Liebe in der Raumstation "Besser als Viagra"

Liebe in der Raumstation: "Besser als Viagra" Fotos
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Seit 1982 fliegen Frauen und Männer gemeinsam ins All. Aber flogen sie auch aufeinander? Die Spekulationen um schwerelose Liebschaften sind so alt wie die weibliche Raumfahrt, sogar von Fortpflanzungsexperimenten war die Rede. Ralf Bülow über die skurrilsten Liebesgerüchte - und was wirklich dahinter steckt.

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Der Erste, der darüber nachdachte, war natürlich ein Franzose. 1953 schrieb Pierre Boulle, der später die Romanvorlagen der Filme "Die Brücke am Kwai" und "Der Planet der Affen" verfasste, die Science-Fiction-Story "Die Liebe und die Schwerkraft". Schauplatz ist eine Raumstation, in der sich der Mechaniker Joe und seine Kollegin Betty vom Kommandanten trauen lassen. Da aber überall Schwerelosigkeit herrscht, wird die Hochzeitsnacht zum Alptraum: Man schwebt stets aneinander vorbei. Nach Dutzenden Fehlversuchen, die Boulle detailliert schildert, verschieben Joe und Betty den Sex auf die Zeit nach ihrer Heimkehr zur Erde.

Zehn Jahre später flog die Russin Valentina Tereschkowa als erste Frau ins All, und was zuvor Phantasie war, rückte in den Bereich des Möglichen: die Begegnung beider Geschlechter in einem Raumschiff. 1976 verkündete die Nasa, dass sie für ihre neuen Space Shuttle sowohl männliche als auch weibliche Besatzungsmitglieder akzeptieren würde. Mehr als 8000 Bewerbungen gingen ein, darunter 1544 von Frauen, von denen sechs – nebst 29 Männern – eingestellt und für Raumflüge ausgebildet wurden.

Ehe jedoch eine US-Astronautin abhob, startete am 19. August 1982 in Baikonur ein Dreierteam zur Orbitalstation Saljut 7, dem Stolz der sowjetischen Raumfahrt. In der Sojus-Kapsel saßen Kommandant Leonid Popow, Bordingenieur Alexander Serebrow und Forschungskosmonautin Swetlana Sawizkaja. In der Saljut-Station wartete die Stammbesatzung Anatoli Beresowoi und Valentin Lebedew, und als die Sojus erfolgreich angelegt hatte, befand sich zum ersten Mal eine Dame-und-Herren-Crew im Kosmos.

Sie stritten sich wie Hund und Katze

Es kam, wie es kommen musste. Am 27. August 1982 landete das Sojus-Trio wieder auf der Erde, am 27. September meldete der SPIEGEL: "Sex war der einzige Grund, aus dem die Kosmonautin ihre beiden Kollegen besuchte." Quelle der Behauptung war ein angeblicher Nasa-Mediziner namens Dick Richards, der auch wusste, was hinter der Aktion stand: "Die Russen wollen erforschen, wie sich ein Baby entwickelt, das in der Schwerelosigkeit gezeugt wurde."

Tatsächlich sah Saljut-Chef Beresowoi seinem Besuch mit Sorge entgegen, da er glaubte, dass Frauen einem Schiff Unglück brächten. Auch die Schürze, die man Sawizkaja in der Raumstation schenkte, hat ihre Laune wohl nicht gehoben. In einem Brief an seine Ehefrau klagte Beresowoi, dass Sawizkajas Anwesenheit das Leben an Bord komplizieren würde; außerdem würde sie sich mit ihrem Kollegen Serebrow streiten wie Hund und Katze. Es darf deshalb angenommen werden, dass die sexualmedizinischen Experimente nie stattfanden. Schwanger und Mutter eines gesunden Jungen wurde die Kosmonautin auf höchst irdische Weise im Jahr 1986.

