Libanonkrieg Eine Woche des Wahnsinns

Nicole Hänel lebte und arbeitete in Beirut, als im Juli 2006 israelische Raketen in der Stadt einschlugen. Die Deutsche befand sich plötzlich mitten im Krieg. Ein Protokoll der Angst.

Nicole Hänel/Spencer Osberg

Von September 2005 bis Juli 2006 habe ich in Beirut/Libanon gelebt und dort als Geschäftsführerin eines Restaurants gearbeitet. Als der Krieg am 12. Juli begann, änderte sich mein Leben radikal.

Mittwoch, 12. Juli 2006

Im Restaurant höre ich, dass die Hisbollah zwei israelische Soldaten bei Grenzgefechten entführt und weitere Soldaten getötet haben soll. Mir ist sofort klar, dass das verdammt schlechte Neuigkeiten sind.

Das Radio läuft den ganzen Tag. Es meldet Angriffe im Süden. Würden sie es wagen, Beirut zu bombardieren? Alle Menschen um mich herum sind der Meinung: " Nein, das wagen sie nicht. Das würde Krieg bedeuten."

Donnerstag, 13. Juli 2006

10 Uhr

Ich bin durch dieses Grummeln geweckt worden. Es ist lauter geworden. Plötzlich gibt es einen ohrenbetäubenden Knall, der Boden wackelte, die Fensterscheiben klirrten. Schock. Was ist passiert? Eine Bombe? So nah an unserem Haus?

Ich könnte mich dafür ohrfeigen, dass ich mir nicht irgendwelche Klamotten neben das Bett gelegt habe. Ich bekomme kaum Luft vor Angst, zittere am ganzen Körper. Irgendwie schaffe ich es doch, mir schnell eine Hose und ein T-Shirt überzuziehen. Ich laufe raus, aber ich sehe nichts. Zurück in der Wohnung schalte ich den Computer an, will im Internet nachsehen. Israel hat den Flughafen von Beirut bombardiert und eine Landebahn getroffen.

Ali, unser Nachbar, kommt rübergelaufen. Seine Familie lebt in Haret Hreik, einem Vorort von Beirut, der als Hisbollah-Hochburg gilt und keine fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt liegt. Die Israelis haben das Viertel, das auch Dachie genannt wird, bombardiert. Ich kann die Einschläge hören. Mein Freund und ich denken das erste Mal ernsthaft darüber nach, zu welchem Zeitpunkt es logisch wäre, das Land zu verlassen.

18 Uhr

Israel bombardiert den Süden Libanons, die Hisbollah antwortet mit Katjuscha-Raketen, die sie auf den Norden Israels schießt. Im Südlibanon würden Brücken gesprengt, die Zahl der Toten sei auf 50 gestiegen, melden die Nachrichten. Wir haben Alis Fernseher zum Laufen gebracht.

Freitag, 14. Juli 2006

5 Uhr

Ich habe Angst, schlafen zu gehen, will nicht von Bombenerschütterungen geweckt werden. Doch keiner weiß, wann die Bombardierungen wieder losgehen und wir brauchen Schlaf. Also ab ins Bett.

Plötzlich ein lauter Knall, Erschütterungen, Panik. Ich bin schlagartig wach, Adrenalin und Angst machen mich hibbelig. Es ist immer noch dunkel draußen.

Wir gehen auf das Dach unseres Hauses, um zu sehen, was passiert. Die nächsten Minuten sind pure Panik. Wir hören einen Jet, der viel lauter ist als die anderen, sehen Flak-Feuer, das direkt vom Nachbarhaus zu kommen scheint und über unserem Haus explodiert. Eine ohrenbetäubende Explosion. Ich sehe, wo die Bombe eingeschlagen ist - nur wenige Blocks entfernt. Meine Beine geben nach, ich lasse mich an der Wand runtersinken. Ich kann nicht fassen, dass das hier gerade vor meinen Augen passiert. Menschen sterben und ich weiß nicht, ob ich diese Nacht überleben werde. Es folgen weitere Einschläge, das Haus wackelt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, die vermutlich nur einige Minuten dauerte, kehrt wieder Ruhe ein.

Die Sonne geht langsam auf. In der Stadt herrscht gespenstische Ruhe. Das Sonnenlicht trifft sich mit den in Rot getauchten Vororten. Die einzigen Geräusche sind das Gebell zweier Hunde und der einsetzende Gesang der Muezzine zum Morgengebet. Mir laufen die Tränen über das Gesicht und ich kann mich nicht mal darüber freuen, dass uns nichts passiert ist.

Zurück im Apartment falle ich erschöpft auf die Couch und schlafe ein.

Am Morgen ist Stromausfall. Ich rufe die deutsche Botschaft an und komme nach zig Versuchen durch. Dort heißt es, dass alle Wege aus dem Libanon abgeschnitten sind, weil die Straße nach Damaskus zerstört ist. Der einzige noch offene Weg führt Richtung Norden. Sie haben meinen Namen auf die Evakuierungsliste gesetzt.

Den Rest des Tages ist es ruhig in Beirut. Das Warten fängt wieder an. Der pure Horror.

Vier Mitglieder von Alis Familie sind aus Dachie geflohen und wohnen jetzt in seinem Apartment.

23 Uhr

Weiteres Bomben. Wir werden wohl nicht zum Schlafen kommen.

