40 Jahre Lederhosenfilme Auf der Alm, da gibt's koan Sinn

40 Jahre Lederhosenfilme: Auf der Alm, da gibt's koan Sinn Fotos
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Heimatkino oben ohne: 1973 überrollte ein absurder Filmtrend Deutschland. "Lederhosenfilme" lockten mit sinnfreien Geschichten und viel nackter Haut Millionen in die Lichtspielhäuser. einestages erinnert an den Leinwandwahnsinn vom Weißwurstäquator - und seine schrägsten Vertreter. Von

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"Haltet euch Augen und Ohren zu", warnt eine Stimme aus dem Off, "denn hier kommt ein Sexlustspiel, in dem es nur so bumst und kracht!" Auf der Leinwand erscheint ein Bayer. Breitbeinig steht er auf einer Alm, während eine Kuh voll Ehrfurcht auf den Hosenstall seiner Krachledernen blickt. Verständlich: Aus dem vor überbordender Manneskraft strotzenden Beinkleid schießen bereits Blitze hervor. Eine Frau beginnt zu singen: "Lieber Oskar, mir geht's gut und ich bin ganz beglückt - denn die Berge hier sind prachtvoll und man wird viel gef...ilmt!" Eine andere Frau stimmt ein: "Man könnt' ihn echt malen, den bayerischen Himmel - nein, was ich in der Hand halt ist dem Sepp sein Pi...nsel!" Wie von Geisterhand öffnet sich der Hosenstall des Bayern, und hervor kommt ... ein großes, rotes Herz mit dem Filmtitel: "Liebesgrüße aus der Lederhos'n".

Schon der zotige Trailer, mit dem deutsche Kinos im März 1973 für die Premiere der Lederhosen-Sexklamotte warben, machte unmissverständlich klar, was die Zuschauer in dem Film erwartete: Liebestolle Bayern, die beim Fensterln von der Leiter kippen, eifersüchtige Ehefrauen, die ihren Gatten mit dem Nudelholz nachstellen - und natürlich Horden hübscher junger Frauen, die aus aller Welt nach Bayern strömen, um sich dort von potenten bajuwarischen Prachtkerlen beglücken zu lassen.

Auch wenn die Kritiker sein Schmuddelfilmchen in der Luft zerrissen - mit "Liebesgrüße aus der Lederhos'n" gelang dem österreichischen Regisseur Franz Marischka 1973 ein Kunststück, von dem die meisten Filmemacher nur träumen können: Der Titel wurde nicht nur zu einem unglaublichen Publikumserfolg in deutschen Kinos - Marischka begründete damit sogar ein ganzes Genre: den Lederhosenfilm. Über Jahre hinweg wurden Softpornos in alpinem Ambiente zu dem Renner in deutschen Kinos und machten Marischka zu einem reichen Mann. Und dennoch sollte seine Schöpfung für ihn am Ende zum Fluch werden.

Sex statt Sozialkritik

Eigentlich schien dem jungen Franz zunächst eine weniger anrüchige Karriere vorherbestimmt: Am 2. Juli 1918 hatte er als Spross einer traditionsreichen Wiener Künstlerdynastie das Licht der Welt erblickt. Sein Vater war der österreichische Schauspieler, Sänger und Regisseur Hubert Marischka, seine Mutter die Opernsängerin Lizzy Léon, Tochter des österreichischen Librettisten Victor Léon. Sein Onkel Ernst sollte in den fünfziger Jahren als Regisseur der "Sissi"-Filmreihe berühmt werden, und Franz' Halbbruder Georg wurde später als Schauspieler bekannt - etwa in der ZDF-Serie "Forsthaus Falkenau". Die Marischkas pflegten enge Kontakte zu den kulturellen Größen Österreichs: So wurde der berühmte Operettenkomponist Franz Lehár der Taufpate des kleinen Franz.