Im Juni 1983 absolvierte Sally Ride ihren Flug im Space Shuttle "Challenger" und war die erste Amerikanerin im Weltraum. Bis zur Jahrtausendwende hatten rund 40 Frauen die Erde umkreist, meist in einer US-Raumfähre, die bis zu zwei Wochen im All bleiben konnte. Bei den langen Arbeitsschichten und der peniblen Aufsicht der Nasa trat die Frage, ob sich etwas Amouröses abspielte, in den Hintergrund. Das galt auch für das kosmische Ehepaar Jan Davis und Mark Lee, das 1992 im Shuttle "Endeavour" flog. Die beiden heirateten erst kurz vor dem Start, so dass die Nasa die Besatzung nicht mehr ändern konnte. Zur Strafe wurden sie getrennten 12-Stunden-Schichten zugeteilt.

Gemischtes Doppel und eine Kosmonautin im Herzen

Die Aufmerksamkeit der Medien richtete sich zu diesem Zeitpunkt schon längst auf die russische Raumstation Mir, deren Basismodul 1986 in den Orbit gelangte; bis 1996 wuchs sie um vier weitere Module. Erste Frau an Bord war die englische Chemikerin Helen Sharman, die im Mai 1991 eine Woche in der Station zubrachte. Ihre Mitkosmonauten empfanden die 27-Jährige als kühl und sehr auf ihre Arbeit bezogen, bei einem Festessen auf der Mir-Station schlüpfte sie aber in ein pinkfarbenes Chiffonkleid. Eine solche Ausschweifung wäre bei der Nasa undenkbar gewesen.

Am 4. Oktober 1994 startete erneut ein gemischtes Dreierteam in Baikonur, die Russen Alexander Viktorenko und Jelena Kondakowa sowie der Deutsche Ulf Merbold, der zuvor zweimal in einem Space Shuttle mitgeflogen war. Im Rahmen des Projekts EuroMir hielt sich Merbold einen knappen Monat in der Orbitalstation auf. Seine Gefährtin kehrte erst am 22. März des nächsten Jahres zur Erde zurück, zusammen mit Viktorenko und dem Arzt Waleri Poljakow, der es 14 Monate auf der Mir ausgehalten hatte – ein bis heute gültiger Langzeitrekord.

Im Februar 1995, also noch vor der Landung von Kondakowa und Poljakow, berichteten griechische Zeitungen, die beiden wären im All intim gewesen. Später bestritt der Arzt mit Nachdruck, dass es bei russischen Flügen jemals "Experimente zur menschlichen Fortpflanzung" gab. Sicher ist dagegen das besondere Verhältnis Kondakowas zu ihrem deutschen Kollegen. So schrieb der Raumfahrtjournalist Horst Hoffmann, dass "Ulf Merbold seit der gemeinsamen kosmischen Zeit eine große Zuneigung für die elegante Russin im Herzen trägt". Hoffmann kann nicht mehr befragt werden - er starb 2005.

Der Geschlechtstrieb des Mannes lässt hoch oben nach

Nach Jelena Kondakowa erhielt die Mir-Station noch zwei längere Damenbesuche, nämlich 1996 von Shannon Lucid und Claudie André-Deshays (in zweiter Ehe Claudie Haigneré). Die 53-jährige Nasa-Astronautin lebte ein halbes Jahr im Orbit und gewann die uneingeschränkte Sympathie der russischen Kollegen; von Affären ist nichts bekannt. Die 39 Jahre alte Französin war nur zwei Wochen im All tätig, musste sich jedoch mit einer Vielzahl medizinischer Experimente herumschlagen, die sie manchmal nur wenige Stunden schlafen ließen.

2001 wurde die Mir-Station zu einem kontrollierten Absturz gebracht; der Großteil verglühte in der Atmosphäre, der Rest fiel in den Pazifik. Damit endete die romantische Ära der Weltraumforschung. Es ist schwer vorstellbar, dass Insassen der gegenwärtig kreisenden International Space Station etwas anderes als ihre festgelegten Aufgaben im Sinn hätten. Was aber bleibt von der Vermutung, dass auf einer russischen Raumstation einmal etwas "passierte"?

