Letztes DDR-Länderspiel Aufstieg und Abstieg nach dem Abschied

Es war der Abgesang mit dem letzten Aufgebot: Nur 14 Fußballer fanden sich am 12. September 1990 zusammen, um das letzte Länderspiel für die DDR zu spielen. Für Stefan Böger war es der Beginn eines neuen, erfolgreichen Lebens. Für Jörg Stübner der Anfang vom Abstieg - er wurde zum Phantom.

Das Bundesarchiv/Ulrich Häßler

Von


2008 bekam Stefan Böger einen Anruf von Matthias Sammer, dem Sportdirektor des DFB. Ob sich Böger vorstellen könne, die U-16-Nationalmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes zu trainieren? Böger nahm sich drei Monate Zeit, erst dann unterschrieb er den Vertrag. "Ich musste mir klar werden, ob der Job zu mir passt und ich bin froh, dass ich so lange gewartet habe. Umso besser läuft es jetzt." Böger hat alles richtig gemacht. Mal wieder.

2004 saß Jörg Stübner in der Redaktion der "Bild"-Zeitung in Dresden und erzählte seine Geschichte. Dass er seit Jahren keine Sozialhilfe mehr bekomme und zuletzt als Erntehelfer für 2,25 Euro die Stunde gearbeitet habe. Stübner erzählte vom Alkohol und Tabletten und dass er weg wolle aus Deutschland. Nach Gran Canaria, "dort werde ich als Betreuer und Animateur in einem Fitnessstudio arbeiten." Er kannte die Insel von einem Trainingslager mit Dynamo Dresden 1987. Damals war der Club noch erstklassig und "Stübs" das größte Fußballtalent, das die DDR hatte.

Stübner kündigte seine Wohnung in Dresden, er wollte sich "bemühen, vieles besser zu machen". Dann verliert sich seine Spur. Jörg Stübner ist verschwunden. Mal wieder.

Ein Leben läuft aus dem Ruder

Stefan Böger und Jörg Stübner sind heute zwei Männer Mitte 40. Ihre Leben nahmen unterschiedliche Wege, obwohl beide die gleiche Vergangenheit teilten. Böger und Stübner wuchsen in der DDR auf, beide besuchten Fußballinternate, der eine in Jena, der andere in Dresden. Beide lebten in den achtziger Jahren das privilegierte Leben eines Oberliga-Spielers, mit Reisen ins Ausland und viel Geld. Beide waren Arbeiter auf dem Platz und keine Künstler. Ihre Aufgabe war es, das Spiel des Gegners zu zerstören und ihre größte Qualität die Beharrlichkeit. Und beide waren auch dabei am 12. September 1990, als die DDR in Belgien zum letzten Länderspiel ihrer Geschichte antrat.

Für Böger begann damals ein neues, erfolgreiches Leben. Für Stübner begann es, aus dem Ruder zu laufen.

Die 12.000 Zuschauer in Anderlecht erwarten an jenem Herbstabend ein einseitiges Spiel ihrer Mannschaft. Belgien hat an der WM 1990 teilgenommen, der Spielmacher Enzo Scifo gehört zu den europäischen Superstars. Und der Gegner aus dem untergehenden Land tritt mit einer Rumpftruppe an. Gerade 14 Spieler hat DDR-Nationaltrainer Eduard Geyer zusammenbekommen, Stars wie Andreas Thom, Ulf Kirsten oder Thomas Doll sagten ab. Auch Matthias Sammer denkt kurz darüber nach, abzureisen. Doch der Kapitän überlegt es sich anders.

Der Mann mit der Popperfrisur

Die Stimmung der 14 Aufrechten ist viel besser, als die Chance, die man ihr in Belgien einräumt. Die Mannschaft, motiviert mit einer kleinen Antrittsgage und der Aussicht auf viel Ehre und 70.000 Mark Siegprämie, bereitet sich in Kienbaum bei Berlin akribisch auf den Auftritt vor - der in die Geschichte eingehen soll als das 293. und letzte Länderspiel der DDR. "Keiner war verkrampft", erinnert sich Stefan Böger. "Wir wollten es genießen, ein letztes Mal zusammen zu spielen." Durch die vielen Absagen ist das Team in einer "Jetzt-erst-recht"-Stimmung. Ein Sieg in Belgien wäre trotzdem eine Sensation.

