Leningrader Nachkriegskindheit "Schweig, sonst bist du tot!"

Leningrader Nachkriegskindheit: "Schweig, sonst bist du tot!" Fotos
Joachim Kuss/Boguslawsky

Man nannte sie "Tauber Adolf", "Ziegelchen" und "Schwarzer Fritz mit drei Fingern": Als Schuljunge in Leningrad machte Ilja Boguslawsky in den Sommerferien 1946 Bekanntschaft mit deutschen Kriegsgefangenen. Die Fremden verhielten sich äußerst merkwürdig - und Ilja lernte fürs Leben. Von

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Im November 1945 kehrte ich mit insgesamt einhundert anderen Knaben und Mädchen aus einem Dorf im Vorgebirge des Urals nach Leningrad zurück. 1941 hatte man uns ohne unsere Eltern aus der von der Wehrmacht eingeschlossenen Stadt evakuiert. Die Wohnung unserer Familie im Zentrum von Leningrad war während der Blockade zerstört worden, und so hatten meine Eltern gegen Ende des Krieges ein Zimmer in einer Vorortwohnung bezogen, die wir uns mit zwei weiteren Familien teilen mussten.

Die Kriegsgefangenen sahen wir Kinder das erste Mal auf unserem Heimweg von der Schule. In der Ferne, zwischen den zerstörten Häusern, sammelten und verluden sie Ziegelsteine auf zahllose Lkw, meistens der Marke Opel Blitz. Kennenlernen sollten wir sie erst später.

In den Sommerferien 1946 suchten wir Bruchstücke aus Buntmetall und Papier zwischen den Ruinen, wir fanden Leuchter und bronzene Klavierpedale, zerbrochene Löffel und Gabeln, beschädigte Statuetten und Überreste von Büchern. In den Kellern der abrissreifen Häuser konnte man sogar hin und wieder ein Bett mit Kupferpfosten oder Bronze an den Rückenlehnen oder nur teilweise verbrannte Bücher entdecken. Für all diese Sachen bekamen wir an einem speziellen Sammelpunkt in unserem Bezirk, der neben dem Markt gelegen war, etwas Geld, je nach dem Gewicht der Gegenstände. Wir gaben das Geld unseren Müttern und unsere Mütter gaben uns ein paar Kopeken für Eis, das ohne Lebensmittelkarten erhältlich war.

"Schweig, sonst bist du tot!"

Bis 1948 regelte ein strenges Kartensystem die Versorgung der Bevölkerung mit täglichen Bedarfs- und Lebensmitteln. Das Aussehen der Kriegsgefangenen erstaunte uns daher nicht. Aber viele Einzelheiten fielen uns dennoch auf: Sie arbeiteten sehr langsam, waren schlecht rasiert, ihre Wangen waren eingefallen, die feldgrauen Uniformen schmutzig. Meist trugen sie Schuhe mit Holzsohlen. In den Arbeitspausen schauten sie sich nicht um, sie sahen nur auf den Boden oder zur Seite. Ein junger Rotarmist mit Maschinenpistole bewachte sie, richtete seine Aufmerksamkeit aber weder auf die deutschen Soldaten noch auf uns, obwohl wir schreiend kleine Stücke von Ziegelsteinen auf ihn warfen. Er las nur die Zeitung.

Da sich ein Lager ganz in der Nähe befand, trafen wir auf unseren Streifzügen zwischen den zerstörten Häusern regelmäßig auf deutsche Kriegsgefangene. Sie störten uns nicht. Im Gegenteil: Durch sie kamen wir in den Genuss des seltenen Vergnügens, auf einen Lkw aufzuspringen und bis zur Müllhalde, wohin sie den Schutt brachten, spazieren zu fahren. Die Lkw-Fahrer und der junge Rotarmist mit seiner Maschinenpistole sahen über uns kleine Mitfahrer hinweg.

