Bernsteins Broadway-Fiasko Wie Leonard Bernstein mit einem Musical über Rassismus scheiterte

Mit der "West Side Story" hatte Leonard Bernstein Riesenerfolg. Daran wollte der Komponist 1976 mit "1600 Pennsylvania Avenue" anknüpfen, einem Musical über Rassismus in den USA. Es ging gründlich schief.

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Am New Yorker Broadway hätte man eigentlich eine Sensation erwarten können. Fast 20 Jahre nach der legendären "West Side Story" arbeitete Dirigent Leonard Bernstein an einem neuen Musical. Den Text schrieb Alan Jay Lerner, von dem schon das Libretto für "My Fair Lady" stammte. Doch der Traum von einem epochalen Werk für Amerika sollte platzen.

Das Publikum blieb aus: "1600 Pennsylvania Avenue" fiel nach der ersten Aufführung am Broadway im Mai 1976 bei Kritikern durch, nach nur sieben Vorstellungen kam das endgültige Aus. Was war passiert?

Bei der "West Side Story" in den späten Fünfzigerjahren ging es um eine tragische Liebesgeschichte inmitten eines Bandenkriegs in den Straßen von New York. Nun wollte Bernstein erneut ein heißes gesellschaftliches Eisen anpacken - die lange Geschichte der Rassendiskriminierung in den USA.

Der Titel des Stücks ist die Adresse des Weißen Hauses in Washington. Protagonisten sind die US-Präsidenten von der Unabhängigkeit bis Anfang des 20. Jahrhunderts, ihnen wird ein schwarzes Dienerehepaar gegenübergestellt. Es geht etwa um Thomas Jeffersons intime Beziehung zu einer Sklavin und um James Monroes Weigerung, die Sklaverei zu verbieten.

Im Visier des FBI

Zur Zeit der Premiere von "1600 Pennsylvania Avenue" war der Ruf des Weißen Hauses stark beschädigt. Die USA standen noch unter Eindruck der Watergate-Affäre, die 1974 Präsident Richard Nixon zu Fall gebracht hatte. Ihm waren Korruption und Amtsmissbrauch nachgewiesen worden - der Skandal erschütterte das Vertrauen in die Regierung nachhaltig.

Schon lange zuvor hatte das FBI Bernstein wegen seiner liberalen Gesinnung ins Visier genommen. Der Künstler machte aus seinen politischen Ansichten keinen Hehl und trat beispielsweise als Redner bei einer Großdemonstration gegen den Vietnamkrieg auf. Auf mehr als 800 Seiten sammelte die Bundespolizei seit den Vierzigerjahren belastendes Material, das auf Denunziationen beruhte.

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Dirigent und Komponist Bernstein: Ein strapaziöses Doppelleben

Jackie Kennedy Onassis beauftragte ihn mit einem Werk zur Einweihung des Kennedy Centers, des größten Kulturzentrums in Washington D.C. Die Premiere seines szenischen Bühnenwerks mit dem schlichten Titel "Mass" 1971 schlug im politischen Washington ein wie eine Bombe.

"Das war mitten im Vietnam-Krieg. Er dachte, die Struktur der katholischen Messe eigne sich perfekt als Symbol für die Strenge der Autoritäten", erinnert sich seine Tochter Jamie in der Dokumentation "Leonard Bernstein. Das zerrissene Genie" zum 100. Geburtstag des Komponisten am 25. August.

Geheimbotschaften im Text vermutet

Nixon sei von der paranoiden Idee besessen gewesen, Bernstein wolle ihm mit seinem neuen Stück eine Falle stellen, sagt der Musikwissenschaftler Alex Ross in der Doku. Sogar nach vermeintlichen Geheimbotschaften habe das Weiße Haus im lateinischen Text gesucht. Der Premiere von Bernstein "Messe" am 8. September 1971 vor rund 2200 geladenen Gästen blieb Nixon fern. Das provokante Werk handelt von der Rebellion einer Kirchengemeinde und endet mit einem Appell an Frieden und Brüderlichkeit. Rezensenten taten es als "modischen Kitsch" ab.