Jörg Stübner erfährt, dass er im Stadion Constant Vanden Stock von Beginn an auflaufen wird. Stefan Böger sitzt auf der Bank. Ihn wundert das nicht, "wenn alles normal gelaufen wäre, hätte ich doch nie die Chance bekommen, dort zu spielen." Es gibt bessere, erfahrenere Nationalspieler als den Mann von Carl Zeiss Jena, doch die sagen fast alle ab. Nur Stübner kommt. Der Mann mit der Popperfrisur und der Nummer sieben auf dem Rücken ist gesetzt im Mittelfeld, mit 24 hat er schon 46 Länderspiele absolviert. Er kann auf dem Platz eine Klette sein und lässt seit Mitte der Achtziger die Großen des Weltfußballs reihenweise verzweifeln. Giresse, Platini, Stojkovic. Auch in Anderlecht hat er einen Spezialauftrag: Stübner soll Scifo ausschalten.

Fotostrecke

18  Bilder
Letztes DDR-Länderspiel: Aufstieg und Abstieg nach dem Abschied

Der Plan geht auf. Scifo und Belgien kommen nicht ins Spiel, ganz anders der Außenseiter in den weißen Hemden und blauen Hosen - die DDR ist besser. In der 25. Minute verletzt sich Stübner und muss ausgewechselt werden.

Für ihn kommt Stefan Böger.

Auch Böger verfolgt Scifo über den Platz, grätscht, sprintet, passt, er macht seine Sache so gut wie Stübner. In der letzten Viertelstunde schießt Matthias Sammer zwei Tore und die DDR gewinnt 2:0. "Wir wollten, dass die Zuschauer zur Halbzeit oder spätestens nach 60 Minuten ruhig sind. Wir wollten, dass sie mit offenem Mund auf der Tribüne sitzen und sich fragen, was denn hier gespielt wird", erzählt Böger. Die Zuschauer sind still bis zum Schluss, dann applaudieren sie. Dem Gegner.

Geschichten vom erfolgreichen Ankommen im Westen

Ein letztes Mal sitzt die Mannschaft in der Nacht zusammen und feiert so, wie sie gespielt hat. Kompromisslos und ohne Gedanken an die Zukunft. "Man sollte uns das nachsehen, wir haben die Situation gefeiert, das letzte Spiel, den unverhofften Erfolg - wir haben es uns noch mal gutgehen lassen in jener Nacht", sagt Böger und findet dann noch ein Wort für die Stimmung: "Nostalgie." Am gleichen Tag wird in Moskau der "Zwei-plus-Vier-Vertrag" unterzeichnet, der den Weg frei macht für die Wiedervereinigung. Drei Wochen später ist die DDR endgültig Geschichte, im Dezember läuft Matthias Sammer erstmals für Deutschland auf.

Sammer wird für sieben Jahre der Einzige aus der 14-köpfigen Nostalgietruppe bleiben, der auch für die Bundesrepublik ein Länderspiel absolviert. Doch die allermeisten gingen ihren Weg auch im bundesdeutschen Fußball. Der Stürmer Uwe Rösler wurde ein Star in England, Thorsten Kracht Bundesliga-Spieler in Frankfurt, Dariusz Wosz und Heiko Bonan in Bochum. Es wurden bescheidene Karrieren oder gute, aber meist waren es Geschichten vom erfolgreichen Ankommen im Westen.

Stefan Böger stieg mit Hansa Rostock im ersten Jahr aus der Bundesliga ab und ging nach Duisburg. Auch die Duisburger mussten 1992 in die Zweite Liga, doch Böger entschied sich trotzdem für einen Wechsel zum MSV. Es war eine Entscheidung, die er so abwog wie die Zusage an den DFB 16 Jahre später. Eine Kopfentscheidung. "Mein Bauch sagte, bleib in Rostock, aber ich habe mich gefragt, wer von beiden wohl am ehesten wieder in die Bundesliga aufsteigt", sagt Böger.

Stübner sucht Halt bei ehemaligen Kollegen

Das Abenteuer Westen wurde ein Erfolg für Böger. Er konzentrierte sich auf den Sport, kämpfte sich in die Mannschaft. "Ich habe alles andere links und rechts ausgeblendet", sagt er, "ich hatte klare Ziele und war sehr vernünftig." Im nächsten Jahr stieg Duisburg tatsächlich in die Erste Liga auf. Hansa Rostock nicht. Böger hatte mal wieder alles richtig gemacht.

Jörg Stübner machte nichts richtig.

Er blieb in Dresden und bekam Probleme mit Trainer Helmut Schulte. Der sensible Stübner ließ sich gehen, lebte nicht mehr sportgerecht, war oft verletzt, trank. Dynamo Dresden, regiert vom Bauunternehmer Rolf-Jürgen Otto, hatte zwei Jahre später nichts mehr übrig für seinen verdienten Spieler. "Rausgetreten wie ein nasser Hund" fühlte sich Stübner, "und das nur, weil ich mir erlaubt hatte, 20.000 Mark Gehaltsrückstände einzufordern", sagte er 2004 der "Bild"-Zeitung.

