Entflohene Raubkatzen Als in Leipzig die Löwen los waren

Sie sprangen durch Fenster, stürmten Hotels und überraschten die Menschen sogar auf der Toilette: Am 19. Oktober 1913 entflohen acht Löwen eines in Leipzig gastierenden Zirkus' - und versetzen die Stadt in Angst und Schrecken. Schuld an der unfreiwilligen Großwildjagd waren zwei durstige Kutscher.

Von Sarah Levy


Ein hastiges Kratzen an der Tür überraschte den französischen Touristen beim Toilettengang. Eigentlich hatte er nur in Ruhe das stille Örtchen im Hotel Blücher aufsuchen wollen. Als er aber nun vorsichtig die Tür öffnete und hinauslugte, traute er seinen Augen nicht: Vor ihm stand ein ausgewachsener Löwe. Und dem hing ein zerkauter Lederschuh aus dem Maul. Dem Touristen blieb nicht viel Zeit zum Überlegen: Das Tier drängte sofort in den Toilettenraum hinein. Panisch sprang der Franzose aus dem Weg und überließ der Raubkatze das Klosett.

Dass er damit Löwin Polly das Leben rettete, konnte der Mann nicht ahnen. Die Begegnung auf dem Örtchen war das Ende einer spektakulären Löwenjagd, die vor hundert Jahren die Bewohner von Leipzig in Atem hielt. Bis heute ist das Ereignis von 1913 unvergessen, Legenden und Gerüchte umranken die Tragödie, die mit zwei durstigen Kutschern begann und mit sechs toten Löwen enden sollte.

Im Oktober 1913 brummte Leipzig vor Besuchern. Menschen aus ganz Deutschland, Fürsten, Könige und sogar Kaiser Wilhelm II. waren zur Einweihung des kolossalen Völkerschlachtdenkmals in die Stadt geströmt. Der Zirkus Barum hatte seine Zelte an den Frankfurter Wiesen aufgeschlagen und dem Publikum mit seinen zehn "wilden Löwen" ein mulmiges Gefühl in der Magengegend beschert. Nach der letzten Abendvorstellung am 19. Oktober wurden die Tiere in Transportwagen gesperrt. Mitten in der Nacht sollten Pferdewagen sie zum Preußischen Freiladebahnhof bringen, von dort würden die Tiere zum nächsten Ziel fahren.

Feierabendbier mit verheerenden Folgen

Die beiden Kutscher, die den Löwen- und den Bärenwagen hinter sich herzogen, passierten die Kneipe "Graupeter" in der Berliner Straße und entschieden kurzerhand, sich mit einem Feierabendbier zu belohnen. Die Wagen ließen sie unbeaufsichtigt auf der Straße stehen - und das Unglück nahm seinen Lauf: Die Pferde, die den hinteren Wagen zogen, wurden unruhig und bewegten die Wagendeichsel so unglücklich, dass diese die Rückwand des Löwenwagens zertrümmerte. Durch das Loch, das mit dem Stoß entstanden war, blitzten die ersten Löwenhäupter hervor. Die Pferde wurden jetzt noch nervöser und schoben das zweite Fuhrwerk mit den Bären auf die nahen Gleise, eine einfahrende Straßenbahn rammte beide Holzwagen mit lautem Getöse.

Auf den Krach aufmerksam geworden, eilte der Streifenpolizist Bruno Weigel zum Unfallort. Dort sah er zu seinem Entsetzen, wie acht große Löwen aus dem Wagen in die Freiheit sprangen. Ohne zu zögern griff Weigel nach seiner Dienstwaffe - und schoss auf die Raubtiere. Weigel orderte Verstärkung, und wenig später kamen Beamte der achten Polizeiwache herbeigestürmt. Auch sie eröffneten das Feuer auf die fliehenden Großkatzen.

Einer besonders abenteuerlichen Überlieferung der Geschehnisse zufolge soll ein Löwe auf einem der Zugpferde gelandet und noch auf dem Pferderücken erschossen worden sein. Einer der wenigen Augenzeugen berichtete von einem regelrechten Bombardement. "Vor unserem Fenster", beschrieb der damals 17-jährige Willy Becker mehr als 30 Jahre später in einem Leserbrief an den SPIEGEL, "wurde ein Löwe an einem leeren Omnibus erschossen, zwei in einem Lagerhofe gegenüber unserem Hause." Fünf Löwen erlagen dem tödlichen Kugelhagel in der Berliner Straße. 80 Polizisten rückten an, Anwohner strömten aufgeregt aus ihren Häusern, eine regelrechte Hysterie machte sich breit: Wo waren die restlichen drei Löwen?

