Liebesbriefe "Mein Herzensnärrchen, mein Hyazinthenbeet"

Liebesbriefe: "Mein Herzensnärrchen, mein Hyazinthenbeet" Fotos
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Von schwulstigen Schwüren zu kryptischen SMS-Codes: "HDGDL - Hab Dich Ganz Doll Lieb" versichern sich heute Verknallte per Handy. Stilsichere Liebesbriefe sind eine echte Kunst. Oscar Wilde griff daneben, Lady Di sowieso. Philipp Kohlhöfer versammelt die wildesten Botschaften.

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Uwe war ein netter Kerl, er hatte mir nichts getan, er war immer freundlich zu mir. Ich hasste ihn.

Zugegeben, ich hasste ihn nicht die ganze Zeit, und er wusste auch nichts davon, weil ich mir nichts anmerken ließ. Aber Uwe hatte einen unverzeihlichen Fehler: Er war wahnsinnig beliebt bei den Mädchen. Er hatte offenbar all das, worauf es ankam, um Schlag bei Frauen zu haben damals in der achten Klasse. Und weil das so war, erhielt er haufenweise Liebesbriefe. Zumindest habe ich das so in Erinnerung. Ich selbst habe nicht einen einzigen bekommen. Nicht mal einen dieser "Willst du mit mir gehen? Ja. Nein. Vielleicht"-Ankreuz-Zettelchen.

Ich habe allerdings auch nie welche geschrieben. Und damit stehe ich nicht mal allein da. Laut einer Onlineumfrage der Partnervermittlung Elitepartner geht es vierzig Prozent aller Deutschen so. Ich frage mich manchmal, ob vierzig Prozent aller Deutschen schon mal überlegt haben, sich selbst einen Liebesbrief zu schreiben? Einfach so, um das Ego aufzubauen.

Liebesbriefe an sich selbst

Ich habe während meiner Schulzeit mit dem Gedanken gespielt, das zu tun. Ich bin Rechtshänder, deshalb war mein Plan, den Brief mit der Linken zu verfassen, damit es mir nicht sofort auffallen würde, wenn ich den Umschlag Tage später mit zittrigen Fingern öffnen würde. Allerdings sehen weder mit der rechten noch mit meiner linken Hand verfasste Schriftstücke auch nur im Entferntesten nach Mädchenschrift aus, sondern einfach so, als hätte ich sie eigenhändig geschrieben.

Ich beschloss also mich nicht mit einer Liebeserklärung an mich selbst bei meinen Eltern lächerlich zu machen und habe es gelassen. Stattdessen versuchte ich mit Sport, meine Attraktivität zu steigern und so ein regelrechter Liebesbrief-Magnet zu werden. Ohne Erfolg. Heute habe ich zwar ein breites Kreuz, aber einen Brief habe ich trotzdem nie bekommen.

Vielleicht war ich einfach zu schüchtern? Oder es hat sich niemand getraut, mir seine Gefühle für mich zu gestehen.

Süße Worte, leises Lispeln

Kann ja sein. Schließlich ist der Liebesbrief, wie wir ihn kennen, noch eine relativ neue Errungenschaft. Zwar schrieben schon Seneca und Horaz in der Antike ihren Herzensdamen. Allerdings noch in einer stark literarisierten Form. Das klang dann so: "Die Liebe hemmet nichts, sie kennt nicht Tür noch Riegel. Und bringt durch alles sich. Sie ist ohn Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel. Und schlägt sie ewiglich." Klingt ja ganz schön, was Horaz da verfasst hat, doch heute würde man solche Zeilen wohl eher als verschnörkelten Vordruck auf einer Gruß-Postkarte als in einem richtigen Liebesbrief erwarten. Das Schreiben ist ja doch eher allgemein gehalten. Über die nächsten Jahrhunderte änderte sich das kaum: Der Liebesbrief war mehr Kunstform als emotionale Mitteilung und kein Mensch wusste genau, ob er gemeint war, wenn er einen bekam.

Persönlicher wird es erst im 18. Jahrhundert. Die Alphabetisierung der Gesellschaft half dabei ebenso wie die neue Organisation der Post, die soweit gediehen war, dass ein schneller Transport des Briefs (und damit eine schnelle Reaktion) zu erwarten war. Hilfreich waren außerdem das Aufkommen erster Romane und damit literarischer Vorbilder - und der pure Zeitgeist.

Der Wertewandel im Vorfeld der französischen Revolution, die Aufklärung und später die Romantik hatten geradezu inflationäre Gefühlswallungen zur Folge, denen sich das Bürgertum nur allzu gern widmete. Der große Goethe brachte den schwelgerischen Ton, der zu dieser Zeit angesagt war auf den Punkt: "Die süßen Worte, mit denen du mich verwöhnst - ach! Mehr wollt' ich nicht, sogar Dein Lispeln würde mitlesen, mit dem Du mir leise das Lieblichste in die Seele ergossen hast."

Schmeichelkätzchen, Herzensnärrchen

Wie auch immer. Ich habe während meiner Schulzeit jedenfalls keine Briefe erhalten und deshalb sogar kurz Angst gehabt, ich sei homosexuell. Was natürlich nichts Schlimmes ist, aber das konnte ich damals nicht wissen. Ich dachte, ich sei schwul, hätte es nur noch nicht gemerkt, würde es aber unbewusst auf irgendeine Art ausstrahlen und hätte daher einfach keine Chance, überhaupt je einen Liebesbrief von einem Mädchen zu bekommen. Vielleicht wäre es aber auch gar nicht so übel gewesen, von einem Mann mit Liebesgeständnissen bedacht zu werden. Von einem Mann wie Cyrano de Bergerac.