1993 wechselte er zu Eduard Geyer nach Leipzig, es war seine erste Flucht. Doch auch bei seinem ehemaligen Nationaltrainer wurde er nicht glücklich und auch nicht bei seinem ehemaligen Vereinskollegen Torsten Gütschow in Marsberg. Stübner suchte Halt bei den alten Fußballbekannten, aber 1995 wurde er auch beim Verbandsligisten Neubrandenburg entlassen. Am 7. September lag er auf der Intensivstation in Dresden. Er war auf der Straße zusammengebrochen, die Tabletten.

"Möglichst die richtigen Entscheidungen treffen"

In den nächsten Jahren las man nur noch kurze Meldungen über das abgestürzte Supertalent, das mit der neuen Freiheit nicht klarkam. 1996 landete er in Pirna (Bezirksliga). 1997 musste er das Haus seiner Großeltern verkaufen. 1999 gab ihm der ehemalige Dresdner Kollege Matthias Döschner noch eine letzte Chance in der Landesliga. Doch auch die nutzte Stübner nicht. Statt mit ins Trainingslager zu fahren, machte er sich mit einem geliehenen Auto "ein fettes Leben", bis das Autohaus nach dem Wagen fahnden ließ. Das Leben Stübners zerfaserte, er kam mit dem Druck nicht klar.

Dann tauchte er ab.

"Talent ist gut und schön, aber es gehörte mehr dazu, um es nach der Wende zu schaffen", sagt Stefan Böger. Er bezieht die Aussage bewusst nicht auf Stübners Schicksal, dafür kennt er ihn nicht gut genug. Er bezieht sie auf sich selbst. In der unsicheren Zeit nach der Wende sei es besonders wichtig gewesen, klaren Kopf zu bewahren, "möglichst die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das haben eben nicht alle geschafft". Böger kam zugute, dass er immer kämpfen musste, "ich war kein außergewöhnliches Talent wie Doll, Sammer oder Kirsten", erzählt er. Mit 31 Jahren wechselte Böger 1998 noch zum HSV in die Bundesliga, wo er nach seiner Karriere Trainer wurde.

Die Spur verliert sich

Stübner tauchte erst 2003 wieder auf. Beim Abschiedsspiel von Ulf Kirsten lief er plötzlich ins Rudolf-Harbig-Stadion ein, die Fans in Dresden bejubelten ihn mehr als den, der seinen Abschied gab. Sie hatten ihn nicht vergessen. Stübner schoss sogar ein Tor. Dann war er wieder weg. 2004 dann das vorerst letzte Zeichen, der Besuch bei der "Bild"-Zeitung. Stübner sah ausgezehrt aus in der Serie, die die Zeitung über ihn druckte, verlebt, mit schütterem Haar. Aber er erzählte seine Geschichte schonungslos, was Mut machte. Und Stübner räumte mit dem Gerücht auf, er habe Mitte der Neunziger einen Selbstmordversuch unternommen. Zu stolz sei er für solch eine Verzweiflungstat. Die "Bild"-Serie hatte vier Teile und oben drüber stand etwas von "verpfuschtem Leben".

Nach seiner Flucht nach Gran Canaria verliert sich seine Spur. Stübner wurde wieder zum Phantom. Und wieder gab es Gerüchte. Über eine Rückkehr nach Dresden und die Rückkehr in die alten Gewohnheiten. "Wenn die Wende nicht gekommen wäre, hätte ich eine Familie, viele Kinder, ein Haus und einen Trainerjob", hat Jörg Stübner vor Jahren im "Bild"-Interview gesagt.

Stefan Böger hat sein Glück gefunden, er wollte ihn ja auch immer, diesen Erfolg. Lange nach dem letzten Fußballtag der DDR spielt er wieder mit Matthias Sammer im gleichen Team. Der Kapitän von damals als Sportdirektor, Böger als Nachwuchstrainer. "Die Fußballwelt ist klein", sagt Böger. Es ist die Welt, in der der eine immer die richtigen Entscheidungen traf. Und die für den anderen vielleicht zu groß war.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Holger Löckmann, 11.09.2010
1.
"Drei Wochen später ist die DDR endgültig Geschichte, im Dezember läuft Matthias Sammer erstmals für Deutschland auf. "- Die "DDR" war auch "Deutschland"! Sammers erster Auftritt für Deutschland in der A-Nationalmannschaft war am 19. November 1986.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.