Letzte Miss-Wahl in der DDR "Schönes Abschiedsgeschenk"

Letzte Miss-Wahl in der DDR: "Schönes Abschiedsgeschenk" Fotos
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Langbeinig, blond, ostdeutsch: 1990 wurde Leticia Koffke zur ersten und letzten Miss DDR gewählt. Ihr Triumph machte die Krankenschwester aus Brandenburg über Nacht zu einem Star - und zum letzten Aushängeschild eines untergehenden Staates. Von

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Ohne die Tante aus Ostberlin wäre Leticias Leben ganz anders verlaufen. "Mensch, mach doch mit. Es gibt bestimmt was zu gewinnen", riet die Verwandte aus der Hauptstadt ihrer Nichte in der Provinz. Die Dame hatte in der "Märkischen Volksstimme" von dem Wettbewerb zur Miss DDR gelesen.

Leticia Koffke, 19-jährige Krankenschwester aus dem Brandenburgischen, fasste sich ein Herz, bewarb sich - und gewann. Am 22. September 1990, wenige Minuten nach Mitternacht, drückte die Jury in der Schweriner Halle am Fernsehturm der Blondine mit den langen Beinen und den großen rehbraunen Augen ein Strasskrönchen auf die Dauerwelle und kürte sie zur Miss DDR.

Fortan repräsentierte Leticia Koffke die oberste Schönheit eines Staates in seinen letzten Atemzügen. Nur elf Tage nach dem Endausscheid in Schwerin hörte die Deutsche Demokratische Republik endgültig auf zu existieren. Ein wenig grotesk sei das schon gewesen, sagt sie heute. Vor allem aber erfüllte es die Brandenburgerin mit unbändiger Freude, die im Untergang begriffene DDR zu verkörpern. "Ist doch ein schönes Abschiedsgeschenk gewesen", resümiert Leticia Koffke.

Miss Frühling machte den Anfang

Aus "Jux und Tollerei" habe sie damals auf ihre Tante gehört und mitgemacht, sagt die heute 39-Jährige. Außerdem wusste sie natürlich, dass ihre Chancen nicht schlecht standen. Schon einmal hatte die Langbeinige mit den Traummaßen 87-66-86 bei einem Beauty-Contest reüssiert: Im Mai 1990 war Leticia Koffke zur zweitschönsten Frau Brandenburgs gewählt worden - zu einer Zeit, als der Drang nach ästhetischem Vergleich die Ostdeutschen bereits fest im Griff hatte.

Nachdem die DDR-Führung Schönheitswettbewerbe jahrzehntelang als Erniedrigung der Frau durch den Kapitalismus geächtet hatte, schufen die Menschen 1986 mit der konspirativ durchgeführten Kür einer Miss Frühling in der Marzahner Disco "Feuerwache" Fakten. Die Regierung beugte sich dem Willen des Volkes und erlaubte Miss-Wahlen zumindest auf lokaler Ebene.

Auf die "Miss Frühling" folgte die Miss Sommer, 1987 durfte eine als "Miss Berlin" titulierte Miss Ost-Berlin anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt gar an Erich Honecker vorbeidefilieren. Nach dem Fall der Mauer griff der Missen-Virus immer rasanter um sich, keine Discothek, kein Ball und, wie im Fall Leticia Koffkes, keine Region, die nicht mit einer eigenen Schönheitskönigin aufwarten konnte.

Spaghettiträger, Glitzerpailletten, Freudentränen

Dementsprechend groß war der Andrang bei der Wahl zur Miss DDR: 3512 junge Frauen bewarben sich. "So ein Quatsch", entfuhr es Mama Koffke, als Leticia ihr beichtete, zur Endausscheidung in die Schweriner Halle am Fernsehturm eingeladen worden zu sein. Die 19-Jährige fuhr trotzdem, gewandet in eine in letzter Sekunde noch selbst genähte Bluse. Eine eigene schicke Abendrobe hatte sich die aus bescheidenen Verhältnissen stammende Tochter eines Kochs und einer Krippen-Erzieherin nicht leisten können - die musste sie sich vom Wettbewerbsorganisator und Chef der Oldenburger Miss Germany Corporation (MGC), Horst Klemmer, ausleihen.

Ein rotes "Prinzessinnenkleid" sei das gewesen, wadenlang, mit Spaghettiträgern und Glitzerpailletten, sagt Koffke, vielleicht sei sie ja deshalb ausgewählt worden. Doch der Jury, dominiert von deutsch-deutschen Schlagerbarden wie Klaus Baumgart, Abi Ofarim und Frank Schöbel, gefiel die junge Frau auch im sportlich-nüchternen, hoch geschlossenen Badeanzug. "Wahrscheinlich, weil ich am meisten von allen dem gängigen Missen-Klischee entsprach", mutmaßt Koffke heute.

Vor 20 Jahren war sie nicht so abgeklärt. Tränen der Freude kullerten ihr die geröteten Wangen hinunter, als die blond gelockte Frau in jener Nacht zur Schönsten im ganzen Lande gekürt und mit Preisen überschüttet wurde. Denn anders als bei der Wahl zur Vize-Miss Brandenburg, von der Leticia mit einem Spiegel, einem Pullover und einem Jogginganzug zurückgekehrt war, übertrumpften sich in Schwerin die Sponsoren aus dem Westen gegenseitig, um die Miss DDR für ihre Schönheit zu belohnen. Und das, obwohl niemand wissen konnte, wie werbewirksam ein solcher Titel sein würde.

