Liebe im Kalten Krieg Braune Locke aus Ostdeutschland

Liebe im Kalten Krieg: Braune Locke aus Ostdeutschland Fotos
Jyotirmoy Banerjee

Es klingt nach Bollywood, aber ist wahres Leben: Mit den Liebesbriefen einer Ostdeutschen stürmte Jyotirmoy Banerjee Mitte der Siebziger die DDR-Handelsvertretung in Kalkutta, um seine Einreise in die DDR zu erzwingen - erfolglos. Jahrzehnte später trafen sich die beiden zum ersten Mal. Von

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In den sechziger Jahren lernte ich mit Leidenschaft Deutsch am Goethe-Institut von Kalkutta, einer indischen Großstadt im Golf von Bengalen in Ostindien. Der Klang dieser Sprache und die deutsche Geschichte faszinierten mich.

Es war 1968, als mein Schicksal eine glückliche Wendung nahm. Ein Freund, den ich am Goethe-Institut, oder dem "Max Mueller Bhavan" (MMB), wie es in Indien heißt, kennen gelernt hatte, gab mir die Adresse eines "German Fräulein", die nach einem Brieffreund in Indien suchte. Das war genau, was ich mir gewünscht hatte: Kontakt, Kontakt mit Deutschland, mit einem Mädchen! Ich war gerade ins Teenager-Alter gekommen.

Es störte mich nicht, dass Sigi (Name geändert) aus Ostdeutschland kam. Für mich machte Ost oder West damals keinen Unterschied - Hauptsache Deutschland. Wir pflegten bald eine lebhafte Brieffreundschaft. Ihre Postkarten mit Bildern von wunderschönen alten Kirchen und Städten, Wäldern und Bergen zeigten mir eine neue Welt, die so anders war, als das chaotische Kalkutta, das ich kannte. Sie regten meine Fantasie an und ich beschloss, dass ich Deutschland unbedingt besuchen musste.

Von Kalkutta nach Ebersberg

Einige meiner indischen Verwandten, die als Gastarbeiter in Deutschland lebten, besuchten uns hin und wieder. Mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung bestaunte ich ihre blütenweißen Nylonhemden, ihre Grundig-Kassettenrekorder, ihre deutschen Kameras und den anderen Kram, den sie mitbrachten. Ihre Geschichten über die deutsche Gründlichkeit und Effizienz stärkten nur meinen Beschluss, endlich nach Deutschland zu reisen. Zum Glück bekam ich bald darauf ein Stipendium des Goethe-Instituts. Damit konnte ich die Oberstufe in Oberbayern, in der Nähe von München abschließen.

Von Westdeutschland aus schrieb ich an Sigi und wir tauschten Fotos aus. Ich hatte leider nur ein kleines Taschengeld, mit dem ich mir zwar einen streng rationierten Bier-Bedarf erlauben konnte, es war aber aber nicht genug, um damit größere Reisen unternehmen zu können. Ich lud Sigi daher ein, mich in Ebersberg zu besuchen. Sie antwortete mir, dass das unmöglich sei, zwar nicht aus finanziellen, aber aus politischen Gründen.

Ich schloss meine Kurse ab und ging zurück nach Indien. Ich war erstaunt darüber, dass es für einige Menschen ausgeschlossen war, einen anderen Landesteil zu besuchten. Die regelmäßigen Ausstellungen und Vorträge am MMB über das Leben in Ostdeutschland interessierten uns Jugendliche damals leider zu wenig. Diese Probleme hatten mit unserem Alltag wenig zu tun und meine Erlebnisse in Ebersberg waren schnell vergessen.

Eine Locke von Deinem Haar

Ich sprach mit einigen guten Freunden in Kalkutta - einige von ihnen lernten auch Deutsch - über meine Brieffreundschaft mit Sigi. Nach vielen intensiven Debatten empfahlen meine Freunde mir, die Ungewissheiten und Vermutungen zu beenden und drastischere Maßnahmen zu ergreifen. Das tat ich. Meinen nächsten Brief begann ich mit einem der ersten Sätze, den Deutsch-Schüler in Indien lernen: "Ich liebe Dich!"

