Fußball-Legende Leônidas da Silva "Er war unsere Dynamitstange"

Fußball-Legende Leônidas da Silva: "Er war unsere Dynamitstange" Fotos
AFP/Getty Images

Sie nannten ihn den "Gummi-Mann": Leônidas da Silva machte schon Jahrzehnte vor Ronaldo und Pelé den brasilianischen Fußball salonfähig. einestages erinnert an den Mann, der als Erfinder des Fallrückziehers gefeiert wird - und zeigt die schönsten Rückwärts-über-Kopf-Tore der Fußballgeschichte. Von

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Alles steht auf dem Spiel für die brasilianische Nationalmannschaft. Der Regen prasselt erbarmungslos nieder auf den Rasen im Straßburger Stade de la Meinau am 5. Juni 1938, und die sonnenverwöhnten Brasilianer kämpfen verbissen: Gegen den matschigen Rasen. Gegen den Rausflug aus der Fußball-WM in Frankreich. Für den bitter nötigen Sieg gegen die polnische Mannschaft. Die Erwartungen ihrer Familien, Freunde und brasilianischen Landsleute lasten schwer auf ihren Schultern - ganz besonders auf denen von Leônidas da Silva, dem Hoffnungsträger der Nationalelf. Und doch hat er in diesem Moment bloß eine Sorge: Wie zum Henker wird er nur seine Schuhe los, ohne dass der Schiedsrichter es merkt?

Damals, bei diesem schicksalhaften Spiel gegen Polen, galt das K.o.-System noch von WM-Turnierbeginn an. Zur Halbzeit lagen die Südamerikaner mit 3:1 vorne, als es zu regen begann. Noch zur Pause sollen Leônidas' Teamkollegen den Schiedsrichter darum gebeten haben, ihre Führung wegen der ungewohnten Bodenverhältnisse barfuß verteidigen zu dürfen, aber der Unparteiische blieb hart. Die Folge: Polen holte auf, 2:3, 3:3, nach neunzig Minuten stand es 4:4. Verlängerung.

Für da Silva gab es nur einen Ausweg: Er musste diese verdammten Schuhe ausziehen. Laut einem Fifa-Spielbericht soll der Stürmer seine Schuhe angeblich im klebrigen Matsch des zerregneten Stadionrasens verloren haben, andere Berichte sagen, da Silva habe seine Schuhe freiwillig ausgezogen. Fest steht: Auf einmal dribbelte der Mittelstürmer barfuß über den Platz - und traf. Zweimal innerhalb von 14 Minuten. Ob er beide Treffer ohne Schuhe erzielte, ist nicht klar. Fakt ist: Brasilien gewann mit 6:5 und zog ins Viertelfinale ein. Noch nie zuvor war die "Seleção" bei einer Weltmeisterschaft so weit gekommen - 1930 und 1934 war die brasilianische Mannschaft bereits nach dem ersten Spiel ausgeschieden.

Eine neue Zeitrechnung begann in dem Land: Plötzlich spielte Brasilien auch international attraktiven Fußball. Und das - so die Wahrnehmung damals - verdankte das Land einzig und allein diesem Abend in Straßburg und seinem Helden: da Silva.

"Das aufregendste Spiel meines Lebens"

Das Spiel, von dem da Silva später selbst sagte, es "war wohl das Aufregendste, das ich je mitgemacht habe", gilt bis heute als das beste seines Lebens. Und er hielt sein Spitzenniveau das ganze Turnier hindurch. Am Ende der Weltmeisterschaft wurde er mit acht Treffern zum Torschützenkönig gekrönt. Auch der Titel "bester Spieler des Turniers" ging an ihn - und das, obwohl Brasilien im Halbfinale gegen Italien verlor und nur Dritter wurde.

Die Presse liebte den Mittelstürmer, den Fans und Journalisten voll Anbetung den "Gummi-Mann" oder den "schwarzen Diamanten" nannten. Eine brasilianische Tageszeitung schrieb am Tag nach dem Polen-Spiel überschwänglich über da Silva: "Er war unsere Dynamitstange. Er schaffte das Unmögliche. Jedes Mal, wenn er den Ball berührte, zuckte ein Blitz voller Enthusiasmus durch die Menge." Auch die europäischen Reporter fanden Gefallen an dem bis dahin nahezu Unbekannten und seiner außergewöhnlich athletischen Spielweise. Ein Pariser Journalist meinte während des Spiels gegen Polen, sechs Beine am Körper des Brasilianers gezählt zu haben.

Besonders ein Trick sollte da Silva weltberühmt machen: Der Fallrückzieher. Der Stürmer beherrschte diese Schusstechnik derart perfekt, dass er bis heute für einen Großteil der Fußballwelt als ihr Erfinder gilt. Auch wenn in Wahrheit vor ihm schon einige Spieler über Kopf nach einem Ball getreten haben. Sogar da Silva selbst hat das später mehrfach beteuert. Dennoch blieb der Mythos bestehen - vielleicht auch, weil er der Erste war, der diesen Trick erfolgreich in einem WM-Spiel einsetzte.

Vor dem Einsatz tanzte er die ganze Nacht

Die Illustrierte "Paris Match" schrieb einmal: "Jedesmal, wenn da Silva trifft, fühlt es sich an wie ein Traum." Dabei wäre dieser Traum beinahe schon im Kindesalter geplatzt. Als Leônidas da Silva vor 100 Jahren, am 6. September 1913, in Rio de Janeiro geboren wurde, erzählte man den Kindern in Brasilien noch, dass es sich nicht lohne, Fußballer zu werden. Zu wenig Geld winke einem als Sportler, hieß es damals. Und so hofften auch Leônidas' Eltern, ein portugiesischer Seemann und eine Köchin, dass aus ihrem Sohn einmal etwas Vernünftiges werden würde - etwa ein Arzt oder ein Anwalt.