Gefährlich war für uns nur eins: Dass die Kriegsgefangenen unsere gesammelten "Reichtümer" in einem unbeobachteten Moment einfach mit auf die Opel-Laster verluden. Wir mussten also den deutschen Soldaten erklären, dass dies auf keinen Fall passieren durfte. Zwar lernten wir schon Deutsch in der Schule und waren mit Hilfe des Wörterbuches in der Lage, das eine oder andere auf Deutsch zu sagen, aber der Sprachführer des jungen Rotarmisten konnte uns kaum helfen. Auf der ersten Seite lautete der oberste Eintrag in kyrillischer Umschrift: "Schweig, sonst bist du tot!"

"Marusjka, gib Brot!"

Einer der Soldaten sprach eine Sprache, die uns zuerst fremd erschien. Er sprach äußerst langsam und wiederholte sich ständig, so dass wir schließlich doch verstehen konnten, dass es Deutsch war. In der ersten Zeit sollte er für uns sogar dolmetschen. Später erfuhren wir, dass er aus Österreich kam. Wir nannten ihn "Kozlitschek", was Ziegelchen bedeutet. "Ziegelchen" war sehr mager und kleiner

als die anderen Soldaten, die wir "Schwarzer Fritz mit drei Fingern", "Brauner Heinz ohne Hand" und "Tauber Adolf" oder "Adolf ohne Ohr" nannten. Letzterem fehlte ein Ohr, stattdessen war nur eine tiefe Narbe zu sehen. Völlig gesunde Soldaten trafen wir selten. Wir vermuteten, dass sie anderswo arbeiteten.

Bevor wir die Spazierfahrt mit dem Lkw begannen, gab es eine Schwierigkeit zu überwinden: Ohne Hilfe mussten wir rasch auf die Ladefläche voller Ziegelsteine klettern und bei voller Fahrt sicherstellen, nicht wieder herunterzufallen, während der Fahrer "Schneller! Schneller!" schrie. Während der Fahrt durften wir nur nebeneinander direkt an der Kabinenwand sitzen. In Kurven hielten wir uns an den Steinen oder den deutschen Soldaten, die mit uns auf dem Wagen saßen, fest. Zuerst fanden wir das schrecklich ("Wir sind in den deutschen Händen!"), merkten aber bald: Sie behüteten uns schweigend - aber gern.

Eines Tages saßen wir und die Soldaten in zwei Gruppen neben unseren aufgehäuften "Reichtümern" im Gras und warteten auf den letzten Lkw. Die Zeit vertrieben wir uns mit der Suche nach Sauerampfer, doch für uns Hungrige war keiner übrig. Es war schon Abend, aber im Sommer war es bei uns zu dieser Zeit noch hell, es schien sogar die Sonne. Die Leute kehrten in schmutziger Kleidung von der Arbeit aus den Werken des Vorortes zurück. Einige Männer hinkten, anderen fehlte eine Hand oder ein Arm.

Unter den Arbeitern befand sich eine Frau. Sie hatte ihre tägliche Verpflegungsration bei sich, etwas schwarzes Brot mit einer kleinen Zugabe. Plötzlich, ohne sich jemandem zuzuwenden, rief der "Taube Adolf" auf russisch: "Marusjka, gib Brot!" Für einen deutschen Kriegsgefangenen war eine solche Anrede völlig unangemessen. Mit dem Kosenamen "Marusjka", Mariechen, wurden nur Frauen und Mädchen angesprochen, die man gut kannte, mit denen man befreundet war. Dennoch blieb die Frau stehen. Wir hoben die Köpfe. Sie betrachtete uns und die Gefangenen und reichte einen Teil ihrer Ration dem "Tauben Adolf", der sie sofort verschlang. Für uns war es eine ungeheure Tat: Sie hatte dem Deutschen zu essen gegeben!