Auch Franz bemühte sich, dem Ruf seiner Familie gerecht zu werden: Anfang 1938 schrieb er sich am Max-Reinhardt-Seminar in Wien zur Schauspielausbildung ein. Doch am 12. März marschierten die Truppen des NS-Regimes in Österreich ein. Wegen der jüdischen Herkunft seiner Mutter wurde Franz des Instituts verwiesen. Er floh nach England, wo er erste Bühnenerfahrung sammeln konnte. Doch weder hier noch nach seiner Rückkehr nach Wien 1946 gelang es ihm, sich als Darsteller zu etablieren. Es schien, als könne er einfach nicht aus dem Schatten seines berühmten Vaters heraustreten: "Als Sohn von Hubert Marischka darf man nicht Schauspieler werden, es sei denn, man ist so gut wie Johannes Heesters", resümierte er 1998 in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Und so sattelte er um und versuchte sich fortan als Drehbuchautor und Regisseur.

Sein Regiedebüt gab er 1959 mit dem Filmklamauk "Mikosch im Geheimdienst" über einen Komödianten, der in geheimer Mission einen Attentäter unschädlich machen soll. Es folgten Musik-Komödien wie "Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn" (1961). Marischkas großes Vorbild war Billy Wilder. Einmal hatte Marischka am Set bei einem Dreh des Star-Regisseurs zuschauen können. Wilder hatte ihn bleibend beeindruckt, als er seiner Crew befahl, die Arbeit der kompletten Woche noch einmal zu drehen. "Ich dachte", so erinnert sich Marischka später, "wenn ich das auch einmal sagen kann, dann bin ich ein Regisseur. Das ist mir nicht gelungen." Doch auch wenn der Österreicher nie mit Wilder gleichziehen konnte, entdeckte er doch bald sein besonderes Talent: Geschäftssinn.

Das Fernsehen war in den sechziger Jahren dabei, dem Kino den Rang abzulaufen, und auf der Suche nach Wegen, die Massen wieder vor die Leinwand zu locken, kam Marischka eine simple Idee: Sex. Die sexuelle Revolution hatte auch das prüde Deutschland erfasst, und in den Medien wurde immer mehr nackte Haut geduldet. Also versuchte er sich an einem Softporno, den er notdürftig als Milieu-Film über das Leben von Bergbauarbeitern im Ruhrpott tarnte: "Laß jucken, Kumpel". Ursprünglich, so zitierte die "Welt" Marischka im Februar 2009, habe er durchaus auch Sozialkritik einbauen wollen - aber "als ich das auf einer Pressekonferenz sagte, zogen die Kinobesitzer ihre Buchungen zurück". Marischka kehrte zum einfacheren Rezept eines tumben Sexfilmchens über Bergbau, Bier und Beischlaf zurück - und landete einen Volltreffer: "Laß jucken, Kumpel" wurde der fünfterfolgreichste deutsche Film des Jahres 1972. Das fragwürdige Werk gewann sogar eine "Goldene Leinwand".

Fremdenverkehr im Ostallgäu

Noch im selben Jahr kam Marischka die Idee, die seine weitere Karriere entscheidend bestimmen sollte: In einer Ausgabe der Münchner "tz", so heißt es, las der Regisseur einen Artikel über angebliche Gigolos, die sexhungrigen Urlauberinnen in bayerischen Touristenorten ihre Liebesdienste anboten - und war begeistert. Gerade mal 20 Minuten brauchte er, um seine Produzenten für eine neue Filmidee zu gewinnen: Callboy Alfredo will Urlaub im bayerischen Pfronten machen und gerät dabei in den Konkurrenzkampf zwischen zwei Gasthäusern, die mit männlichen Prostituierten liebestolle Touristinnen anlocken.

Nachdem "Liebesgrüße aus der Lederhos'n" am 15. März 1973 in die deutschen Kinos kam, wurde er von der Kritik in den Boden gestampft: Die "Welt" beschrieb Marischkas Werk als "völlig unansehbar, dilletantisch inszeniert, dramaturgisch holprig, von der Typisierung der Frauen als spatzenhirnige Flittchen abgesehen". Das Heyne-Filmlexikon kommentierte lakonisch: "Bayerische Buam bumsen brünstige Blondinen. Ein wirklich intellektuelles Vergnügen." Und auch die Wiener Schauspiel-und-Operetten-Dynastie der Marischkas dürfte kaum einhellig begeistert gewesen sein über die Sexfilm-Karriere von Franz. Das Publikum aber liebte den freizügigen Alpenklamauk: Die "Liebesgrüße" wurden zum bestbesuchten deutschen Film des Jahres - und zum Startschuss einer Filmreihe, die rund zwölf Millionen D-Mark einspielen sollte.

