Leistungssport in der DDR Treue ist gut, totale Kontrolle ist besser

Leistungssport in der DDR: Treue ist gut, totale Kontrolle ist besser Fotos
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Er sollte auf sportlichem Weg den Klassenfeind besiegen: Im April 1957 wurde in der DDR der Deutsche Turn- und Sportbund gegründet. Seine Geschichte war eine von zweifelhaftem Erfolg. Gefördert wurde der Leistungssport mit allen Mitteln: flächendeckendes Doping inklusive.

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Die politische Kontrolle ist nicht gewährleistet, der sportliche Ertrag enttäuschend. So könnte die Bestandsaufnahme zu Beginn der fünfziger Jahre im Sportsystem der DDR gelautet haben. Um beides zu steigern, gründeten die Mächtigen am 27./28. April 1957 den Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB), der den Sport in der DDR bis zu ihrem Ende lenken sollte. Schon in den ersten Stunden wurde deutlich, dass er kein, wie in anderen Staaten üblich, autonomer Verband war. Seine im Gründungsstatut festgeschriebenen Aufgaben hatte er "in unwandelbarer Treue zur Arbeiterklasse und ihrer Partei" zu erfüllen.

Treue jedoch war der Partei nicht genug. Es musste die totale Kontrolle sein. Die führenden Funktionäre des DTSB waren fortan alle ranghohe Mitglieder der SED, der Präsident ab 1963 sogar Mitglied des Zentralkomitees. Alle Personalentscheidungen mussten von der Partei genehmigt werden. "Es gab keine einzige freie Wahl im DTSB", bestätigt Hans Joachim Teichler, Leiter des Arbeitsbereichs für Zeitgeschichte am Sportinstitut der Universität Potsdam.

Offiziell bot der neue Verband ein Dach für alle Sporttreibenden, "aber de facto kommt es ganz frühzeitig zu einer Privilegierung des Leistungssports", so der Professor. "Für die achtziger Jahre kann ich nachweisen, dass 75 Prozent der DTSB-Gelder in den Leistungssport flossen. Mindestens." Ebenfalls verräterisch: In 40 Jahren DDR gab es zahlreiche Leistungssportbeschlüsse, nicht einen für den Massensport.

Der Leistungssport in der DDR hatte von Beginn an einen ganz klaren Auftrag: die internationale Anerkennung der DDR voranzutreiben und im Gleichschritt den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik zu untergraben. Die DTSB-Gründung war also auch eine Demonstration der Eigenständigkeit - und als Konterpart zum westdeutschen Deutschen Sport-Bund (DSB) gedacht. Der DTSB betrieb Abgrenzung durch Ähnlichkeit: Die Fachsektion Fußball fungierte ab sofort als Deutscher Fußballverband - in der BRD agierte der Deutsche Fußballbund. Früher entsandte die DDR Auswahlmannschaften, nun Nationalmannschaften. Und man begann Deutsche Meisterschaften auszurichten.

1961 stieg Manfred Ewald auf den Präsidentenstuhl des DTSB und sollte auf ihm zum mächtigsten Sportfunktionär der DDR werden. 27 Jahre thronte er an der Spitze des Verbandes, ab 1973 in Personalunion auch als Präsident des NOK. Titel seiner 1994 erschienen Biografie: Ich war der Sport. "Das trifft es schon ganz richtig", bestätigt Teichler. "Er hat die Rückendeckung von Seiten der Partei gehabt, konnte schalten und walten in diesem absolutistischen Staat", verdeutlicht er Ewalds Ausnahmestellung.

Fast 600 Trainer, der DLV heute hat 24

In den folgenden Jahrzehnten standen ihm die finanziellen Mittel zur Verfügung, einen enormen Personalapparat aufzubauen. Beim Zusammenbruch der DDR hatte der DTSB knapp 10.000 Hauptamtliche in Lohn und Brot, davon die Hälfte Trainer. Hinzu kamen weitere 8000 aus den Sportvereinigungen Vorwärts und Dynamo. Allein der Deutsche Verband für Leichtathletik beschäftigte zum Ende hin 598 hauptamtliche Trainer. Zum Vergleich: Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) muss sich heute mit 24 Trainern begnügen.

Ausschlaggebend für das "Sportwunder DDR" war auch die Konzentration des DTSB auf medaillenträchtige Sportarten und die Vernachlässigung anderer. 1969 fasste man den sogenannten Leistungssportbeschluss, der mit einem Schlag Hunderte Karrieren beendete. "Eine klare Kosten-Nutzen-Analyse nach kapitalistischem Vorbild", kommentiert Teichler. Ziel: bei den Olympischen Spielen 1972 in München mehr Medaillen zu gewinnen als der gastgebende Klassenfeind - was auch gelang. Von nun an wurden Disziplinen wie Schwimmen, in denen einzelne Athleten mehrfach Edelmetall gewinnen konnten, noch stärker gefördert.

Mannschaftssportarten wie Wasserball oder Feldhockey - viel Aufwand, viele Sportler, maximal eine Medaille - oder alpiner Skisport, für den die geografischen Gegebenheiten in der DDR nicht existierten, wurden praktisch fallengelassen. Diese Sportler durften auch nicht mehr an Welt- und Europameisterschaften teilnehmen. Der DTSB unterdrückte außerdem aufkommende Trendsportarten wie Triathlon, Karate und Surfen. Spaßorientiertes Sporttreiben war den Funktionären suspekt. Solange keine Reputation auf international ausgerichteten und medial beachteten Wettkämpfen gewonnen werden konnte, war Neues uninteressant.

Mit dem Mauerfall war das Schicksal des DTSB besiegelt. Im Mai 1990 beschloss das zwei Monate vorher neu gewählte ostdeutsche Sportministerium seine Gelder künftig den Fachverbänden direkt zukommen zu lassen - der DTSB saß auf dem Trockenen. Der aufgeblähte Personalapparat musste zwangsläufig massiv abgebaut werden (zahlreiche Trainer gingen ins Ausland) und der DSB entschied sich im Prozess der Wiedervereinigung für das Sportministerium als Gesprächspartner. Bedeutungs- und mittellos löste sich der DTSB am 5. Dezember 1990 selbst auf.

Ewald wurde 2000 wegen Beihilfe zur Körperverletzung "zum Nachteil von 20 Hochleistungssportlern" vom Landgericht Berlin zu 22 Monaten auf Bewährung verurteilt. Der Bundesgerichtshof lehnte Ewalds Revision ab. Der einst mächtigste Sportfunktionär der DDR starb 2002.

Frieder Schilling

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 28.04.2007

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