Leuchttürme Aufrecht zwischen Monsterwellen

Lichter in der nassen Hölle: Seit Jahrhunderten weisen Leuchttürme Seefahrern in peitschenden Stürmen den Weg vorbei an mörderischen Riffen und Klippen. Aber immer wieder wurden die blinkenden Lebensretter selbst zum Schauplatz tragischer Dramen - oft schon beim Bau der einsamen Kolosse.

Jean Guichard/Corbis

Von Dietmar Scherf


15 Sekunden tobt der Atlantik im Dunkeln. Dann huscht ein roter Lichtstrahl dreimal kurz hintereinander über die Fluten und wieder ist Finsternis. Seeleute erkennen sofort das Signal des Leuchtturms La Jument. Manchem Kapitän wies es den Weg aus der Hölle und ständig warnt es 20 Kilometer vor der Nordwestecke Frankreichs vor einer der gefährlichsten Meeresstellen der Welt. Hoffnung und Untergang sind dort ganz dicht beieinander - das Wasser ist gespickt mit spitzen Klippen, der Meeresgrund mit Wracks gekenterter Schiffe. Stahlseile halten La Jument auf einer Klippe, Wellen haben ihn immer wieder ins Wanken gebracht, das Geländer verbogen, die Tür und Fenster zerschlagen.

Dezember 1989: Ein heftiger Sturm der Stärke 10 Beaufort wühlt den Atlantik auf. Ein Hubschrauber nähert sich La Jument. Leuchtturmwärter Theodore Malgorn tritt auf die Balustrade, um zu schauen, was passiert. Da rollt von hinten eine Riesenwelle auf den Turm zu. Schon wird die Gischt bis an die Spitze geschleudert, meterhohe Wassermassen wälzen über das Geländer. Malgorn kann in letzter Sekunde zum Eingang springen und sich retten. Im Helikopter sitzt der Fotograf Jean Guichard - und hat sein legendäres Foto geschossen: der Leuchtturmwärter auf dem Balkon, als er die Riesenwelle, die sich hinter ihm auftürmt, noch nicht bemerkt hat.

Dramatische Szenen haben sich auch schon am Sockel von La Jument abgespielt - Philippe Lioret drehte hier "Die Frau des Leuchtturmwärters" und zeigt die Welt am Meer im Kampf mit den Elementen, zwischen Ruhe und Sturm, Ferne und Nähe, Fremde und Heimat. Erzählt wird die Geschichte von Antoine, der auf die Insel Ouessant vor der bretonischen Küste kommt und die Mannschaft des Leuchtturmwärters Yvon verstärken soll. Bei der gefährlichen Arbeit im abgelegenen Leuchtturm entwickelt sich eine Freundschaft zwischen dem charmanten Fremden und dem spröden Yvon. Verhängnisvoll, denn Antoine hat eine Affäre mit der Frau des Leuchtturmwärters.

Am Rande des Wahnsinns

Um jeden Turm in Sturm und Wellen ranken sich Geschichten - und Seemannsgarn. Die Wärter inspirierten Filmemacher und Schriftsteller, galten als Exoten, als Seewölfe, nach Paraffin riechend, die Hände schwarz vom Öl, mutig, schweigsam, einsam. Manchmal waren sie wochenlang eingeschlossen, wenn immer neue Unwetter eine Ablösung unmöglich machten. Lioret beschrieb sie in der Zeitschrift "Mademoiselle" als Helden, "oftmals am Rande des Wahnsinns, die um jeden Preis das Feuer in der Lampe am Brennen halten mussten, egal wie hoch die Windstärke und wie heftig die Wucht der meterhohen Brecher waren, die die Leuchttürme bis in die Grundfeste erschüttern".

La Jument wurde längst automatisiert, wie die meisten anderen Leuchtfeuer in einer Welt, in der vor allem Satellitenpositionssysteme den Kurs vorgeben. Trotzdem gibt es Leuchtturmwärter bis heute. Ive und Tomi etwa leben auf der kroatischen Insel Susac mitten in der Adria in einem heizungslosen Leuchtturm von 1878, dem einzigen Gebäude auf der schroffen Insel - und sind nicht mehr so allein, seitdem sie ein paar Zimmer als Ferienwohnungen vermieten. Die Beiden führen ihre Gäste über das Mini-Eiland zu einer versteckten Grotte, die einen See mit dem Meer verbindet, und versorgen die Urlauber mit Fischen und Wein, sollten die mitgebrachten Lebensmittel einmal knapp werden.