Samstag, 15. Juli 2006

14.30 Uhr

Noch mehr Leute aus Alis Familie sind aus Dachie gekommen und bei ihm eingezogen. Doch weil sein Apartment so klein ist, halten sich alle den Tag über bei uns auf.

Ich fahre ins Restaurant und bin plötzlich wieder mit den guten alten Diskussionen über Trinkgelder, nicht polierte Gläser und anderen unwichtigen Dingen konfrontiert.

Nach einer Stunde holt uns die Realität wieder ein. In der Küche läuft ein Radio. Breaking News: Bomben auf Haret Hreik.

Mein Assistent will nach Hause und ich bitte ihn, mich mitzunehmen. Er überlegt eine Weile, wie er zu meiner Wohnung fahren kann, ohne Brücken benutzen zu müssen, denn Brücken waren in den vergangenen Tagen das favorisierte Ziel.

Er findet einen Weg und heizt mit vollem Tempo durch die Innenstadt, begleitet vom Geräusch einschlagender Bomben.

Sonntag, 16. Juli 2006

19 Uhr

Die letzte Nacht war nervenaufreibend. Dauerbombardement ab Mitternacht. Dachie existiert nicht mehr. Es ist nur noch Schutt und Asche.

Montag, 17. Juli 2006

13 Uhr

Heute ist eine zweite Flüchtlingsfamilie in unser Apartment gekommen. Wir sind jetzt 14 Personen. Das macht jetzt auch nichts mehr. Ich hoffe nur, unser Leitungswasser kommt bald wieder.

23.30 Uhr

Das Nichtstun ist beinahe schlimmer als die Bomben. Ich sitze rum, rauche Kette und gucke Fernsehen, das ich nicht verstehe. Ich warte darauf, dass irgendetwas passiert. Ich habe keinen Hunger. Wenn mir jemand Essen vorsetzt, esse ich, weil ich ja auch nicht unhöflich sein will, aber Hunger habe ich schon seit Tagen nicht mehr verspürt.

Dienstag, 18. Juli 2006

15.45 Uhr

Ich habe heute die Nachricht auf der deutschen Botschaftsseite gelesen, dass morgen früh ein Konvoi über Syrien geht. Heute wurde wieder das Leitungswasser knapp. Wir müssen hier raus.

Mittwoch. 19. Juli 2006

Der Abschied von der Familie und von Ali war hart. Um 7 Uhr sind wir am Evakuierungspunkt angekommen. Zwölf Stunden später wurde dann endlich unser Konvoi aufgerufen. Der letzte an diesem Tag.

Irgendwann am späten Abend erreichen wir die syrische Grenze. Der Konvoi hält und der libanesische Grenzbeamte nimmt alle Pässe an sich, um sie im Büro auszustempeln.

Plötzlich Detonationen hinter uns. Das war nah. Man fühlt einen Ruck, der den Bus nach vorn hüpfen lässt. Wir sehen die Lichtblitze. Im Bus bricht Panik aus. Frauen schreien und weinen.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie die Besitzer der kleinen Shops draußen in einem Affentempo die Rollladen runterziehen, in ihre Autos springen und davonfahren. Der Busfahrer gibt Gas und fährt auf die syrische Seite. Wir hören, dass hinter uns die Straße bombardiert wurde. Der letzte Fluchtweg aus dem Libanon ist abgeschnitten. Ein Bus mit weiteren Flüchtlingen hinter uns muss umkehren und nach Beirut zurückfahren. Was für ein Horror.

Donnerstag, 20. Juli 2006

Am Morgen kommen wir an der türkischen Grenze an. Wir stehen mitten in hügeligem, wüstenartigen Gebiet und warten auf unsere Pässe. Mitten in der Pampa gibt es einen ultramoderner Duty-Free-Shop. Wir stolpern - dreckig, stinkend, übermüdet und verwirrt - in diesen klimatisierten Superbau, wo uns Fahrstuhlmusik und Herren mit Krawatten empfangen und nett gekleidete Damen, die uns mit Parfum einsprühen - vielleicht, weil wir uns seit über einem Tag nicht gewaschen haben oder einfach, weil sie etwas verkaufen wollen.

Wir kaufen billige Zigaretten und Süßigkeiten, essen vor sich hin schmelzende Milky Ways in der heißen Mittagssonne, fühlen uns wie auf einem anderen Planeten und steigen dann wieder in den Bus. Komisch hier alles.

Am Nachmittag sind wir am Flughafen in Adana. Alles verläuft recht unbürokratisch.

Die Maschine wartete schon auf uns. Im Flieger geht alles nach Bundeswehr-Manier: Hinsetzen! Kein Geschrei! Los geht's! Take off innerhalb von fünf Minuten und weg sind wir. Nach 24 Stunden Busfahrt kommen einem 3,5 Stunden Flug nach Deutschland vor wie nichts.

Ankunft in Köln-Wahn. Hier ist alles so sauber und so ruhig. Wir fühlen uns wie Neo in dem Film "Matrix". Wir beobachten die Menschen im Zug, die auf dem Weg zum Shoppen oder an den Baggersee sind. Mein Freund meint nur: "Unwissenheit ist ein Segen."

Wir haben uns für die blaue Pille entschieden. Es wird immer Teil unseres Lebens sein.



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