Schließlich gibt es kaum einen geschulteren Verbalerotiker: "Ich fühle für euch, gestorben zu sein. Oh ja Madame, ich bin tot. Und dieser Tod, den man Liebe nennt, ist umso grausamer, denn wenn man zu lieben beginnt, beginnt man alsbald zu sterben." Andere klingen allerdings nicht gerade so, dass man neidisch werden müsste: "Eine Million mal herzlich Danke dafür, dass Du solche Freude ins Leben dieses Mädchens gebracht hast." Diesen gestelzten Satz hat Lady Di verbrochen. Ganz Blaublut sprach die Prinzessin der Herzen in ihren Liebesbriefen an Dodi Al Fayed in der dritten Form von sich selbst. Vielleicht wäre dieses Schreiben lieber ganz tief in der Schublade verschwunden, anstatt es in der Gerichtsverhandlung zu Dianas Tod öffentlich als Beweisstück zu verlesen.

Apropos öffentlich. Das Herumzeigen von Liebesbriefen (wie einige zutiefst verstörte Liebesbriefautoren das früher auf dem Schulhof erleben mussten, wenn ein Pulk kichernder Mädchen gnadenlos Zeile für Zeile verlasen und verlachten) wird erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts praktiziert. Liebesbriefe galten damals als schick. So wurde aus dem einstigen Privatvergnügen ein regelrechter Wettbewerb in schwülstiger Ausdrucksweise: "Mein Süßtönender, mein Schoßkindchen, mein Schmeichelkätzchen, mein Herzensnärrchen, mein Hyazinthenbeet", schrieb beispielsweise Henriette Vogel 1811 an Heinrich Kleist.

Tirilieren und Delirieren

Und wenn schon jeder seine Liebesbriefe öffentlich machte, konnte man ja auch gleich eine richtige Veröffentlichung daraus machen. So wurden Liebesbriefe zur Kunstform für Romane. Einer der bekanntesten und tragischsten ist Goethes "Die Leiden des jungen Werther". Ein Schriftstück, das so manchen Jüngling dazu brachte, den Freitod zu wählen. Übel.

Aber wenn alles gut wäre, gäbe es vermutlich überhaupt keine Liebesbriefe. Denn sie sind eigentlich immer tragisch. Einen solchen Brief schreibt ja nur, wer nicht mit seiner Liebe vereint sein kann. So schmachtet der Komponist Johann Strauß: "Es geht ganz lustig zu in meinem Innern, fröhliche Melodien summen mir im Kopf, das von Freude, Glückseligkeit übervolle Herz schlägt lustig den Takt dazu." Oscar Wilde deliriert: "Meine Seele und mein Leib gehören mir nicht mehr, sie sind in himmlischer Ekstase Dir verschrieben", während Berthold Brecht tiriliert: "Ich grüße Dich, Du Sphinx meines Mondscheinnachtskahnfahrtentraumwahnsinns."

Das RTL 2 der Liebesbriefe

Auch heute gibt es noch Liebesbriefe. Tatsache ist aber, dass sie sich sehr verändert haben. Und nicht unbedingt zu ihrem Vorteil: Heutzutage soll ja die Kurzform per SMS sehr beliebt sein bei jungen Leuten. Und da brauchen die Teenager nicht mal mehr die vollen schmalen 160 Zeichen, die einem eine SMS ermöglicht. Im Zuge meiner Recherche, fand ich heraus, dass ein Liebesschwur heute in fünf Buchstaben passt: "HDGDL", was "Hab dich ganz doll lieb" bedeutet und ein Jammer ist. Das RTL 2 der Liebesbriefe sozusagen.

Dabei ist Liebesbriefe schreiben ganz einfach.

Folgende romantische Verse schrieb der geniale Schriftsteller Hans Fallada im März 1929 an Anna Issel, der er knapp fünf Monate zuvor begegnet war: "Liebes Mädchen, ich hoffe, du bist dir ganz klar, dass dich eine finanziell ungewisse Zukunft erwartet, dass ich nicht gesund bin, dass du von mir keine Kinder haben wirst und haben darfst, dass ich gesellschaftlich deklassiert bin." Drei Wochen später heirateten sie.

Letztens habe ich Post von meiner Bank bekommen. Ich habe eine finanziell ungewisse Zukunft, wurde dort festgestellt, weswegen ich doch bitte vorsprechen solle. Ich vermute, dass mein Bankberater dann um meine Hand anhält.

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1.
Daniel Rose 10.04.2008
Inhaltlich ist da einiges unsauber. Sie verwechseln Briefkultur mit Liebesbriefkultur. Die Briefe im Allgemeinen waren im 18. Jhd. öffentlich. Und der Werther ist vielleicht ein Briefroman, aber sicher kein Liebesbriefroman.
2.
Bernd Neumann 10.04.2008
Es müssen nicht immer Briefe sein, die der Angebeteten die tiefe Zuneigung antragen, manchmal tut es auch eine Postkarte: In den frühen 1980er Jahren sang Klaus Lage: "Tausend Mal berührt ..." Jeder kannte den Song, jeder konnte ihn mitsingen. Zu dieser Zeit schrieb ich meiner damaligen Herzensdame eine Postkarte mit nur einem einzigen Wort: "Zoom". Sie hat es verstanden.
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