Leitfigur der Friedensbewegung Der Pazifist, der töten musste

Er beriet Willy Brandt und kam zu Gorbatschow in den Kreml: Horst-Eberhard Richter, Deutschlands bekanntester Psychoanalytiker, war über Jahrzehnte Ratgeber der Mächtigen. Im Interview spricht er erstmals über geheime Diskussionszirkel nach der Wiedervereinigung - und seinen Kriegseinsatz als Soldat.

DPA

einestages: Herr Richter, Sie gehören zu den Vätern der Friedensbewegung - doch als Soldat sind auch Sie in den Krieg gezogen. Haben Sie getötet?

Richter: Ja, ich habe Menschen auf dem Gewissen. Im Spätwinter 1942 kam ich nach Russland. Als Richtkanonier an einer leichten Artillerie. Ich habe fünf, sechs, acht oder zehn Kilometer weit geschossen. Als wir nachrückten, sah ich die zerfetzten Leichen: russische Soldaten, aber auch mal Frauen und Kinder. Ich bediente eine LFH18 mit Schubkurbelfachkeilverschluss und Rohrrücklauffahrbremse. Diese Bezeichnung mussten wir herbeten können.

einestages: Sie fühlten sich nicht schuldig?

Richter: An der Front wird man entmenschlicht. Man wird kalt, der Mensch wird zum Gefühlsroboter. Psychisch macht man eine Regression durch, das ist wie ein pyschohygienischer Mechanismus, der wie ein Anästhetikum für die Seele wirkt. Man funktioniert wie ein Werkzeug, wie Charlie Chaplin in 'Modern Times'.

einestages: Sie sahen die Toten und empfanden nichts?

Richter: Ich lernte, den vielfachen Anblick von Verstümmelten und Toten ohne panisches Erschrecken zu ertragen. Ich konnte sogar essen, wenn um mich herum Leichen lagen. So etwas wie Schuld oder Scham gab es nur in wenigen Momenten. Ich nächtigte mit einem Kameraden bei einer einfachen Bauernfamilie. Eine Wiege war mit Seilen an der Decke festgemacht. Ein Großmütterchen saß auf einem Ofen und schaukelte die Krippe und sang russische Volksweisen. Wir genierten uns. 'Was machen wir hier?', habe ich gedacht. Damals nahm ich mir vor, wieder in dieses schöne Land zu kommen, als ein anderer. Nur in wenigen kostbaren Momenten kamen Gefühle der Mitmenschlichkeit hoch. Wie ein mal als ich mich als vorgeschobener Beobachter plötzlich zwischen russischen Soldaten wiederfand. Die Nacht war stockfinster, sie erkannten mich nicht. Die Soldaten haben gesungen, da habe ich gedacht, ich will einfach rüber gehen und mit denen feiern. Die würden schon merken, das ich mich ihnen nahe fühle.

einestages: Wie kamen Sie aus dem Krieg zurück?

Richter: Nach vier Jahren, kaputt und ganz unten. Ich erfuhr, dass meine Eltern auf dem Land von betrunkenen Russen umgebracht worden waren. Mein Vater hatte meine Mutter beschützen wollen. Da wurden beide erstochen. Zwei Aufrechte, die sich nicht von den Nazis korrumpieren lassen hatten.

einestages: Haben Sie da nicht hassen gelernt?

Richter: Die Russen waren längst abgerückt. Natürlich fühlte ich auch Hass. Aber was hatten wir in Russland angerichtet? Ich fühlte mich elend und litt.

einestages: Leiden, um nicht hassen zu müssen?

Richter: Ich fing bald eine philosophische Doktorarbeit über Schmerz und Leiden an. Dabei merkte ich: Ich musste lernen, leiden zu können - was im Geist des Nazionalsozialismus nur Schwäche und Schmach bedeutet hatte. Später habe ich ein Buch geschrieben: "Wer nicht leiden will, muss hassen".

einestages: Gerade in der Politik oder in Konzernetagen kommt man damit aber wohl nicht weit?

Richter: Mit seinem Kniefall am Ghetto-Denkmal in Warschau hat Willy Brandt das Leiden an Schuld offen eingestanden. Damit hat er eine Brücke zu den Überlebenden des Holocaust und den anderen Opfern des Nazi-Vernichtungskrieges geschlagen. Nur wer leiden kann, kann auch mitfühlen. Brandts Friedenspolitik war deshalb so glaubwürdig, weil die Welt spürte, dass er so fühlte. Ihm zuliebe wollte ich Mitte der siebziger Jahre sogar in die SPD eintreten. Wir fuhren in seinem Wahlkampfzug, da sagte Willy mir: "Mach das nicht. Wir brauchen Leute, die uns mit Sympathie begleiten, die sich aber die Freiheit bewahren, nicht die Klappe zu halten, wenn wir Mist bauen."

einestages: War die eigentlich ehrenwerte Abneigung gegen Machtpolitik ein Grund für den Sturz Willy Brandts? Auf der einen Seite Brandt, als der an der Welt Leidende, auf der anderen die SPD-Politiker Herbert Wehner und Helmut Schmidt, die Organisatoren der Macht.