Bernstein trafen die Verrisse hart. Er suchte Anerkennung nicht nur als großer Dirigent, sondern vor allem als Komponist. 1969 war er überraschend als Musikdirektor der New Yorker Philharmoniker zurückgetreten, um sich mehr auf seine eigene Musik konzentrieren zu können. Mit "1600 Pennsylvania Avenue" versuchte er dann, seinen früheren Broadway-Erfolg zu wiederholen. Die Vorstellungen liefen im Zuge der Feiern zum Bicentennial, dem 200. Jahrestag der Einführung der Demokratie in den USA.

Ihr Vater habe die Geschichte als Sinnbild für ein Land begriffen, das einen Ausweg aus dem Grundübel der Sklaverei suche, erklärt Jamie Bernstein. Das Herzstück des Musicals, das Lied "Take Care of This House", sang Mezzosopranistin Frederica von Stade im Januar 1977 zur Amtseinführung des demokratischen Präsidenten Jimmy Carter. Es wurde als Mahnung Carters verstanden, sich seiner Regierungsverantwortung bewusst zu sein.

In einem späteren Interview bezeichnete Bernstein das Musical als "beste Metapher dafür, wie man eine Demokratie am Leben erhält". Und fügte hinzu: "Übt, übt, übt! Repariert, streicht, kürzt, ändert, wählt erneut, holt einen neuen Leiter, ersetzt den Choreografen - aber macht weiter, 'keep going'!". Dennoch wurde sein Stück zu einem der größten Flops in der Geschichte des Broadway.

"Diamantbesetzter Dinosaurier"

In ihrem Eifer entwarfen Komponist und Librettist eine komplexe Rahmenhandlung mit einer Theatertruppe, die das Geschehen im Weißen Haus reflektierte. Bernstein und Lerner hätten das Stück mit Ideen überladen und Sponsoren bereits im Vorfeld panisch reagiert, heißt es in der Doku "Das zerrissene Genie".

Patricia Routledge, Darstellerin der First Ladys, habe das Musical als "diamantbesetzten Dinosaurier" bezeichnet, berichtete 1997 die britische Zeitung "Independent". Kritisiert wurde vor allem, dass Bernstein sich zu den Jubelfeiern zum Geburtstag der Nation mit Rassismus beschäftigte. Der Theaterkritiker William Collins monierte, Bernstein nehme die Perspektive eines schwarzen Historikers ein, der Diskriminierungen anprangern wolle. Collins sah dahinter die "zynische Haltung eines weißen Liberalen", beladen mit Schuldgefühlen.

"Das Stück war seiner Zeit voraus", sagte Tochter Jamie Bernstein später in einem Interview. Wenn aber zwei weiße Juden sich mit dem Thema Rassendiskriminierung auseinandersetzten, sorge das in den USA eben für Irritationen.

Die Library of Congress in Washington bewahrt Bernsteins Nachlass auf. Die Skizzen zu "1600 Pennsylvania Avenue" füllen Hunderte Kisten. "Für die Show schrieb Bernstein über 40 Nummern, manche davon Alternativversionen desselben Songs", erklärt Archivar Mark Horowitz. "Es ist eine gewaltige Menge Musik. Ich habe den Eindruck, dass Lenny wusste, dass man sich später an ihn erinnern würde."

Dem Alkohol verfallen

Umso mehr litt Bernstein unter dem Misserfolg, der sich früh anbahnte. Heftiger Streit überschattete Proben in Washington und Philadelphia. "Diese Fülle an erstklassigem Material! Das meiste davon wurde nie gehört, schaffte es nicht einmal in die Proben, weil es vorher rausflog", bedauerte er später. "Man befürchtete, so viel Musik würde das Publikum langweilen."