Ferien im Leuchtturm machen auch die berühmten "Fünf Freunde" von Enid Blyton. In dem Kinderbuchklassiker mit Schauerromantik finden Anne, Georg, Richard, Julius und der Hund Tim in einem Geheimgang unter ihrem Urlaubsdomizil einen lang verschollenen Strandräuberschatz, den ihnen zwei Ganoven abluchsen wollen. Blytons Buch klärt über die Tricks von Strandräubern auf. Mancherorts trieben die Banden bis ins 19. Jahrhundert ihr Unwesen, entzündeten Irrlichter, falsche Leuchtfeuer. Nahm ein Schiff Kurs auf die vermeintlichen Seezeichen, krachte es auf ein Riff und wurde geplündert. Alfred Hitchcocks "Riffpiraten" machten die felsige Küste Cornwalls unsicher. Die junge Waise Mary kam der Bande um Onkel Joss auf die Schliche, rettete einen zuvor von den Piraten enttarnten Agenten und versucht, mit ihm zu fliehen.

In die Fluten gerissen

Lebensgefährlich war der Bau vieler Leuchttürme, besonders auf offener See. Auf dem gefürchteten Eddystone-Riff vor Plymouth gab es dazu gleich mehrere Anläufe. Anfang des 18. Jahrhunderts riss ein Orkan eine erste Holzkonstruktion samt des Architekten Henry Winstanley in die Fluten. 52 Jahre später brannte der wiederaufgebaute Holzturm ab. Ein dritter Versuch mit einem Bauwerk aus Steinblöcken und eiserner Laterne floppte, als der tragende Felsen vom Meer unterspült wurde. Der vierte Versuch, diesmal auf der Nachbarklippe, glückte. 1882 weihte der Duke of Edinburgh das Eddystone Lighthouse ein, das noch heute alle zehn Sekunden zwei weiße Lichtblitze in die Nacht sendet.

Wo und wann Menschen anfingen, mit Kerzen und Feuern am Strand Seefahrern die Heimkehr zu erleichtern, ist ungewiss. Ziemlich schnell dürfte jemand auf die Idee gekommen sein, das Licht auf einer natürlichen oder konstruierten Erhebung zu entzünden, damit es weiter draußen auf dem Meer zu sehen ist. Auf der Insel Pharos bei Alexandria an der ägyptischen Küste stand der erste bekannte Leuchtturm. Der mehr als 130 Meter hohe Prachtbau aus dem 3. Jahrhundert vor Christus zählte zu den sieben Weltwundern der Antike und wurde im 14. Jahrhundert durch Erdbeben zerstört. Zurzeit planen ägyptische Architekten den Wiederaufbau. In mehreren Sprachen wurde das Wort für Leuchtturm von Pharos abgeleitet, beispielsweise heißt Leuchtturm auf Französisch Phare.

Der französische Physiker Augustin Jean Fresnel revolutionierte 1822 die Leuchtfeueroptik durch das nach ihm benannte Linsensystem. Es setzt sich aus stufenweise angeordneten Zonen zusammen und ermöglichte bei deutlich geringerem Gewicht im Vergleich zu damals gängigen Apparaten eine bis dato unvorstellbare Bündelung des Lichts. Als Fresnel den Prototyp seines Scheinwerfers im Leuchtturm von Cordouan anwarf, dachten die Leute in den Nachbardörfern, die Turmlaterne stehe in Flammen.

Rot-weiß geringelt

Deutschlands bekannteste Leuchttürme stehen wohl an der Nordsee. Wie der Pilsumer in Ostfriesland, der aussieht wie eine gelb-rot geringelte Tonne auf dem Deich. Seinen großen Auftritt hatte er in Otto Waalkes Film "Otto der Außerfriesische". Der Westerhever an der nordfriesischen Küste musste ausgerechnet im Werbespot einer ostfriesischen Biermarke als Kulisse herhalten. 1907 wurde der Turm auf einer Warft auf einer Sandbank vor dem Seedeich gebaut und mit einer Lichtbogenlampe ausgestattet, die in klaren Nächten 50 Kilometer weit strahlt. Markant sind die beiden flankierenden Wärterhäuschen und seine breiten, roten und weißen Bauchbinden. Der dritte unter Deutschlands Leuchtfeuerstars erhebt sich mitten in der Nordsee zwischen Bremerhaven und Helgoland auf Position 53° 51´ 18 N/08° 04´ 54 E. Sein Name: "Roter Sand", Baujahr 1885. 79 Jahre lang wies der denkmalgeschützte Turm Schiffen den Weg um ein gefährliches Riff zur Wesermündung. Seit 1999 übernachten dort Urlauber.

Kein Aufwand war je zu groß, damit das rettende Licht nicht erlischt. Am Cape Hatteras in North Carolina hatten sich die Fluten dermaßen tief in den Untergrund gefressen, dass der denkmalgeschützte Leuchtturm einzustürzen drohte. Was tun? Umziehen! 1999 wurde das 63 Meter hohe Gebäude abmontiert, auf Räder und Schienen gesetzt, im Schneckentempo 884 Meter landeinwärts gezogen, abgesetzt und verankert. Mit Sicherheitsabstand zum Meer zeigt der Leuchtturm nun wieder Seeleuten blinkend den Weg in die Heimat.



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Gerhard Meyer, 27.05.2014
1. wunderbare Fotos
Ich habe mich durch alle Fotos geklickt. Ein Dankeschön an Dietmar Scherf für diesen tollen Artikel.
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