"Du bist noch zu jung"

Nach kurzer Beratung waren wir uns einig, dass die Frau schon in Kriegszeiten Verbindungen zu dem deutschen Soldaten gehabt haben musste. Wir waren es gewohnt, nach "Schädlingen" zu suchen, die während der Leningrader Blockade den Deutschen mit Raketen Signale für Luftangriffe gegeben hatten. War sie eine von denen? Wir wollten ihr folgen und herausfinden, wer sie war, um die brisante Information unverzüglich "nach oben" weiterzugeben. Schon bald waren wir enttäuscht, hatten wir doch von jemandem aus der Nachbarschaft erfahren, der Name der Frau sei Natascha und ihr Mann liege verwundet im Spital.

Beim Abendessen daheim erzählte ich alles. Die Mutter schwieg. Der Vater, Schlosser in einem Werk des Vorortes, legt den Löffel ab und sagt nach einigem Nachdenken: "Du bist noch zu jung, um das jetzt zu verstehen. Unsere Natascha hat menschlich gehandelt."

Als wir eines Tages am Ende der Ferien von unserer Spazierfahrt mit dem Lkw zurückkehrten, entdecken wir mitten unter unseren "Reichtümern" einen großen Kronleuchter aus Bronze. Er war ein bisschen zerdellt, besonders die blumenförmigen Leuchter. Dieses Ding mussten die Kriegsgefangenen im Keller gefunden haben, es wog unheimlich viel. Wir konnten den Kronleuchter nur zu dritt durch die Straßen und Gassen zum Sammelpunkt schleppen. Man gab uns Extra-Rubel. Wir teilten das Geld für unsere Beute untereinander auf und gaben es später, wie immer, unseren Müttern.

Abschied von den Kameraden

Auf einer großen Bratpfanne, die wir früher einmal gefunden hatten, zerteilten wir das Fruchteis, das wir von unserem Anteil gekauft hatten, mit einem scharfen Messer in drei gleich große Stücke, wickelten jedes in die Blätter von Büchern, die wir gefunden hatten und trugen das Eis auf der Bratpfanne zu den Soldaten. Wir erklärten ihnen verlegen, dass unsere Ferien zu Ende seien und wir ihnen deshalb zum Abschied dieses Eis schenken wollen. Es war um die Mittagszeit und sehr heiß. Sie aßen es sofort. Sie bedankten sich, wie üblich sehr leise, und sahen dabei auf den Boden oder zur Seite.

Am nächsten Tag bekam jeder von uns im Gegenzug einen kleinen Käfer aus dünnem, buntem Telefondraht. Aus solchem Draht bastelten die Gefangenen im Lager auch Blumen und Körbchen.

In den darauf folgenden zwei Jahren sahen wir die Kriegsgefangenen bei uns nicht mehr. Vielleicht, so dachten wir, arbeiteten sie jetzt anderswo. Die letzten Kriegsgefangenen reisten aus dem Lager im November 1948 nach Deutschland ab.

Einige Male, meist morgens, wenn wir auf den ersten Lkw warteten, hatten die Deutschen leise gesungen. "Kozlitschek" hatte angestimmt: "Unter der Laterne..." und "O, Maria". Für uns waren das ganz erstaunliche Lieder, "Kozlitschek" schien mit verstellter Stimme zu singen. Er erklärte uns, so singe man eben in Österreich. Mit der Mundharmonika spielte er auch Polka, Walzer und ab und an einen Marsch. Dann hoben die im Gras liegenden Soldaten die Köpfe und lauschten aufmerksam der Melodie. Als wir "Kozlitschek" einmal fragten, wie man den Marsch nenne, den er spielte, antwortete er: "Die alten Kameraden". Bis heute muss ich immer wieder an "Kozlitschek" und die anderen "alten Kameraden" denken, die damals noch so jung waren.

Wir - die Nachkriegskinder aus dem Leningrader Vorort - haben die wichtigste Lehrstunde nicht vergessen: Wir verstanden, was das Wort "menschlich" im Leben bedeuten kann.

Aus dem Russischen von Joachim Kuss

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