Hinzu kamen neue Ouvertüren und Pop-Nummern - "die reinste Folter für ihn und für Lerner", so Bernsteins Assistent John Mauceri. "Ich erinnere mich daran, dass Alan sagte: 'Bevor ein neuer Librettist kommt, scheitere ich lieber'. Und sein Wunsch ging in Erfüllung."

Bernstein erlebte sein Musical nie wieder auf der Bühne. In den Jahren nach dem Broadway-Fiasko setzten ihm persönliche Krisen schwer zu. Nach dem Krebstod seiner Frau, die er wegen einer seiner zahlreichen homosexuellen Beziehungen verlassen hatte, feierte er zwar weiterhin Triumphe als Dirigent. Aber zugleich führte er ein ausschweifendes Jetset-Leben, verfiel zunehmend dem Alkohol und einer fatalen Mischung aus Beruhigungs- und Aufputschmitteln. Im Oktober 1990 starb Leonard Bernstein schwerkrank im Alter von 72 Jahren.

Die Erben von Bernstein und Lerner autorisierten später eine Konzertversion von "1600 Pennsylvania Avenue" unter dem Titel "A White House Cantata". Die erste Aufführung 1997 mit dem London Symphony Orchestra unter Kent Nagano erschien auf CD - aber einen offiziellen Mitschnitt der Broadway-Uraufführung gab es nie.

insgesamt 5 Beiträge
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Klaus Simon, 25.08.2018
1. Zeit für ein Revival
Das wäre doch mal ein Versuch wert. Ist das Werk denn nie verlegt worden?
Hank Chinasky, 25.08.2018
2. Gibt es heute niemanden...
... der sich an eine Wiederaufführung wagen würde? Keine renommierte Bühne, die darin eine Art Kulturgeschichtspflege sehen könnte? Ein seltsamer Betrieb, in dem weltweit jährlich vermutlich mehrere Dutzend Sinfonieorchester immer die gleichen Evergreens wie Beethovens Neunte oder Mozarts Zauberflöte "neu" auf die Bühne bringen, aber sich niemand an so ein ambitioniertes Werk eines doch wohl anerkannt ganz Großen wagt.
Corina Kolbe, 25.08.2018
3. Revival von
Es wäre sicherlich lohnenswert, sich mit der gesamten Musik zu befassen, die Bernstein für dieses Musical geschrieben hat. Er selbst äußerte sich ja sehr zufrieden über seine Arbeit, die allerdings zu einem guten Teil in der Versenkung blieb. 16 Jahre nach dem Broadway-Flop hat es eine neue Produktion des Indiana University Opera Theater gegeben. Dafür wurde auch Material von Bernstein verwendet, das vor der Aufführung am Broadway 1976 getilgt worden war. Das Studentenprojekt kam im August 1992 kurzzeitig im Kennedy Center in Washington auf die Bühne. Andere Wiederbelebungen des Musicals als Ganzes sind mir nicht bekannt. Wie in meinem Text erwähnt, wurde dagegen die nach Bernsteins Tod erstellte "A White House Cantata" aufgeführt und auch auf CD veröffentlicht.
Erwin Tegtmeier, 26.08.2018
4. Was für Zeiten!
Heute wäre er als liberal noch mehr am Rande und die Geheimdienste hätten noch mehr Material gegen ihn, schon unter Obama.
Franziska Kreß, 27.08.2018
5.
Ich habe mir eine Aufführung des "Musicals" auf Youtube angesehen. Leider hatten die Kritiker wirklich recht. Es war gut gemeint, zu gut.. Leider ist es musikalisch wirklich kein großer Wurf gewesen, nicht direkt schlecht, aber nicht die große Oper die ihm vorschwebte. Es hat nicht die Frische und das Niveau von "West Side Story " oder "Candide" . Bernsteins großes Problem war eben "West Side Story", es ist ihm nie gelungen, als Komponist an diesen Erfolg anzuknüpfen.
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