Doch der "schwarze Diamant" zeigte schon früh seine Leidenschaft für das Spiel, das ihn sein Leben lang begleiten würde. Noch als Kind formte Leônidas aus zusammengewickelten Socken einen Ball, mit dem er mal gegen Hauswände, mal mit Nachbarskindern spielte. Er wurde von Mal zu Mal besser, seine Technik immer filigraner. Bald begann da Silva, in Rios Fußballclubs zu kicken.

Allerdings hätte es bei seinem Karrierestart fast gewaltig geholpert: Bei seinem ersten großen Einsatz war da Silva müde und verkatert. Es war das entscheidende Duell um die brasilianische Meisterschaft im Jahr 1931 und da Silva war sich so sicher, dass er nicht spielen würde, dass er am Vorabend bis spät in die Nacht durch Rios Straßen tanzte. Ein paar Stunden vor Anpfiff verletzte sich jedoch ein Teamkollege - und Leônidas, der nur 18 Jahre alte Reservespieler, sollte einspringen. Mit einem herzhaften Bohneneintopf päppelte sich der Teenager bis zum Mittag auf. Mit Erfolg: da Silva erzielte zwei Treffer und verhalf so seiner Heimatstadt Rio zum Meistertitel.

Nach dem Spiel kam der Star der gegnerischen Mannschaft, der Deutsch-Brasilianer Arthur Friedenreich, damals der berühmteste brasilianische Fußballer, höchstpersönlich zu Leônidas, um ihm zu seiner Leistung zu gratulieren.

Eine Schokolade für den "schwarzen Diamanten"

In den knapp 20 Jahren seiner Karriere spielte da Silva in so ziemlich jedem Spitzenclub Brasiliens und wurde zwölfmal Meister. Er war einer der ersten Schwarzen, die in Brasiliens Fußballmannschaften aufgenommen wurden und der erste überhaupt, der einen Werbevertrag angeboten bekam - für die Tafelschokolade "Diamante Negro", die noch heute in Brasilien überaus beliebt ist.

Bei allem Ruhm: Über die Grenzen Brasiliens hinaus hat da Silva nie den Status eines Pelé erreichen können - obwohl er es gewesen ist, der den brasilianischen Fußball mit seiner legendären WM-Leistung 1938 eigentlich überhaupt erst groß gemacht hatte.

Im entscheidenden Spiel bei der WM 1938 jedoch, dem Halbfinale, war der Spielmacher nicht auf dem Feld, sondern saß auf der Bank - um sich für das Finale zu schonen, wie Trainer Adhemar Pimenta verlauten ließ. Es sollte noch 20 Jahre dauern, bis das Land Weltmeister wurde. Zu dem Zeitpunkt hatte Leônidas da Silva allerdings längst die Seiten gewechselt - er war Sportreporter.

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Jens Mährländer 06.09.2013
Der im Artikel erwähnte Arthur Friedenreich war übrigens Sohn eines Deutschen und einer schwarzen Brasilianerin. Aus diesem Grund hatte auch Friedenreich lange zu kämpfen, um in bestimmten Clubmannschaften und der Nationalmannschaft Brasiliens spielen zu dürfen, obwohl er als bester Spieler des Landes galt.
2.
Rolf Piper 06.09.2013
Schlecht recherchiert! Bereits zu dieser Zeit war das Phiola-Tor ein Begriff. Ein Italiener, der mit einem Salto-Rückwärts (Fallrückzieher) in Italien seine Tore schoss! Suchen sie im Kicker jener Zeit!
3.
Nicolas Roos 06.09.2013
>Schlecht recherchiert! Bereits zu dieser Zeit war das Phiola-Tor ein Begriff. Ein Italiener, der mit einem Salto-Rückwärts (Fallrückzieher) in Italien seine Tore schoss! Suchen sie im Kicker jener Zeit! < Haben Sie den Artikel gelesen, oder nur die Überschrift? >Besonders ein Trick sollte da Silva weltberühmt machen: Der Fallrückzieher. Der Stürmer beherrschte diese Schusstechnik derart perfekt, dass er bis heute für einen Großteil der Fußballwelt als ihr Erfinder gilt. Auch wenn in Wahrheit vor ihm schon einige Spieler über Kopf nach einem Ball getreten haben. Sogar da Silva selbst hat das später mehrfach beteuert. Dennoch blieb der Mythos bestehen - vielleicht auch, weil er der Erste war, der diesen Trick erfolgreich in einem WM-Spiel einsetzte. < Und hat der kicker Piola mit h geschrieben, oder haben Sie auch da schlecht recherchiert.
4.
Javier Gomez 09.09.2013
@ Die Redaktion!!! Die "schönsten" Fallruckzieher zu stellen ohne das Tor von Hugo Sanchez, ist wie eine Sammlung von Beethovens beste Werke ohne die neunte Symphonie! Außerdem lache Ich über die meisten "Fallruckzieher" [manche sind gar keine Fallruckzieher] die man als ästetisch verkaufen will. Die Fußballer heben sich nicht mal 20cm ab! Bei Hugo Sanchez war der Ball in höhe von mehr als 2 Meter. Dazu kommt die perfekt flachen Rücken, in Relation zum Boden, genau als er der Ball trifft. Hier der Beweis. http://www.youtube.com/watch?v=BtWsPa5pGCk
5.
Rolf Piper 09.09.2013
Nein! Ich habe das Bild zu jener Zeit im Kicker gesehen. Aber die Zeitschrift wurde ein Opfer der Verganagenheit. Vielleict kann ihnen die Kicker-Redaktion helfen!
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