Ich erwartete, dass Sigi unsere Beziehung nun beenden würde. Aber nein, zu meiner Überraschung erwiderte sie meine Gefühle und schrieb mir, dass meine Nähe in Bayern und mein Foto in ihr Gefühle für mich geweckt hatten. Sie schickte mir eine ihrer braunen Haarlocken und fragte nach einer Locke von meinen tiefschwarzen Haaren.

Heine-Gedichte für die Liebste

Durch die siebziger Jahre hindurch pflegten wir eine "virtuelle" Romanze per Post. Ich suchte in der MMB-Bibliothek nach Liebesgedichten von Heine, Rilke, Novalis, Eichendorff und einigen anderen deutschen Koryphäen. Sigi schrieb mir ebenfalls klassische Liebesgedichte, um ihre Gefühle deutlich zu machen.

So schrieb sie mir:

"Ich bin Dein, Du bist mein,

des sollst Du gewiss sein.

Du bist beschlossen, in meinem Herzen, verloren ist das Schlüsselein,

Du musst immer drin sein!"

Dank schlafloser Nächte, die ich mit dem Versuch verbracht hatte, die Komplexität der deutschen Grammatik, insbesondere des Konjunktiv II mit seinem gefürchteten Irrealis, zu verstehen, konnte ich ihr nun selbstsicher mit Heine antworten:

Wär' ich ein Vöglein, Hätt' zwei Flüglein

Flög' ich zu Dir

Flög' von Ort zu Ort, Bliebe dann immerfort

Immer bei Dir!

Walter Ulbricht für Indien

Leider gingen einige ihrer Briefe verloren. Bei der indischen Post erklärten man mir, die großen, bunten Briefmarken, die Sigi benutzte, seien daran schuld. Einige Briefträger müssen sie zu verlockend gefunden und die Briefe gestohlen haben. Ich schrieb Sigi, sie solle nur noch möglichst langweilige Briefmarken verwenden. Zu meiner Belustigung beklebte sie von nun an ihre Briefe mit Marken, auf denen Walter Ulbricht zu sehen war.

Bald beschlossen wir, wir müssten heiraten. Da tauchte das Problem mit der DDR wieder auf. Ich fand heraus, dass es Sigi nicht erlaubt war, nach Indien zu reisen, da es ein Teil des "bourgeoisen Auslands" war. Es lag nun an mir, zu ihr nach Leipzig zu kommen. Ich wunderte mich über die Klassifikation Indiens als "bourgeoises Ausland", da das ungebundene Indien in dieser Zeit eng befreundet mit der Sowjetunion war und wir 1971 sogar einen Freundschaftspakt mit Moskau geschlossen hatten. Auch wenn Indien im marxistischen Sinn kein sozialistischer Staat war, so war es doch weit davon entfernt, bourgeois zu sein. Ich staunte auch über die strikten Bestimmungen, nach denen es Ostdeutschen Bürgern nur erlaubt war, in die Länder des Ostblocks zu reisen. Der Rest der Welt wurde als "bourgeoises Ausland" abgestempelt. In Indien gab es keine derartigen Einschränkungen, außer für das von Apartheid geschüttelte Südafrika.

Ratlose Bürokraten

Aufgrund von strengen Devisentausch-Einschränkungen war es zu dieser Zeit schwierig, von Indien ins Ausland zu reisen. Die indische Bürokratie wurde jedoch in erster Linie von wirtschaftlichen und nicht politischen Gründen angetrieben.

Sigi arbeitete zwar, sie machte sich aber Sorgen, ob ihr geringes Einkommen für uns beide reichen würde. Nichtsdestotrotz organisierte sie eine Übernachtungsmöglichkeit bei ihrer Tante und schickte mir sogar eine beglaubigte Unterstützungserklärung, mit der ich mich für eine Einreise in die DDR bewerben konnte.

Ich ging von Pontius zu Pilatius, von einer Regierungsstelle zur nächsten, ich stürmte sogar mit Sigis Liebesbriefen die Handelsvertretung der DDR in Kalkutta - ein Konsulat gab es nicht. Mein Vorhaben in die DDR einzureisen, um eine Frau zu heiraten, die ich noch nie im Leben getroffen hatte, ließ die indischen wie auch die deutschen Bürokraten ratlos und kopfschüttelnd zurück.

