikolai-Pfarrer Christian Führer diese jungen Leute disziplinieren und in Zaum halten können.

Der Wille zur Aktion in der Öffentlichkeit unter Einbeziehung von Ausreisern und Westmedien, diese Radikalität zeichnet die Leipziger Aktivisten-Szene aus. Auch die meist unproduktiven ideologischen Kämpfe zwischen den Oppositionsgruppen, wie sie etwa in Berlin ausgetragen werden, spielen in Leipzig kaum eine Rolle. Hier denken die Marianne-Bewohner und ihre Freunde in der "Initiativgruppe Leben" (IGL) oder im "Arbeitskreis Gerechtigkeit" lieber darüber nach, wie sie die Passanten auf der Straße und die Ausreiseantragsteller einbeziehen können. Den Rufen "Wir wollen raus" stellen sie "Wir bleiben hier" entgegen.

Mitarbeit: Nicola Kuhrt

Bye-bye DDR

Geschichten zum Mauerfall

Verwegene Proteste, riskante Untergrundaktionen, illegale Treffen: Von 1979 bis zum Ende der Republik berichtete Peter Wensierski über Widerstand und Rebellion in der DDR. Er brachte Filme, Fotos und Dokumente über die Grenze, schrieb Reportagen oder Bücher wie "Null Bock auf DDR" und drehte Dokumentarfilme. In der einestages-Serie "Bye-bye DDR" erzählt er zum 25. Jubiläum des Mauerfalls die spannendsten, bewegendsten und kuriosesten Geschichten aus dieser Zeit - und trifft die Akteure von damals wieder.

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1. Hongkong 2014
Wolf - Dieter Böhrendt, 04.10.2014
Interessant die Parallelen zu Hongkong 25 Jahre später - auch hier sind es die jungen Leute um die 20 (jetzt sogar schon unter 20) die sich nicht damit abfinden wollen, dass ihnen die Zukunft gestohlen wurde bevor sie beginnen kann!
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