Ende des Winterschlussverkaufs Letzte Schlacht am Grabbeltisch

Büstenhalter zu fünf Pfennig? Anarchie! 2004 endete eine der großen deutschen Nachkriegstraditionen: der offizielle Schlussverkauf. Vorbei war es mit WSV, SSV, mit Menschentrauben vor verschlossenen Ladentüren und Nahkampf um das letzte Billighemd. Ist das schade?

DPA

Von Judith Liere


Wird der französische Modedesigner Jean Paul Gaultier in Interviews gefragt, ob er denn auch etwas auf Deutsch sagen könne, antwortet er stets: "Winterschlussverkauf".

Das ist lustig, weil es ein langes, kompliziertes Wort ist, das mit französischem Akzent drollig klingt. Man denkt bei diesem Wort sofort an tüchtige Sparer, an schwäbische Hausfrauen, an Menschentrauben vor noch verschlossenen Kaufhaustüren und an übervolle Wühltische mit eher preiswerten als schönen Kleidern.

Dabei fand der letzte offizielle Winterschlussverkauf in Deutschland vor zehn Jahren statt - danach wurde das Gesetz gelockert, das dem Einzelhandel jahrzehntelang vorschrieb, nur zu streng geregelten Zeiten die Preise auf ihr Sortiment zu reduzieren. "Sonderveranstaltungen", die der "Beschleunigung des Warenabsatzes dienen und den Eindruck der Gewährung besonderer Kaufvorteile hervorrufen", so hieß es wunderbar amtsdeutsch im Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, sind nur für die Dauer von zwölf Werktagen erlaubt. Und zwar: "beginnend am letzten Montag im Januar und am letzten Montag im Juli". In dieser Zeit durften Textilien, Bekleidungsgegenstände, Schuhwaren, Lederwaren oder Sportartikel zum Verkauf gestellt werden (Winter- und Sommerschlussverkäufe). Die einzige Ausnahme von dieser Regelung galt "zur Feier des Bestehens eines Unternehmens im selben Geschäftszweig nach Ablauf von jeweils 25 Jahren".

Tumult bei C&A

Schnäppchenjäger hatten es außerhalb der Schlussverkäufe also sehr schwer. Es herrschte Schonfrist im Einkaufsrevier. Umso heftiger ging es während der Jagdsaison zu. Die Geschäfte verhängten vor Beginn des Schlussverkaufs ihre Schaufenster, denn die verbilligten Waren durften erst ab Samstagnachmittag gezeigt werden, der eigentliche Verkauf ging am Montag los. Die Bilder von Menschen, die sich schon vor der Ladenöffnung vor Kaufhäusern drängten, schafften es in die Fernsehnachrichten und in die Zeitungen. Oft kam es zu tumultartigen Szenen. Bei C&A etwa waren in den siebziger Jahren einmal Tische mit 500 Oberhemden zum Preis von fünf Mark innerhalb von 20 Sekunden leergeräumt.

Im Deutschland der Nachkriegszeit waren SSV und WSV, also Sommer- und Winterschlussverkauf, wichtige Termine. Eigentlich wurden sie ins Leben gerufen, weil die Händler zum Saisonende die Winter- oder Sommerkleider aus ihren Lagern räumen wollten, um Platz für neue Ware zu schaffen: Alles muss raus. Oft kauften die Läden aber auch extra Ramschwaren minderer Qualität für den Schlussverkauf ein, um Käufer zu locken. Das machte die Kunden offenbar schnell skeptisch. So schrieb DER SPIEGEL im Februar 1955:

"Die Zeit des Montags-Ansturms unter Polizeibedeckung scheint vorbei zu sein. (...) Im Schlußverkauf 1955 werden gute und mittlere Qualitäten gekauft. Hemden zu zehn Mark gehen besser weg als Hemden zu fünf Mark. Die im Vorjahr noch angebotenen Krawatten zu zehn Pfennig sind fast völlig verschwunden, und auch die 'Büstenhalter zu fünf Pfennig', die nach der ersten Wäsche nur geeignet waren, auf Vogelscheuchen den Busen der Natur zu zieren, sind keine Schlager des diesjährigen Schlußverkaufs."