Ein wahres Lederhosen-Fieber erfasste Deutschland und eine Welle von Softsex-Heimatfilmen überschwemmte die Kinos: Einige davon waren Marischkas eigene Werke wie "Liebesgrüße aus der Lederhose 2 - Zwei Kumpel auf der Alm" (1974), "Zwei Däninnen in Lederhosen" (1978) oder auch "Drei Lederhosen in St. Tropez" (1980). Vor allem aber drängten etliche Nachahmer auf den Markt - mit klangvollen Filmtiteln wie "Beim Jodeln juckt die Lederhose" (1974), "Liebesgrüße aus dem Lederhöschen - Wo der Wildbach durchs Höschen rauscht" (1974) oder auch "Stoßtrupp Venus bläst zum Angriff: Ach jodel mir noch einen!" (1974). Angeblich stiegen sogar die Bettenbelegungen im "Liebesgrüße"-Drehort Pfronten plötzlich sprunghaft an.

Lederhosen bis zum Ende

Marischka hatte es nun geschafft, sich als Regisseur einen Namen zu machen - und genau das wurde ihm zum Verhängnis: Gegen Ende der siebziger Jahre ebbte die deutsche Sexfilmwelle wieder ab. Die Softpornos, die noch gedreht wurden, wandten sich von der Alpenwelt ab und südlicheren Schauplätzen zu. Schauspieler wie Peter Steiner oder Sascha Hehn, die in den Siebzigern in Sexfilmen mitgespielt hatten, wechselten zu weniger anrüchigen Produktionen. Doch Marischka haftete das Schmuddelimage des Jodelporno-Regisseurs so hartnäckig an, dass kaum jemand mehr Interesse zu haben schien, ihm seriösere Angebote zu machen.

Er drehte noch ein paar billige Sex- und Klamaukfilme, doch mit dem Karl-Dall-Blödelstreifen "Sunshine Reggae auf Ibiza", den Marischka verschämt unter dem Pseudonym "François Petit" veröffentlichte, endete 1983 endgültig seine Karriere als Regisseur. "Mit kindischer Blödelkomik und billiger Schlagermusik auf niedrigstem Niveau inszeniert", ätzte 1983 der "Film-Dienst" über Marischkas letztes Leinwandwerk. Er verlegte sich auf die Drehbucharbeit, versuchte 1986 einen Neustart mit einem eigenen Musicaltheater in München, das aber nach nur wenigen Monaten pleiteging. Schließlich zog er sich ins Privatleben zurück. Ende der achtziger Jahre erlebten seine Lederhosenfilme noch einmal eine kurze Renaissance, als das neue deutsche Privatfernsehen versuchte, den öffentlich-rechtlichen Sendern mit blankem Busen Zuschauer abzuknöpfen. Dann geriet der Name Marischka endgültig in Vergessenheit.

Die Lederhosen jedoch sollten ihn bis zum Ende verfolgen: Als Franz Marischka in der Nacht zum 18. Februar 2009 in einem Münchner Krankenhaus einem schweren Krebsleiden erlag, meldet die "Welt" nur knapp: "Ungekrönter König des deutschen Nackedeikinos 90-jährig in der Lederhosenhauptstadt gestorben."

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1.
Jan Kammerath 14.03.2013
Ich sage Ihnen: In Bayern ist und bleibt die Welt in Ordnung. Sehr schöne Filmklassiker, die Sie da rausgesucht haben.
2.
Peter BAuerbach 14.03.2013
Ja, das waren noch Zeiten, Frauen ohne Plastikbusen und mit natürlicher Behaarung. Da werden Jugenderinnerungen wach. Das Bild vom angeblichen bayerischen Hinterwäldler haben diese Filme leider auch stark mitgeprägt, obwohl sie schon damals nichts mit der High-Tech-Schmiede Bayern gemein hatten.
3.
Kristof Alt 14.03.2013
Die Krönung war seinerzeit der Filmtitel "Der Förster und seine nickenden Fichten" - das war richtig großes Kino ...
4.
Uwe Stagneth 15.03.2013
Schoene alte Zeit als noch Sascha Henn, Iris Berben u. andere die Bettenwelt testeten, Pershing und Petting, Komunen und Joschka in jungen Jahren,Bauer Sprikmann usw.
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