Liebes Tagebuch "Voll der eingearbeitete Aufreißertyp!!"

Für welchen Jungen sollte sich die 16-jährige Susann nur entscheiden: Den Schlauen, aber Hässlichen? Den Netten, aber "Spackigen"? Oder doch den Aufreißer, der leider schon eine Freundin hat? einestages präsentiert historische Tagebuchaufzeichnungen. In Folge sechs: eine schlüpfrige Kellerparty zu Silvester.


22. Dezember 1986

Puh, dieses Weihnachtsgetue! Warum mag ich Weihnachten bloß nicht? Entweder positiv, ich mag das gekünstelte Gefühl dabei nicht, das Verkennen des wahren Sinns des Weihnachtsfests oder negativ, ich habe Angst vor den Familiengefühlen oder überhaupt den Gefühlen, die dabei "hochkommen".

Ich hoffe doch das Positive! Doch ich weiß es nicht.

Jetzt ist es im Altersheim schon so weit, dass ich ein Mädchen einlerne. Sie ist 17, heißt Andrea, Dauerwelle, die liebsten braunen Augen, die ich je gesehen hab, keinen Hauptschulabschluss und lebt mit ihrem Freund zusammen. Sie ist süß und nett und nicht so verprollt, wie ich es denken würde, wenn ich nur die vorhergegangenen Kurzinformationen vernehmen würde - Ich weiß, ich bin von Vorteilen (Freudscher Verschreiber) belastet!. Es ist ganz gut, einen Tag guckt sie mir zu und zwei Tage steh ich dann daneben und pass auf, dass sie alles richtig macht!

Maren hab ich schon lange nicht mehr gesehen und auch nicht gesprochen. Sie ist ständig auf Feten mit Christine und ihrem neuen Freund Xaver. Xaver kenn ich sogar, er ist klein und dünn, um nicht zu sagen: schmächtig. Er ist 20, Abiturient, macht gerade seinen Verweigerungsdienst (Pluspunkte!!!) und hat ein Auto (Pluspunkte!!!). Sein Gesicht sieht schön aus.

Wolfgang Radke aus meiner Schule mag ich wirklich, er hat tolle Ansichten und wir denken oft in derselben Richtung. Es ist mir peinlich, dass ich in den beiden LK-Arbeiten so schlecht abgeschnitten hab. Wolfgang ist total gut.

Warum ist er nur so hässlich? So derbe hässlich? Zuerst dachte ich noch, er hätte eine gute Figur, aber er hat ein Hohlkreuz und einen Entenarsch. Unreine Haut, hässliche Zähne, die Lippen immer spröde, schiefe Augen und (da stark kurzsichtig) eine dicke Brille. Seine Hände gehen noch. Mehr kann fast gar nicht sein. Und das kann ich nicht, ich muss auch das Aussehen mögen, lieben. Ich fänd's witzig, wenn er mich auch hässlich findet.

4. Januar 1987

Glückliches neues Jahr, liebes Tagebuch! Ich weiß auch nicht, warum ich trotz Ferien nichts erzählt habe. Die Silvesternacht war jedenfalls super. Höchstwahrscheinlich, weil ich so gut drauf war, hab auch was im Keks gehabt. Vorher war ich noch bei Maren mit Christine und Xaver holte uns ab, er tut mir so leid, er ist ein kleiner, schüchterner, stiller Junge und Maren beherrscht ihn total. Sie hat gar keine Lust mehr auf ihn, nutzt nur sein Auto aus. Die Feier bei Siggi im Keller war auch schon voll im Gange, viele bekannte Gesichter.

Meine Haare hatte ich einen Tag und eine Nacht auf Papilloten aufgewickelt und die dadurch entstandene tierische Löwenmähne band ich zu einem ganz hohen Pferdeschwanz, also, so fast auf der Stirn saß er. Dann hatte ich meine selbstgenähte, schwarze, weite Hose an und mir meinen breiten, langen, schwarzen Schal folgendermaßen umgebunden: Zuerst vorne über Brust und Bauch gelegt, dann auf dem Rücken überkreuzt und die Enden über die Schultern wieder zurückgeholt und beide Enden mit dem Teil über der Brust mit einer wunderschönen Brosche zusammengesteckt. Alles verstanden?!?

Meistens hatte ich noch meine Lederjacke offen darüber, weil ich mich ziemlich nackt fühlte. Doch dann im Rausch des Tanzens und des Alkohols ließ ich die Lederjacke Lederjacke sein ... Ich hatte genau richtig getrunken: Ich war höllisch lustig und die Hemmschwelle war futsch.

Simon (komisch, dass der da war, eigentlich ganz nett, aber irgendwie spackig, er sucht in letzter Zeit immer Anschluss mit unserer "Clique") sagte mir, dass er noch eine Prinzessin für seinen Film (er dreht öfter Super-8-Filme) brauchte, Harald wollte sich mit mir unterhalten und überhaupt kam ich mir völlig gefragt und beliebt vor!

Maren hatte eine Front-Kassette mit und sie, Christine und ich sind so höllisch ausgeflippt, nur geschrien, gekreischt, gelacht, gehüpft, gerannt.