Richter: Über Brandts Sturz habe ich seinerzeit ja einen längeren SPIEGEL-Essay geschrieben. Ein sensibler Charakter wie er braucht verlässliche Helfer, die sein Defizit an Misstrauen und Machtinstinkt kompensieren und ihm den Rücken frei halten. Als Wehner abfiel und von ihm verbreitete: "Der Herr badet gern lau", da kam die Krise.

einestages: Nehmen wir einmal Helmut Schmidt. Er gilt heute ebenso wie Brandt als großer Staatsmann.

Richter: Das war er auch. Aber er kam vom Stärkekult her. Er glaubt noch heute, dass die amerikanische Raketen-Überlegenheit den Kalten Krieg entschieden habe und dass die von ihm selbst in die Bundesrepublik geholten US-Mittelstreckenraketen eine entscheidende Rolle gespielt hätten. Willy Brandt war auf der Seite der Friedensbewegung. Das ergab sich aus den unterschiedlichen Strukturen der beiden Männer.

einestages: Wie meinen Sie das?

Richter: Helmut Schmidt bat mich gegen Ende seiner Kanzlerschaft zu einem Treffen. Im Gespräch fragte er mich: 'Warum werde ich als kalter Technokrat wahrgenommen? Warum werde ich so verkannt? Warum lieben alle den Willy Brandt?' Er hat mich drei Stunden festgehalten. Ich wollte schon nach einer Stunde weg. Ein Text von mir, in dem ich für den Versöhnungsgedanken warb, missfiel ihm. Auch den Grünen konnte er nichts abgewinnen. Ich verstand, warum Brandt sich durch eine Politik der 'Compassion' definierte, also des Mitgefühls für die Schwächeren. Schmidt dagegen wollte zwar eine unbedingt gerechte, aber von einem überlegenen Kopf berechnete und geordnete Welt sehen. Er lobte den Papst und Luther einerseits, setze aber gleich hinzu, was jeder von beiden hätte besser machen können. Damit bekannte er indirekt: Muss ich nicht einsam sein, wenn es mein Los ist, die Dinge am besten zu verstehen?

einestages: Das kündet von einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein.

Richter: Brandt habe ich als den Typ Politiker kennen gelernt, der die Gemeinschaft braucht und die Abstimmung mit anderen, etwa mit dem strategischen Denker Egon Bahr. Helmut Schmidt hingegen machte klar, dass er in den meisten Feldern seines Kabinetts der Erfahrenste und Bestorientierte sei.

einestages: Ihre Kontakte zu Deutschlands Politikerelite brachen danach nicht ab. Es scheint fast, als hätten die Mächtigen zumindest im Stillen ihren Rat gesucht. Insbesondere, als die von Ihnen in Deutschland mitbegründete Organisation 'Ärzte gegen den Atomkrieg' 1985 den Friedensnobelpreis verliehen bekam. Wollte man sich mit Ihnen schmücken?

Richter: Diese Vorwürfe kamen in den Achtzigern - vor allem von Helmut Kohl und der CDU. Ich glaube das nicht. Als Sowjetchef Michail Gorbatschow mich im Februar 1987 zu einem Friedensforum in den Kreml lud, da wollte er Veränderung. Gorbatschow hielt eine Rede, in der er sich gegen die Denkweise der Konfrontation aussprach - also das Denken mittels Stärke, mittels nuklearer Rüstung, Stabilität zu erreichen. Er wollte dem ein Denken der Verständigung entgegensetzen. Er meinte jedoch, dass die Politiker das nicht von alleine schaffen würden. Da schnappte ich mir nach der Rede auf dem Roten Platz ein paar Leute und organisierte eine Gruppe, die sich einige Male pro Jahr trafen. Daraus wurde die 'International Foundation for the Survival and Development of Humanity'. Zu dieser Gruppe stießen US-Ex-Verteidigungsminister Robert McNamara, der von Gorbatschow aus der stalinistischen Verbannung befreite Physiker Andreij Sacharow, Miterfinder der russischen Wasserstoffbombe und inzwischen Friedensaktivist. Es kamen Susan Eisenhower, die Enkelin des ehemaligen US-Präsidenten, und aus Deutschland der Atomphysiker Hans-Peter Dürr, Träger des Alternativen Nobelpreises.

einestages: Erfolg hatte der Kreis nachweislich nicht.