"Gute Stimmung bei den Konsumenten"

Fast einhundert Jahre lang waren Schlussverkäufe gesetzlich reglementiert. 1909 tauchte im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb erstmals der Aus- und Räumungsverkauf auf, eine Verordnung, die alle Auflagen dafür bis ins kleinste Detail festlegte, trat 1950 in Kraft.

Dass dieses Gesetz schließlich am 3. Juli 2004 reformiert wurde und Ausverkäufe nun auch außerhalb der strengen Zeitfenster erlaubt sind, hat vor zehn Jahren keinen großen Wirbel in Deutschland ausgelöst. Bereits drei Jahre zuvor war das Rabattgesetz gelockert worden, Schnäppchen konnte man seitdem das ganze Jahr über machen. WSV und SSV hatten bereits ihre Bedeutung verloren. "Der Schlussverkauf macht das Leben nicht mehr einfacher. Er tut nur noch so. Deshalb ist es kein Verlust, wenn er in diesem Winter das letzte Mal stattfindet", schrieb der "Tagesspiegel" 2004.

Einzig der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels wehrte sich anfangs gegen die Reform, befürchtete das Sterben der kleineren Händler, die sich keine eigenen Werbeaktionen für ihre Rabatte leisten können. Man prophezeite, die Kunden würden verwirrt und verunsichert, weil sie nicht mehr wüssten, wann und wo sie gerade Waren günstiger bekämen.

Seit der Reform des Gesetzes beteiligen sich die meisten Händler weiterhin an einem Saisonausverkauf zu festgelegtem Datum, dem "freiwilligen Schlussverkauf". Diese Praxis hat schnell auch den Hauptverband des Deutschen Einzelhandels beruhigt. Im Sommer 2004, nach dem ersten SSV ohne gesetzliche Regelung, sagte ein Verbandssprecher: "Die gute Stimmung bei den Konsumenten hat gezeigt, dass die Deutschen das Einkaufen noch nicht verlernt haben."

Drängelnde Massen vor den Kaufhaustüren sieht man in den Nachrichten heute nicht mehr. 2005 fragte ein Meinungsforschungsinstitut im Auftrag des SPIEGEL, ob die Menschen in Deutschland ihr Kaufverhalten noch nach Schlussverkäufen richten würden. 84 Prozent antworteten damals bereits mit Nein.



insgesamt 7 Beiträge
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Wilfried Huthmacher, 27.01.2014
1.
In den USA gibts das aber schon noch, oder? Auch mit den Massen, die die Einkaufsläden stürmen - wenn auch nicht zum WSV oder SSV aber in der Zeit vor Weinachten. Bei Southpark wurde daraus eine wuendervolle Geschichte in Kombination mit Motiven aus "Games of Thrones".
Kain Klarname, 27.01.2014
2.
Sie meinten wohl "Büstenhalter zu fünf Pfennig? ANOMIE!". Anarchie ist etwas anderes.
Juergen Frey, 28.01.2014
3.
Na ja,damals herrschte ja noch Bedarf nach verbilligten Bekleidungstuecken und die Kaufhaeuser etc. konnten neue Ware kaufen. Durch das heutige Ueberangebot und der ruecklaeufigen Kaeufe ist es ueberfluessig geworden. Dafur kriegt man heute bis 70% und lfd neue Sonderverkaeufe. In den letzten Jahren konnte man immer mehr muslimische Frauen an den Grabbeltischen rumwuehlen sehen. Die Deutschen hielten sich schon fern, denn wer will schon arm aussehten!!!
Markus Wolf, 28.01.2014
4.
Wobei so tot sind die Schlussverkäufe ja auch nicht, heute heissen sie nur Sale oder Cyber-Monday! Dabei kommen so interessante Wortkreationen wie Sommer-Sale oder Weihnachts-Sale heraus... Anderes Wort, aber gleiches Drängeln nach der Werbung! :-)
red bayer, 28.01.2014
5.
Schön geschildert und das ist auch gut so! Letztlich ist es wieder ein Beweis für die Unsinnigkeit von Gesetzen und Geboten die etwas verhindern sollen, was Menschen gerne machen. Ähnlich ist es in Deutschland mit dem "Verbot von Preisnachlässen" gewesen. Heute darf zwar jeder den vorgelegten Preis verhandeln, aber die Deutschen mögen das eigentlich nicht und so findet es kaum mehr statt.
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