Einen Jungen fand ich toll, er ist in Sven T.s Handballmannschaft, heißt Frank, ist klug, zieht sich gut an, sieht ebenso gut aus und tanzt süß. Ich hatte ihn schon einmal in der "Großen Freiheit" getroffen und hatte jenes über ihn erfahren. Ich weiß nicht, es ging recht schnell, auf der Tanzfläche kam er schon öfter zu mir, umarmte mich und laberte irgendeine Scheiße, irgendwann kniff ich ihn noch in den Po und dann standen wir umarmt und küssend an der Wand.

Mannomann war ich betrunken, ich wunderte mich, denn wir küssten uns und an meinem Ohr schmatzte auch jemand Küsse und ich verstand nicht, wie Frank das machte, bis ich endlich peilte, dass Sven T. hinter mir stand! Er hatte ja ein wenig den Kuppler gespielt und Frank auf mich hingewiesen und der meinte "Doch, ja. Aber gib ihr bitte nicht hinterher meine Telefonnummer!" Geil, nicht? Voll der eingearbeitete Aufreißertyp! Doch das wusste ich auch. Nur dass er eine Freundin hatte, wusste ich nicht.

Maren, Christine und Xaver fuhren noch ins Front und ich setzte mich mal in den anderen Raum. Harald kam und wünschte mir noch mal ein frohes neues Jahr und ich kann nur sagen: HE IS THE KING OF KISSING!!! Ich verstehe es nicht, wenn ich ihn sehe, er sieht grob und hart aus, aber er ist so zärtlich und es ist einfach toll, mit ihm zu schmusen. Irgendwie lief ich ihm aber wieder weg und er watschelte mir noch etwas hinterher.

Jetzt ist so der dickste Blackout. Ich wollte auf Toilette. Oben saß auch Frank und sagte: "Ach, da kommt sie ja schon." Wir saßen noch in der Küche und ich sah, dass er zusammengewachsene Augenbrauen hatte und außerdem war ich sehr peinlich. Sven T. war auch sehr betrunken, aber Frank gar nicht mehr so. Er legte sich in den Vorratsraum und Sven T. sagte: "Los, hin da!" und ich: "Nee, ich trau mich nicht. Komm mit!" Wir torkelten hin und ich fiel auf einen Bierkasten und neben Frank. Sven T. torkelte von dannen, lachte, und schloss die Tür.

Ich weiß wirklich nichts mehr, nur dass ständig Leute reingekommen sind "Oh!" gesagt haben und wieder gegangen sind. Dann sagte Siggi noch, ich könne hier doch nicht schlafen, weil ihre Eltern auch noch Gäste mitbringen würden und sie hätte mich bei Thorsten einquartiert. Toll. Die Fete war zu Ende.

Frank wartete sogar draußen noch auf mich! "Wie kommst du denn jetzt nach Hause?"

"Ich komm gar nicht nach Hause, ich wohn nämlich in Papendorf. Ich muss mich jetzt jemandem aufdrängen. Kann ich nicht bei dir schlafen?" "Nee, ich fahr jetzt noch zum Freund, der macht auch 'ne Fete." "Kann ich nicht da schlafen?" "Das kommt wie so'n Überfall, nee, lass man."

Laber – laber. Okay, ich hatte verstanden. Ich rief ihm noch hinterher: "Ich werde mir übrigens nicht deine Telefonnummer holen!" Gut necht? Er lachte.

Merkwürdigerweise fuhr mitten in der Nacht ein Bus. Sven, Harald, Thorsten, Schnulli und ich. Wir haben gesungen und geschrien. Mein Reißverschluss war auf und ich wusste nicht woher. Schnulli hat mir noch eine selbstgenähte Hose geschenkt. Mit siebenmonatiger Verspätung zum Geburtstag. Oben Jeans und unten ganz dünner, schöner Stoff, Untergrund rot und darauf große Blumen, hell- himmel- und dunkelblau, verschiedene zarte Grüns und ein bisschen lila und weiß (die Blumen).

Weihnachten war ganz nett mit meiner Schwester, aber das Beste war eben doch, dass ich dann wieder eine Woche allein zu Hause war.

Zum Weiterlesen:

Ella Carina Werner / Nadine Wedel: "Ich glaube, ich bin jetzt mit Nils zusammen: Das Beste aus wieder ausgegrabenen Jugend-Tagebüchern". Fischer Scherz Verlag, März 2013.

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Seite 1
Thomas Krause, 17.10.2013
1.
Mann bin ich froh das ich diesem Teeny Wahn entkommen bin. Mädels sind halt saublöd, erwachsene Frauen nicht viel besser, uff lieber Single auf ewig, als diesen Schwachsinn ertragen müssen!!! Von wegen zu wenig Kinder: bitte, bitte werdet weniger!!!
Marcel Petritz, 04.11.2013
2.
Öhmmmm, ja. Dann viel Spaß noch im restlichen Absitzen der Lebenszeit. *You must be fun at parties*. Ach nee, geht ja garnicht.
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