Zirkusdirektor Arthur Kreiser und der Direktor des Leipziger Zoos, Johannes Gebbing, eilten zum Tatort. Sie beschlossen, die geflohenen Löwen lebend einzufangen. Während ein Löwe ohne großes Aufsehen erfolgreich in eine Falle gelockt wurde, sollte Löwin Polly mit ihrer spektakulären Flucht in die Stadtgeschichte eingehen: In der damaligen Blücherstraße begegnete die Raubkatze erst einer alten Frau, die das Tier in der Dunkelheit für ein Kalb hielt. Die Feuerwehr versuchte dann, die verängstigte Löwin mit einem Wasserstrahl in Richtung einer Falle zu scheuchen. Mit einem Sprung flüchtete Polly jedoch durch die Fensterscheibe des Hotels Blücher, bahnte sich den Weg durch die Innenräume hoch in den ersten Stock. Eine Frau warf vor Schreck mit ihren Schuhen nach der Löwin, die sich sogleich über selbige hergemacht haben soll. Im WC überraschte Polly schließlich den armen Franzosen, der später nur François genannt wurde, mitten im Geschäft. Vor lauter Schreck ließ er die Tür zur Toilette offen, Polly konnte dort eingesperrt und mit einer Kastenfalle schließlich geschnappt werden.

Von Kugeln durchlöchert

Der dritte der entflohenen Löwen - Abdul, der Lieblingslöwe der Frau des Zirkusdirektors - hatte weniger Glück. Zunächst wurde das Tier von seinen Fängern eingekreist. Als jedoch einer der Schaulustigen einen Stein nach Abdul warf, setzte der Löwe zum Sprung an und wurde von den Geschossen der umstehenden Polizisten regelrecht durchlöchert: 165 Kugeln sollen in seinem Körper gesteckt haben, das Raubtier starb in den Armen seiner Herrin. Innerhalb von vier Stunden hatte der Zirkus Barum sechs Löwen im Wert von 30.000 Mark verloren.

Eine Woche lang wurden die toten Löwen im Wirtschaftshof des Leipziger Zoos ausgestellt. Ein Gericht verurteilte Zirkusdirektor Kreiser zu wahlweise zehn Tagen Gefängnis oder einer Geldstrafe von 100 Mark - wegen "Unterlassung erforderlicher Vorsichtsmaßregeln zur Verhütung von Beschädigung bei der Haltung bösartiger oder wilder Tiere". Auch einer der Kutscher wurde bestraft. Kreiser, der durch die toten Raubkatzen massive Verluste einfuhr, soll sich noch jahrelang vor Gericht mit dem Fuhrunternehmen um Schadenersatz gestritten haben.

Resteverwertung in Legenden

Gewinner des Trubels war hingegen die Stadt Leipzig: Zoo, Kneipen und Gasthäuser warben mit dem skurrilen Erlebnis, am Eingang des Hotels Blücher wurde später eine Gedenkinschrift zu Pollys Sprung durch die Fensterscheibe angebracht, ein Gasthaus bot eine Löwen-Speisekarte an, auf der Gäste zwischen "Löwenschwanzsuppe mit Krokodilstränen", "Löwenpranke mit Wüstensand und Steppengras" und "Großwildjägerbombe Polly" wählen konnten.

Bis heute blühen die Gerüchte rund um die spektakuläre Jagd in Leipzig. Ein besonders hartnäckiges sagt den Leipzigern nach, dass sie die toten Großkatzen postum noch einem neuen Zweck zugeführt hätten: Der Legende nach soll man in manchen Speisekammern der Stadt noch Konservendosen mit gepökeltem Löwenfleisch finden.



insgesamt 2 Beiträge
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Silvio Frenzel, 21.10.2013
1.
Leider war dieses kein einmaliges Ereignis und passiert auch heute immer wieder (siehe Ausbruch und Tod der Löwin Nala des "Raubtier-Circus Humberto") und teilweise auch mit tödlichem Ausgang für den Menschen (siehe auch http://www.aktiontier.org/uploadfiles/chronik.zirkus.pdf). Ein Ende wird das leider erst haben, wenn allgemein anerkannt wird, dass Wildtiere nicht in Zirkusse oder Zoos gehören.
Sylvia Götting, 21.10.2013
2.
Ein bisschen verwirrt bin ich ja nun schon: Die Beschreibung des Hergangs im 4. Absatz ist dermaßen präzise und detailreich, dass man sich fragt, wo das denn herkommt, da nirgendwo von einem Zeugen die Rede ist. Was ist mit dem Bärenwagen, den die Straßenbahn laut 4. Absatz auch rammte? Kein Bär da drin gewesen? Und falls doch: Wo war er hin? Oder blieb der Bärenwagen unversehrt genug, dass der Bär nicht entfleuchen konnte? Laut fünften Absatz kam wenig später die Verstärkung herbeigestürmt. Herbeigestürmt - also dorthin, wo sich Wagen und Weigel befanden. Und die Löwen? Warteten die solange, bis die Verstärkung eintraf, und flohen dann, um sich auf der Flucht beschießen zu lassen? Im 6. Absatz erzählt ein Zeuge mehr als 30 Jahre nach dem Ereignis seine Sicht der Dinge dem SPIEGEL. Schon 31 Jahre sind mehr als 30 Jahre; das würde die Existenz des SPIEGEL aber bis kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs rückdatieren (1913 + 31 = 1944) - schwer vorstellbar.
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