Letzte Anne-Frank-Helferin Heldin aus dem Hinterhaus

Sie riskierte ihr Leben für Anne Frank: Miep Gies versorgte die Jüdin und deren Familie ab Juli 1942 zwei Jahre lang im Amsterdamer Versteck. Als die Gestapo die Untergetauchten entdeckte, rettete die Sekretärin Annes Tagebuch, das später weltberühmt wurde. Sie starb 2010.

Von

AP

Zeit ihres Lebens gab es einen Tag im Jahr, an dem sie sich in ihren eigenen vier Wänden einsperrte und das Haus nicht verlies. Einen Tag, an dem sie froh war, wenn die Sonne unterging und endlich die Nacht hereinbrach: Am 4. August überwältigte Miep Gies jedes Mal von neuem die Trauer - und der Zorn, es doch nicht geschafft zu haben. Es ist der Tag, an dem sich die Deportation derjenigen jährt, die sie liebte, versteckte, versorgte - und für die sie 25 Monate lang ihr Leben riskierte: Am 4. August 1944 spürten Gestapo-Männer zwei jüdische Familien und einen Zahnarzt in ihrem Versteck in der Amsterdamer Prinsengracht 263 auf und führten sie ab. Unter ihnen: Anne Frank.

Das Leben des Mädchens, das Anfang März 1945 im KZ Bergen Belsen starb, kurz bevor britische Soldaten das Lager befreiten, konnte Miep Gies nicht retten. Die Aufzeichnungen jedoch, die weltweit als "Tagebuch der Anne Frank" bekanntwurden, hatte sie an jenem 4. August 1944 vom Boden des Hinterhauses aufgeklaubt und für die Nachwelt gerettet. Am 11. Januar 2010 ist Miep Gies nach kurzer Krankheit einen Monat vor ihrem 101. Geburtstag in einem Pflegeheim in den Niederlanden gestorben.

Als Helferin der Familie Frank und Bewahrerin der Tagebuchaufzeichnungen von Anne wurde sie bis zu ihrem Tod gefeiert - als Heldin wollte sie sich jedoch nie verstanden wissen. "Ich tat nur, worum ich gebeten wurde und was jeweils notwendig erschien", antwortete sie stets auf die Frage, warum sie ihr Leben riskierte, indem sie andere Menschen versteckte.

Riskanter Plan

Ihr Arbeitgeber, der Gewürzhandelsunternehmer Otto Frank, war es, der Miep im Frühsommer 1942 darum bat, für ihn und seine Familie zu sorgen. Gerüchte machten in Amsterdam die Runde, dass die Juden zu "Arbeitseinsätzen" abtransportiert würden. Wochenlang hatte Otto Frank das Hinterhaus des Kontorhauses mit Möbeln, Kisten und Vorräten ausgestattet - am 6. Juli 1942 zog die Familie dort ein, eine Woche später folgten die van Daans in das Versteck. "Sie hatten die Tür ihres Lebens einfach zugemacht und waren aus Amsterdam verschwunden", schrieb Miep Gies in ihren 1987 erschienenen Erinnerungen "Meine Zeit mit Anne Frank". Wer blieb, waren Franks Sekretärin Miep Gies sowie weitere vier Eingeweihte, die die isolierten Juden versorgten.

Jeder hatte dabei eine spezielle Aufgabe: Victor Kugler und Johannes Kleiman etwa hielten den Firmenbetrieb aufrecht und brachten den Untergetauchten Bücher und Zeitschriften mit. Bep Voskuijl sorgte für Brot und Milch. Die Aufgabe von Miep bestand darin, Gemüse und Fleisch für die jüdischen Familien aufzutreiben. Kein leichtes Unterfangen, denn natürlich verfügten Untergetauchte auch nicht mehr über Lebensmittelkarten.

Zunächst ging der Plan trotzdem auf: Mieps Mann Jan besorgte die Karten bei einer Untergrundorganisation, die sich auf das Stehlen und Fälschen der lebensnotwendigen Dokumente verlegt hatte. Schlachter, Bäcker, Milchmann und Gemüsehändler gaben ihre Waren großzügig heraus, obwohl sie längst gemerkt hatten, dass die Helfer der Untergetauchten über ihren Bedarf hinaus einkauften.

Helfer unter Druck

Mit der Zeit wurde die Versorgung der jüdischen Familien im Hinterhaus jedoch immer komplizierter: 1943 waren die Niederlande bereits so sehr von den Deutschen ausgeplündert worden, dass es an allem mangelte. Der Gemüsehändler, der selbst zwei Untergetauchte versorgt hatte, war verhaftet und in ein Lager deportiert worden. Das Gemüse, das Miep nun noch auftreiben konnte, war verrottet - so dass nach kurzer Zeit allesamt, Helfer und Versteckte, unter Durchfall und verdorbenem Magen litten. Anfang 1944 verschärfte sich die Situation abermals - die Untergrundorganisation, die die Helfer mit Lebensmittelkarten versorgt hatte, flog auf. Das Martyrium der Eingesperrten wurde immer unerträglicher.

Hinter dick verhängten Fenstern mussten sie den ganzen Tag auf Socken durchs Haus schleichen, durften nur flüstern, niemals das WC betätigen. Neben dem nagenden Hunger und der Angst, aufgespürt und abtransportiert zu werden, kam die Furcht vor einem Bombenangriff oder davor, krank zu werden.