Von Schlangenbeschwörern und Elefanten

Sigi erlebte ähnliche Reaktionen - auch ihre Verwandten dachten, sie sei verrückt geworden. Sie stellten sich Indien als ein unterentwickeltes Land vor, in dem es von Schlangenbeschwörern und Elefanten nur so wimmelte. Aber unsere Jugend und unser Optimismus überwogen den Skeptizismus unserer Umwelt. Wir schrieben uns weiterhin und planten unsere zukünftigen Rendezvous.

Doch Ostberlin mischte sich abermals ein. Ich hatte Sigi eine deutsche Übersetzung von "Sakuntala" geschickt, einem berühmten indischen Drama, das auch Goethe schon gelobt hatte. Sigi schrieb, es sei "beschlagnahmt" worden. Beschlagnahmt - ich lernte dieses verachtenswerte Wort erst von ihr. Der Grund? Es war eine Publikation, die ihr aus dem "bourgeoisen Ausland" zugeschickt worden war. Ich begriff, dass nicht einmal ein harmloses und unpolitisches indisches Epos im "Arbeiterparadies" erlaubt war.

Sigi schlug vor, wenn ich ihr weitere Publikationen schicken wolle, solle ich sie Stück für Stück senden, in jedem Brief jeweils ein paar herausgerissene Seiten. Ich hielt mich daran. Ich fragte Sigi auch nach einer Ausgabe des "Kommunistischen Manifests", das ich gern im deutschen Original lesen wollte. Nachdem sie es geschickt hatte, fragte sie mich, ob das Buch angekommen sei, oder ob es auch beschlagnahmt wurde. Das erstaunte mich. Ich erzählte Sigi von den drei kommunistischen Parteien, die es offiziell in Indien gab, dass Moskau mit Neu Delhi befreundet sei und dass man hier jederzeit englischsprachige Publikationen aus Moskau kaufen könne - nicht nur in Buchläden, sondern auch auf der Straße. Ansonsten würde aber kaum ein indischer Postangestellter Deutsch verstehen, auch wenn er sich die Mühe machte und dass Päckchen überprüfte.

Über Österreich in die DDR

In der Zwischenzeit, auf der Suche nach einer Möglichkeit eine Reise nach Deutschland zu finanzieren, hatte ich mich um ein Stipendium für einen Deutschkurs für Fortgeschrittene in Österreich beworben, das ich auch bekam. Mein Plan war, einige Schilling zu sparen und damit in meine neue Heimat zu reisen.

Was auf meine Ankündigung folgte, schlug ein wie eine Bombe. Sigi arbeitete inzwischen für eine Computerfirma in Ostberlin, sie fragte plötzlich, warum ich denn über Österreich einreisen wolle und nicht direkt. Meine finanziellen Probleme nahm sie mir nicht ab. Sehr zu meinem Erstaunen erklärte sie mir, dass wenn ich anderweitige Motive hätte, in die DDR einzureisen, ich einen großen Fehler machen würde. Sie meinte: Wenn ich für einen westdeutschen Geheimdienst arbeiten würde. Bei dem kleinsten Hinweis auf verdächtige Aktivitäten meinerseits würde sie sofort mit der Stasi Kontakt aufnehmen. "Unsere Sicherheitsbehörden schlafen absolut nicht." Sie fügte hinzu, sie wolle Klarheit über meine Beweggründe: "Von Nichts kommt Nichts." Hatte etwa mein Besuch bei der Handelsvertretung die ostdeutsche Sicherheitsmaschinerie in Gang gesetzt?