Schwarzer Mini-Cooper, Juwelen, Azoren-Reise

Der Hamburger Bauer-Verlag ließ einen schwarzen Mini Cooper springen, der Sponsor Christ aus Hagen schickte einen Juweliergutschein im Wert von 2000 Mark. Der Münchner Taschenhersteller MCM legte ein komplettes Reisegepäck drauf. All dies, inklusive einer Reise auf die Azoren und einem Managementvertrag mit MGC im Gepäck, verließ die 19-Jährige den Wettbewerb in Schwerin - ihrem alten Ost-Leben stattete sie nur noch eine Stippvisite ab.

"Um das Miss-Germany-Büro in Oldenburg anzurufen, musste ich mich jedes Mal eine halbe Stunde lang an einer der beiden Telefonzellen meiner Heimatstadt anstellen", erinnert sich Koffke - ein eigenes Telefon besaß die Familie nicht. Da auch die Zugverbindungen in die Bundesrepublik miserabel waren, zog Leticia im Herbst 1990 nach Oldenburg, wo sie bei der Familie ihres Managers Klemmer Unterschlupf fand. Die Tochter war zum Medizinstudium fortgegangen, das Jugendzimmer kurzfristig frei geworden.

"Eine Miss Germany hat einen vollen Terminkalender, wie es mit der Miss DDR aussehen wird, weiß ich noch nicht", sagte Klemmer damals zu ihr. Doch dann rissen sich plötzlich alle um die Repräsentantin des untergegangenen Ostens - was folgte, entsprach dem üblichen Missen-Alltag: Fotoshootings hier, Engagements als Model dort, daneben jede Menge Autogrammstunden in Kaufhäusern, Fernsehauftritte, Promotion-Touren für die Produkte der Sponsoren.

Erste gesamtdeutsche Miss Germany seit 57 Jahren

Über Nacht war die Schöne aus den neuen Bundesländern mitten ins Herz des westlichen Kapitalismus vorgedrungen: "ein ziemlicher Kulturschock", sagt Koffke im Rückblick. Schon im Spätherbst 1989, eine Woche nach der Wiedervereinigung, als sie mit Stullenpaket und Thermosflasche bewehrt, einen ersten Schnupperausflug nach West-Berlin unternommen hatte, war sie erschlagen worden von der Konsumwelt der BRD - ungleich heftiger traf sie der Warenrummel, in den sie nun als Werbeträgerin geraten war.

Doch Leticia bemühte sich, nicht allzu sehr darüber nachzudenken, sondern nahm ihre Termine wahr. Glücklich darüber, nicht zu den Verlierern der deutschen Einheit zu gehören - sondern im Gegenteil das schönste Gesicht der Wiedervereinigung zu besitzen. Denn im Dezember 1990 wurde die Miss DDR auch noch zur Miss Germany - der ersten gesamtdeutschen seit 57 Jahren - gekürt.

Nachdem sie als Preisgeld abermals ein Auto, diesmal war es ein Toyota Corolla, geschenkt bekommen hatte, wusste die junge Frau: Nun ist es an der Zeit, endlich den Führerschein zu machen. Im Brandenburg vor der Wende war ihr das stets unsinnig erschienen: "ein absurdes Unterfangen, ich hätte ja eh kein Auto bekommen", sagt die einstige Schönheitskönigin.

Heute haben sowohl der Mini Cooper als auch der Toyota ausgedient. Leticia Koffke trägt ihr Haar nicht mehr blond, sondern mahagonifarben und arbeitet als Filialleiterin ihres einstigen Sponsoren Christ. "So schließt sich der Kreis", sagt sie. Auf ihre Missen-Zeit blickt die 39-Jährige voller Stolz zurück. "Immerhin habe ich einen kleinen Beitrag zur Wiedervereinigung geleistet", sagt sie - indem sie das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen stärkte.

"Mensch, wir sind ja doch nicht nur Loser", diese Botschaft wollte sie transportierten. Als erste und letzte Miss DDR - und als erste gesamtdeutsche Beauty-Queen.

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1.
Siegfried Wittenburg 23.09.2010
"Mensch, wir sind ja doch nicht nur Loser" Wer hat denn gemeint, dass "wir" Looser sind?
2.
Thorsten NYC 24.09.2010
Na ja, lieber Siegfried, lockerer (engl. »looser«) als unsere seit Jahrzehnten im selben Mußtopf schwimmenden westdeutschen Nachbarn waren wir nach der verrückten 89er Revolution vielleicht wirklich eine Zeit lang. Dass sich viele Ostdeutsche als Verlierer (»loser«) der deutschen Geschichte gesehen haben, liegt für mich auf der Hand. Ansonsten wäre der Drang, so schnell wie möglich (per Beitritt) auf die Gewinnerseite zu wechseln, wohl nicht so groß gewesen.
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