Doch auch die Helfer, unter ihnen Miep, litten physisch wie psychisch enorm unter der Situation: Einerseits fühlte die junge Frau enorm mit den Untergetauchten, teilte deren Ängste und Sorgen, andererseits durfte sie sich nach außen unter keinen Umständen etwas anmerken lassen, um nicht verdächtig zu werden.

Die ganze Wahrheit

Um damit klarzukommen, entwickelte Miep ihre eigene Strategie: Sie sprach mit niemand über die versteckten Juden, nicht einmal mit den anderen Helfern. "Wenn man darüber geredet hätte, wäre man unter Druck geraten. Dann hätte man den ganzen Tag an die Untergetauchten gedacht und das durfte nicht sein", sagte sie einmal in einem Interview. Auch den Eingeschlossenen erzählte sie niemals die ganze deprimierende Wahrheit, die sich in der Außenwelt abspielte - ihr Mann Jan verpasste ihr einen Maulkorb, weil er wollte, dass sie die Menschen im Hinterhaus schonte.

Nur Anne, so Miep im Interview, habe gespürt, dass sie mehr wusste, als sie sagte. Das Kind habe ihre Helferin so lange bedrängt, bis sie mit der ganzen Wahrheit rausrückte. Und so erfuhr Anne Frank allein durch die Schilderungen Mieps von der Vergasung und Ermordung der Juden, von all den anderen schrecklichen Dingen, die sie in ihrem Tagebuch so minutiös protokollierte. Bis die Schilderungen plötzlich abrissen - und die Gestapo vor der Tür stand.

"Im Büro war es still, wir arbeiteten, und plötzlich schaute ich auf. Die Tür stand offen und ein kleiner Mann trat ein, der seinen Revolver auf mich richtete und sagte: 'Sitzen bleiben, keiner rührt sich vom Fleck!'", beschrieb Miep den verhängnisvollen Moment. Später seien die Untergetauchten die Treppe hinuntergekommen, sehr langsam. Die beiden Helfer Victor Kugler und Jo Kleiman nahmen die Männer gleich mit - sie landeten im Konzentrationslager Amersfoort.

Verzweifelter Rettungsversuch

Dass Miep davonkam, verdankte sie einem Zufall: Karl Josef Silberbauer, jener SS-Mann, der die Familie Frank einst verhaftete, war Österreicher - ebenso wie Miep Gies. "Ich erklärte, ich stamme aus Wien, genau wie er. Daraufhin wurde Silberbauer unsicher und tigerte im Zimmer hin und her. Endlich beschloss er, dass ich im Büro bleiben durfte. 'Aus persönlicher Sympathie'."

Nur deshalb konnte sie, nachdem alle abgeführt waren, auch noch einmal ins Hinterhaus schlüpfen. Dort war alles durchwühlt. Auf dem Boden lagen Annes Aufzeichnungen, jenes rot karierte Poesiealbum, diverse Hefte und 327 lose Blätter. Miep sammelte alles ein und versteckte die Aufzeichnungen in ihrem Büroschreibtisch, um sie eines Tages Anne zurückzugeben.

Doch Miep sollte das Mädchen nie wieder sehen - obwohl sie auch nach der Verhaftung vom 4. August mit einer aberwitzigen Aktion erneut ihr Leben riskierte, um die Familie zu retten: Ein Vertreter der Frank-Firma sammelte Geld und gab es Miep. Mit zitternden Knien ging die junge Frau mit der Summe ins Gestapo-Hauptquartier und versuchte, ihren österreichischen Landsmann zu bestechen und die Familie freizukaufen. Der Mann ließ sie abblitzen und verwies sie an die nächst höhere Instanz. Hier beschimpfte man Miep als "Schweinehündin".

Davongekommen

Dass man sie abermals nicht verhaftete, verdankt Miep erneut dem Zufall: Sie erwischte die Nazi-Offiziere beim Feindsender-Hören. "Die Stimme aus dem Radio sprach Englisch, sie hörten BBC! Wahrscheinlich hätten sie mich sofort verhaften müssen, aber sie waren zu verblüfft, um zu reagieren. So schnell ich konnte, flüchtete ich aus dem Gebäude."

Miep blieb unbehelligt - von den acht Untergetauchten aber, die sie einst versorgt hatte, kehrte nur Otto Frank zurück, am 3. Juni 1945, nach einer Odyssee von Auschwitz über Odessa und Marseille nach Amsterdam. Sieben Jahre lang ließen ihr Mann und sie Otto Frank bei sich wohnen. Erst als feststand, dass Anne tot war, übergab Miep die Aufzeichnungen ihrem Vater. Obwohl sie sehr neugierig gewesen sein muss, hatte sie das Tagebuch-Geheimnis all die Monate respektiert und niemals in den Aufzeichnungen gelesen - die bis heute zu den erschütternsten Zeugnissen des Holocaust gehören.

Mit Miep Gies ist nun die letzte überlebende Helferin der Familie Frank gestorben. "Wenn ich zurückblicke, scheint die Tatsache, dass ich immer Glück hatte, sich wie ein roter Faden durch mein Leben zu ziehen", schrieb die Frau einst über ihr Leben. Wenn ein Mensch so viel Leid erfahren hat und dennoch so optimistisch geblieben ist, dann hat man es mit einem außergewöhnlichen Menschen zu tun. Miep Gies war so einer.

Zum Weiterlesen:

Miep Gies: "Meine Zeit mit Anne Frank - der Bericht jener Frau, die Anne Frank und ihre Familie in ihrem Versteck versorgte, sie lange Zeit vor der Deportation bewahrte - und sie dennoch nicht retten konnte", Frankfurt, Fischer Taschenbuchverlag 2009, 254 Seiten.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.