"007 einhalb"

Die Anschuldigungen in Sigis Brief waren zuviel, als dass ich sie einfach hätte schlucken können. Ich eröffnete ihr, dass die westlichen Behauptungen über die "geschlossenen" Gesellschaften im Ostblock nicht bloß Propaganda waren. Das Verbot für DDR-Bürger, ins Ausland zu reisen außer in eine Handvoll sowjetischer Satellitenstaaten. Dass der Rest der Welt als "bourgeoises Ausland" gebrandmarkt wurde. Dass keinerlei ausländische Druckerzeugnisse erlaubt waren, Sigis Vorstellung, dass sozialistische Publikationen im "bourgeoisen Ausland" beschlagnahmt werden würden und ihre Verdächtigungen, was mein "Motiv" anging - all diese Punkte ließen bei mir ein Bild von Ostdeutschland entstehen, das Welten entfernt war von dem, was ich in Westdeutschland kennen gelernt hatte. Ich war sehr aufgebracht! Ich schrieb ihr einen beißend sarkastischen Brief. Ich gab mich darin als "007 einhalb" zu erkennen, der die Aufgabe hatte, ihre Firma mit ihrer Hilfe anzuzünden.

Das war's. Unsere einst so blühende und gedeihende Beziehung nahm ein sehr plötzliches Ende. Wir hörten auf, uns zu schreiben.

Es war 15 Jahre später, als mich ein Brief mit Sigis wohlbekannter Handschrift auf dem Umschlag erreichte. Sie schrieb mir, dass sie inzwischen verheiratet sei und fragte, wie es bei mir wäre. Ich antwortete ihr, ich sei ebenfalls verheiratet. Nun, all die Jahre später, in einem etwas reiferen Alter nahmen wir unsere Brieffreundschaft wieder auf. Wir tauschten uns über alle möglichen Themen aus, mit Ausnahme unserer gemeinsamen Vergangenheit - ein Thema, das wir konsequent mieden. Wir hatten beide akzeptiert, dass der jeweils andere verheiratet war und blieben "virtuelle" Freunde - was fade war, aber sicher.

Eine Stimme - zum Greifen nah

1989 fiel die Berliner Mauer und Deutschland feierte seine wundersame Wiedervereinigung. 1996 wurde ich von "Inter Nationes", einem Institut zur Verbreitung von Informationen über die BRD im Ausland, eingeladen, mit einer Gruppe von Akademikern und Journalisten an einer Reise in das wiedervereinte Deutschland teilzunehmen.

In Dresden halfen mir meine deutschen Reiseleiter, die Telefonnummer von Sigi herauszufinden. Ina, eine von ihnen, machte auch den ersten Anruf: "Frau ...? Ein Herr aus Indien möchte Sie sprechen." Ina gab mir den Hörer, "Sigi?" fragte ich, "Bist Du da???!" Ja, es war so aufregend für uns beide, endlich die Stimme des anderen zu hören - endlich waren wir uns zum Greifen nahe! Ich erklärte ihr meine Reiseroute und lud sie zu einem Treffen ein. Nach anfänglichem Zögern sagte sie zu.

Zum verabredeten Zeitpunkt saß ich in der Hotellobby. Ich war sehr nervös. Stefan, unser Tourleiter, dem ich von Sigi erzählt hatte, ging vorbei und meinte: "Solltest Du einen Schock kriegen, weil sie inzwischen fett und alt geworden ist - lauf einfach um die Ecke. Wir warten dort auf Dich!"

Ein neuer Anfang

Das war nicht notwendig. Sie war immer noch schlank und sehr hübsch, auch wenn sie inzwischen etwas älter geworden war. Ihre Haare waren nicht mehr brünett, sondern blond. Ich selbst war in der Zwischenzeit ein Mann mittleren Alters mit einem kahlen Fleck am Hinterkopf geworden. Aber das schien sie nicht zu stören. Sie umarmte mich und gab mir einen Kuss auf die Wange mit den Worten "Willkommen in Deutschland!"

Ostdeutschland hatte unsere Leben verändert und unsere Träume zerstört. Ein wiedervereintes Deutschland hatte die Dinge wieder gerade gerückt und möglicht gemacht, dass auch wir wiedervereint waren.

Der Rest dieser wahren Geschichte ist der Fantasie des Lesers überlassen.

Übersetzung aus dem Englischen: Gesche Sager

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1.
Miguel Polster 03.12.2007
Sehr geehrte Übersetzerin, Sie meinten sicher nicht "familiäre Handschrift", sondern "familiar handwriting", was sich passender mit "vertraute Handschrift" übersetzen ließe.
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