Richter: Was Sacharow zur Überwindung des Kalten Krieges beigetragen hat, ist nicht zu unterschätzen. Wir haben ihn in Amerika zu Vorträgen begleitet. Ich selbst habe in diesem Kreis vieles für die Gründung einer eigenen Ost-West-Gruppe in Deutschland gelernt. Nach der Vereinigung hat sie zehn Jahre lang in Abständen am Berliner Müggelsee getagt. Unser Hauptziel: die Entfremdung der Menschen beider Teile Deutschlands besser verstehen und allmählich überwinden zu helfen. Männer und Frauen aus allen demokratischen Lagern haben teilgenommen, aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Literatur und Kirche.

einestages: Ich habe von diesen Treffen noch nie etwas gehört.

Richter: Wir hatten striktes Stillschweigen vereinbart. In der Presse ist bisher nichts dazu aufgetaucht. Richard von Weizsäcker war ja damals noch Bundespräsident. Ansonsten wären vertrauensvolle Ost-West-Gespräche gar nicht zustande gekommen. Die Schweigepflicht dürfte jetzt nach so langer Zeit nicht mehr ganz so strikt sein. Auch Dieter Klein, der Chefideologe der SED, war dabei, außerdem der Philosoph Jens Reich, die Schriftstellerin Christa Wolf, die CDU-Parlamentspräsidentin Rita Süßmuth, die SPD-Politiker Egon Bahr, Oskar Lafontaine und viele weitere. Wir hatten einen Pool von 30 Leuten. Rund 15 kamen bis zu zwei mal im Jahr für ein Wochenende zusammen.

einestages: Wie lief das ab? Wie in einem politischen Salon des 18. Jahrhunderts?

Richter: Wir saßen im Kreis ohne Tische dazwischen, nahmen die Mahlzeiten gemeinsam ein, tagten von Freitagabend bis Sonntagmittag in einem ruhigen ehemaligen HO Hotel. Streng vertraulich, weil sehr offen geredet wurde, auch über Schwächen der eigenen Partei, über unkonventionelle Pläne, Träume und Visionen, locker, ohne akademische Vorträge. Es gab nur jeweils eine kurze Einführung zu aktuellen Themen - jeweils von einem Menschen aus dem Osten und Westen. Dann wurde diskutiert. Beispielsweise wie die Arbeit neu zu organisieren wäre, welche Rolle Deutschland in der Weltgemeinschaft zu spielen habe, oder warum die Gräben zwischen Ost und West größer würden.

einestages: Gruppentherapie mit hohen politischen Tieren. Das konnte doch nicht funktionieren.

Richter: Nichts von Therapie. Moderation nur zum Ausbalancieren von Zuhören und Reden. Weizsäcker sagte mir einmal, das er in diesem Kreis am meisten gelernt hätte. Es entwickelten sich auch ganz interessante Gesprächskonstellationen bei Spaziergängen, die wir am See unternahmen. So haben sich der jetzige Linksparteichef Oskar Lafontaine und der ehemalige CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm ausgesprochen gut miteinander verstanden. Ebenso wie Weizsäcker und Bahr.

einestages: Das mag bei der Wiedervereinigung ja geklappt haben. Aber sind Sie manchmal nicht einfach nur müde, wenn Sie sich die Konflikte und Kriege im Irak oder in Afghanistan ansehen? Die Welt ist doch nicht friedfertiger geworden.

Richter: Ja, das stimmt. Da gibt es erst den Krieg im Irak und vielleicht bald einen gegen Iran. Wir stehen erst am Anfang, unsere Friedlosigkeit zu begreifen. Warum suchen wir beispielsweise unsere Sicherheit mehr im Bedrohungseffekt von Ausrottungswaffen anstatt in der Humanisierung unserer internationalen Beziehungen? Warum lassen wir es zu, dass der Schwindel eines irakischen Asylbewerbers zum Hauptargument für die Begründung des Irak-Krieges im Uno-Sicherheitsrat werden konnte? Ich meine die pure hochstaplerische Erfindung von rollenden Biowaffen-Labors. Die Menschheit ist viel schlauer, gleichzeitig auch verrückter geworden. Und darüber wird zu wenig geforscht. Ich mache weiter, weil ich nach wie vor entschlossen bin, meinem theoretischen Pessimismus mit praktischem optimistischem Engagement zu widersprechen.

Das Interview führte Christopher J. Peter



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insgesamt 2 Beiträge
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Dieter Menne, 29.04.2008
1.
Andreas Flitner (Pädagogikprofessor aus Professor aus Thüringen), Ist aus Tübingen
Mathias Völlinger, 20.03.2010
2.
"Ich bediente eine LFH18 mit Schubkurbelfachkeilverschluss und Rohrrücklauffahrbremse. Diese Bezeichnung mussten wir herbeten können." So weit war ich bisher noch nicht. Aber bei meinem Zwangsdienst bei der Bundeswehr, 1983, dann 15 Monate, hatte ich immer Probleme mit der "Rohrführungshülse", bzgl. Ausbau und Einbau im MG.
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