Sicher ist, dass das Leben ohne Schwerkraft körperliche und seelische Folgen hat. Unter anderem lässt bei Männern langsam der Geschlechtstrieb nach. Sollte es doch irgendwann zwischen zwei Kosmonauten gefunkt haben, wäre in der Mir-Station ein passendes Hilfsmittel zur Hand gewesen: die sogenannte Tschibis-Hose. Diese umfasst die unteren Gliedmaßen und erzeugt einen Unterdruck, der den Kreislauf reaktiviert. Ein Raumfahrtmediziner fasste den Effekt einmal in drei Worten zusammen: "Besser als Viagra."

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
Johannes Bachmann, 14.08.2011
Und jetzt ? Ein schön langer Artikel, der am Ende mit vielen Worten nichts sagt ! Schade um die Zeit. Und auch dass die Überschrift (die ebenso in der Blödzeitung hätte stehen können) überhaupt nichts mit den Fakten zu tun hat, erfährt man natürlich erst im letzten Satz.
2.
Lorenz Frank, 15.08.2011
Der Autor macht, im heutigen Zeitalter und in einer fortschrittlichen Zeitschrift wie dem Spiegel eigentlich unverzeihlich, den Fehler, seine Sichtweise nur auf Hetereosexualität zu beschränken. Da Sexualität heutzutage weitaus vielfältiger ist, übersieht er die vielen dezenten Hinweise auf andere Möglichkeiten: - Warum hieß der erste sowjetische Raumstationskommamdant Popow? - Welcher Kosmonaut überließ Frau Sharman freundlicherweise sein pinkfarbenes Chiffonkleid? - Warum erinnern die Kopfhauben der NASA auf Bild 6 so verdächtig an Spermien? - Ist nicht das "Andocken" an eine Raumstation an sich schon eine sexuelle Allegorie? - Sind unsere Astro- bzw. Kosmonauten auf Sex mit Außerirdischen vorbereitet? - Ist die "Tschibis-Hose" eine Alternative für Kassenpatienten mit Viagra-Allergie? Fragen über Fragen, denen sich der Autor dringend widmen und uns an den Antworten unbedingt teilhaben lassen sollte. Unverständlich auch, dass es noch keinen Christopher Space Day und keine Frauenquote an Bord von Raumschiffen gibt...
3.
Georg Oehl, 14.08.2011
Hier ein Link zu einer Seite mit Bildern von Helen Sharmans Chiffonkleid, eine Spezialanfertigung mit passenden Shorts: http://www.collectspace.com/ubb/Forum32/HTML/000173.html
4.
Thomas Zuber, 14.08.2011
>Und jetzt ? Ein schön langer Artikel, der am Ende mit vielen Worten nichts sagt ! Schade um die Zeit. > >Und auch dass die Überschrift (die ebenso in der Blödzeitung hätte stehen können) überhaupt nichts mit den Fakten zu tun hat, erfährt man natürlich erst im letzten Satz. Ich lese den Spiegel nun seit über 35 Jahren und beobachte den Tribut an Kommerz und Zeitgeist einerseits mit Widerwillen, andererseits mit Verständnis. Die sexistische Überschrift hat offensichtlich den Zweck, Klicks auf den Artikel auszulösen. Mittlerweilen bewegen sich einzelne SPON Redaktoren auf bescheidenen Niveau. Die Frage ist, ob es sich hierbei um eine geförderte Strategie der SPON Verantwortlichen handelt oder sich hier die Charaktere einzelner Verfasser outen. Auf jeden Fall ist es nicht der Stil, den ich hier auf dieser Plattform suche und aufzufinden erhoffe, dafür gibt es genügend andere Machwerke.
5.
Ralf Bülow, 15.08.2011
Lieber Herr Zuber, als Autor des Artikels kann ich sagen, dass die angeblich sexistische Überschrift auf eine Aussage des Berliner Raumfahrtmediziners Prof. Karl Hecht zurückgeht und die physiologischen Effekte der sog. Tschibis-Hose vermutlich richtig beschreibt. Mehr wurde im Text auch nicht behauptet. Im übrigen lassen sich alle dort geschilderten Ereignisse anhand der Fachliteratur belegen, d.h. wer den Artikel anklickt, wird korrekt über Raumfahrt und ihre Geschichte informiert.
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